Israel und Jesus: erstgeboren und eingeboren

Israel ist ein Segen für andere Völker, wenn diese vom erstgeborenen Sohn Gottes lernen, nach Gottes Wegweisung zu leben. Jesus ist „eingeborener“ Sohn Gottes im Sinne von „einzigartig“, weil er den Namen des Gottes Israels vollkommen verkörpert. Er ist der Erstgeborene einer neuen Schöpfung inmitten aller anderen Geschöpfe Gottes, die auch dazu berufen sind, als Kinder Gottes zu leben.

Kirchenfenster: Jesus sitzt inmitten eines Davidssterns, umgeben von Engeln

Jesus sitzt inmitten eines Davidssterns, umgeben von Engeln (Bild: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst mit dem Gedenken an Ursula Kluger am 11. Sonntag nach Trinitatis, den 3. August 2008, um 10.00 Uhr in der Pauluskirche Gießen (die Töchter von Frau Kluger waren damit einverstanden, dass ich auch die Worte der Gedenkfeier für ihre Mutter im Rahmen dieses Gottesdienstes hier veröffentliche)

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich im Abendmahlsgottesdienst in der Pauluskirche mit einem Wort aus 1. Johannes 4, 9:

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.

Besonders herzlich begrüßen wir heute Gäste aus Amerika in der Pauluskirche. Zwei Schwestern, die seit vielen Jahren in den USA leben, möchten in diesem Gottesdienst mit uns gemeinsam ihrer verstorbenen Mutter, Frau Ursula Kluger, gedenken, die 48 Jahre lang zu unserer Paulusgemeinde gehört hat und am Anfang dieses Jahres in den USA gestorben ist.

Lied 443, 1-4:

1. Aus meines Herzens Grunde sag ich dir Lob und Dank in dieser Morgenstunde, dazu mein Leben lang, dir, Gott, in deinem Thron, zu Lob und Preis und Ehren durch Christus, unsern Herren, dein‘ eingebornen Sohn,

2. dass du mich hast aus Gnaden in der vergangnen Nacht vor G’fahr und allem Schaden behütet und bewacht, demütig bitt ich dich, wollst mir mein Sünd vergeben, womit in diesem Leben ich hab erzürnet dich.

3. Du wollest auch behüten mich gnädig diesen Tag vors Teufels List und Wüten, vor Sünden und vor Schmach, vor Feu’r und Wassersnot, vor Armut und vor Schanden, vor Ketten und vor Banden, vor bösem, schnellem Tod.

4. Mein‘ Leib und meine Seele, Gemahl, Gut, Ehr und Kind in dein Händ ich befehle und die mir nahe sind als dein Geschenk und Gab, mein Eltern und Verwandten, mein Freunde und Bekannten und alles, was ich hab.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir glauben an Gott, den Vater, und an seinen eingeborenen Sohn. „Gottes Liebe ist unter uns erschienen durch seinen eingeborenen Sohn.“

„Eingeboren“, dieses Wort benutzen wir jeden Sonntag, wenn wir unseren christlichen Glauben bekennen: an Gott, den Vater, und „an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn.“

Eingeboren? Dieses Wort bezeichnet in der Bibel nicht die Ureinwohner eines Landes. In unserer Bibelübersetzung nach Martin Luther wird es benutzt, wenn von Jesus die Rede ist.

Eingeboren in diese Welt, hineingeboren in unser menschliches Schicksal, als Mensch geboren in Jesus Christus, so ist Gott für uns Menschen ein Gott zum Anfassen geworden, du, Gott, der du uns nach deinem Bild geschaffen hast, in der Ähnlichkeit deiner Liebe.

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Eigentlich meint das Wort „eingeboren“, dass Jesus einzigartig ist. Wörtlich übersetzt aus dem Griechischen ist Jesus der „einzige“, der „einziggeborene“, der „einziggezeugte“ Sohn.

Aber da fangen die Zweifel vieler Menschen an. Wieso ist Jesus etwas so Besonderes? Sind wir nicht alle Gottes Kinder?

Und weiter: Wie kann Jesus der „einziggezeugte“ Sohn von Gott selber sein? Gott ist doch kein griechischer oder römischer Mythengott, der mit Menschenfrauen Halbgötter in die Welt setzt.

Und als Pfarrer, der in der ganzen Heiligen Schrift geblättert hat, stelle ich noch eine Frage: Hat Gott nicht wenigstens noch einen anderen Sohn? Denn im 2. Buch Mose – Exodus 4, 22 steht:

So spricht der HERR: Israel ist mein erstgeborener Sohn.

Gott, erbarme dich unser mit unseren Zweifeln und mit unserer Angst vor dem Vertrauen auf dich. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Ja, Israel ist Gottes erstgeborener Sohn. Und Gott verstößt diesen Sohn niemals. Er spricht durch den Propheten Hesekiel 34:

15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR.

16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.

23 Und ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, der sie weiden soll…

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott Vater, du hast in Jesus Christus nicht nur deinem Volk, sondern auch den Menschen aller Völker den Guten Hirten erweckt, der ihnen Orientierung gibt und sie zum Frieden führt.

Hilf uns zu begreifen, wie das zusammenpasst: Israel als erstgeborener Sohn Gottes und Jesus als Gottes eingeborener Sohn.

Schenke uns Einsichten auch über kleine Wörter aus der Heiligen Schrift, die uns Schwierigkeiten bereiten.

Und was viel wichtiger ist: Wecke in uns das Vertrauen auf dich durch unseren guten Hirten Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Brief 1. Johannes 4, 7-12:

7 Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.

8 Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.

9 Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.

10 Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.

11 Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.

12 Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Glaubensbekenntnis
Lied 268: Strahlen brechen viele aus einem Licht
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, dass Gott die Liebe ist, hat vielleicht jeder schon einmal gehört. Aber die meisten zucken die Achseln. Klar, Gott ist Liebe. Aber ändert das irgendetwas an dieser Welt? Gottes Liebe mag ja im Himmel sein, aber hier auf Erden, wo ist sie da zu finden? Der Vers aus dem 1. Johannesbrief, den wir gehört haben, macht eine klare Aussage: Gottes Liebe kommt öffentlich auf die Erde in seinem eingeborenen Sohn, und zwar nicht einfach nur so, sondern „damit wir durch ihn leben sollen.“

Und jetzt will ich versuchen, dieses merkwürdige Wort „eingeboren“ noch etwas mehr zu uns reden zu lassen. Es hat uns nämlich durchaus einiges zu erzählen. Dazu muss ich aber etwas ausholen. Ich lese ein paar Verse aus dem 1. Buch Mose – Genesis 5:

1 Dies ist das Buch von Adams Geschlecht. Als Gott den Menschen schuf, machte er ihn nach dem Bilde Gottes

2 und schuf sie als Mann und Weib und segnete sie und gab ihnen den Namen »Mensch« zur Zeit, da sie geschaffen wurden.

3 Und Adam war 130 Jahre alt und zeugte einen Sohn, ihm gleich und nach seinem Bilde, und nannte ihn Set;

4 und lebte danach 800 Jahre und zeugte Söhne und Töchter,

5 dass sein ganzes Alter ward 930 Jahre, und starb.

6 Set war 105 Jahre alt und zeugte Enosch 7 und lebte danach 807 Jahre und zeugte Söhne und Töchter,

8 dass sein ganzes Alter ward 912 Jahre, und starb.

9 Enosch war 90 Jahre alt und zeugte Kenan

10 und lebte danach 815 Jahre und zeugte Söhne und Töchter,

11 dass sein ganzes Alter ward 905 Jahre, und starb.

Das ist zugegebenermaßen nicht gerade das spannendste Kapitel der Bibel, darum lese ich es auch nicht bis zum Ende vor. Ich möchte nur auf zwei Dinge hinweisen. Erstens wird hier deutlich, was die Bibel wirklich meint, wenn sie von einem Mann sagt, dass er der Sohn eines bestimmten Vaters ist. Nur bei Adam wird es ausdrücklich ausgesprochen, aber es gilt für jeden Vater und jeden Sohn: er „zeugte einen Sohn, ihm gleich und nach seinem Bilde, und rief seinen Namen“. Was Menschen tun, indem sie Kinder in die Welt setzen, schildert die Bibel so, als ob sie das Gleiche tun wie Gott. Gott schafft den Menschen nach seinem Bilde, als Mann und Frau. Und wir Menschen als Mann und Frau zeugen Kinder und bringen sie zur Welt, uns gleich und nach unserem Bilde, und geben ihnen ihren Namen. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass jeder Sohn genauso ist wie sein Vater und jede Tochter genau so wie ihre Mutter. Damit ist auch nicht gemeint, dass alle Menschen so aussehen wie Gott, sie sehen ja Gott sei Dank auch nicht untereinander alle gleich aus. Trotzdem sind wir Menschen einander in einem wesentlichen Punkt gleich: Wir haben von Gott unsere Menschenwürde bekommen, die uns niemand nehmen kann. Alle Menschen sind als Gottes Geschöpfe einander ebenbürtig. Niemand ist weniger wert als ein anderer Mensch. Und in einem anderen Punkt sind wir Gott wenigstens ähnlich: Wir sind dazu berufen und bestimmt, Gottes Liebe widerzuspiegeln. Wir sollen nicht nur wissen, dass alle Menschen vor Gott die gleiche Würde haben, wir sollen die Menschen auch so behandeln. So wie Gott uns liebt, sollen wir unseren Nächsten lieben, denn er ist wie wir. Das ist der erste Punkt aus unserem Bibeltext, auf den ich nachher, wenn es um Jesus geht, noch einmal zurückkomme.

Das zweite, auf das ich hinweisen möchte, ist die merkwürdige Art, in der die Bibel den Stammbaum Adams auflistet. Wenn wir Stammbäume aufstellen, dann nennen wir den Geburtstag und das Todesdatum, vielleicht noch den Hochzeitstag, und in der nächsten Generation listen wir dann die Geburtsdaten aller Kinder auf. Die Bibel nennt im Leben jedes Mannes zuerst das Alter, in dem er seinen erstgeborenen Sohn bekommt. Dann kommen weitere Jahre hinzu, in denen er Söhne und Töchter bekommt, bis zu seinem Tod. Warum hatte der erstgeborene Sohn eine so große Bedeutung? Er war derjenige, der den Fortbestand der Familie sicherte, er trug die Verantwortung als Familienoberhaupt, wenn der Vater starb. Allerdings war er nie einfach nur als einzelnes Kind im Blick; immer war er der Erstgeborene inmitten seiner vielen Geschwister. Der erste sollte sich nicht als Herrscher über die anderen aufspielen, sondern er sollte ihnen ein Vorbild sein und Verantwortung für sie tragen. Das ist natürlich nur das Idealbild; die Bibel selbst erzählt von Ismael und Isaak, von Jakob und Esau, von Josef und seinen Brüdern genug Geschichten, in denen es damals genau so unter Geschwistern zuging wie heute: Man liebt sich und man zankt sich, und manchmal geht es unter Brüdern sogar sehr hart zur Sache.

Worauf es mir heute ankommt: Die Bibel erzählt die Geschichte von der Entstehung des Volkes Israel inmitten aller anderen Völker als eine Familiengeschichte. Und wenn Gott sagt: „Israel ist mein erstgeborener Sohn“, dann stellt er es damit nicht außerhalb der Völkerfamilie auf ein Podest und setzt es auch nicht auf einen Thron, um über die ganze Welt zu herrschen, sondern Israel soll ein Segen sein für alle anderen Völker. Vom erstgeborenen Sohn Gottes sollen die anderen lernen, wie man nach Gottes Wegweisung leben kann.

Wir als christliche Kirche sind nicht Israel. Wir gehören zu den anderen Völkern. Aber auf dem Umweg über Jesus, den „eingeborenen“ Sohn Gottes, lernen wir den Gott Israels auch als unseren Gott kennen. „Eingeboren“ im Sinne von „einzigartig“ ist Jesus also nicht in Konkurrenz zu Israel. Nein, er kommt ja als ein Jude inmitten des Volkes Israel zur Welt. Gott ruft Jesus ja aus den Reihen seines auserwählten Volkes heraus und spricht ihn als seinen geliebten Sohn an.

„Eingeboren“ im Sinne von „einzigartig“ ist Jesus als Sohn Gottes, weil er den Namen des Gottes Israels vollkommen verkörpert. Das heißt, wer Jesus nachfolgt, dessen Leben wird von Gott verändert, der erlebt Befreiung, der blickt mit Hoffnung in die Welt, der hört Worte, die trösten und Mut machen, der wird zu Taten der Liebe fähig. Mit anderen Worten: Jesus ist nicht nur wie Adam in der Ähnlichkeit mit Gott geschaffen, sondern er ist in der Liebe sogar Gott gleich. „Eingeboren“ im Sinne von „einzigartig“ ist Jesus als Sohn Gottes also, weil in keinem anderen Menschen Gottes Geist so vollkommen wohnt wie in Jesus, dem Messias Israels, dem Christus der Welt.

Aber obwohl Jesus „eingeboren“ im Sinne von „einzigartig“ ist, will er nicht als göttliches Einzelkind vergöttert werden. Nein, er sagt selber: man soll ihm Gutes tun, indem man den geringsten seiner Geschwister Gutes tut. Insofern ist es mit Jesus wie im Stammbaum im 1. Buch Mose – Genesis 5, mit den Nachkommen Adams: Der „eingeborene“ Sohn Gottes ist der Erstgeborene einer neuen Schöpfung inmitten aller anderen Geschöpfe Gottes, die auch dazu berufen sind, als Kinder Gottes zu leben. Wir sollen Jesus lieben, indem wir für die Menschen da sind, die uns brauchen.

Dass Jesus Gottes eingeborener Sohn ist, dem sonst kein Mensch gleich ist, widerspricht also nicht dem anderen Satz der Bibel, dass Israel Gottes erstgeborener Sohn ist. Israel bleibt Gottes Sohn, gerade wenn wir Christen glauben, dass in Jesus alles erfüllt wird, was Gott jemals seinem Volk versprochen hat. Der Apostel Paulus sagt: Selbst wenn das Volk Israel in seiner Mehrheit nicht auf Jesus vertraut, kann Jesus trotzdem der Sohn Gottes für die Völker sein. Das darf aber niemals mehr als Begründung dafür herhalten, dass wir aus dem Kreuz Jesu eine Waffe machen, um sie gegen Menschen zu richten, die unseren Glauben nicht teilen. Nein, wenn wir dem eingeborenen Sohn Gottes folgen wollen, dann haben wir besonders auf sein Gebot der Feindesliebe zu hören. Wenn der eingeborene Sohn Gottes uns zu Geschwistern aller Menschen macht, ist ja jeder andere Mensch eine Herausforderung für uns: Wir sind füreinander verantwortlich, wie in einer guten Familie, sogar dann, wenn wir manche unserer Schwestern und Brüder überhaupt nicht ausstehen können. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 323:

1. Man lobt dich in der Stille, du hocherhabner Zionsgott; des Rühmens ist die Fülle vor dir, o Herre Zebaoth. Du bist doch, Herr, auf Erden der Frommen Zuversicht, in Trübsal und Beschwerden lässt du die Deinen nicht. Drum soll dich stündlich ehren mein Mund vor jedermann und deinen Ruhm vermehren, solang er lallen kann.

2. Es müssen, Herr, sich freuen von ganzer Seel und jauchzen hell, die unaufhörlich schreien: »Gelobt sei der Gott Israel‘!« Sein Name sei gepriesen, der große Wunder tut und der auch mir erwiesen das, was mir nütz und gut. Nun, dies ist meine Freude, zu hangen fest an dir, dass nichts von dir mich scheide, solang ich lebe hier.

3. Herr, du hast deinen Namen sehr herrlich in der Welt gemacht; denn als die Schwachen kamen, hast du gar bald an sie gedacht. Du hast mir Gnad erzeiget; nun, wie vergelt ich’s dir? Ach bleibe mir geneiget, so will ich für und für den Kelch des Heils erheben und preisen weit und breit dich hier, mein Gott, im Leben und dort in Ewigkeit.

Liebe Gemeinde, jetzt tun wir etwas Ungewöhnliches. Wir halten mitten in einem Gemeindegottesdienst ein Totengedenken. Wir tun dies hier in der Pauluskirche, weil Frau Ursula Kluger, geb. Wittschirk, zwar drüben in den USA gestorben ist, wo ihre beiden Töchter wohnen, aber sie hat 48 Jahre lang zu unserer Gemeinde gehört, und daher wollen wir ihr heute in diesem Gottesdienst die letzte Ehre erweisen. Frau Kluger stammte aus Ostpreußen; geboren wurde sie am 21. August 1911 in Johannesburg, ihre Mutter war Klavierlehrerin, und in Lyck, wo ihr Vater als Gemeindepfarrer arbeitete, wuchs sie auf inmitten einer großen Schar von insgesamt zehn Geschwistern. In Königsberg erlernte sie den Beruf der Krankenschwester, und da heiratete sie auch im Jahr 1939. Ihre erste Tochter Marianne wurde noch in Königsberg geboren, die zweite Tochter Sabine kam zur Welt, als die Familie auf der Flucht für eine Monate in Ober-Österreich war.

Bald nach dem Krieg gelangte Frau Kluger mit ihren Töchtern nach Oberbessingen, wo sie bis 1960 lebte; seit 1947 war auch ihr Ehemann aus Krieg und Gefangenschaft wieder zur Familie zurückgekehrt. Ab 1960, dem zweiten Jahr nach der Gründung der Paulusgemeinde, wohnte die Familie Kluger dann hier in der Gießener Nordstadt in der Troppauer Straße. Sie arbeitete als private Krankenpflegerin und später 15 Jahre lang als Sekretärin im Personalbüro eines Gießener Kaufhauses. 22 Jahre lang pflegte sie ihren Mann, bis er im Jahr 1988 starb. Beide Töchter waren schon früh nach Amerika ausgewandert, aber sie hielt zu ihnen guten Kontakt. Außer ihnen hinterlässt Frau Kluger 3 Enkeltöchter und 3 Urenkelsöhne. Ihre 9 Geschwister leben heute alle nicht mehr. Sie hatte in Gießen viele Kontakte, sie hat vielen geholfen, aber ich weiß nicht, wer unter Ihnen hier in der Kirche sie gekannt hat.

Im Alter von 96 Jahren ist sie am 21. Februar dieses Jahres in Pittsburgh, Pennsylvania, USA, gestorben.

Die Bibel sagt von einigen Menschen, nachdem sie inmitten ihrer Brüder und Schwestern ein langes, erfülltes Leben gelebt haben: Sie starben in einem guten Alter, alt und lebenssatt und wurden zu ihren Vorfahren versammelt (1. Buch Mose – Genesis 25, 8). Nachdem Frau Ursula Kluger, geb. Wittschirk, nach einem langen, erfüllten Leben dort gestorben ist, wo heute ihre Kinder und Kindeskinder leben, erweisen wir ihr heute die letzte Ehre hier in Gießen, wo sie eine zweite Heimat gefunden hat, nachdem sie die alte Heimat in Ostpreußen hatte aufgeben müssen. Wir nehmen Abschied von Ursula Kluger und lassen sie los im Vertrauen auf die Liebe Gottes, der uns nach einem von Liebe erfüllten Erdenleben in seinem Himmel aufnimmt. Amen.

Wir singen aus dem Lied 331 die Strophen 5 bis 8:

5. Dich, Gott Vater auf dem Thron, loben Große, loben Kleine. Deinem eingebornen Sohn singt die heilige Gemeinde, und sie ehrt den Heilgen Geist, der uns seinen Trost erweist.

6. Du, des Vaters ewger Sohn, hast die Menschheit angenommen, bist vom hohen Himmelsthron zu uns auf die Welt gekommen, hast uns Gottes Gnad gebracht, von der Sünd uns frei gemacht.

7. Durch dich steht das Himmelstor allen, welche glauben, offen; du stellst uns dem Vater vor, wenn wir kindlich auf dich hoffen; du wirst kommen zum Gericht, wenn der letzte Tag anbricht.

8. Herr, steh deinen Dienern bei, welche dich in Demut bitten. Kauftest durch dein Blut uns frei, hast den Tod für uns gelitten; nimm uns nach vollbrachtem Lauf zu dir in den Himmel auf.

Im Abendmahl sind wir eingeladen, die Liebe des eingeborenen Sohnes Gottes zu spüren und in uns aufzunehmen, damit wir füreinander einstehen können in der Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern als Kinder Gottes auf dieser Erde.

Gott, nimm von uns, was uns von dir trennt: Unglauben, Lieblosigkeit, Verzagtheit. Hochmut, Trägheit, Lebenslügen. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernst zu nehmen als den der groß ist in seiner Güte und Freundlichkeit zu uns Menschen. Würdig und recht ist es, uns selber anzunehmen als Menschen mit aufrechtem Gang, von Gott geliebt und verantwortlich für unser Leben. Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

Jesus ist der eingeborene Sohn Gottes, einzigartig als Fleisch gewordener Name des Gottes Israels. Nehmt und gebt weiter, was euch gegeben ist – den lebendigen Leib der Liebe Gottes.

Herumreichen des Korbs

Jesus vergießt am Kreuz sein Blut für uns und besiegelt so den Bund, den Gott mit uns schließt. So sehr liebt uns Gott, dass er in Jesus sein Leben für uns hingibt. Nehmt hin den Kelch der Vergebung, des neuen Anfangs, der Versöhnung zwischen Gott und Mensch.

Austeilen der Kelche

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Gehet hin im Frieden!

Lasst uns beten!

Barmherziger Gott, wir danken dir, dass du in deinem eingeborenen Sohn Jesus Christus ein Gott zum Anfassen für uns geworden bist, dass wir Wunder deiner Liebe und der Bewahrung erfahren dürfen, dass du uns tröstest in der Trauer und uns stark machst zum Einsatz in der Welt an den Orten, wo wir gebraucht werden.

Besonders beten wir heute für Frau Ursula Kluger, geb. Wittschirk, die weit weg von ihrer deutschen Heimat und noch weiter weg von der Heimat ihrer Kindheit gestorben ist. Begleite auch ihre Kinder und Kindeskinder drüben in den USA auf ihren Wegen in die Zukunft und lass sie im Vertrauen auf dich ihre Lebenserfüllung finden.

Im Vertrauen auf Jesus Christus lass uns alle als Kinder Gottes leben und auf Wegen des Friedens und der Liebe gehen. Amen.

Lied 171: Bewahre uns, Gott, behüte uns
Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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