Beten „zwischen den Jahren“

Zwei Buchcover von Immanuel Velikovsky: Das kollektive Vergessen. Verdrängte Katastrophen der Menschheit, und Welten im Zusammenstoß

Zwei Bücher eines bizarren Außenseiters der Kosmologie, Geologie und Geschichtswissenschaft

Es sind merkwürdige Tage zwischen Weihnachten und Neujahr, seltsam unwirklich und aus dem Rahmen fallend, wie ein Torweg von einem Jahr zum andern. „Zwischen den Jahren“ nennen wir diese kurzen, meist trüben Tage, die das Jahr beenden. Wenn Immanuel Velikovsky, ein Außenseiter der Wissenschaft, recht haben sollte, dann hat sich in diesem Ausdruck eine uralte Erinnerung an eine Weltkatastrophe erhalten, die schon vor über 26 Jahrhunderten stattfand. Zuvor habe nämlich der Kalender der Erde nur 360 Tage im Jahr gezählt, das sei in allen Kulturen nachzuweisen, dann habe sich durch einen Beinahezusammenstoß unseres Planeten mit einem anderen Himmelskörper die Umlaufbahn der Erde um die Sonne verlängert. Plötzlich habe der alte Kalender nicht mehr gestimmt, es seien fünf Tage gewesen, die von manchen Völkern zu Unglückstagen erklärt, von anderen nach und nach unter die Monate des Jahres aufgeteilt worden seien.

Ob wir dieser Behauptung Glauben schenken oder nicht, die Zeit „zwischen den Jahren“ bleibt für uns zwiespältig: einerseits geeignet zur Selbstbesinnung, wie ein Geschenk des Himmels, um einmal Ruhe zu finden für uns selbst; andererseits auch deprimierend, weil es doch noch nicht in allen Herzen Weihnachten geworden ist und weil die Aussichten auf ein neues Jahr nach den Erfahrungen im alten nicht sehr ermutigend stimmen. Ist 1985 wirklich schon wieder vorbei? Wir haben dieses Jahr doch eben erst begrüßt, haben Pläne gemacht und uns so viel vorgenommen; wir haben manches befürchtet und anderes ersehnt. Wohl ist nicht alles so schlimm eingetroffen, wie vorher vermutet, doch über dem einen oder anderen ist aus heiterem Himmel ein Unglück hereingebrochen. Allerhand wurde erreicht, aber viele gute Vorsätze blieben auch auf der Strecke. Das Jahr war randvoll mit Augenblicken der Begegnung oder des Alleinseins, der Freude oder des Leides, und nun ist es fast vorüber. Wann kamen wir zum Aufatmen und zum Innehalten und zum bewussten Erleben unserer Zeit?

„Siehe, meine Tage sind eine Handbreit bei dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir“, betet der Dichter von Psalm 39, 6 zu seinem Gott, der auch, über die Jahrtausende hinweg, unser Gott geblieben ist. Wenn dieser Beter nachdenkt über die Vergänglichkeit der Tage und Jahre, dann verliert er sich nicht in fruchtlosem Grübeln, flüchtet nicht in rastlose Arbeit, in abstumpfende Depression oder zu irgendwelchen Betäubungsmitteln, sondern er wendet sich im Gebet zum Herrn der Zeit, der auch uns unsere Zeit geschenkt hat (Psalm 39, 8 und 13): „HERR, wessen soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich … Höre mein Gebet, HERR, und vernimm mein Schreien, schweige nicht zu meinen Tränen; denn ich bin ein Gast bei dir, ein Fremdling wie alle meine Väter.“

Gäste sind wir auf der Erde. Wir sind nicht dazu bestimmt, Pläne für die Ewigkeit zu machen; manchmal überdauern unsere Vorsätze nicht einmal die ersten Tage des neuen Jahres. „Sie gehen daher wie ein Schatten und machen sich viel vergebliche Unruhe; sie sammeln und wissen nicht, wer es einbringen wird“, weiß der Psalmdichter (39, 7 und 6) über Menschen, die „so sicher leben“. Aber wenn wir uns bewusst sind, wessen Gäste wir auf der Erde sind, wer uns das Leben anvertraut hat, dann können wir – im Vertrauen auf Trost und Vergebung – das alte Jahr hinter uns zurücklassen und ins neue hineingehen. „Zwischen den Jahren“ kann auch ein Anlass, sein, wieder Zeit und Mut zum Beten zu finden. Zum Beispiel mit den Worten Jochen Kleppers:

„Der du allein der Ewge heißt
und Anfang, Ziel und Mitte weißt
im Fluge unsrer Zeiten:
bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten.“

Zum Nachdenken am Dienstag, 31. Dezember 1985, in der Wetterauer Zeitung von Helmut Schütz, Reichelsheim

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