Bewusst und vertrauensvoll leben

Was bedeutet es, zu bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden? Der Satz des Paulus „Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!“ enthält Antworten, die ich zu entfalten versuche.

Bewusst und vertrauensvoll leben: Ein Mädchen steht in einer grünen, überschatteten Landschaft unter einem dunkel bewölkten Himmel und blickt zu Boden

Wie können wir bewusst leben in einer bedrohlichen Welt? (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir sind vom Tod betroffen. Wir halten die Trauerfeier aus Anlass des Todes von Frau B., die im Alter von [über 50] Jahren gestorben ist. Uns, die wir deshalb hier zusammen sind, gilt die christliche Botschaft (Römer 14, 8):

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.

Eingangsgebet

Wir beten mit Worten aus Psalm 31 (GNB):

2 Herr, bei dir suche ich Zuflucht; lass mich nie enttäuscht werden!

3 Hör mich doch, hilf mir schnell! Sei mir ein rettender Fels, eine schützende Burg, dann bin ich in Sicherheit.

4 Du gibst mir Halt, du bietest mir Schutz. Geh mit mir und führe mich, denn du bist mein Gott!

6 Ich gebe mich ganz in deine Hand.

10 Hab Erbarmen, Herr, ich weiß nicht mehr weiter! Meine Augen sind müde vom Weinen, ich bin völlig am Ende.

11 Die Sorgen verkürzen mein Leben, der Kummer frisst meine Jahre. Die Verzweiflung raubt mir die Kraft, meine Glieder versagen den Dienst.

15 Doch ich verlasse mich auf dich! Du, Herr, du bist und bleibst mein Gott!

16 Was aus mir wird, das liegt in deiner Hand. Rette mich vor meinen Feinden und Verfolgern!

17 Herr, sieh mich freundlich an, denn ich gehöre dir. Hilf mir, ich rechne fest mit deiner Treue!

18 Zu dir, Herr, rufe ich, enttäusche mich nicht!

20 Wie groß ist deine Güte, Herr! Du wendest sie denen zu, die dir gehorchen. Vor aller Augen zeigt sich diese Güte an denen, die bei dir Zuflucht suchen.

21 ln deiner Nähe sind sie geborgen, vor allen Ränken sicher unter deinem Dach.

23 Ich dachte schon in meiner Angst, ich wäre aus deiner Nähe verbannt. Doch du hast mich gehört, als ich um Hilfe schrie.

24 Liebt den Herrn, ihr, die ihr ihm gehört; denn er schützt den, der ihm die Treue hält.

25 Ihr, die ihr auf den Herrn vertraut, seid stark, fasst Mut!

Lieber Herr B., lieber Trauergemeinde!

„Seid stark, fasst Mut!“ so endete der Psalm, den wir gebetet haben.

Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!

So heißt auch der Trauspruch aus 1. Korinther 16, 13, der Sie, Herr B., und Ihre Frau in Ihrer Ehe begleitet hat, viele Jahre lang.

Erinnerungen aus langen Krankheitsjahren der Verstorbenen

In der Bibel heißt es (Psalm 90, 12):

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Ein polnischer Philosoph, Vítězslav Gardavský, hat diese Einsicht für die heutige Zeit so formuliert (in dem Buch „Gott ist nicht ganz tot“):

Jede meiner Beziehungen trägt das Zeichen des Todes. Jede hat für mich einen unwiederholbaren Wert, keine lässt sich gegen eine andere auswechseln. Jede Begegnung mit einem Menschen ist für mich … ein Geschenk, denn sie kann meine letzte Begegnung mit ihm sein. Und auch ich bin für einen jeden ein Geschenk, sofern ich etwas zu schenken habe.

Dieser Mann stellt sich die Begrenztheit des Lebens vor Augen, damit er es nicht vergeudet, sondern ausfüllt, so gut er kann – mit Liebe und sinnvoller Arbeit, mit dem Kampf gegen Unrecht, Leid und Sinnlosigkeit, so weit es möglich ist. Er denkt an den Tod um des Lebens willen.

Daran musste ich denken, als ich nach Worten suchte, um auszudrücken, was mich nach dem Tod von Frau B. bewegt. Ich habe EIN Gespräch mit ihr geführt, im Krankenhaus, und diese erste Begegnung war gleichzeitig die letzte, ohne dass ich es ahnte. Ich bin beeindruckt von der Ausstrahlung, die Frau B. besaß, von ihrer starken Persönlichkeit. Ihr war viel geschenkt, und durch sie wurde vielen etwas geschenkt, genauer ausgedrückt: Sie schenkte sich vielen. Ihr Trauspruch bewahrheitete sich nach meinem Empfinden in ihrem Leben (1. Korinther 16, 13):

Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!

„Wachet!“ Sie hat bewusst gelebt. Sie hat nicht aufgehört, an sich zu arbeiten, um zu wachsen und zu reifen, um anderen noch besser gerecht zu werden. Sie blieb beruflich auf der Höhe der aktuellen Diskussion über Konzeptionen der Erziehungsarbeit mit Kindern. Wo die Gefahr droht, damit zufrieden zu sein, nur pragmatisch über die Runden zu kommen, da las sie, prüfte sie das Alte und das Neue, führte sie lange Gespräche mit ihrem Mann über die ihr anvertraute Arbeit – alles, weil sie mit ganzem Herzen und Bewusstsein für die Kinder engagiert war. Jedes einzelne Kind lag ihr am Herzen – ich habe es gemerkt, als wir unseren Sohn bei ihr anmeldeten, der sie damals gleich ins Herz schloss, bevor sie durch ihre Krankheit aus ihrer Arbeit herausgerissen wurde. Sie wünschte sich, etwas dafür zu tun, dass die Kinder vor allem in ihren sozialen Fähigkeiten wachsen und reifen, während sie in einem zu frühen Leistungsdruck, in einer Verschulung des Kindergartens, eine große Gefahr für die Entwicklung der Kinder sah. Bewusst sah Frau B. auch andere Probleme, zum Beispiel der heute zum Teil gefährdeten oder aggressiv reagierenden Jugend, die oft keinen Platz für ihre Selbstfindung finde, da es an Einrichtungen der Hortarbeit für Schulkinder oder der offenen Jugendarbeit fehle.

Das war bezeichnend: in diesem Gespräch, das ich mit ihr führte, kam sie auf solche Dinge mit einem großen inneren Engagement zu sprechen, während sie kaum von sich selbst sprach, von ihrem eigenen Leiden, von ihren Problemen, von den Entbehrungen und Verzichten, die sie auf sich genommen hatte.

„Steht im Glauben!“ Frau B. strahlte ein starkes Selbstvertrauen aus, von dem sie sagte, dass sie es erst im Laufe der Jahrzehnte erworben habe. Ein fester Glaube – das war bei ihr kein starrer Glaube. Sie war tolerant, sie erkannte an, dass ein anderer das Recht hatte, anders zu sein, auch zum Beispiel der Ehepartner, so dass es in all den Ehejahren nicht zu einem abfälligen Wort zwischen Ihnen gekommen ist. Zum anderen bedeutete Glaube eben ihr Engagement für eine Sache, das bewusste, verantwortungsbewusste Leben für andere, die Fähigkeit, den eigenen Sorgen und Ängsten ins Auge zu sehen, ohne ausschließlich egoistisch um sich selbst zu kreisen.

„Seid mutig und seid stark!“ Den Mut zum Leben können wir von Frau B. lernen. Stark war sie in ihrem von Vertrauen geprägten Leben, gerade weil sie sich auch der Begrenztheit des Lebens bewusst war. Wir führen ein endliches Leben, und eben deshalb brauchen wir Mut, uns auf Liebe und Vertrauen, auf die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit einzulassen, und nicht angesichts des uns bedrohenden Todes in Verzweiflung oder Gleichgültigkeit zu verfallen.

Das ist nun für Sie, den zurückbleibenden Ehepartner, die Kinder und die Eltern besonders schwer: mit dieser harten Wirklichkeit umzugehen, sie durchzustehen – dass sie nicht mehr lebt, die Ihnen so viel bedeutete; dass die Grenze für dieses Leben so früh gezogen wurde, uneinsehbar früh für unser menschliches Verständnis.

Mein Wunsch für Sie ist, dass dieses Wort:

Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!

auch für Sie einmal wieder seine Wahrheit erweist.

Dabei könnte Wachsamkeit bedeuten: nicht verdrängen müssen dessen, was weh tut, wo Sie hindurch müssen; neues Wahrnehmen der Menschen und Dinge um Sie herum.

Im Glauben stehen könnte meinen: einen Halt bei dem Gott finden, in dessen Liebe die Verstorbenen und die Lebenden geborgen sind.

Und Stärke muss nicht Selbstbeherrschung um jeden Preis bedeuten, sondern kann auch die Möglichkeit einschließen, zu seiner Schwäche und zu den Tränen der Trauer zu stehen.

Ermutigung werden Sie brauchen und auch einmal wieder geben können, so dass wahr wird, dass uns unsere Zeit geschenkt ist, damit wir uns aneinander verschenken.

Amen.

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