Ostern überwindet die Furcht

Wie ein zweiter Markus das Markusevangelium zu Ende schrieb.

Die Jünger Jesu lassen sich aus ihrer Lähmung befreien. Aus Lehrlingen werden sie zu Gesellen ihres Meisters und verkünden überall die Frohe Botschaft vom Vertrauen auf Jesus. Dabei ist Jesus selbst „ihr Mitarbeiter“. Das ist auch uns versprochen. Wir dürfen zuversichtlich leben, in Liebe handeln, und Jesus arbeitet dabei mit.

Die Statue des Evangelisten Markus im Symbol des Löwen in Salo Garda in Italien (mit aufgeschlagenem Buch: Pax tibi Marce, Evangelista meus.

„Friede sei mit dir, Markus, mein Evangelist“ steht im aufgeschlagenen Buch des geflügelten Löwen

Gottesdienst am Sonntag Quasimodogeniti, den 15. April 2007, 10.00 Uhr in der Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Herzlich willkommen zum Gottesdienst in der Pauluskirche!

Eine Woche nach Ostern singen wir noch einmal Lieder von der Auferstehung, beschäftigen wir uns noch einmal mit einem Ostertext aus den Evangelien. Zwar ist das Osterfest vorbei, aber die Botschaft von der Auferstehung Jesu Christi soll weiterwirken. Darum steht unser Gottesdienst unter dem Thema: „Ostern überwindet die Furcht“.

Wir singen das Lied 103:

1. Gelobt sei Gott im höchsten Thron samt seinem eingebornen Sohn, der für uns hat genug getan. Halleluja, Halleluja, Halleluja.

2. Des Morgens früh am dritten Tag, da noch der Stein am Grabe lag, erstand er frei ohn alle Klag. Halleluja, Halleluja, Halleluja.

3. Der Engel sprach: »Nun fürcht‘ euch nicht; denn ich weiß wohl, was euch gebricht. Ihr sucht Jesus, den find’t ihr nicht.« Halleluja, Halleluja, Halleluja.

4. »Er ist erstanden von dem Tod, hat überwunden alle Not; kommt, seht, wo er gelegen hat.« Halleluja, Halleluja, Halleluja.

5. Nun bitten wir dich, Jesu Christ, weil du vom Tod erstanden bist, verleihe, was uns selig ist. Halleluja, Halleluja, Halleluja.

6. O mache unser Herz bereit, damit von Sünden wir befreit dir mögen singen allezeit: Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

In den ersten Jahrzehnten nach Jesu Tod waren aus den Lehrlingen des Jesus von Nazareth Botschafter des auferstandenen Christus geworden. Die ersten schriftlichen Zeugnisse der Auferstehungsbotschaft hat uns Paulus etwa 20 Jahre später in seinen Briefen hinterlassen. Er verkündete das Evangelium, die Frohe Botschaft, dass Jesus aus Liebe für uns den Tod am Kreuz erlitt, wie es in den Heiligen Schriften vorausgesagt war, und dass Gott ihn der Macht des Todes entriss. Und bald, so hoffte Paulus, würde Jesus wiederkommen und Frieden bringen für die ganze Welt.

Kommt, lasst uns ihn anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Dann kam das Jahr 70: Im jüdischen Krieg wurde Jerusalem niedergebrannt und der Tempel von den römischen Besatzungstruppen für immer zerstört. Diese Katastrophe, vergleichbar in unserer Zeit mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, mit Holocaust und Vertreibung, war ein Schock auch für die ersten Christen. Es schien, als ob nicht Christus, sondern andere Herren die Oberhand in dieser Welt behalten würden: die Macht der falschen Götter Roms, des Geldes, des Militärs. Verständlich, dass viele Christen wie in den ersten Tagen nach der Kreuzigung Jesu erneut in ein tiefes Loch fielen und nicht herauskamen aus ihrer Trauer und Furcht vor der Zukunft.

Gott, wie kann man an das Evangelium glauben in Zeiten der Furcht und Resignation? Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

In der Zeit der Katastrophe von Jerusalem, 40 Jahre nach dem Tod Jesu, wird das erste Buch geschrieben, das man später „Evangelium“ nennt. Markus beginnt es mit den Worten:

1 Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.

Das heißt: Sein Buch enthält noch nicht das ganze Evangelium, sondern den Anfang davon. Dieser Anfang besteht in der Geschichte Jesu, in seinem Lehren und Heilen, in seinem Leiden und Sterben, und in seinem Auferstehen.

Aber von diesem Auferstehen erzählt Markus viel zurückhaltender als vor ihm der Apostel Paulus. Der letzte Satz seines Anfangs des Evangeliums lautet:

8 Und die Frauen gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

So hat im „Anfang des Evangeliums nach Markus“ die Furcht das letzte Wort.

Weiter gehen, wirklich froh machen kann das Evangelium nur, wenn es die Kraft hat, das zu überwinden, was hier am Ende steht: Flucht, Zittern, Entsetzen, Furcht und Schweigen.

Aber um das Jahr 70 weiß Markus selber noch nicht, wie es mit der Frohen Botschaft weitergehen soll. Er weiß nur: Der Anfang ist gesetzt. Gott selbst hat es getan mit Jesus, dem Sohn Gottes. Nun wird auch Gott selber für den Fortgang des Evangeliums sorgen in schrecklicher Zeit. Er wird ein neues Schöpfungswort sprechen, so wie am Anfang der Welt, als Gott dem Chaos seine Schöpfung entgegensetzte.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, immer wieder fragen sich Menschen: Wie kann nach einem Unfall, in tiefer Trauer, in Verzweiflung das Leben weitergehen? Immer wieder fragen wir: Wie sollen wir weiter an dich glauben nach der Katastrophe von Jerusalem, nach Auschwitz, nach dem 11. September, nach dem Tsunami? Gott, überwinde die Furcht durch deine Liebe. Lass in uns Vertrauen wachsen, den Glauben an dich, durch Jesus Christus, unsern Herrn. „Amen.“

Liebe Gemeinde, nachdem Markus seinen „Anfang des Evangeliums“ mit dem Wort „Furcht“ enden ließ, vergingen einige Jahrzehnte. Das Buch wurde weitergereicht und immer wieder abgeschrieben. Und irgendwann, wohl 100 Jahre nach Jesu Tod, schrieb jemand noch zwölf Verse hinter den Vers mit der Furcht. Wir kennen den Verfasser nicht, nennen wir ihn einfach den zweiten Markus. Wir wissen in diesem Fall sicher, dass diese Verse nicht schon der erste Markus geschrieben haben kann, denn einige spätere Handschriften leiten diese Verse so ein: „Auch folgendes ist nach dem ‚denn sie fürchteten sich‘ überliefert“. Hören wir, was der zweite Markus uns zu sagen hat.

Ich lese den Predigttext im Markusevangelium, Kapitel 16, Verse 9 bis 16:

9 Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria von Magdala, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte.

10 Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten.

11 Und als diese hörten, dass er lebe und sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht.

12 Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie über Land gingen.

13 Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht.

14 Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen.

15 Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.

16 Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.

17 Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: in meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Zungen reden,

18 Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden; auf Kranke werden sie die Hände legen, so wird’s besser mit ihnen werden.

19 Nachdem der Herr Jesus mit ihnen geredet hatte, wurde er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes.

20 Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, das Osterlied 111 möchte ich heute während der Predigt mit Ihnen singen, Strophe für Strophe, damit Sie nicht zu lange Predigtabschnitte auf einmal hören müssen.

Wir beginnen mit der Strophe 1:

1. Frühmorgens, da die Sonn aufgeht, mein Heiland Christus aufersteht. Vertrieben ist der Sünden Nacht, Licht, Heil und Leben wiederbracht. Halleluja.

Als der zweite Markus seine zwölf Verse an das Markusevangelium anfügt, ist der Tempel in Jerusalem schon über ein halbes Jahrhundert lang zerstört, und nach weiteren erfolglosen Aufständen gegen Rom sind die Juden aus Israel in alle Welt zerstreut. Christen und Juden sind mittlerweile voneinander getrennte Gemeinschaften. Von einem Messias Jesus, der am Kreuz gestorben und aus dem Grab auferstanden ist, will die Mehrheit der Juden nichts wissen. Umgekehrt beginnen viele Christen zu denken: Was brauchen wir einen Tempel? Was brauchen wir überhaupt unsere jüdischen Wurzeln, wenn wir an Christus glauben? Lassen wir doch mit dem zerstörten Tempel in Jerusalem auch alles andere hinter uns, was an die Juden erinnert! Dieser Versuchung, ihr Heil in einem Gegensatz zu den Juden zu suchen, ist die Kirche später immer wieder erlegen.

Aber der zweite Markus, wir werden es sehen, verkündet eine andere Botschaft. Er verbindet die neuen christlichen Evangelien mit den alten jüdischen Schriften. So ruft er seine Mitchristen und auch die Juden und Heiden der damaligen Welt, und zuletzt auch uns moderne Menschen heute in die Nachfolge Jesu.

Wir hören gleich seine Botschaft noch einmal Vers für Vers und singen vorher vom Lied 111 die Strophe 2:

2.Wenn ich des Nachts oft lieg in Not verschlossen, gleich als wär ich tot, lässt du mir früh die Gnadensonn aufgehn: nach Trauern Freud und Wonn. Halleluja.

9 Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria von Magdala, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte.

Der zweite Markus kennt das Johannesevangelium. Wie Johannes nennt er Maria aus Magdala als erste Zeugin der Auferstehungsbotschaft. Obwohl er knapp erzählt, wiederholt er jedoch nicht einfach, was bei Johannes steht; er fügt hinzu, welche Art von Beziehung zwischen Maria und Jesus bestanden hat: sieben Dämonen hat er von ihr hinausgeworfen. Jesus hat Maria geheilt, wahrscheinlich von einer schweren seelischen Erkrankung, hat sie befreit von bösen Stimmen und Zwangsgedanken, von innerer Abhängigkeit und Unselbständigkeit.

Wir singen die Strophe 3:

3. Nicht mehr als nur drei Tage lang mein Heiland bleibt ins Todes Zwang; am dritten Tag durchs Grab er dringt, mit Ehr sein Siegesfähnlein schwingt. Halleluja.

10 Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten.

So korrigiert der zweite Markus den ersten Markus. Denn der hatte als letzten Vers seines Evangeliums geschrieben: Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

Aber hier macht sich Maria auf den Weg zu den anderen, die zu Lebzeiten auf dem Weg mit Jesus gewesen sind; und wieder erzählt der zweite Markus mehr als die anderen Evangelien, wenn er erwähnt, dass die Jünger um Jesus trauern und weinen.

11 Und als diese hörten, dass er lebe und sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht.

Marias Botschaft an die Jünger findet bei ihnen keine offenen Ohren und kein offenes Herz; sie fassen kein Vertrauen, bleiben stecken in Traurigkeit und Furcht, ohne Hoffnung.

Wir singen die Strophe 4:

4. Jetzt ist der Tag, da mich die Welt mit Schmach am Kreuz gefangen hält; drauf folgt der Sabbat in dem Grab, darin ich Ruh und Frieden hab. Halleluja.

12 Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie über Land gingen.

Hier greift der zweite Markus auf das Lukasevangelium zurück. Dort sind es die Jünger von Emmaus, die auf ihrem Weg raus aus der Stadt Jerusalem, dem Ort der Kreuzigung und dem Ort der Katastrophe des Jahres 70, hinaus aufs Land, in die Abgeschiedenheit des Rückzugs und der Resignation, einem Mann begegnen, in dem sich ihnen Jesus offenbart. Und wieder ergänzt der zweite Markus etwas, nämlich dass Jesus den Männern „in anderer Gestalt“ erscheint. So erklärt er, dass sie ihn zuerst nicht erkennen. Als der Auferstandene hat Jesus nicht die gleiche Art Körper wie vorher; Auferstehung ist als Wiederbelebung eines Toten im Sinne einer medizinischen Reanimation zu begreifen.

Wir singen die Strophe 5:

5. In kurzem wach ich fröhlich auf, mein Ostertag ist schon im Lauf; ich wach auf durch des Herren Stimm, veracht den Tod mit seinem Grimm. Halleluja.

13 Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht.

Anders als in der Lukaserzählung stoßen auch die beiden männlichen Verkünder der Auferstehung bei den anderen Jüngern auf taube Ohren und misstrauische Herzen. Das scheint das Hauptproblem der Zeit des zweiten Markus zu sein: Mangel an Vertrauen in die Zukunft. Kein Wunder, mag man denken, denn in der harten Realität des römischen Reiches werden die Christen verfolgt, und von einer Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten ist nichts zu spüren.

Wir singen die Strophe 6:

6. Am Kreuz lässt Christus öffentlich vor allem Volke töten sich; da er durchs Todes Kerker bricht, lässt er’s die Menschen sehen nicht. Halleluja.

Nach der Regel „Aller guten Dinge sind drei“ berichtet der zweite Markus von einer dritten Selbstoffenbarung Jesu, dieses Mal vor der versammelten Mannschaft der von Jesus eingesetzten Jünger, allerdings ohne den Verräter Judas:

14 Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen.

Von einer Erscheinung vor den Elf erzählen auch Matthäus und Lukas. Matthäus erwähnt dabei, dass einige der Elf Zweifel hatten, und Lukas schildert, wie bestürzt die Jünger sind, als sie meinen, einen Geist zu sehen. Damit geht Jesus dort geduldig um, spricht den Jüngern Mut zu und lässt sich sogar anfassen.

Hier beim zweiten Markus fällt die Ungeduld Jesu mit den Jüngern auf: „Er schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte.“ Mit aller Schärfe stellt Jesus klar: So geht es nicht. Er hat sich offenbart, vor vertrauenswürdigen Menschen. Aber die Jünger missachten das persönliche Glaubenszeugnis der Maria und der beiden Männer vom Lande. Sie hören nicht aufeinander mit offenen Ohren und offenen Herzen; vielmehr haben sie verstockte oder unbeschnittene Herzen, was schon früher die Propheten im Volk Israel oft beklagten, zum Beispiel der Prophet Hesekiel 3, 7:

7 Aber das Haus Israel will dich nicht hören, denn sie wollen mich nicht hören; denn das ganze Haus Israel hat harte Stirnen und verstockte Herzen.

Oder Jeremia 4, 4:

4 Beschneidet euch für den HERRN und tut weg die Vorhaut eures Herzens, ihr Männer von Juda und ihr Leute von Jerusalem, auf dass nicht um eurer Bosheit willen mein Grimm ausfahre wie Feuer und brenne, so dass niemand löschen kann.

Oder schon Mose (5. Buch Mose – Deuteronomium 10, 16):

16 So beschneidet nun eure Herzen und seid nicht länger halsstarrig.

Natürlich kann Jesus sie nicht zum Glauben zwingen. Vertrauen kann man nicht befehlen. Aber Jesus nennt es klar beim Namen, wenn seine Jünger sehen könnten und die Augen verschließen, wenn sie hören könnten und sich die Ohren zuhalten, wenn sie vertrauen könnten und ihr Herz hart und bitter werden lassen.

Wir singen die Strophe 7:

7. Sein Reich ist nicht von dieser Welt, kein groß Gepräng ihm hier gefällt; was schlicht und niedrig geht herein, soll ihm das Allerliebste sein. Halleluja.

Jesus bleibt aber nicht beim Schelten stehen. Er traut und mutet den Jüngern einen großen Auftrag zu:

15 Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.

Auch bei Matthäus und Lukas werden die Jünger in die Welt zu den Völkern gesandt, der zweite Markus geht darüber hinaus; bei ihm sagt Jesus: Die Jünger sollen in alle Welt gehen und aller Schöpfung die Frohe Botschaft überbringen. Nicht nur den Juden, nicht nur religiösen Menschen, sondern aller Welt gilt die Botschaft: der Tod hat nicht das letzte Wort über diese Welt. Die Auferstehung Jesu ist ein Signal der Hoffnung sogar für die gesamte Schöpfung, für den Menschen inmitten der Tiere und inmitten seiner Umwelt, wie wir heute sagen würden.

Wir singen die Strophe 8:

8. Hier ist noch nicht ganz kundgemacht, was er aus seinem Grab gebracht, der große Schatz, die reiche Beut, drauf sich ein Christ so herzlich freut. Halleluja.

Dann folgt ein Wort, das wegen seiner Härte erschreckt:

16 Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.

Die Lutherübersetzung benutzt hier zwei Wörter, die zu Missverständnissen einladen: „selig werden“ für ein griechisches Wort, das man auch mit „gerettet“ oder „befreit werden“ übersetzen kann, und „verdammt werden“ für ein Wort, das ursprünglich „verurteilt werden“ bedeutet.

Was will Jesus sagen? Ihm geht es darum, dass Befreiung möglich ist, sowohl Rettung aus der Sünde als auch Befreiung aus lähmender Trauer, Furcht und Resignation. Es gibt für jeden Hoffnung. Auch für alle, die meinen, sie sind völlig verlassen. Gott lässt niemanden im Stich. Auch wenn jemand ganz am Ende ist, kann Gott ihm noch helfen. Wenn darauf jemand spöttisch sagt: „Wer‘s glaubt, wird selig“, dann sagt Jesus: „Ja, das ist wahr: „Wer glaubt, wird selig“, wer Vertrauen fasst, gewinnt Freiheit und Selbstbewusstsein, wer sich in Gottes Liebe hineinfallen lässt, wird aufgefangen, gehalten, getragen.

Warum wird in diesem Zusammenhang die Taufe erwähnt? Weil sie das Zeichen dafür ist, dass ein Mensch sich herausführen lassen will aus der Lähmung in die Freiheit, aus dem Misstrauen ins Vertrauen, aus der Herzenshärte in die Offenheit für Gott. Wer getauft wird, der lässt sich auf Jesus ein, will zu ihm gehören, auf ihn hören. Wer ein Kind taufen lässt, der verspricht, dieses Kind zu erziehen im Geist der Liebe Jesu und nimmt es so mit hinein in eine Geschichte mit Gott und mit Jesus.

Wer aber nicht vertrauen kann? Wer auf Dauer in lähmender Trauer und Resignation verharrt? Jesus scheint hier zu meinen, dass ein Mensch, der nicht vertrauen kann, bereits in seiner eigenen Hölle lebt. Und hier muss man gut unterscheiden. Ich kenne Menschen, die nicht oder nicht mehr zum Vertrauen fähig sind, weil ihr Vertrauen auf übelste und brutalste Weise missbraucht wurde. Es wäre nicht im Sinne Jesu, ihnen nun auch noch die ewige Verdammnis anzudrohen, weil in ihnen jedes Vertrauen zerstört oder vielleicht niemals Urvertrauen aufgebaut worden ist. Diese Menschen können mit der unendlichen Geduld Jesu rechnen und brauchen auch unseren begrenzten Vorrat an Geduld, um ihnen Möglichkeiten anzubieten, vielleicht doch einmal Vertrauen zu wagen.

Es gibt aber auch Menschen, die sich mit den Zuständen in dieser Welt einrichten, indem sie es sich halbwegs gut gehen lassen, aber die Welt mitsamt den anderen Menschen vor die Hunde gehen lassen. Sie könnten selber mehr vertrauen und auch Vertrauen aufbauen in dieser Welt, tun es aber nicht. Mit dem harten Wort von der Verdammnis meint Jesus uns, wenn wir als vertrauende, befreite, Vertrauen schaffende Menschen leben können und es nicht tun. Dann sprechen wir uns selbst das Urteil.

Wir singen die Strophe 9:

9. Der Jüngste Tag wird’s zeigen an, was er für Taten hat getan, wie er der Schlangen Kopf zerknickt, die Höll zerstört, den Tod erdrückt. Halleluja.

Von der Verdammnis redet der zweite Markus nur ganz knapp. Ausführlicher geht er auf die wunderbaren Dinge ein, die geschehen werden, wenn wir uns darauf einlassen, auf Jesus, auf Gott, auf die Wirklichkeit der Auferstehung zu vertrauen. Er nennt insgesamt fünf Zeichen und beginnt so mit den beiden ersten:

17 Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: in meinem Namen werden sie böse Geister austreiben und in neuen Zungen reden.

Von den bösen Geistern haben wir schon am Anfang bei Maria aus Magdala gehört. Jesus traut uns zu, dass auch wir in unserer Umgebung solche Dämonen austreiben. Das ist keine Hexerei und kein Exorzismus, sondern böse Geister verschwinden durch ein gutes Wort zur rechten Zeit, um zum Beispiel einen Menschen vor einer Dummheit zu bewahren oder ihn zu trösten. Wer Menschen beschützt, die unter Mobbing leiden, bewahrt sie vor bösen Geistern ebenso wie jemand, der sein Kind lobt, statt immer nur mit ihm zu schimpfen.

Und in neuen Zungen reden wir, wenn wir auf unsere Sprache und Wortwahl achten, wenn wir respektvoll über andere reden, statt über sie abzulästern, wenn wir im Gespräch mit anderen das Verständnis suchen, statt immer nur Recht haben zu wollen, und nicht zuletzt, wenn wir über Grenzen hinweg uns in das Denken anderer Menschen einzufühlen versuchen und flexibler werden in unseren Vorurteilen.

Wir singen die Strophe 10:

10. Da werd ich Christi Herrlichkeit anschauen ewig voller Freud, ich werde sehn, wie alle Feind zur Höllenpein gestürzet seind. Halleluja.

Die nächsten beiden Zeichen für die Wirklichkeit der Auferstehung in unserem Leben sind schwerer zu erklären. Das dritte Zeichen klingt gefährlich:

18 [Sie werden] Schlangen mit den Händen hochheben.

Diese Anweisung sollte man nicht wörtlich nehmen und jedenfalls nicht bei einer Giftschlange ausprobieren.

Aber der Satz ist keine Anweisung zur Tollkühnheit, sondern eine Anspielung auf die wichtigste Geschichte des Volkes Israel. Als Mose den Auftrag bekommt, das Volk Israel aus Ägypten zu führen (2. Buch Mose – Exodus 4), ist er ähnlich verzagt wie die Christen zur Zeit des zweiten Markus:

1 Mose antwortete und sprach: Siehe, sie werden mir nicht glauben und nicht auf mich hören, sondern werden sagen: Der HERR ist dir nicht erschienen.

2 Der HERR sprach zu ihm: Was hast du da in deiner Hand? Er sprach: Einen Stab.

3 Der HERR sprach: Wirf ihn auf die Erde. Und er warf ihn auf die Erde; da ward er zur Schlange, und Mose floh vor ihr.

4 Aber der HERR sprach zu ihm: Strecke deine Hand aus und erhasche sie beim Schwanz. Da streckte er seine Hand aus und ergriff sie, und sie ward zum Stab in seiner Hand.

5 Und der HERR sprach: Darum werden sie glauben, dass dir erschienen ist der HERR, der Gott ihrer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs.

Im Text des zweiten Markus will Jesus also sagen: So wie Mose damals von Gott gelernt hat, mit seiner Angst umzugehen, so sollt auch ihr es lernen. Packt eure Angst, die wie eine gefährliche Schlange ist, beim Schwanz, und sie wird wie ein Stab in eurer Hand sein. Stellt euch eurer Angst, und ihr gewinnt den Mut, den ihr braucht, um selbstbewusst zu sagen, woran ihr glaubt und was eure Überzeugung ist.

Wir singen die Strophe 11:

11. O Wunder groß, o starker Held! Wo ist ein Feind, den er nicht fällt? Kein Angststein liegt so schwer auf mir, er wälzt ihn von des Herzens Tür. Halleluja.

Das dritte Zeichen erinnert also an Mose, der das Volk Gottes in die Freiheit führte und ihm die Weisungen Gottes gab.

Und wie ist es mit dem vierten Zeichen?

Und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden.

Dieses Zeichen erinnert an den Propheten Elisa, der seine Schüler ausschickt, um in einer Hungersnot etwas zum Essen herbeizubringen. Einer kocht ein unbekanntes Gemüse, und die anderen jammern (2. Könige 4, 40):

„O Mann Gottes, der Tod im Topf!“

Der Prophet Elisa versteht es, aus dem scheinbar ungenießbaren, tödlichen Essen eine Speise zu machen, durch die alle satt werden.

Wir singen die Strophe 12:

12. Wie tief Kreuz, Trübsal oder Pein: mein Heiland greift allmächtig drein, führt mich heraus mit seiner Hand. Wer mich will halten, wird zuschand‘. Halleluja.

Fehlt noch das fünfte Zeichen:

Auf Kranke werden sie die Hände legen, so wird’s besser mit ihnen werden.

Nachdem der zweite Markus auf das jüdische Gesetz und die Propheten zurückgegriffen hat, erinnert er an eine christliche Schrift, den Brief des Bruders Jesu, Jakobus 5, 14-15. Dort heißt es:

14 Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.

15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten.

Wer im Vertrauen lebt, darf sich nicht einfach nur um sein eigenes Seelenheil kümmern, sondern er kümmert sich selbstverständlich um belastete Menschen; er besucht Kranke, vermittelt ihnen Nähe und Wärme. Nicht jeder Kranke wird auf diese Weise geheilt werden, aber Hilfe kann auch darin bestehen, dass jemand stark genug wird, eine unheilbare Krankheit anzunehmen.

Wir singen die Strophe 13:

13. Lebt Christus, was bin ich betrübt? Ich weiß, dass er mich herzlich liebt; wenn mir gleich alle Welt stürb ab, g’nug, dass ich Christus bei mir hab. Halleluja.

Schließlich erzählt der zweite Markus in knapper Form die Himmelfahrtsgeschichte, wie er sie von Lukas aus seinem Evangelium und der Apostelgeschichte kennt:

19 Nachdem der Herr Jesus mit ihnen geredet hatte, wurde er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes.

Und wieder ergänzt der zweite Markus etwas, was Lukas nicht im Zusammenhang mit der Himmelfahrt berichtet: dass Jesus sich zur Rechten Gottes setzt. So betont er, dass Jesus nicht nur als einer von vielen im Himmel ist, sondern er sitzt dort als die rechte Hand des Vaters. Er ist der wahre Sohn Gottes. Er hat die Welt überwunden und besiegt auch unsere Furcht.

Wir singen die Strophe 14:

14. Mein Herz darf nicht entsetzen sich, Gott und die Engel lieben mich; die Freude, die mir ist bereit‘, vertreibet Furcht und Traurigkeit. Halleluja.

20 Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.

So endet das Markusevangelium in der Fassung, wie wir sie in den heutigen Bibeln vorliegen haben.
Im Schlussvers bekräftigt der zweite Markus zweierlei:

Erstens: die Jünger Jesu lassen sich wirklich aus ihrer Lähmung befreien, öffnen sich wirklich für die Botschaft der Auferstehung, werden wirklich zu Aposteln. Aus Lehrlingen werden sie zu Gesellen ihres Meisters und verkünden überall die Frohe Botschaft vom Vertrauen auf Jesus.

Zweitens: Sie müssen das alles nicht allein tun. Da steht wörtlich: „Jesus ist ihr Mitarbeiter“. Das ist auch uns versprochen. Wir dürfen Mut machen zum Vertrauen auf die Auferstehung, dürfen zuversichtlich leben, in Liebe handeln, und Jesus arbeitet dabei mit. Wer auf ihn vertraut, muss nicht mehr in Furcht und Resignation leben. Amen.

Wir singen die Strophe 15:

15. Für diesen Trost, o großer Held, Herr Jesu, dankt dir alle Welt. Dort wollen wir mit größerm Fleiß erheben deinen Ruhm und Preis. Halleluja.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Lasst uns beten.

Herr Jesus Christus, mach uns offen für deine Botschaft vom Leben, lass uns Liebe annehmen und Vertrauen zu dir fassen. Vertreibe die Dämonen, die uns unter Druck setzen, die Zwänge, in denen wir feststecken.

Lass bösen Geistern und bösen Zungen bei uns keine Chance.

Lass uns mutig unsere Angst anpacken, statt dass sie uns im Nacken sitzt.

Lass uns satt werden an Leib und Seele, statt dass wir uns mit Speisen trösten, die eigentlich ungenießbar sind.

Hilf uns, dass wir Menschen in ihren Krankheiten und Belastungen, in Trauer und Verzweiflung nicht allein lassen.

Insbesondere beten wir heute für ein verstorbenes Mitglied unserer Gemeinde, … . Herr Jesus Christus, nimm sie durch die Kraft deiner Auferstehung auf in dein himmlisches Reich und begleite die Angehörigen mit deinem Trost, so wie du damals deine Jünger getröstet und aufgerichtet hast. Amen.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen das Lied 612:

Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst, mit der du lebst
Abkündigungen

Nun empfangt den Segen Gottes:

Gott segne euch und behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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