„Wie lieblich ist der Maien“

Kirschblütenzweig

Kirschblütenzweig

Wenn es wieder Mai wird, dann denke ich ans vorige Jahr, an den Maiausflug mit den Kindern unter der endlich wieder strahlenden Frühlingssonne, aber auch an die anderen Strahlen, die damals nach dem furchtbaren Atomunglück in der Sowjetunion zu uns herübergeweht wurden. Eine unsichtbare Gefahr, aber messbar, wenn auch die Statistik uns nicht verrät, wer von uns und unseren Kindern für die Zukunft dann wirklich eine Schädigung der Gesundheit davontragen wird.

Und dann denke ich auch an Gottesdienste, die wir in jenem Mai gefeiert haben, nach Tschernobyl. Wir haben gesungen: „Wie lieblich ist der Maien“, und gerade dieses Lied hat mir geholfen, trotzdem Gott zu loben, und erst recht Gott zu danken – für das, was er geschaffen und uns geschenkt hat und was wir Menschen zugunsten eines fragwürdigen Fortschritts leichtfertig aufs Spiel setzen. Leider denken wir oft so, dass bestimmte Gegensätze sich automatisch ausschließen müssten. Entweder wir verdrängen das Furchtbare, oder wir verbringen jeden Tag mit der Sorge um so wenig wie möglich Becquerel in der Nahrung. Aber ist das wahr, dass wir uns nur noch freuen können, wenn wir Gefahren verharmlosen oder ständig aus dem Bewusstsein drängen?

Ich jedenfalls werde in einigen unserer Maigottesdienste auch in diesem Jahr wieder das Lied Nummer 370 (Evangelisches Kirchengesangbuch) auf die Liedertafel setzen:

„Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt‘,
des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht.
Die Tier‘ sieht man jetzt springen mit Lust auf grüner Weid‘,
die Vöglein hört man singen, die loben Gott mit Freud’“.

Auch wenn sich bei den grünen Weiden der Gedanke an verstrahltes Heu einschleicht – wir können lernen von den alten Liederdichtern, die dankbar zu leben verstanden auch in Zeiten von Krieg und Hungersnot und Pest. Das erwähnte Lied ist nicht etwa naiv; es erwähnt zum Beispiel durchaus die damals bekannten Gefahren für Saat und Ernte: „…Mehltau, Frost, Reif und Schloß‘.“ Aber es legt uns nahe, alles zu seiner Zeit zu tun: beim Maiausflug die Natur zu genießen; und dann auch wieder den Ursachen nachzugehen, durch die wir (wir, die Menschheit) unseren Planeten zugrunde richten.

Gottlob dürfen wir glauben! Wir dürfen Gott das Vertrauen schenken, dass er uns auf unserer kleinen Erde im großen Weltall nicht einfach verlorengehen lässt. Mit dieser Zuversicht im Herzen haben wir es nicht nötig, so zu tun, als sei alles in der Welt in Ordnung. Denn wir sind mit unserer Verantwortung, die wir für die Bewahrung der Schöpfung tragen, nicht allein.

Dass diese Hoffnung besteht, dafür gibt es keinen sichtbaren Beweis; kein Geigerzähler weist den Geist Gottes nach. Ich kann nur dafür werben, dass Sie sich einfach darauf einlassen, was Gott uns sagt in seinem Wort: Wort Gottes, in menschlich-allzumenschlicher Verpackung, oft missbraucht und missverstanden – aber Glaube-, Liebe- und Hoffnungweckend für die, die sich davon anrühren lassen. Haben Sie nicht Lust, mit dem Lied vom lieblichen Mai um solchen Glauben zu bitten?

„Herr, lass die Sonne blicken ins finstre Herze mein,
damit sichs möge schicken, fröhlich im Geist zu sein,
die größte Lust zu haben allein an deinem Wort,
das mich im Kreuz kann laben und weist des Himmels Pfort’“.

Zum Nachdenken am Samstag, 2. Mai 1987, in der Wetterauer Zeitung von Helmut Schütz, Reichelsheim

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