„Du, Nachbar Gott“

„Du, Nachbar Gott“ – eindrucksvoll stellt Rainer Maria Rilke uns ein Bild von Gott vor Augen – und zugleich zeigt er, dass diese Bilder ganz leise einstürzen müssen, wenn wir sie zu ernst nehmen, als wären sie Gott selbst. Erst dann begegnen wir Gott, wenn Gott selber da ist, unsichtbar und lebendig, immer wieder anders, als wir ihn uns vorstellen.

Gemeindefest „Wir sind alle Nachbarn“ auf dem Gelände der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen

Vor dem Gemeindefest „Wir sind alle Nachbarn“ wird ein Gottesdienst „Du, Nachbar Gott“ gefeiert

#predigtGottesdienst am Sonntag, 30. Juni 2013, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Einzug von Capoeira-Spielern und Konfis mit dem Gesang „Sai sai Catarina“
Der Gesang beim Einzug der Capoeira-Spieler und der Konfis in die Pauluskirche ersetzte das Orgelvorspiel

Der Gesang beim Einzug der Capoeira-Spieler und der Konfis in die Pauluskirche ersetzte das Orgelvorspiel

(Ingrid Walpert:) Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Herzlich willkommen im gemeinsamen Gottesdienst der Evangelischen Gemeinden Paulus und Thomas in der Pauluskirche! Beide Gemeinden feiern heute ihr Gemeindefest rund um das Pauluszentrum, und das Kinder- und Familienzentrum der Paulusgemeinde ist ebenso mit dabei wie das Belcantostudio, Verantwortliche der Jugendwerkstatt und die Capoeira-Gruppe.

Das Gemeindefest steht unter dem Motto: „Wir sind alle Nachbarn.“ Gemeint ist ganz einfach, dass niemand von uns allein hier in Gießen wohnt, irgendwo endet die eigene Wohnung an einer Wand, hinter der ein anderer Mieter wohnt, oder das eigene Grundstück hat einen Gartenzaun, wo man einem Nachbarn begegnen kann. Nachbarn können nach ihrer Herkunft sehr unterschiedlich sein, daher ist es nicht immer leicht, gut miteinander auszukommen. Um so wichtiger ist es, dass es Feste wie das heutige gibt, bei dem man sich begegnet, miteinander feiert und ins Gespräch kommt.

Kann auch Gott unser Nachbar sein? „Du, Nachbar Gott“, das ist das Thema unseres Gottesdienstes. Ein berühmtes Gedicht von Rainer Maria Rilke beginnt mit diesen Worten. Die Paulus-Konfis haben dazu Bilder gemalt. Im Unterricht haben sie sich Gedanken darüber gemacht, wo und wie man Gott finden kann. Diese Gedanken stellt Herr Pfarrer Schütz heute in den Mittelpunkt des Gottesdienstes.

(Pfarrer Helmut Schütz:) … aber bevor er das tut, muss er erklären, warum wir heute kein Orgelvorspiel hatten. Unsere Organistinnen sind beide verhindert, und eigentlich waren wir froh, dass Grit Laux, unsere frühere Organistin, einspringen konnte. Sie wollte gestern aus dem Urlaub zurück sein und heute hier Orgel und Klavier spielen. Leider hat es mit der Rückkehr aus dem Urlaub nicht geklappt, sie sitzt in Paris fest und kann heute nicht hier sein. Die Lieder werde ich daher heute mit der Gitarre allein begleiten. Und zur Begleitung eines besonderen Liedes mit dem Titel „Du, Nachbar Gott“ werden wir nachher einen Überraschungsgast in der Kirche begrüßen können, der jetzt noch nicht hier sein kann.

An Stelle eines Orgelvorspiels haben wir zu Beginn Musik aus der Welt des Capoeira gehört. Gemeinsam mit einigen Capoeira-Spielern haben unsere Konfis das Lied „Sai sai Catarina“ gesungen, schon als kleine Einstimmung auf den Nachmittag. Gerade dieser Gesang dient beim Capoeira-Spiel immer wieder dazu, die Konzentration zu erhöhen und Begeisterung zu wecken. „Sai sai Catarina“ erinnert an ein Sklavenschiff mit dem Namen Catarina, das in See sticht mit unbekanntem Ziel; mit diesem Schiff verband sich für die brasilianischen Sklaven, die Capoeira als Überlebenskunst erfunden haben, eine tiefe Sehnsucht nach Liebe, nach Gemeinschaft. Sie waren gefangen, saßen aber gemeinsam in einem Boot, so wir wir alle unseren Zwängen ausgesetzt sind und nur zur Liebe finden, wenn wir uns bewusst sind, dass wir zusammengehören. So drückt dieses Lied etwas davon aus, dass wir alle Nachbarn sind und dass Gott uns in Liebe zusammenschließt.

Capoeira-Spieler und Konfis singen im Altarraum der PauluskircheEs passt übrigens auch gut zu unserem heutigen Thema „Du, Nachbar Gott“, dass jeden Donnerstag genau hier nebenan im Saal Capoeira gespielt wird. Als ich mich mit Mario Dirks, dem Leiter unserer Capoeira-Gruppe, darüber unterhielt, meinten wir, dass man auch dort im Capoeira-Spiel Gott als dem unsichtbaren Nachbarn begegnen kann. Denn wer sich im Capoeira-Kreis gegenübersteht, der tanzt, der kämpft, ohne dem andern wehtun zu wollen, der versucht, dem Gegenüber auf eine besondere Weise zu begegnen, voller Respekt und voller Aufmerksamkeit. Der Nachbar, der einem im Kreis gegenübertritt – vielleicht ist in seinen Bewegungen oder in seinem Gesicht etwas davon wiederzuerkennen, dass auch er als Ebenbild Gottes geschaffen ist.

Aber nun singen wir auch alle gemeinsam ein Lied, und zwar das Loblied 573, das aus Israel stammt: „Lobt den Herrn!“
Lobt den Herrn, lobt den Herrn

Wir verzichten heute im Gottesdienst vor dem Gemeindefest auf unsere normale Liturgie. Als ob ich es geahnt hätte, dass wir heute keine Organistin zur Begleitung der Liturgie haben würden.

Trotzdem hören wir als Motto unserer Feier wie jeden Sonntag die vertrauten Worte:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Und wenn Sie und ihr es möchten, können Sie und ihr darauf antworten mit dem einen vertrauten Wort, das bedeutet: „So soll es geschehen!“

„Amen!“

Wir feiern also Gottesdienst im Namen eines bestimmten Gottes. Wir nennen ihn den Vater. Wir kennen ihn durch Jesus, den wir den Sohn Gottes nennen. Und dieser Vater ist mit diesem Sohn in einer Liebe verbunden, die wir den Heiligen Geist nennen und die auch uns erfüllen will.

Für Menschen, die auf Gott vertrauen, sind das nachvollziehbare Gedanken. Für andere klingt das eigenartig. Warum muss man die Sache mit Gott so kompliziert machen? Warum brauchen wir zum Glauben an Gott die Bibel, die zu drei Viertel eigentlich die Bibel der Juden ist? Warum hat sich Gott ausgerechnet in Jesus offenbart? Warum hat die Kirche so viele Dogmen aufgestellt, die es heutigen Menschen schwer machen zu glauben – von der Jungfrauengeburt bis zur Himmelfahrt, von der Kreuzigung bis zur Auferstehung?

Keine Angst, ich versuche heute keine Antwort auf alle diese Fragen. Diesen Versuch werde ich an den kommenden vier Sonntagen machen, an denen ich in einer Themenreihe das Glaubensbekenntnis auslegen möchte.

Heute möchte ich die Frage stellen: Kann es sein, dass wir Pfarrer, wir theologisch gebildeten Christen, durch unsere Art, von Gott zu sprechen, manchmal ungewollt andern Menschen den Zugang zu Gott versperren?

Bevor wir uns im Konfirmandenunterricht mit dem Glaubensbekenntnis beschäftigen, mache ich mit den Konfis seit einigen Jahren zuerst eine Gottsucherexpedition. Ich gehe davon aus: Jeder Mensch, auch ihr Mädchen und Jungen, seid schon seit eurer Geburt, ja seitdem ihr noch nicht einmal ein Gedanke eurer Eltern wart, im Kontakt mit Gott. Er hat euch ja geschaffen, ihr seid ein Teil seiner Pläne. Ich würde sagen, ihr seid von ihm geliebt. Ihr selber seid euch vielleicht nicht sicher, ob er das wirklich tut, aber eure eigenen Erfahrungen mit Gott, euren Glauben, aber auch Fragen und Zweifel, die tragt ihr alle mit euch herum, mehr oder weniger deutlich ausgeprägt.

Und in einer Gottsucherexpedition versuche ich, etwas davon herauszubekommen, wie ihr euch Gott vorstellt. Wozu mache ich das? Will ich euch am Ende sagen: Was ihr da denkt, ist falsch, ihr müsst jetzt erst mal richtig lernen, wie das mit Gott und Jesus ist? Nein, das ist nicht mein Ziel.

Ich weiß, dass eure Vorstellungen von Gott nicht perfekt sind. Aber perfekt sind auch unsere erwachsenen Gedanken über Gott nicht. Auch das Glaubensbekenntnis der Kirche ist nicht perfekt. Es hat 400 Jahre gedauert, bis man sich darauf geeinigt hat, ja man hat um einzelne Aussagen gekämpft, ob man sie so oder auch anders glauben soll. Das kommt daher, dass jeder Mensch, auch Erwachsene, ihren eigenen Glauben immer wieder neu finden und lernen müssen. Wir werden gleich sehen: Dabei können wir Erwachsenen durchaus auch von Konfirmanden lernen.

Manche eurer Sätze haben mich tief beeindruckt und zum Nachdenken gebracht.

Bevor ich auf diese Sätze eingehe, singen wir das Lied 552, das auch ein Glaubensbekenntnis ist. Es erzählt einfach von Jesus, was er gemacht hat, wie er Menschen so beeindruckt hat, dass sie spürten und wussten: dieser Mann ist Gottes Sohn, auf ihn können wir vertrauen:
Einer ist unser Leben

Aber nun zu den Forschungsergebnissen der diesjährigen Gottsucherexpedition. Die Expedition bestand darin, dass ihr fünf angefangene Sätze zu Ende denken solltet.

Der erste Satz lautete: „Wenn ich Gott mit meinen Augen suchen wollte, würde ich am ehesten dorthin gucken…“

Überlegen Sie mal, wohin würden Sie Ihren Blick richten? Und was haben wohl die Konfis gesagt? Die meisten würden zum Himmel schauen. Oder in die Bibel. Einige würden Jesus ansehen oder sein Kreuz. Alles gute Methoden. Ein Konfirmand meinte: Er würde die Augen zumachen und versuchen, sich Gott in seiner Phantasie vorzustellen. Eine Konfirmandin hatte die gegenteilige Idee. Sie würde einfach aus dem Fenster schauen – Gott draußen suchen statt drinnen. Keine dieser Möglichkeiten ist falsch, alle versprechen Ergebnisse.

Wenn Gott sich uns zeigen will, dann kann er das durch die Bibel tun, indem wir uns auf Geschichten von Jesus, auf Worte von Menschen der Bibel einlassen. Aber warum sollen wir ihn nicht auch in unserem Innern oder draußen vor unserem Fenster entdecken können, wenn dort eine Frage, eine Herausforderung auftaucht, die uns mit Gott in Verbindung bringt.

Der zweite Satz: „Wenn ich mit Gott in Kontakt treten wollte, würde ich am ehesten Folgendes tun…“

Einige würden in die Kirche gehen. Oder beten. Einer stellt sich vor, in ein Kloster zu gehen mit einem Schweigegelübde. Gar nicht reden, dann kann Gott innen drin gespürt werden. Eine Konfirmandin wünscht sich eine App für ihr Smartphone, um Gott zu orten und ihm folgen zu können. Ob man Gott auch über Facebook kontaktieren kann? Vielleicht genügt der eigene Instinkt, um ihn zu spüren. Oder muss man Geister herbeirufen, die man beauftragt, Gott zu kontaktieren? In der Bibel ist es umgekehrt: Gott beauftragt Engel als Boten, um von sich aus mit Menschen in Kontakt zu kommen.

Dritter Satz: „Wenn ich Gott besuchen wollte, würde ich am ehesten dorthin gehen..“

In die Kirche würden die meisten gehen. Einige auch in den Vatikan, nach Jerusalem oder auf den Mond. Eine Konfirmandin würde in den Garten gehen. Ein Konfirmand auf den Friedhof. Einer würde Gott im eigenen Herzen besuchen. Fragwürdig fand ich die Methode, sich ins Koma versetzen zu lassen oder sogar den Tod zu suchen, damit man Gott besuchen kann – diese Methoden würde Gott nicht gut finden, da er uns unsere Lebenszeit geschenkt hat, damit wir ihm hier begegnen können und er hier seine Pläne mit uns hat.

Der vierte Satz lautete: „Wenn ich Gott in der Zeit finden wollte, würde ich am ehesten dorthin reisen…“

Ja, wohin würden die Konfis reisen, um Gott zu finden? In die Zeit, als Jesus geboren wurde. Ins Mittelalter. Zum Beginn des Universums. Einer würde dorthin reisen, wo der Lottojackpot gewonnen werden kann, um mit dem Gewinn eine Kirche zu bauen. Aber es gab auch jemanden, der einfach hiergeblieben ist.

Zuletzt dieser angefangene Satz: „Wenn ich Gott spüren wollte, würde ich am ehesten Folgendes tun…“

Das war wohl die schwierigste Aufgabe, und es gab nur wenige verschiedene Rückmeldungen:

Auf mein Herz hören, ihn mit der Hand begrüßen. Die meisten spüren Gott in ihrer Familie. Sie empfinden Dank für alles Gute, das sie erleben, und Nicht-Dank für alles Schlechte. Wie gesagt, sehr beeindruckend.

Aber nun stellt sich doch die Frage: Darf man sich von Gott überhaupt Vorstellungen und Bilder machen? Die Bibel sagt doch ausdrücklich: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen, das du anbetest!“ In der Bibel selbst stehen aber viele Bilder von Gott, wir können gar nicht anders. Wie können wir aber vermeiden, dass wir die Bilder anbeten, die wir uns machen, statt Gott selber anzubeten? Ist es überhaupt möglich, Gott selber kennenzulernen, der doch unsichtbar ist? Bleiben wir nicht von ihm getrennt, als wenn er hinter einer Wand versteckt wäre?

Der Dichter Rainer Maria Rilke hat vor 114 Jahren ein Gedicht geschrieben, das diesem Gottesdienst seinen Namen gegeben hat. Es heißt „Du, Nachbar Gott“, und der Dichter hat sich vorgestellt, als sei Gott ein einsamer Mensch, der nebenan wohnt, und auf den man ein bisschen achten muss, damit ihm nichts passiert. Ich klopfe lieber mal, um ein Zeichen zu bekommen, dass er noch lebt, ich höre ihn so selten atmen, es wäre doch schlimm, wenn niemand da wäre, um ihm zu helfen.

Das klingt absurd – wieso sollte Gott uns auf diese Weise brauchen? Ist Gott denn gebrechlich oder einsam? Er soll doch allmächtig sein!

Aber wenn wir die heutige Lesung aus dem Evangelium nach Matthäus 25, 31-40, gehört haben, erscheint uns dieser Gedanke vielleicht doch nicht so abwegig (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt…, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen, … und er wird [die Menschen] voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken.

Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben, ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir [das alles getan] …? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für [die] geringsten [unter meinen Geschwistern] getan habt, das habt ihr mir getan.

Jesus hat also wirklich gesagt: „Ihr helft mir, wenn ihr einen Kranken besucht! Vielleicht bin ich wirklich euer alter Nachbar, der allein wohnt und auf den ihr achten solltet, damit er nicht irgendwann einmal tot in der Wohnung liegt und man findet ihn erst nach Wochen.“

Der Text des Gedichtes ist oben an der Wand zu sehen. Die Gruppe „Duo Camillo“ hat dieses Gedicht vertont; wir haben leider nicht Fabian Vogt bei uns, der es wunderschön singen kann; aber der Komponist Martin Schultheiß hat mir die Noten und die Erlaubnis geschickt, dass wir es hier im Gottesdienst spielen und singen dürfen. Und genau zum richtigen Zeitpunkt ist soeben Werner Schütz eingetroffen; er ist Keyboarder der Band „Connection Failed“, die heute Nachmittag zum Abschluss des Gemeindefestes auftreten wird; auch er war wie Grit Laux vor einigen Jahren als Organist in der Paulusgemeinde tätig; und er hat sich gestern Abend kurzfristig dazu bereit erklärt, mich beim Singen dieses Liedes am Klavier zu begleiten. Gemeinsam haben wir es nicht noch einmal üben können, aber ich denke, es wird klappen, nachdem wir uns jeder für sich gestern Abend auf unser Zusammenspiel vorbereitet haben.

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manchesmal in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, –
so ists, weil ich dich selten atmen höre und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da, um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen. Ich bin ganz nah.

Wir bauen Bilder vor dir auf wie Wände; so dass schon tausend Mauern um dich stehn.
Denn dich verhüllen unsre frommen Hände, sooft dich unsre Herzen offen sehn.

Und deine Bilder stehn vor dir wie Namen, und wenn einmal das Licht in mir entbrennt,
mit welchem meine Tiefe dich erkennt, vergeudet sichs als Glanz auf ihren Rahmen.
Und meine Sinne, welche schnell erlahmen, sind ohne Heimat und von dir getrennt.

Wir bauen Bilder vor dir auf wie Wände; so dass schon tausend Mauern um dich stehn.
Denn dich verhüllen unsre frommen Hände, sooft dich unsre Herzen offen sehn.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns, durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds – und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut. Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.

Wir bauen Bilder vor dir auf wie Wände; so dass schon tausend Mauern um dich stehn.
Denn dich verhüllen unsre frommen Hände, sooft dich unsre Herzen offen sehn.

„Du, Nachbar Gott“ – ich finde es eindrucksvoll, wie der Dichter ein Bild von Gott uns vor Augen stellt – und zugleich zeigt er uns, dass unsere Bilder von Gott ganz leise einstürzen müssen, wenn wir sie zu ernst nehmen, als wären sie Gott selbst. Erst dann begegnen wir Gott, wenn Gott selber da ist, unsichtbar und lebendig, immer wieder anders, als wir ihn uns vorstellen.

Eine von fünf Untergruppen der diesjährigen Konfis nennt sich Girls

Eine von fünf Untergruppen der diesjährigen Konfis nennt sich „Girls“

Ihr Konfirmanden habt euch auch einmal vorgestellt, wie das ist, wenn Gott unser Nachbar ist. Da ist das Bild von vier unserer Konfirmandinnen, die sich die „Girls“ nennen: Gott und die Konfis Haustür an Haustür, und beide Türen sind verbunden durch ein Herz.

Zwei Türen mit der Aufschrift "Gott" und "Konfis", verbunden durch ein HerzIch finde das schön: Diese Mädchen sind überzeugt, Gott hat uns lieb und wir sind ihm in Liebe verbunden.

„The Chicos“ ist der Name einer Gruppe von Jungs im Konfi-Jahrgang

„The Chicos“ ist der Name einer Gruppe von Jungs im Konfi-Jahrgang

Der Gruß „Grüß Gott“ über den Gartenzaun hinwegEine Gruppe von Jungs, die sich den Namen „The Chicos“ gegeben haben, ist etwas anders an die Frage herangegangen. Diese Konfis haben gemeint, dass Gott dort unser guter Nachbar ist, wo Nachbarn in Respekt und im Frieden miteinander wohnen.

Dann kamen sie darauf, dass es ein Land gibt, in dem sich Nachbarn am Gartenzaun „Grüß Gott“ sagen. Sie begegnen sich, indem sie sich einen Gruß von Gott wünschen: „Grüß dich Gott“, und vertrauen darauf, dass Gott ihnen dabei hilft, Frieden zu halten.

Das Land Bayern auf der Landkarte der Konfis etwas ungewöhnlich platziert im Norden von Deutschland, das wiederum inmitten von Japan, USA Indien, Europa, Australien und dem Pazifischen Ozean liegt...Wo dieses Land liegt, kann man auf dem Bild sehen; es liegt zwischen dem Pazifischen Ozean, Japan und Indien, es grenzt an Polen, Russland und die Türkei, es ist ein Teil von Deutschland, und durch die Lupe betrachtet kann man seinen Namen erkennen: „ein ganz normaler Morgen in Bayern“.

Eine weitere Konfi-Gruppe hat sich den Namen „Unleashed“ = „Entfesselt“ gegeben

Eine weitere Konfi-Gruppe hat sich den Namen „Unleashed“ = „Entfesselt“ gegeben

Andere Jungen, die sich „Unleashed“ nennen, also die Gruppe der Entfesselten, haben Gott in weißer Farbe auf weißem Grund gemalt. Immerhin besteht er aus Licht, und sehen kann man ihn ohnehin nicht. Sein Gesicht ist durch ein Fragezeichen verdeckt, denn ein Bild von Gott soll und kann man sich nicht machen.

Gott als Mann mit Fragezeichen im Gesicht in weißer Farbe (Kreide) auf weißem Grund (Papier)Wir kommen zwar nicht ohne Bilder aus, wenn wir etwas von Gott sagen wollen. Aber Gott ist immer anders als die Bilder und Vorstellungen, die wir von ihm haben. Und, wie Rilke in seinem Gedicht sagte: „Wir bauen Bilder vor dir auf wie Wände“ – wenn das passiert, dass Bilder Gott daran hindern, wirklich Kontakt zu uns aufzunehmen, dann wird es Zeit, dass die Wände, die Bilder, eingerissen werden, vielleicht um anderen Bildern Platz zu machen, oder um wirklich Gott in unserem Herzen zu spüren.

Die Mädchen der Gruppe „Best friends“ halten als beste Freundinnen zusammen

Die Mädchen der Gruppe „Best friends“ halten als beste Freundinnen zusammen

Die schmale Wand zwischen Himmel und Erde haben vier Konfirmandinnen gemalt, die sich „Best friends“ nennen. Links die Erde mit Wiese, Baum und dem irdischen Wolkenhimmel, der von Vögeln bevölkert ist. Und rechts der Himmel Gottes, wo zwar auch Vögel und eine große Sonne zu sehen sind, die wir von unserem normalen Himmel kennen, aber dort gibt es außerdem Engel, die normalerweise genauso unsichtbar sind wie Gott selbst.

Gott und Konfis reichen sich die Hände durch die Mauer hindurch, die das Land der Erde vom Himmel trenntBeeindruckend finde ich: die Wand zwischen Himmel und Erde ist durchbrochen, indem Gott und Mensch sich die Hand reichen. Gott streckt seine Hand nach uns aus, und wir können sie ergreifen, so sieht gute Nachbarschaft zwischen Gott und uns aus.

Die Gruppe „Vasipaniniiv“ besteht aus Jungen und Mädchen und nennt sich nach ihren Anfangssilben

Die Gruppe „Vasipaniniiv“ besteht aus Jungen und Mädchen und nennt sich nach ihren Anfangssilben

Das fünfte Bild hat die Konfi-Gruppe „Vasipaniniiv“ gemalt. Was das bedeutet, können Sie nachher erfragen. Hier sind einfach zwei Häuser nebeneinander gemalt. Durch die Fenster des einen sieht man eine Küche und einen Katzenkratzbaum und ein Schlafzimmer. Daneben ist ein kleineres Haus mit Blumen am Fenster, ganz schlicht. „Das ist das Haus von Gott“, meinen die Konfis. Er wohnt nebenan, er braucht keine große Villa. Vielleicht braucht er uns, denn es mag sein, dass er uns genau in dem Nachbarn begegnet, der uns ständig nervt, der es aber nicht schafft, alleine den Schnee wegzuräumen.

Gott wohnt einfach im Haus nebenan, meinen die Konfis, die dieses Bild von zwei Nachbarhäusern gezeichnet habenSo viel zu den Bildern, die ihr gemalt habt.

Heute Nachmittag um 13 Uhr werdet ihr draußen auf dem Rasen noch einmal ganz anders in Aktion treten, nämlich mit Rhythmus und Musik im Projekt „Be[a]tween“. Auch mit Musik kann man seinen Glauben ganz unterschiedlich ausdrücken. So verschieden die Menschen sind, so verschieden sind auch ihre Ausdrucksweisen für ihre Beziehung zu Gott, von klassischer Musik bis zu Orgelklängen, von den Kinderstimmen im Belcantochor bis zur Rockmusik, die wir zum Abschluss unseres Gemeindefestes hören werden, von den Rhythmen der Konfis bis zu den Gesängen der Capoeira-Gruppe.

Genug geredet, jetzt noch einmal gesungen, und zwar wieder alle gemeinsam. Es ist ein Lied, das auch von Menschen handelt, in denen Gott uns als Nachbar begegnen will. Der Text erscheint oben an der Wand:

Siehst du dort den alten Mann, mit ausgetretnen Schuhn…

Lasst uns beten.

Du, Nachbar Gott – lass uns dich spüren, in den vertrauten Bildern des Glaubens, die uns bis heute getragen haben, aber auch in den Fragen, die uns dich nur ahnen lassen. Wir beten auch für die, die von dir enttäuscht sind und sich vom Glauben abgewendet haben. Lass sie Vertrauen finden, das ihr Leben trägt.

Du, Nachbar Gott – du bist auch bei den Menschen in Nordindien, die immer noch von einer schweren Flutkatastrophe betroffen sind. Wir beten für die vielen, die dort ums Leben gekommen sind und für alle, die das Wenige, das sie besitzen verloren haben. Wir beten auch für die Menschen in unserem Land, deren Häuser und Wohnungen das Hochwasser zerstört hat.

Du, Nachbar Gott, wir beten für alle, die eine schwere Last tragen. Für alle kranken und einsamen Menschen. Für alle, denen das Nötigste fehlt. Für alle, die wegen ihrer Nationalität oder Religion ausgegrenzt oder verfolgt werden. Wer sich fragt, wo du bist, wenn es doch so viel Leid auf der Erde gibt, der darf die Antwort hören: Du bist genau dort, wo Menschen leiden. Und wenn Menschen in deinem Namen verdammt oder ausgegrenzt werden, dann bist du gerade diesen Menschen besonders nahe.

Du, Nachbar Gott – lass uns dich erkennen, wo wir dich am wenigsten vermuten: in den Menschen, die uns ärgern, die uns stören, die aber vielleicht gerade uns brauchen, die eine Herausforderung darstellen, damit wir lernen, uns zu überwinden, uns zu verändern.

Du, Nachbar Gott – begegne uns heute auf dem Gemeindefest, im Reden und Zuhören, im Mithelfen und im einfachen Genießen des Festes, in dem, was wir anderen zeigen wollen, und in dem was andere uns darbieten, die sich lange auf ihre Vorführung vorbereitet haben. Begegne uns in Spiel und Spaß, in Musik und Capoeira, beim Essen und Trinken.

In der Stille bringen wir vor dich, was wir persönlich auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen als Schlusslied Nr. 628, das Lied vom Brückenbauen:

Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen
Abkündigungen
Grußwort von Herrn Professor Wolfgang Grieb für die Evangelische Thomasgemeinde Gießen

Und nun folgt aus dem bekannten Grund heute kein Orgelnachspiel – wir haben nachher ja auch noch genug Musik draußen beim Gemeindefest. Aber ohne den Segen Gottes gehen wir nicht nach draußen in den Festtrubel hinein:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen.

Und im Anschluss Impressionen vom Gemeindefest „Wir sind alle Nachbarn“

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