Anders unterscheiden

Wir begegnen Menschen, die in Jesu Geist mit uns umgehen, und spüren, dass zunächst wir die Bedürftigen sind, die auf Zuwendung, Befreiung, Ermutigung angewiesen sind, wenn wir anderen davon weitergeben wollen. Die Unterscheidung zwischen Helfern, die nur geben, und Hilfsbedürftigen, die nur empfangen, wird aufgehoben. Jeder braucht Hilfe und jeder kann helfen – diese brüderliche Gemeinschaft hat Jesus im Auge.

Kirchenfenster mit Christus als Weltenrichter

Jesus Christus als Weltenrichter (Foto des Kirchenfensters: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Volkstrauertag, 18. November 1979, um 9.30 in Reichelsheim, um 10.30 in Heuchelheim
Orgelvorspiel
Lied EKG 392, 1-2 (nicht im EG):

1. Gott Lob, nun ist erschollen das edle Fried- und Freudenwort, dass nunmehr ruhen sollen die Spieß und Schwerter und ihr Mord. Wohlauf und nimm nun wieder dein Saitenspiel hervor, o Deutschland, und sing Lieder im im hohen, vollen Chor. Erhebe dein Gemüte zu deinem Gott und sprich: Herr, deine Gnad und Güte bleibt dennoch ewiglich.

2. Wir haben nichts verdienet als schwere Straf und großen Zorn, weil stets noch bei uns grünet der freche, schnöde Sündendorn. Wir sind fürwahr geschlagen mit harter, scharfer Rut, und dennoch muss man fragen: „Wer ist, der Buße tut?“ Wir sind und bleiben böse, Gott ist und bleibet treu, hilft, dass sich bei uns löse der Krieg und sein Geschrei.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Das ist uns von Gott gesagt (Psalm 50, 15):

„Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.“

Herr, dieser Tag ist für viele Menschen erfüllt von Tränen, Klage und Trauer. Bitterkeit, Zorn und Angst wollen in uns eindringen, wenn wir an die Kriege und ihre Opfer denken. Nun aber trittst du mit deinem Wort vor uns und reißt uns heraus aus unseren Gedanken und Gefühlen; denn dein Wort ist und bleibt ein Wort der Liebe. Viele unter uns können die Erfahrungen ihres Lebens und deine Botschaft an sie nicht miteinander vereinen. Dennoch sind wir jetzt in diesem Gottesdienst versammelt; wir möchten dir begegnen und dich besser verstehen. Zeige dich uns, offenbare dich uns als der, der auf uns wartet und dessen Liebe unumkehrbar ist. Um Jesu Christi willen, unseres Bruders und Herrn hier und in Ewigkeit. Amen.

Lesung: Römer 8, 18-23

18 Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.

19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.

20 Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung;

21 denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.

22 Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.

23 Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.

Lied EKG 300, 1-3 (EG 352):

1. Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen über alles Geld und Gut. Wer auf Gott sein Hoffnung setzet, der behält ganz unverletzet einen freien Heldenmut.

2. Der mich bisher hat ernähret und mir manches Glück bescheret, ist und bleibet ewig mein. Der mich wunderbar geführet und noch leitet und regieret, wird forthin mein Helfer sein.

3. Sollt ich mich bemühn um Sachen, die nur Sorg und Unruh machen und ganz unbeständig sind? Nein, ich will nach Gütern ringen, die mir wahre Ruhe bringen, die man in der Welt nicht find’t.

Der Friede Gottes sei mit uns allen. Amen.

Der Predigttext des heutigen Sonntags steht im Evangelium nach Matthäus 25, 31-46.

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit,

32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet,

33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!

35 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.

36 Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.

37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? oder durstig und haben dir zu trinken gegeben?

38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? oder nackt und haben dich gekleidet?

39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln!

42 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben.

43 Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen, und ihr habt mich nicht besucht.

44 Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?

45 Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.

46 Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Liebe Gemeinde!

So einfach ist das also. So einfach ist es, den Willen Gottes zu erkennen und zu erfüllen. Gott will, so sagt es Jesu in dieser Bildrede vom letzten Gericht, dass die Hungrigen zu essen bekommen, die Fremden ein Obdach, die Kranken Pflege und die Gefangenen jemanden, der sich um sie kümmert. Darauf läuft das Evangelium hinaus – die Menschen sollen wie Brüder und Schwestern verantwortlich füreinander einstehen, weil alle einen Vater haben, nämlich Gott, der alle Menschen liebt.

Einfach ist diese Botschaft – wir sehen leicht ihren Sinn ein und freuen uns über das Bild von der Brüderlichkeit. Und doch scheint dieses Einfache das Schwerste von der Welt zu sein. Denn es kommt so häufig vor, dass Hungernde nichts zu essen bekommen, weil wir uns nicht verantwortlich für sie fühlen; dass Obdachlose nicht aufgenommen werden, weil wir sie für ihr Schicksal allein verantwortlich machen; dass Kranke nicht besucht werden, weil wir Angst vor der Begegnung mit dem Leiden und Sterben haben; dass Gefangene nicht besucht werden, weil wir sie als Menschen unseresgleichen abgeschrieben haben. Es fällt viel leichter, das alles nicht zu tun, was eine brüderliche Welt ausmacht. Es ist leichter, nichts wirklich ernstzunehmen, alles zu zerreden, keine Anstrengung zu unternehmen, ein Problem wirklich zu begreifen, alles so weiterlaufen zu lassen, wie es eben läuft – einschließlich der alten Vorurteile und der bequemen Trägheit. Vielleicht fühlt man sich nicht ganz wohl dabei, vielleicht langweilt man sich – denn Langeweile wird nachhaltig nur durch die Aufgaben überwunden, die man sich stellt, durch Verantwortung, die man übernimmt. Dann kennt man nicht mehr Langeweile und kaum noch freie Zeit, jedenfalls nicht mehr unausgefüllte Zeit.

Die beiden Gruppen in der Geschichte – links und rechts, sie wissen merkwürdigerweise gar nicht, was sie getan haben. Beide fragen: wann haben wir dir geholfen? Wann haben wir dir nicht geholfen? Beiden Gruppen war selbstverständlich, was sie getan haben. Für die einen war es nichts Besonderes, mit den Hungernden, Fremden, Kranken und Leidenden zu leben. Die anderen fanden es selbstverständlich, nur an sich zu denken, an den eigenen Lebensstandard, die eigene Sicherheit, das eigene Überleben, die eigene Familie und an die Freunde. Den Leuten der ersten Gruppe ist es gar nicht in den Sinn gekommen, dass sie etwas Besonderes für Jesus taten – vielleicht lehnen einige unter ihnen Religion und Kirche sogar ab. Und in der zweiten Gruppe kann es durchaus Menschen geben, die sich Jesus sehr verbunden fühlen und sich zur Kirche halten – aber mit den geringsten der Brüder Jesu kommen sie gar nicht in Kontakt.

Jesus unterscheidet also anders als wir. Er trennt nicht nach religiös und unreligiös, nach kirchlich und unkirchlich, nach Nationalität oder Parteizugehörigkeit. Seine Unterscheidung kann gar nicht aus unserem begrenzten Sichtwinkel aus getroffen werden, nicht von außen, ja, nicht einmal von innen, wie die Betroffenen in der Geschichte überrascht feststellen. Doch wenn wir auch das Urteil über uns selbst nicht kennen, so wissen wir doch Bescheid über das, was wir tun sollten. So selbstverständlich, wie uns die Sorge um das eigene Leben ist, so selbstverständlich sollte uns die Sorge um das Leben der anderen werden, der Hungernden, Fremden, Kranken, Gefangenen.

Aber ist das möglich? Schaffen wir das? Brauchen wir nicht immer wieder Vergebung? Dass wir Vergebung erhoffen dürfen, soll den Ernst dieser Worte Jesu nicht abschwächen. Vergebung bedeutet ja nicht, dass wir unser unbrüderliches Leben immer so weiterlaufen lassen sollten, sondern Vergebung ist Befreiung zu brüderlichem Verhalten.

Solche Befreiung haben wir auch bitter nötig. Zunächst sind wir es selbst, die gesättigt, getränkt, getröstet, besucht zu werden nötig haben. Hunger und Durst sind uns gestillt, das nehmen wir zu selbstverständlich hin. Wer krank war, weiß, wie sehr er auf die Nähe und Wärme der wenigen angewiesen war, die sich um ihn gekümmert haben. Jeder von uns braucht andere Menschen, die ihm den Hunger nach Liebe stillen. Den Durst nach Worten der Anerkennung oder der Kritik, durch die man sich ernstgenommen fühlt. Wer im Ort noch fremd ist, braucht Menschen, die ihm Vertrauen entgegenbringen. Wenn die Überlastung krank macht, der freut sich über den aufmunternden Besuch eines Freundes. Wir brauchen schließlich die Befreiung aus den Gefängnissen unserer vorgefassten Meinungen, unseres alltäglichen Trotts, unserer Hemmungen vor anderen, um deretwillen so viele gute Schritte nicht getan werden, unserer Angst, uns preiszugeben oder anzuecken.

Wenn wir uns auf den Glauben an Jesus Christus einlassen, machen wir solche Erfahrungen. Im Kontakt mit ihm erfuhren die Jünger die Liebe Gottes, die unbedingte Anerkennung ihrer Person, Befreiung aus den Gefängnissen ihrer Angst und ihrer Schuld. Sie erfuhren, als Jesus starb, dass er dennoch weiter der Lebendige war und ist – derjenige, von dem weiterhin unbedingte Liebe und Mut zur Brüderlichkeit zu erwarten ist. Wir lesen und hören von Jesus oder wir begegnen Menschen, die in seinem Geist mit uns umgehen – dann spüren wir, dass zunächst wir die Bedürftigen sind, die auf Zuwendung, Befreiung, Ermutigung angewiesen sind. Wir haben all das nötig, wenn wir anderen davon weitergeben wollen. Die Unterscheidung zwischen Helfern, die nur geben, und Hilfsbedürftigen, die nur empfangen, wird aufgehoben. Jeder braucht Hilfe und jeder kann helfen – diese brüderliche Gemeinschaft hat Jesus im Auge.

Wir wissen: es gibt starke Widerstände gegen die Brüderlichkeit, sowohl in uns als auch in den Verhältnissen der Welt. Der Krieg ist wohl der größte Gegensatz, den man sich zur Brüderlichkeit vorstellen kann. Wir denken heute am Volkstrauertag an die Kriege, die Menschen ausgelöst haben, weil sie meinten, das eigene Volk käme sonst zu kurz; bestimmte Interessen seien nur durch einen Krieg zu wahren; Gewalt sei das einzige Mittel, um das Vaterland vor den Feinden zu schützen.

Wenn wir unseren Bibeltext ernstnehmen, müssen wir Feindbilder in Frage stellen, wie die Deutschen sie früher in den Franzosen oder im Kalten Krieg in den Russen hatten. Denn es gibt keine Grenze, auch nicht die Grenze zum politischen Gegner oder zum Angehörigen eines anderen Volkes, an der wir aufhören sollten, Brot, Wasser, Kleidung, Kontakte usw. zur Verfügung zu stellen. Es ist gerade anders herum: brüderliches Handeln auch über Grenzen hinweg kann mögliche Kriegsursachen beseitigen helfen.

Unser Text steht auch gegen das, was wir noch als Selbstverständlichkeit empfinden: dass wir Sicherheit von Waffen und trotz aller Bekenntnisse zur Abrüstung von immer stärkerer Aufrüstung erwarten. Der Weltrichter entscheidet nicht über uns danach, ob wir alles getan haben, um die Abschreckung im Gleichgewicht zu halten, auch nicht danach, ob wir bereit sind, das sogenannte christliche Abendland militärisch zu schützen, sondern danach, wieviel wir für die Menschlichkeit unter den Menschen aufwenden. Kriegsvorbereitung, um den Krieg zu verhindern, das ist uns so selbstverständlich, dass wir unsere Steuern dafür zahlen, dass die meisten jungen Männer zur Bundeswehr gehen. Friedensdienste ohne Waffen zu unterstützen, steht längst nicht so hoch im Kurs. Also solche Gruppen, die für einen Frieden arbeiten, der mehr ist als die Abwesenheit von Krieg, die versuchen, Spannungen abzubauen, sich sozial zu engagieren und sich auch gefühlsmäßig zu einer Haltung des Friedens und der Verständigung mit Gegnern zu erziehen. Den Frieden ins Gefühl zu bekommen, das könnte bedeuten: es wird uns ganz unmöglich, anderen Menschen brutal zu begegnen, es wird selbstverständlich, spontan zu helfen, das Unsere mit Fremden zu teilen, Unheil zu verhüten, für Abrüstung einzutreten und denen zu widersprechen, die z. B. mit kriegerischen Mitteln unser Erdöl sichern wollen.

Die Welt wird nicht mit einem Schlag brüderlich. Die Schafe bleiben unter den Böcken. Doch keiner hat die Ausrede, Brüderlichkeit sei gar nicht möglich in so einer Welt. Jeder kann Hungernden helfen, sich ihren Lebensunterhalt zu beschaffen, kann Kranke besuchen, Gefangene unterstützen, Fremden ein Freund werden, kann Vorurteile abbauen, kann sich gegen die Sprache der Waffen aussprechen. So entsteht ein neues Volk unter allen Völkern, das Volk derjenigen, die sich nicht mit vorgegebenen Teilungen und Einteilungen abfinden. Vom Gottesvolk hat man früher gesagt, es habe seine Heimat nicht in irgendeinem Land dieser Erde, sondern im Himmel. Das kann so viel bedeuten, dass wir am Volkstrauertag jedenfalls nicht die Interessen unseres eigenen Volkes in irgendeiner Weise höher stellen können als die der anderen Völker, sondern dass wir alles für den Frieden und die Verständigung unter den Völkern tun. Und das fängt schon beim Zusammenleben mit den ausländischen Mitbürgern in der eigenen Gemeinde an. Amen.

Lied EKG 300, 4-6 (EG 352):

4. Hoffnung kann das Herz erquicken; was ich wünsche, wird sich schicken, wenn es meinem Gott gefällt. Meine Seele, Leib und Leben hab ich seiner Gnad ergeben und ihm alles heimgestellt.

5. Er weiß schon nach seinem Willen mein Verlangen zu erfüllen, es hat alles seine Zeit. Ich hab ihm nichts vorzuschreiben; wie Gott will, so muss es bleiben, wann Gott will, bin ich bereit.

6. Soll ich hier noch länger leben, will ich ihm nicht widerstreben, ich verlasse mich auf ihn. Ist doch nichts, das lang bestehet, alles Irdische vergehet und fährt wie ein Strom dahin.

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