Ein Licht, das in Abgründe hineinleuchtet

Trauerfeier für einen Einzelgänger, der genau wusste, was er wollte. Ich betrachte, um von ihm Abschied zu nehmen, seinen Konfirmationsspruch, in dem es um Jesus, das Licht der Welt geht.

Licht für die Abgründe der Welt: Eine runde Glaswand umschließt einen dunklen Abgrund, hinter der Wand scheint Kaufhauslicht zu leuchten

Gibt es Licht für die Abgründe der Welt? (Bild: cocoparisienne – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, weil Herr U. im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist und wir ihm die letzte Ehre erweisen möchten.

Wir denken an sein Leben. Wir denken an das, was uns mit ihm verbindet. Wir beten zu Gott, zu dem wir gehören im Leben und im Sterben, und hören auf sein Wort.

Gott, unsere Zuflucht, du bist ewig und unvergänglich. Du warst vor uns und wirst nach uns sein. Unser Leben aber ist vergänglich und unvollkommen. Der Tod von Herrn U. macht uns das neu bewusst. Wir vertrauen auf dich: du heilst Wunden, du vollendest das Unvollendete, du vergibst Schuld, du nimmst uns am Ende mit Ehren an. Amen.

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 103:

2 Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

6 Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten

18 und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.

Liebe Trauergemeinde!

Wir nehmen Abschied von einem Menschen, der bescheiden war und in großer Zurückhaltung gelebt hat. Über achtzig Jahre hinweg spannt sich der Bogen dieses Lebens.

Bei seiner Konfirmation erhielt er von seinem Pfarrer einen Bibelvers aus Johannes 8, 12 mit auf den Weg. Jesus Christus spricht:

Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Ein gewaltiges Wort wurde ihm damals auf den Konfirmationsschein geschrieben. Es enthält die Anfrage an jedes Leben – stehen wir im Licht oder in der Finsternis? Wovon hängt es ab, ob wir über unser Leben am Ende sagen können: „Ja, ich habe das Licht des Lebens – und ich verliere es nicht!“ Kann es dunkel um uns herum sein und dennoch hell in unserem Innern – oder auch umgekehrt? Gott geht jedenfalls nicht nach dem äußeren Anschein, sondern er schaut das Herz an. Christus lässt sich nicht einmal durch menschliche Unvollkommenheit beirren, er schafft Licht, wo wir nur Finsternis sehen, er nimmt uns an, selbst wenn wir uns für unannehmbar halten. Er legt den Finger auf unsere Wunden, nicht um uns bloßzustellen, sondern um uns zu heilen.

Licht und Finsternis – rein äußerlich folgte beides für Herrn U. Unmittelbar nach der Konfirmation begann er eine Handwerkerlehre und schloss sie mit der Gesellenprüfung ab. Aber schon bald musste er zum Kriegseinsatz; er wurde verwundet und geriet in Gefangenschaft. Nach dem Krieg ließ er sich im Westen nieder und fand eine dauerhafte Anstellung; über dreißig Jahre lang hielt er seinem Betrieb die Treue bis zu seinem Ruhestand.

Als Einzelgänger lebte er sehr bescheiden und gönnte sich nur das, was unbedingt zum Leben nötig war. In den Urlaub fuhr er mit Fahrrad und Zelt, auch ins Ausland. Das Fahrradfahren hat er auch im Alter nicht aufgegeben, so konnte er sich zum Schluss besser fortbewegen als zu Fuß. Er spielte gern Schach, er liebte das Schwimmen, sehr genau und mit Leidenschaft verfolgte er die Börse und besuchte sogar Aktionärsversammlungen. Er war zurückhaltend, aber er wusste genau, was er wollte.

Geheiratet hat er nie, vielleicht weil er sich eine Idealpartnerin ersehnte, die er einfach nicht fand. Ein Eremit wurde er wohl auch darum, um sich vor allzu großen Enttäuschungen zu schützen.

Aber seine Verwandtschaft erlebte ihn als rücksichtsvollen und korrekten Menschen, der gern geholfen hat, wenn jemand in Not war. Einige von Ihnen haben ihn auch besucht, als es ihm in den letzten Wochen sehr schlecht ging.

Ein besonderes Geschenk war es, dass ein jüngerer Nachbar ihn auf seinem Leidensweg durch die Krankenhäuser und in der Kurzzeitpflege begleitete. Da ist ein Stück Vertrauen entstanden, das für Herrn U. nicht selbstverständlich war.

Ja, wie ist es nun mit der Anfrage an das Leben, die mit dem Wort Jesu gestellt ist (Johannes 8, 12):

Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Wer blickt schon in das Herz eines Menschen? Wer weiß, woran einer glaubt, vor allem, wenn er solch ein Einsiedler ist? Wir können nicht urteilen über das Leben eines anderen, keiner kann das – außer Gott selbst. Ihm vertrauen wir heute auch diesen Verstorbenen an: ihm, dem gnädigen Gott, der uns besser kennt als wir uns selber kennen, dem niemand etwas vormachen kann. In seiner Liebe ist alles in unserem Leben in helles Licht getaucht – und nur das behält seinen Wert, was wir einander als Mensch bedeutet haben und was wir an Liebe schenken und empfangen durften.

Wovon hängt es ab, ob wir über unser Leben am Ende sagen können: Ja, ich habe das Licht des Lebens – und ich verliere es nicht! Es hängt nicht von äußeren Umständen ab – nicht vom Lebensalter, nicht von Unglück und Krieg, nicht vom Glück an der Börse oder von der Tüchtigkeit im Beruf. Worauf es wirklich ankommt, das sind vielleicht diese Momente, in denen einer dem anderen begegnet und merkt: Der braucht mich jetzt, hier passiert etwas wirklich Wichtiges. So kann gerade in den scheinbar dunkelsten Augenblicken eines Lebens der kostbare Wert dieses Lebens aufstrahlen.

Als Johannes in seinem Evangelium dieses Wort Jesu aufschrieb: „Ich bin das Licht der Welt“, da wusste er von diesem Menschen, dass er den absoluten Tiefpunkt eines menschlichen Lebens durchschritten hatte: den Tod am Kreuz, am römischen Galgen. Trotzdem hielt der Evangelist daran fest: dieser Mensch hat das Dunkel überwunden, hat die Finsternis des Todes und der Sünde besiegt, er ist in Wahrheit das Licht, das in alle Abgründe unseres Menschseins hineinleuchtet. Von diesem Jesus konnte unser Glaubensbekenntnis später so großartige Dinge aussagen wie die, die in dem scheinbar düsteren Fensterbild hier an der Wand in der Friedhofskapelle dargestellt sind: nämlich dass er begraben wurde und hinabstieg in das Reich des Todes – aber nicht um dort zu bleiben, sondern um alle mit sich hinaufzuziehen in die ewige Herrlichkeit – in der Auferstehung am Dritten Tage.

Im Vertrauen auf den Sieg Christi, den wir mit Recht das Licht der Welt nennen und der alles überwindet, was in unseren Herzen und in unserer Welt finster ist, dürfen wir heute getrost Abschied nehmen von Herrn U. Amen.

Orgelmusik: Ave Maria

Wir beten mit Worten aus dem Lied 533:

Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

Barmherziger Gott, nimm Herrn U. gnädig auf in dein himmlisches Reich. Dank wollen wir dir sagen für alles, was wir in der Begegnung mit ihm an Liebe und Segen erfahren haben. Bitten wollen wir dich, dass du uns weiterhin begleitest auf unserem Lebensweg, dass wir erkennen, wie kostbar unser Leben ist, dass wir verantwortlich mit allem umgehen, was du uns geschenkt hast. Hilf uns, einander anzunehmen, wie du uns angenommen hast durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

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