Unterschiede nicht überbetonen!

Interreligiöse Feier als Beispiel gelebter „Nachbarschaft der Religionen“.

Mehrere Herzen umschließen einander und ein Haus in der Mitte

Ein Kindergartenkind malt gute Nachbarschaft

Können Menschen verschiedener Religion in guter Nachbarschaft zusammenleben? Im Alltag gelingt das mehr oder weniger gut, nicht anders als mit Nachbarn gleicher Religion oder Kulturzugehörigkeit.

Menschen, denen ihre Religion wichtig ist, die – je nachdem – in die Kirche, in die Moschee oder in den Tempel gehen, leben häufig nebeneinander her. Ihre Religionen und Lehren scheinen einander auszuschließen. Jesus sagt (frei nach Johannes 14, 6): „Ich bin der eine Weg zu Gott, dem Vater.“ Mohammed erklärt (an einigen Stellen im Koran): „Niemand darf sich Sohn Gottes nennen.“ Buddhisten wollen gar nicht von Gott reden, sondern nach Buddhas Lehren leben. Ist es nicht verständlich, wenn man lieber für sich bleibt?

Die Erfahrung zeigt aber, dass sich Unterschiede nur dann trennend auswirken müssen, wenn man sie – vielleicht aus mangelndem Selbstbewusstsein? – überbetont. Ein Goldener Konfirmand, der aus einer katholischen Familie stammte, erzählte mir, dass er vom Pfarrer unserer Gemeinde bestraft wurde, wenn ihm im Unterricht vor Schreck ein katholisches Kraftwort wie „Jesses“ entfuhr. Katholische Freunde sollte ein evangelischer Jugendlicher erst recht nicht haben. Dass solche Vorbehalte heute überwunden sind, macht Hoffnung auch für interreligiöse gute Nachbarschaft. Gott ist größer als unsere Gedanken über Gott – diese Einsicht verhilft uns zum Respekt vor dem, der anders glaubt.

Menschenspiel der Handpuppen Lutz und Gabi bei der ersten interreligiösen Feier im Hof des Kinder- und Familienzentrums der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen

Menschenspiel der Handpuppen Lutz und Gabi bei der ersten interreligiösen Feier im Hof des Kinder- und Familienzentrums der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen

In unserem evangelischen Kinder- und Familienzentrum fühlen sich christliche, muslimische und einzelne buddhistische Kinder gemeinsam „zu Hause“. Zu Familiengottesdiensten waren aber die nicht-christlichen Kinder und Familien bisher immer nur als Gäste eingeladen. Daher haben wir am 25. März auf dem Hof vor dem Familienzentrum erstmals eine interreligiöse Feier gewagt – Christen und Muslime gemeinsam. Abderrahim en-Nosse, Mitglied der Islamischen Gemeinde Gießen, las zu Beginn die Sure 4, 36 aus dem Koran, in der es heißt: „Erweiset Güte dem Nachbarn, der ein Fremder ist.“ Ich ergänzte aus dem biblischen Buch Sirach 25, 1-2: „Es gefällt Gott und den Menschen wohl, wenn Nachbarn sich lieb haben.“

Zwei Handpuppen, eine evangelische Erzieherin und eine muslimische Mutter, ein evangelischer Pfarrer und ein muslimischer Lehrer führten ein „Menschenspiel“ auf, in dem Herr Meier seinen Ärger über seine Nachbarn durch ein Gespräch im Treppenflur überwindet. Für uns war die interreligiöse Feier ein Anfang, um im Respekt voreinander Unterschiede nicht überzubewerten und uns an Gemeinsamkeiten zu erfreuen.

Pfarrer Helmut Schütz

Geistliches Wort Juni 2012 im Gießener Gemeindebrief „Evangelisch in der Nordstadt“

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