Heilsame Grenzüberschreitung

Ökumene als Weg zur versöhnten Vielfalt.

Dieser Aufsatz wurde im Frühjahr 2008 für ein Buch geschrieben, das die katholische Pfarrgemeinde St. Albertus Gießen zu ihrem 50-jährigen Bestehen herausgab. Dort konnte er nur in gekürzter Form gedruckt werden. Auch im Deutschen Pfarrerblatt erschien im März 2009 eine an anderen Stellen gekürzte Fassung. Hier finden Sie die vollständige Fassung einschließlich aller Anmerkungen.

Bunte Vielfalt rund um das Kreuz

Bunte Vielfalt rund um das Kreuz (Foto: pixabay.com)

Inhalt

Einführung

1. Ökumenische Erfahrungen

2. Trennende Gräben

3. Zwei Mal Jesus: Die Wegweisung Gottes fasst Fuß in der Ökumene

4. Spaltungen im Leib Christi und das Wunder ihrer Überwindung

5. Das Scheitern der Zielsetzung, eine ökumenische Einheitskirche aufzubauen

6. Versöhnte Vielfalt der Konfessionen

Anmerkungen

Einführung

Wer Grenzen überschreitet, gelangt ins Neuland, auf ungewohnten Wegen, vielleicht sogar durch unwegsames, gefährliches Gelände. Wer niemals Grenzen überschreitet, kapselt sich in der eigenen Welt ab und kann weder Chancen noch Gefahren der Auseinandersetzung mit der Realität da draußen angemessen einschätzen. Die Grenze für Grenzüberschreitungen ist dort erreicht, wo sie zu Übertretungen und Übergriffen werden; dann sind sie nicht nur gefährlich, sondern verboten.

Ökumene im modernen Sinne will die Grenzen überwinden, die im Lauf der Jahrhunderte zwischen christlichen Konfessionen aufgerichtet wurden. Aber liegt darin eine heilsame oder eine für die Wahrheit des christlichen Glaubens gefährliche Grenzüberschreitung?

1. Ökumenische Erfahrungen

Ich ging im vorwiegend katholischen Münsterland auf eine evangelische Volksschule, die zwei Kilometer weit von meinem Elternhaus entfernt war. Mein Schulweg führte an der katholischen Schule vorbei; dorthin hätte ich nicht so weit laufen müssen. Aber aus Überzeugung hätte ich nie katholisch werden wollen. Ich las von Waldensern (1) und Hugenotten (2), stand auf Martin Luther und wollte nur an Jesus glauben. Viele Äußerlichkeiten an der katholischen Frömmigkeit stießen mich ab, vom Prunk der Fronleichnamsprozessionen bis zum Glöckchenklingeln bei der Eucharistie, von der Heiligenverehrung bis zum Eiltempo, in dem manche katholische Mitchristen bei einer Beerdigung das Vaterunser „herunterratterten“. Der Pastor im Kindergottesdienst lehrte uns, der Werkgerechtigkeit der Katholiken gegenüber misstrauisch zu sein, und später, im Religionsunterricht des Gymnasiums, warnte der gleiche Pastor nicht nur vor dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, sondern auch vor der sogenannten „Mischehe“ zwischen Evangelischen und Katholischen.

Trotzdem schlug der ökumenische Gedanke Wurzeln nicht nur in meinem Kopf, sondern auch in meinem Herzen. Der Kontakt mit Menschen anderer Konfession wurde im Nachkriegsdeutschland durch die große Zahl der Heimatvertriebenen zu einer Selbstverständlichkeit; in meiner Heimatstadt gab es doppelt so viele katholische wie evangelische Mitbürger. Schon als Kind verstand ich mich gut mit den katholischen Nachbarskindern; im Gymnasium waren meine besten Schulfreunde katholisch; und zu guter Letzt verliebte ich mich in ein katholisches Mädchen. Da die evangelischen Pastoren, beide kurz vor der Pensionsgrenze, keine ansprechenden Angebote für Jugendliche machten, wurde ich eins von zwei evangelischen Mitgliedern in einem ökumenischen Gottesdienstvorbereitungskreis und stellte überrascht fest, dass hier der Wind des Evangeliums freier wehte als in der eigenen Gemeinde. Das Ende der Sechziger und die erste Hälfte der Siebziger Jahre ist mir in Erinnerung als eine Zeit der lebendigen ökumenischen Begegnung; das Zweite Vatikanische Konzil (3) hatte eine Atmosphäre geschaffen, in der junge katholische Geistliche ökumenische Experimente wagen durften. Wir feierten Taizé-Andachten (4) und Beatmessen mit den inspirierenden Songs von Peter Janssens (5). Ich begann eigenständig nachzudenken über alternative theologische Konzepte und die politische Verantwortung der Kirche, diskutierte mit Existentialisten und Atheisten, setzte mich mit ihrer Religionskritik auseinander und begriff ihre oft berechtigten kirchenkritischen Anliegen. Naheliegend war es, dass mich später neben evangelischen Theologen wie Helmut Gollwitzer, Karl Barth und Paul Tillich vor allem katholische „Randsiedler“ wie Helmut Küng, Eugen Drewermann oder Uta Ranke-Heinemann interessierten.

Die weitreichendste lebensgeschichtliche Auswirkung der Ökumene war für mich persönlich der Wechsel meiner Landeskirche, denn Pastor der Evangelischen Kirche von Westfalen hätte ich nur werden können, wenn meine Frau sich dem Druck des Landeskirchenamts in Bielefeld gebeugt hätte und gegen ihre damalige Überzeugung evangelisch geworden wäre. So kam ich als Pfarrer zur Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die meiner Frau zutraute, meinen Dienst auch als katholische Christin mittragen zu können.

Als Gemeindepfarrer in drei Dörfern der Wetterau spürte ich in den Achtziger Jahren nichts mehr von einer ökumenischen Begeisterung unter Jugendlichen wie in meiner westfälischen Herkunftsgemeinde. Aber selbstverständlich nutzte die Minderheit am jeweiligen Ort die Kirche der anderen Konfession mit, wir feierten ökumenische Gottesdienste und luden am Buß- und Bettag katholische Christen zum evangelischen Abendmahlsgottesdienst ein. Brautleute, die beide in ihrem eigenen kirchlichen Hintergrund verwurzelt waren, baten um „ökumenische“ Trauungen, die zwar kirchenrechtlich als „konfessionelle Trauungen mit anderskonfessioneller Garnierung“ einzustufen waren, aber doch einen Anlass zur ökumenischen Begegnung darstellten. In den Neunziger Jahren – inzwischen war ich Klinikseelsorger in Rheinhessen – besuchte im gemischt-konfessionellen Team jeder von uns alle Patienten auf seiner Station, ohne nach der Konfession zu fragen. In meinem jetzigen Wirkungsfeld in der Gießener Nordstadt freue ich mich darüber, dass die regen ökumenischen Kontakte zwischen den Gemeinden St. Albertus und Paulus einen Schwerpunkt im Bibelgespräch, in der gemeinsamen Gottesdienstgestaltung und in der Auseinandersetzung mit theologischen Fragen haben.

2. Trennende Gräben

Im Bewusstsein, dass die Gemeinsamkeiten längst das Trennende überwiegen, das zwischen den Konfessionen steht, ist gelebte Ökumene evangelischer und katholischer Christen auf der Ebene der Kirchengemeinden zu einer selbstverständlichen Normalität geworden.

Trotzdem sind die trennenden Gräben zwischen den sogenannten „Amtskirchen“ nach wie vor tief. Wer aus der katholischen Kirche austritt, um der evangelischen Kirche beizutreten, macht sich nach wie vor der Häresie (6) und Apostasie (7) schuldig, Evangelisch-Werden gilt also als Abweichung oder gar Abfall vom wahren Glauben. Der gemeinsamen Abendmahlsfeier sind wir heute nicht nähergekommen als vor vierzig, dreißig, zwanzig Jahren. Immer noch laufen ökumenisch offene katholische Priester Gefahr, ihr Amt zu verlieren, wenn sie gemeinsam mit Evangelischen das Abendmahl feiern, jedenfalls wenn sie sich öffentlich dazu bekennen (8).

Auch am Thema Ehescheidung scheiden sich die konfessionellen Geister. Auf den evangelischen Pfarrer gehen die Menschen mit der Erwartung zu, dass er eine Trauung auch dann vollzieht, wenn ein Partner eine Scheidung hinter sich hat. In der katholischen Kirche gilt die Ehe als absolut unauflöslich, so dass zum Beispiel Mitarbeiter im kirchlichen Dienst bei Wiederheirat nach einer Scheidung ihre Arbeitsstelle verlieren können. Allerdings darf auch ein katholischer Christ nach seiner Scheidung ein zweites Mal kirchlich heiraten, wenn es ihm gelingt, die kirchenrechtliche Annullierung seiner ersten Ehe zu erreichen. Ich meine: Statt eine Scheidung durch die Hintertür zu legitimieren, sollte eine christliche Kirche ihren geschiedenen Mitgliedern sowohl dabei helfen, sich der eigenen Mitverantwortung für das Zerbrechen ihrer Ehe zu stellen und die Trümmer einer unwiderruflich zerstörten Ehe wegzuräumen, als auch im Vertrauen auf Vergebung den Neuanfang in einer neuen Ehe unter Gottes Segen zu stellen.

Besonders ernüchternd für den ökumenischen Prozess ist die Haltung des Vatikans, dass wir Evangelischen nicht in vollem Sinne „Kirche“ seien. Sie entspringt nicht der persönlichen Respektlosigkeit eines Kardinals oder Papstes, sondern ist ein Symptom für zur Zeit immer noch unüberbrückbare Gegensätze zwischen den Konfessionen. Nicht nur die katholische, sondern alle christlichen Kirchen berufen sich ja auf das Zeugnis der Apostel als Grundlage für ihr kirchliches Leben, Lehren, Verkündigen und für ihre in die Welt hineinwirkende Mission. Aber während die römisch-katholische Kirche die rechtmäßige apostolische Nachfolge an die Hierarchie ihrer eigenen Institution bindet, ist nach evangelischer Auffassung eine religiöse Gemeinschaft dann wahre Kirche Jesu Christi, wenn sie auf das Wort der Heiligen Schrift hört und vom Heiligen Geist Gottes geleitet wird. Papst Benedikts „Ihr seid nicht Kirche!“ könnten wir unter Berufung auf Jesus (9) entgegenhalten: „Wie kannst du dich Vater der Kirche nennen lassen?“

Nach wie vor ist die Überwindung des Trennenden zwischen den christlichen Konfessionen keine leichte Aufgabe. Das Problem verschärft sich, wenn wir über die evangelisch-katholische Ökumene hinaus auf die Gesamtlandschaft christlicher Gruppierungen blicken: Zwischen Liberalen und Evangelikalen, Modernisten und Traditionalisten ist kaum ein sinnvoller Dialog möglich, selbst wenn sie formal zur selben Kirche gehören. Ob sich die Gegensätze auf die Sprache der Liturgie oder das politische Mandat der Kirche, auf Fragen der Sexualmoral oder der Weltschöpfung beziehen, häufig kommt man an den Punkt, an dem man keine Basis mehr sieht, um mit der anderen Seite überhaupt noch konstruktiv streiten zu können.

Ist die Bemühung um ökumenische Annäherung der christlichen Konfessionen also letztlich doch aussichtslos, weil ihre festgefügten Grundhaltungen und Dogmensysteme so wenig miteinander kompatibel sind wie die Computer-Betriebssysteme Windows und Linux? Haben die Ökumene-Bremser aller Konfessionen vielleicht sogar Recht mit ihrer Einschätzung, dass allzu viel Grenzüberschreitung nicht nur für die einzelne Konfession, sondern für die christliche Wahrheit überhaupt gefährlich ist? Verstärkt nicht eine noch stärkere Einebnung der konfessionellen Unterschiede den religiösen Traditionsabbruch? Führt die Haltung: „Es ist doch egal, wie wir zu Gott beten, wir haben doch alle den gleichen Gott“ nicht nahtlos zur Einstellung: „Es ist egal, ob wir überhaupt an einen Gott glauben“?

Ich halte den ökumenischen Prozess nicht für aussichtslos, sondern für notwendig. Darum muss ich nun grundsätzliche Fragen stellen und nach Möglichkeit beantworten: Ist Ökumene um jeden Preis erstrebenswert? Was ist die christliche Wahrheit, die im ökumenischen Prozess auf keinen Fall verloren gehen darf? Welche ökumenischen Ziele sind unter diesen Voraussetzungen realistischerweise erreichbar?

3. Zwei Mal Jesus: Die Wegweisung Gottes fasst Fuß in der Ökumene

Als evangelischer Christ befrage ich die Bibel nach Maßstäben für verantwortlich gelebte, heilsame Ökumene. Kommt die Ökumene in der Bibel überhaupt schon vor?

In der Septuaginta (10) bezeichnet das Wort „Oikoumene“ den von Völkern bewohnten Erdkreis: „Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner“ (Psalm 24, 1). Zu diesen Völkern gehört das Volk Israel zwar hinzu, aber zunächst als Außenseiter: Bevor es die Bühne der Ökumene im Sinne des Erdkreises betritt, fristet es ein beklagenswertes Schicksal als versklavtes Volk im ägyptischen Pharaonenreich. Erst als Gott dem Volk Israel durch Mose seinen heiligen NAMEN: „ICH BIN FÜR EUCH DA“ (11) offenbart, ändert sich das: Gott erweist sich als der, der aus reiner Liebe das Volk Israel erwählt und aus der Sklaverei herausführt, und das Volk verpflichtet sich, während es die lange „Durststrecke“ der Wüste durchquert, auf Gebote Gottes, die ihm helfen sollen, die ihm geschenkte Freiheit nicht wieder zu verlieren. Dieses Grundgesetz Israels, genannt Wegweisung oder Tora, besteht nicht nur aus den uns geläufigen Zehn Geboten, sondern es proklamiert Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person, verbietet die Ausbeutung der Schwachen und schränkt die Macht des Königs ein. So soll es verhindern, dass „ägyptische Zustände“ der Entrechtung und Versklavung weiter Bevölkerungskreise auch im Gottesvolk einreißen (12).

Das Wort Ökumene kommt nun zum ersten Mal in der Bibel vor, als die Israeliten die weitgehend unbewohnte Wüste durchquert haben: „Die Israeliten aßen vierzig Jahre lang Manna, bis sie in bewohntes Land kamen. Sie aßen Manna, bis sie die Grenze von Kanaan erreichten.“ (13) Ökumene, hier übersetzt mit: „bewohntes Land“, bezeichnet also den Ort, wo zunächst alle anderen Völker, die nicht das Volk Gottes sind, ihren Platz schon haben, Israel aber noch nicht. Der Gott Israels hat aber sein Volk nicht aus Ägypten befreit, um es in der Wüste sterben zu lassen, obwohl solche Unterstellungen durchaus im „Murren“ des Volkes gegen Gott laut werden (14), sondern er weist ihm auch ein Land zu, in dem es seinen eigenen Raum zum Leben finden soll. Damit ist in der Heiligen Schrift die Vorstellung verbunden: Die Tora, die Wegweisung Gottes, muss in der Welt der Völker, in der Ökumene, erst noch Fuß fassen, und sie tut es, indem Israel unter der Führung des Josua seinen Platz im Land Kanaan einnimmt.

Der Name Josua bedeutet auf Hebräisch „Befreiung“. Die Septuaginta übersetzt diesen Namen auf für unsere Ohren vertraute und doch ungewöhnliche Weise in die griechische Sprache: „Jesus“. Es ist ein Jesus, der Gottes Wort zum ersten Mal in die Ökumene einpflanzt.

So ist der Jesus des Buches Josua ein erster Kronzeuge der „Ökumene“. Zwar konnte er noch nicht für Toleranz zwischen den Mitgliedern verschiedener Religions- oder Konfessionsgemeinschaften eintreten, weil erst im Staat der Neuzeit mit seinen bürgerlichen Freiheitsrechten Individuen das Recht haben, nach ihrer je eigenen Façon, Konfession oder Religion selig zu werden. Aber gäbe es die modernen Grundrechte in der uns vertrauten und liebgewordenen Form überhaupt, wenn das Volk Israel mit der ihm von Gott gegebenen Tora nicht inmitten der Ökumene der Völkerwelt seinen Platz gefunden hätte?

Die „ökumenische Frage“ des Josua-Jesus stellte sich in einem das ganze Volk und die ganze Welt umfassenden Sinn: Wie setzt sich das befreiende Handeln Gottes in einer Welt durch, in der die Mächtigen mit Hilfe ihrer Götter und Göttinnen ihre Völker versklaven? Ein Gott, der die Sklaven aus dem Pharaonenreich befreit, kann nicht tolerant sein gegenüber Gottheiten, die mit den in der Welt herrschenden Mächten im Bunde sind. Als die Könige Kanaans dem nach SEINER Weisung lebenden Gottesvolk keinen Platz in der Ökumene zugestehen wollen, lässt der „Schrecken des HERRN“ sie daher samt ihren Fruchtbarkeitsgöttern „vergehen“ (15). So kann Israel unter der Führung Josuas ins Gelobte Land einziehen.

Es widerstrebt unserem christlichen Empfinden, Josua in einem Atemzug mit Jesus zu nennen. Gemessen an der Feindesliebe, die später Jesus von Narareth verkündet, gilt Josua als Eroberungskrieger, der vor Grausamkeiten nicht zurückschreckt. Leider müssen wir Christen allerdings zugeben, dass im Namen „unseres“ Jesus seit den Tagen der Kreuzzüge bis zum Einmarschbefehl in den Irak mehr Blut vergossen wurde als durch den „israelitischen“ Josua-Jesus, zumal die Besiedlung des Landes Kanaan durch die Stämme Israels, wenn archäologische Forschungen sich bestätigen, sogar friedlicher ablief, als es nach den Schilderungen im Buch Josua den Anschein hat (16).

Auch in den Schriften der Apostel, die Jesus als Messias Israels bekennen und die wir das „Neue Testament“ nennen, kommt das Wort Ökumene im Zusammenhang mit einer Grenzüberschreitung vor: Wieder ist es das Wort Gottes, das Fuß fassen will in der Völkerwelt, dieses Mal aber nicht in der Weise, dass ein Volk ein Stück Land für sich bekommt, um dort das Experiment eines Lebens nach der Weisung Gottes zu starten, sondern dass diese Weisung durch die Autorität des Messias Jesus in die Völkerwelt als solche hineingetragen wird: „Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker“ (17), wobei „Welt“ das Wort „Oikoumene“ übersetzt. Und auch dieser Einzug des Evangeliums in die Völkerwelt ist mit massiven Konflikten verbunden, davon hören wir mehrfach in der Apostelgeschichte. Paulus und seine Mitarbeiter werden als Leute beschimpft, „die die ganze Welt in Aufruhr gebracht haben… Sie alle verstoßen gegen die Gesetze des Kaisers; denn sie behaupten, ein anderer sei König, nämlich Jesus“ (18).

Ökumene ist also in beiden biblischen Testamenten der Schauplatz, auf dem sich das befreiende Wort Gottes erst noch durchsetzen muss, und dieser Prozess ist bis heute nicht abgeschlossen. Nicht nur Israels Existenz als Volk in einem bestimmten Land ist nach wie vor so umstritten wie bei keiner anderen Nation. Auch die Frage, ob das Evangelium Jesu Christi alle Völker der Welt erreicht hat, lässt sich nicht mit einem selbstgewissen Ja beantworten. Kirche als Gemeinschaft der Heiligen müsste ja dazu beitragen, dass der Erdkreis, die Ökumene der Völker, zu einer wirklich „bewohnbaren Welt“ wird. Aber leider gibt es „die“ Kirche Jesu Christi nicht, die überall auf der Erde ihren Einfluss für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden wirksam geltend machen würde.

4. Spaltungen im Leib Christi und das Wunder ihrer Überwindung

Leider war der Weg, auf dem das Wort Gottes sich in der Ökumene durchsetzen sollte, von Anfang an umstritten, ja umkämpft. Der im Heiligen Abendmahl gefeierte Leib Christi bestand konkret aus einer durch Jesus selbst zusammengeschlossenen Gemeinschaft von Juden und „Heiden“, also Menschen, die zur nichtjüdischen Völkerwelt gehörten. Für geborene Juden war es eine ungeheure Überwindung, im Vertrauen auf Jesus Christus Kontakt mit Unbeschnittenen aufzunehmen. Diesen Weg beschritt nur eine Minderheit des jüdischen Volkes; die Mehrheit der Juden, die sich nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 unter der Führung von Rabbinern eng um die Tora sammelte, lehnte den Messias Jesus ab. So kam es bald zur Abspaltung des Christentums vom Judentum als eigenständiger Religion: die Christen warfen den Juden die Tötung des Gottessohnes vor und meinten, das Erbe Israels als Gottesvolk antreten zu können, die Juden warfen den Christen umgekehrt Götzendienst, Verunreinigung durch Kontakt mit den Heiden und Abfall von der Tora vor. Dass und inwiefern ein christlicher Glaube, der seine Verwurzelung in der Heiligen Schrift Israels vergisst und meint, das Judentum der Verheißungen Gottes enterben zu können, selber häretisch wird, kann in diesem Aufsatz nicht näher ausgeführt werden; ich gehe aber davon aus, dass zu einer wahrhaft heilsamen Ökumene auch die Überwindung des christlichen Antijudaismus gehören muss.

Auch innerhalb der Kirche kam es aufgrund von dogmatischen Streitigkeiten um die christliche Wahrheit zu einem Prozess der Zersplitterung, der bis heute andauert. Erst in der Neuzeit ist eine Gegenbewegung in Gang gekommen, die das Wort Ökumene als Inbegriff der Sehnsucht versteht, den innerchristlichen Streit zu überwinden und letztendlich den in viele Konfessionen gespaltenen und zerrissenen Leib Christi wieder zusammenzuführen.

Die Erfüllung dieser Sehnsucht wäre im biblischen Sinn ein Wunder. Ausgerechnet im Johannesevangelium, das die Exklusivität des Glaubens an Jesus Christus herausstellt und den gescheiterten innerjüdischen Dialog über die Bedeutung Jesu widerspiegelt (19), betet der Messias um dieses Wunder der Einheit für alle, die durch ihn auf den Gott Israels vertrauen: „Ich bitte … für die, die … an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst“ (20). Einheit in diesem Sinne ist ein Geschenk, das nur Gott selber bewirken kann, allerdings nicht ohne dass er uns daran aktiv beteiligt, indem wir sie tätig erwarten (21).

Diese Einheit zu erstreben fällt zusammen mit dem Streben nach der biblischen Wahrheit. Wahrheit ist biblisch Bewährung des Vertrauens auf den Gott Israels und Vater Jesu Christi, der sein Volk in die Ökumene hineinführt, damit dort „mitten unter uns“ das Reich Gottes, der Leib Christi, befreite Menschheit entsteht. Was biblisch absolut nicht geht, ist der Weg zurück nach Ägypten, ins Totenreich, wo der Mensch versklavt und entwürdigt wird.

5. Das Scheitern der Zielsetzung, eine ökumenische Einheitskirche aufzubauen

Die Frage ist, ob nicht genau dieser falsche Weg beschritten wurde, als die Kirche vom Rom aus unter der Führung der Päpste versuchte, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eine Welteinheitskirche aufzubauen. Sie verstand sich als „katholische“ Kirche, das heißt im ursprünglichen Wortsinn als „ökumenische Kirche“, also „allumfassende“ Kirche des gesamten Erdkreises. Alle Menschen sollten in ihr das Heil finden, das durch Christus in die Welt gekommen war. Aber abweichende Meinungen über die christliche Wahrheit durfte es über ein gewisses Maß hinaus nicht geben; ein verbindliches kirchliches Lehramt, das sich auf die Autorität der apostolischen Nachfolge stützte, sollte die Grenzen abstecken, innerhalb dessen man als Christ leben und als Theologe lehren durfte. Sobald die Christenheit im Römischen Reich aus einer verfolgten Minderheit zur Staatskirche wurde, griff sie leider auch auf Machtmittel staatlicher Gewalt zurück, um Andersglaubende außerhalb und innerhalb ihrer eigenen Reihen zu verfolgen. Unzählige Häretiker (die abweichende Glaubensauffassungen vertraten) und Apostaten (die man als vom wahren Glauben abtrünnig betrachtete) (22) wurden nicht nur aus der Kirche, sondern aus der Menschengesellschaft überhaupt ausgegrenzt, da es nach dem Selbstverständnis der Kirche außerhalb ihrer selbst kein Heil gab.

Im Zeitalter der Reformation und Gegenreformation standen mehrere christliche Auffassungen mit dem Anspruch auf absolute Wahrheit unversöhnlich gegeneinander. Die reformatorische Bewegung verstand sich nicht als Vorkämpferin religiöser Toleranz, sondern auch sie wollte „die“ Wahrheit, gemessen am ursprünglichen biblischen Evangelium von Jesus Christus, gegen die in ihren Augen in die Irre gelaufene Papstkirche in der ganzen Kirche durchsetzen. Als die erbittert geführte Auseinandersetzung den konfessionellen Bürgerkrieg bis hin zur Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges auslöste, war bereits vor einer militärisch-politischen Entscheidung klar, dass auf diese Weise keine kirchliche Einheit im Sinne Jesu Christi hätte erreicht werden können. Der Versuch, die Einheitskirche auf gewaltsamem Wege zu erreichen, hatte sich nicht als heilsame Grenzüberschreitung, sondern als heilloser Übergriff in das Gewissen und das Lebensrecht zahlloser Menschen erwiesen.

Am Ende konnte keine Seite die andere besiegen, aber die katholische Kirche als allumfassende „ökumenische“ Einheitskirche, die alle christlichen Strömungen unter ihrem Dach vereinigen wollte, war gescheitert. Sie wurde eine Konfession unter vielen, als der Grundsatz des nicht von Theologen, sondern Politikern ausgehandelten Augsburger Religionsfriedens von 1555, „cuius regio, eius religio“ (23) es dem jeweiligen Landesherrn gestattete, die Religion seiner Untertanen innerhalb des von ihm beherrschten Gebietes frei zu bestimmen.

Dass niemand wegen seines Glaubens verfolgt werden darf, kam in Europa also leider nicht als Konsequenz der befreienden Botschaft der Bibel zustande. Den Weg für religiöse Toleranz bahnten die kirchlichen Streithähne unfreiwillig durch den Abscheu, den sie in nachdenklichen Menschen gegenüber dem blutigen Irrsinn der Religionskriege hervorriefen. Wenn zwei „absolute christliche Wahrheiten“ sich streiten und nicht friedlich einigen können, freut sich als lachende Dritte die Wahrheit der „Aufklärung“, stellt die Autorität kirchlicher Lehrmeinungen gänzlich in Frage und setzt gegen die Machtstrukturen von Staat und Kirche(n) die Religionsfreiheit für den einzelnen Bürger durch (24). Mit einem aus anderem Zusammenhang bekannten Zitat möchte ich dazu „gut ketzerisch“ sagen: „Und das ist gut so.“ Heute mag sich eine einzelne christliche Konfession zwar immer noch als „allein seligmachende“ Kirche verstehen, sie muss es aber hinnehmen, dass im bürgerlichen Staat eine Vielzahl kirchlicher Konfessionen nebeneinander im Frieden leben darf. Jedenfalls halte ich die Spaltung der Christenheit in viele Konfessionen für eine bessere Möglichkeit, mit dem Problem umzugehen, dass man sich über die Wahrheit nicht einigen kann, als Zwangseinheit oder Religionskrieg. Odo Marquard würde von einer „Gewaltenteilung“ im Bereich der Religion sprechen (25). Wo sich Menschen wegen der absoluten Wahrheit die Köpfe einschlagen, ist die Relativierung dieser Wahrheit ein Fortschritt, durchaus auch im Sinne der Bibel. Christus macht frei, indem er das Vertrauen von Menschen weckt, die Gott als mündige Wesen geschaffen hat und in die Verantwortung ruft.

6. Versöhnte Vielfalt der Konfessionen

Ich plädiere für „versöhnte Vielfalt“ als Ziel einer für die Christenheit heilsamen Ökumene, weil innerhalb einer durch Jesus Christus versöhnten Vielfalt jeder Wahrheitsanspruch der einzelnen Konfessionen sich Geltung verschaffen kann, soweit er nicht Gewissensfreiheit und Menschenwürde missachtet. Versöhnte Vielfalt ist Toleranz plus interessierte Zugewandtheit, verbunden mit einer fairen Streitkultur. Wer neugierig ist auf den Reichtum der fremden Wahrheit, muss das eigene Wahrheitspotential nicht gering achten oder gar aufgeben, darf sich aber auf überraschend neue geistliche Einsichten gefasst machen – und freuen.

Bereits die Bibel weiß nicht nur eine, sondern viele Geschichten von dem EINEN Gott zu erzählen (26). Sie beginnt mit zwei unterschiedlich akzentuierten Schöpfungsberichten, zitiert zwei Mal die Zehn Gebote und formuliert die Weisungen der Tora in unterschiedlichen Situationen der Geschichte Israels immer wieder neu (27). Sie deutet die Geschichte Israels aus verschiedenen Blickwinkeln in den Büchern Samuel, Könige, der Propheten und der Chronik. Neben der Zuversicht der Psalmen steht die Skepsis des Buches Kohelet (auch Prediger Salomo genannt). Hiob bekommt Recht mit seiner Rebellion gegen die frommen Sprüche seiner Freunde und gegen einen Herrgott, dem man sich gefälligst zu unterwerfen hat, und die Liebeslieder des Hohenliedes sind ein frühes Zeugnis partnerschaftlicher Erotik mitten in einer Welt, in der sonst Patriarchen herrschen.

Im Neuen Testament verkünden vier Evangelien mit unterschiedlichen Akzentsetzungen die Frohe Botschaft von Jesus Christus. Die „Auferstehung am Jüngsten Tage“ steht nicht im Widerspruch zum Versprechen Jesu, dass ein mit ihm Gekreuzigter „heute noch“ mit ihm im Paradies sein wird. Neben Paulus, der die Gerechtigkeit aus Glauben betont, warnt Jakobus vor der Vernachlässigung der Werke der Gerechtigkeit, und der Staatsauffassung des Paulus in Römer 13 steht eine ihr widersprechende oder sie ergänzende des Johannes in Offenbarung 13 gegenüber. Dorothee Sölle verbindet mit den Namen Petrus, Paulus und Johannes drei unterschiedliche Aspekte der Religion: Tradition, Geist und Mystik; sie warnt davor, einen von ihnen absolut zu setzen (28).

Von Anfang an sollte die Kirche, die Paulus meint, von versöhnter Vielfalt geprägt sein: ein Wunder von Gott her, neue Schöpfung, Gemeinschaft aus beschnittenen Juden und unbeschnittenen Heiden. Sie sollten jeder für sich das bleiben, was sie sind, und doch im Vertrauen auf den am Kreuz der Heiden getöteten und von Gott auferweckten Messias Israels zusammengehören. Wenn dieser Gegensatz zwischen Juden und der Völkerwelt überwindbar war, sollte auch kein anderer konfessioneller Graben grundsätzlich unüberschreitbar sein.

Ein besonders schönes Beispiel ökumenischer Kooperation erlebte ich in meiner früheren Gemeinde, als eine baptistische Christin im evangelischen Kindergottesdienst mitarbeitete und sich im Bibelkreis mit evangelischen und katholischen Christen um das rechte Glaubensverständnis stritt. Da es am Ort keine baptistische Gemeinde gab, stellte sie sich der Herausforderung, ihre persönlichen Begabungen unter den für sie fremden und oft anstößigen volkskirchlichen Bedingungen einzusetzen. Leider kehren oft gerade sehr bewusste Christen den von ihnen als allzu „lau, lasch oder liberal“ empfundenen Landeskirchen den Rücken, um sich einer Freikirche anzuschließen, obwohl ihre Glaubenskraft und ihr missionarischer Einsatz gerade in der Volkskirche sehr nötig gebraucht würden.

Das Verharren in getrennten Lagern in der jeweils eigenen Rechtgläubigkeit verschont uns vor unbequemen Infragestellungen, aber gerade durch Fragen von außen können wir möglicherweise auch die Antworten des Wortes Gottes ganz neu hören. Wenn zum Beispiel die lutherische Rechtfertigungslehre Gefahr läuft, den real existierenden Neoliberalismus des gegenwärtigen Weltsystems zu unterstützen (29), kann sie sich von der katholischen Soziallehre eines Oswald von Nell-Breuning und Norbert Blüm zu sozialpolitischem Widerspruch inspirieren lassen. Wer es wagt, über die Grenzen der eigenen Konfession hinauszublicken, entdeckt vielleicht auch für sich etwas vom Reichtum der anderen christlichen Kirchen: In ihren Bildern und Ritualen oder in ihrer klaren Bindung an das Wort der Schrift. In der Kraft der Stille und Kontemplation oder in der kritischen Auseinandersetzung mit Glaubenszweifeln.

Noch einmal lasse ich Dorothee Sölle zu Wort kommen, als Ermutigung, den ökumenischen Weg zu versöhnter Vielfalt weiterzugehen und sich mit Anschauungen auseinanderzusetzen, die man selber nicht teilt (30): „Manchmal denke ich, das Christentum hat versäumt, uns zu erwachsenen Freundinnen und Freunden Jesu zu erziehen. Es hat uns in einen Kinderglauben gewickelt, der krampfhaft festgehalten kindisch wird und dann wegfallen kann. Wir haben oft genug gehört, dass Gott uns liebhat, uns schützt, uns wärmt. Aber jede wirkliche Liebe ist gegenseitig, sie braucht das Nehmen und das Geben. Gott hat keine anderen Hände als unsere, wie konnten wir das je vergessen! Auch wir können Gott lieben, Gott schützen, Gott wärmen, dem es vielleicht auch manchmal kalt wird, wenn er diese Welt ansieht. Gott über alle Dinge lieben, das ist, was Mystik für uns alle sein kann.“

Anmerkungen

(1) Eine protestantische Kirche in Italien, die bereits Ende des 12. Jahrhunderts entstand.

(2) So heißen die Protestanten in Frankreich seit der Mitte des 16. Jahrhunderts.

(3) Das Vaticanum II wurde von Papst Johannes XXIII. einberufen und fand vom 11.10.1962 bis zum 8.12.1965 statt. Es führte zur Anerkennung der Religionsfreiheit in der bürgerlichen Gesellschaft und zum verstärkten Dialog mit Anders- oder Nichtgläubigen.

(4) Der ökumenische Orden von Taizé in der Nähe von Cluny in Frankreich spricht Hunderttausende vor allem jugendlicher Besucher aller Nationalitäten und Konfessionen an.

(5) Peter Janssens (1934-1998), der als Begründer des „Sacro Pop“ gilt, begeisterte die Menschen auf zahlreichen kirchlichen Großveranstaltungen mit seinen neuen geistlichen Liedern.

(6) Lehre, die von der offiziellen katholischen Kirchenmeinung abweicht. „Hairesis“ bedeutet im Griechischen ursprünglich „das Nehmen“, „die Wahl“, in der Kirchengeschichte bezeichnete man damit eine „selbsterwählte Anschauung“.

(7) Öffentliche Lossagung von der christlichen Kirche. Ein „Apostat“ ist, wörtlich aus dem Griechischen übersetzt, ein Abtrünniger.

(8) Der katholische Pfarrer Bernhard Kroll nahm im Jahr 2003 beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin das Abendmahl von einem evangelischen Pfarrer entgegen, mit der Folge, dass er erst nach vier Jahren wieder eine reguläre Pfarrstelle übernehmen konnte. Der katholische Theologieprofessor Gotthold Hasenhüttl lud beim gleichen Kirchentag evangelische Christen zur katholischen Kommunion ein und wurde seines Amtes als Priester enthoben.

(9) Matthäusevangelium 23, 9: „Ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist.“

(10) Als Septuaginta (= Siebzig), abgekürzt LXX, ist die altgriechische Übersetzung der hebräischen Heiligen Schrift des Volkes Israel bekannt, die wir Christen seit der Auseinandersetzung mit dem Häretiker Marcion im 2. Jahrhundert das „Alte Testament“ nennen.

(11) Exodus (2. Buch Mose) 3, 14. Der unaussprechliche Gottesname JHWH ist kein Eigenname, vergleichbar den Namen in der außerisraelitischen Götterwelt, sondern er umschreibt den EINEN Gott, wie er für das von IHM erwählte kleine Außenseitervolk Israel eintritt und durch dieses Volk Israel und seinen Messias Jesus auch den Menschen aller Völker Befreiung und Frieden bringt.

(12) Ton Veerkamp, Autonomie und Egalität. Ökonomie, Politik und Ideologie in der Schrift, Berlin 1992, S. 100: „Gott war in Israel wahrscheinlich alles mögliche, alles normal-orientalische, Gott sein sollte in Israel der NAME, das, was es aus dem Sklavenhaus herausführt.“

(13) Exodus (2. Buch Mose) 16, 35.

(14) Zum Beispiel Exodus (2. Buch Mose) 16, 2-3 „Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.“

(15) Josua 2, 9. Meine Gedanken über den Einzug der Tora in die Ökumene der Völkerwelt verdanke ich zum großen Teil dem Aufsatz von Klaus Peter Lehmann, Ein Gespenst geht um in Kanaan. Vom Schrecken der Thoratreue. Exegetische Anmerkungen zum Buche Jehoschua (Kap. 1-6), in der Zeitschrift TEXTE & KONTEXTE Nr. 58, Juli 1993, S. 3-20.

(16) Israel Finkelstein und Neil A. Silberman belegen in ihrem Buch „Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel“, München 2002, S. 126, ihre Auffassung, „dass die ersten Israeliten nicht so sehr mit anderen Völkern kämpfen mussten als mit dem steinigen Gelände, den dichten Wäldern des Berglands und der rauhen und manchmal unberechenbaren Umwelt.“

(17) Matthäusevangelium 24, 14.

(18) Apostelgeschichte 17, 6-7.

(19) Wer das Johannesevangelium als antijüdisch empfindet, dem lege ich die Übersetzung und Auslegung des Johannesevangeliums von Ton Veerkamp ans Herz, die konsequent versucht, diese Schrift nicht von den später festgelegten Dogmen der christlichen Kirche und nicht vom späteren christlich-jüdischen Gegensatz her, sondern als scharfe innerjüdische Auseinandersetzung über den Messias Jesus zu begreifen. Sie ist zu finden in der exegetischen Zeitschrift TEXTE & KONTEXTE, Nr. 95/96 (Johannes 13-17), Nr. 106/107 (Das Evangelium nach Johannes in kolometrischer Übersetzung), Nr. 109-111 (Johannes 1,1-10,21) und Nr. 113-115 (Johannes 10,22-21,25).

(20) Johannesevangelium 17, 20-23.

(21) Die Formulierung von Ton Veerkamp und Peter Winzeler, „die Befreiung der Menschen tätig erwarten” liebe ich seit Studententagen. Sie stand unter dem Titel „Was verstehen wir unter ‚Gemeinde Jesu Christi‘?“ im Entwurf zu einem verbindlichen Kommentar zur Präambel zur Satzung der Evangelischen Studentengemeinden in der BRD und Berlin (West), S. 15. In: ESG/KSG Göttingen, Alternatives Christsein, Dokumente, Materialien, Diskussionsbeiträge, Heft 6, Göttingen 1975, S. 14-19.

(22) Als Häresie galt eine Lehre, die von der offiziellen katholischen Kirchenmeinung abwich. „Hairesis“ bedeutet im Griechischen ursprünglich „das Nehmen“, „die Wahl“, in der Kirchengeschichte bezeichnete man damit eine „selbsterwählte Anschauung“. Unter Apostasie wurde die öffentliche Lossagung von der christlichen Kirche verstanden. Ein „Apostat“ ist, wörtlich aus dem Griechischen übersetzt, ein Abtrünniger.

(23) Wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt: „Wessen Region, dessen Religion“, also: „In wessen Gebiet ich lebe, dessen Religion muss ich annehmen.“

(24) In folgenden drei Anmerkungen gestatte ich mir, für philosophisch Interessierte das Mitglied unserer evangelischen Paulusgemeinde Gießen, Professor Dr. Odo Marquard, zu Wort kommen zu lassen. Er stellt in seinem Vortrag „Frage nach der Frage, auf die die Hermeneutik die Antwort ist“, S. 130, mit Recht fest: „Die Rechthaberei des Wahrheitsanspruchs der eindeutigen Auslegung des absoluten Textes kann tödlich sein: das ist die Erfahrung der konfessionellen Bürgerkriege. Wenn – in bezug auf den heiligen Text – zwei Ausleger kontrovers behaupten: Ich habe recht; mein Textverständnis ist die Wahrheit, und zwar – heilsnotwendig – so und nicht anders: dann kann es Hauen und Stechen geben. Genau auf diese Situation antwortet die Hermeneutik mit ihrer Verwandlung zur pluralisierenden durch die Frage: Läßt sich dieser Text nicht doch auch noch anders verstehen und – falls das nicht reicht – noch einmal anders und immer wieder anders? Sie entschärft so – potentiell tödliche – Auslegungskontroversen, indem sie das rechthaberische Textverhältnis in das interpretierende verwandelt: in ein Textverständnis, das – notfalls ad libitum – mit sich reden läßt; und wer mit sich reden läßt, schlägt möglicherweise nicht mehr tot.“ Der Vortrag, gehalten an der Universität Tübingen am 26. November 1979, ist zu finden in: Philosophisches Jahrbuch 88 (1981) S. 1-19. Wiederabgedruckt in: Odo Marquard, Abschied vom Prinzipiellen. Philosophische Studien, Stuttgart 1995, S. 117-146.

(25) Odo Marquard wagt in seiner Studie „Sola divisione individuum. Betrachtungen über Individuum und Gewaltenteilung“, S. 84, die These: „die neuzeitliche Mehrkonfessionalität des Christentums ist eine Fortsetzung des Polytheismus unter streng monotheistischen Bedingungen und als solche individualitäts- und liberalitätsproduktiv“. Denn (S. 88) „die Menschen sind nicht dadurch frei, daß sie Gott kopieren: als quasi-allmächtige Chefs der Weltregie oder durch unbedingte Vermögen; sondern die Menschen sind frei und Individuum, indem die Zufälle, die ihnen zufallen und als Determinanten determinierend auf sie einstürzen, durch Determinantengedrängel einander wechselseitig beim Determinieren behindern: einzig dadurch, daß jede weitere Determinante den Determinationsdruck jeder anderen einschränkt, anhält, mildert, sind und haben Menschen ihre – bescheidene, durchaus endliche, begrenzte – je eigene individuelle Freiheit gegenüber dem Alleinzugriff einer jeden.“ Und S. 89: „So muß der Mensch nicht die Determination fürchten, sondern die Ungeteiltheit ihrer Gewalt“. Der Text findet sich in: Manfred Frank / Anselm Haverkamp (Hrsg.): Individualität. München: Fink, 1988. (Poetik und Hermeneutik. Bd. 13.) S. 21-34. Wiederabgedruckt in: Odo Marquard, Individuum und Gewaltenteilung. Philosophische Studien, Stuttgart 2004, S. 68-90. Ich bezweifle zwar Marquards Einschätzung der befreienden Wirkung schon der antiken Vielgötterei und stelle ihr die These entgegen, die ich im Abschnitt 3 entfaltet habe, dass erst die Tora Gottes zunächst dem Volk Israel und durch dieses Volk der gesamten Menschheit die Befreiung von der Versklavung aus „ägyptischen Verhältnissen“ in Aussicht stellt. Die modernen Errungenschaften der bürgerlichen Freiheiten einschließlich der Gewaltenteilung und der religiösen Toleranz halte ich aber nicht nur für vereinbar mit der christlichen Verkündigung, sondern für unverzichtbare Schritte auf dem Weg zu einer wirklich „bewohnbaren Welt“. Die Toleranz findet erst dort ihre Grenze, wo eine Religion oder Weltanschauung die Würde und Freiheit des Menschen mit Füßen tritt.

(26) „Die Bibel als Werk, das viele Geschichten mit Gott erzählt: darauf – mit einer gewissen Distanz zum allzu eifersüchtigen Gott – würde ich mich gern einlassen.“ So Odo Marquard in seiner Diskussionsbemerkung „Gott in vielen Geschichten“ vom 8.7.2004, die unter http://www.bibelwelt.de/html/gottesvielfalt.html nachzulesen ist.

(27) So scheint in der Zeit der babylonischen Gefangenschaft das Buch Levitikus (3. Buch Mose) von deportierten Priestern in Babel selbst verfasst worden zu sein, während das Deuteronomium (5. Buch Mose) die Situation des armen Landvolkes widerspiegelt, das die Eroberer ohne herrschende Oberschicht in Israel zurückließen.

(28) Dorothee Sölle, Eine theologische Bilanz (Südwestfunk 2000): „Petrus, Paulus und Johannes stehen für die drei notwendigen Elemente jeder lebendigen Religion. Sie braucht eine Institution, ein Dach, ein Ritual, eine Urkunde, und Rabbiner, Pfarrerinnen und Lehrerinnen. Sie braucht Tradition, die von Generation zu Generation geht. Sie braucht zweitens Reflexion und Diskurs, Nachdenken und Kontroverse, in einem Wort: Geist, um zu existieren. Dafür steht Paulus, der im Protestantismus fast ebenso unbeschränkt herrscht wie Petrus im gegenwärtigen Katholizismus. Drittens braucht jede lebendige Religion das spirituelle, das mystische Element, in dem der und die einzelne sich in einer Ergriffenheit des Herzens Gott versenkt. Wenn du nicht fühlst, du wirst es nie erjagen. Das wie eine Verwurzelung mit der Welt – ein Wissen vom Geschaffensein haben und von der Zusammengehörigkeit des Lebens – das ist, was Frömmigkeit, Spiritualität oder Mystik genannt wird. Dieses Element der Religion ist oft heimatlos in unseren Kirchen und viele, vor allem junge Menschen, die sich danach sehnen, suchen es an anderen Orten, in anderen Ritualen, Sprachen, Gruppen. Aber es lebt auch im Christentum, in vielen verschiedenen Formen der Meditation, des Stillwerdens, des Sich-selber Lassens. ‚Gang zu dir selbst zu‘ ist eine mittelalterliche Formulierung dieser möglichen Freiheit, und noch Paul Gerhardt meinte in dem bekannten Lied ‚Geh aus mein Herz und suche Freud‘ dieses von den eigenen Ängsten und Depressionen Freiwerden. Jeder Taizé-Gottesdienst ist von dieser einfachen, oft im Schweigen vollzogenen Spiritualität. … Ohne Mystik stirbt der christliche Glaube, erstarrt in den Anmaßungen der Amtskirche und in der Religionswissenschaft verkopfter Theologie.“ Der gesamte Text wurde nach ihrem Tod erneut am 2.5.2003 (SWR 2, Sendung Eckpunkt) gesendet und ist unter http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/2003/imp030404.html zu finden (inzwischen ist dieser Link nicht mehr verfügbar).

(29) So Dr. Hans-Ulrich Hauschild in seiner „Streitschrift zur Kritik der mikroökonomischen Vernunft: Ist christliche Sozialpolitik möglich?“, die unter http://www.bibelwelt.de/html/hauschild.html nachzulesen ist.

(30) An anderer Stelle in dem in Anmerkung 28 zitierten Text.

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