Krieg als Sucht

Wir brauchen Mut zum Trauern. Was steht auf dem Spiel, wenn wir tatenlos zusehen, wie die Menschheit so weitermacht wie bisher? Was bleibt übrig von der Schönheit unseres Heimatortes, wenn nur eine einzige Atombombe über Frankfurt niedergehen würde? Was fühlen wir, wenn unsere kleinen und großen Freuden und Sorgen in einer Sekunde zunichte gemacht werden können?

Atomexplosion, auf die eine Autobahn zuführt

Atomkrieg – die Gefahr am Horizont ungebremsten Wettrüstens (Grafik: pixabay.com)

Gedenkfeier zum Volkstrauertag am Sonntag, 13. November 1983, auf den Friedhöfen in Heuchelheim um 11.30 Uhr und in Reichelsheim um 14.00 Uhr
Einleitende Musik: Musikverein Reichelsheim
Prolog: Lilly Nohl
Begrüßung: 1. Vorsitzender des VdK
Liedvortrag: Gesangverein Liederkranz Reichelsheim
Ansprache: Pfarrer Schütz

Liebe Zuhörer!

Volkstrauertag – lange Zeit haben wir, die wir der jüngeren Generation angehören und keinen Krieg miterlebt haben, mit dieser gemeinsam bekundeten Trauer wenig anfangen können, jedenfalls nicht gut mit-fühlen, mit-trauern können. War nicht das alles so weit weg von uns, fast schon nicht mehr wahr? Und schien es nicht völlig undenkbar, dass bei uns jemals wieder Krieg sein sollte?

Heute verbinden sich am Volkstrauertag die Gefühle verschiedener Bevölkerungsgruppen: derjenigen, die nach wie vor schwer gezeichnet sind von den Folgen der beiden Weltkriege, und derjenigen, die mehr und mehr in Angst und Sorge geraten über den Wahnsinn des Rüstungswettlaufs, über einen möglichen Atomkrieg aus Versehen und über das Freund-Feind-Denken vieler Politiker in Ost und West.

Es ist gut, dass dieser Gedenktag heute Volks-Trauer-Tag heißt. Wir brauchen die Fähigkeit, zu trauern. Wir wollen an das sinnlose Leiden von Hunderttausenden von Menschen denken, die in den Kriegen dieses Jahrhunderts und bis in dieses Jahr 1983 hinein getötet, verwundet, verstümmelt, gesundheitlich oder in ihren Erbanlagen geschädigt, ihrer Angehörigen beraubt, ihrem Zuhause entrissen und in ihrer ganzen Existenz tief getroffen worden sind. Wir wollen uns das nahe gehen lassen, wollen nicht vergessen und nicht übergehen, mit welcher erdrückenden Last viele der Älteren unter uns durch die Erfahrungen der Kriegs und Nachkriegszeit beladen sind.

Nur wenn wir bereit und fähig sind, diese Erinnerung zu bewahren, werden wir in der Trauer auch Wege nach vorn gehen können. Denn Trauern bedeutet einen Weg gehen, Schmerz zulassen, hindurchgehen, verarbeiten, neue Lebensmöglichkeiten sehen. Trauern bedeutet: es gibt einen Ausweg aus dem Schmerz. Es ist kein bequemer Ausweg, der führt nicht außen drumherum, sondern mitten durch die Probleme und durch schmerzhafte Gefühle hindurch. Aber diesen Ausweg, diesen Ausblick gibt es.

Können wir in dieser Weise trauern? Einen Ausweg, eine Lösbarkeit der Frage Krieg oder Frieden, Aufrüstung oder Abrüstung, können die meisten Menschen heute nicht erkennen. Dann aber ist auch Trauer als ein Weg zu neuen Lebensmöglichkeiten nicht möglich. Dann wird Trauer zu auswegloser Verzweiflung. Verzweiflung, Panik, das Gefühl der Ausweglosigkeit – ich weiß nicht, ob jemand unter uns dieses Gefühl nicht kennt, gerade wenn wir an die Gefahren der atomaren, der chemischen und der bakteriologischen Waffen denken. Ich weiß nur sicher, dass niemand dieses Gefühl lange ertragen kann, ohne krank zu werden oder sich etwas anzutun.

Es gibt drei Versuche, dieser Panik zu entfliehen.

Erstens: das Problem überhaupt nicht mehr wahrnehmen, jedenfalls nicht in seiner ganzen Bedeutung. Wenn der amerikanische Abrüstungsbehördenchef Eugene Rostow sagt: „Schließlich hat Japan den Atomangriff nicht nur überlebt, sondern hat danach eine Zeit der Blüte erlebt“, dann wird das Leiden der von den Atomangriffen umgebrachten und gequälten Menschen in einer Menschen verachtenden Weise übergangen, dann wird das Wegschieben des Rüstungsproblems zum Zynismus. Zeitweilig brauchen wir alle die Fähigkeit zur Verdrängung, zum Vergessen, sonst könnten wir nichts mehr im Leben richtig genießen. Aber hüten wir uns davor, die Augen ständig vor dem Leiden und der Gefahr zu verschließen. So entrinnen wir der Verzweiflung nicht.

Das gelingt auch auf eine zweite Weise nicht: wenn wir in blinder Wut für den Frieden kämpfen und dabei neue Feindbilder aufstellen, wenn wir auf der Suche nach Frieden mit unserer inneren Friedlosigkeit nicht fertig werden, wenn wir manchmal – wie z. B. bei den letzten Manövern in Reichelsheim – versucht sind zu denken: Ich könnte jeden Panzer abschießen! Ebenso wie die panische Verzweiflung und wie das Augenverschließen vor der Wirklichkeit ist auch das blindwütige Kämpfen wie gegen Windmühlenflügel kein Ausweg.

Mir selbst ist eine dritte Art, der verzweifelten Panik zu entfliehen, sehr vertraut: die lähmende Resignation. Es hat ja alles doch keinen Zweck! Was soll‛s? Wozu sich in unbequeme Aktivitäten stürzen? Die rüsten ja doch weiter auf, ob im Westen oder im Osten! Resignation ist kein schönes Gefühl, geht mit Niedergeschlagenheit einher, man hat Mühe, etwas mit Energie und Spaß zu tun. Aber Resignation ist leichter zu ertragen als Verzweiflung und für den, der die Probleme nicht auf Dauer verdrängen kann, ein scheinbarer Ausweg.

Nun habe ich am letzten Dienstag in der Zeitung einen Satz von Heinrich Albertz gelesen, den er in Potsdam zum Beginn der kirchlichen Friedenswoche in der DDR gesagt hat: „Resignation ist die christliche Ursünde, guten Mut gibt Jesus Christus.“ Guten Mut brauchen wir, wenn wir fähig sein wollen, zu trauern. Wir brauchen die Zuversicht, dass es einen Ausblick gibt, einen echten Ausweg. Und wenn es diesen guten Mut, diesen Ausweg, diese Zuversicht für uns gibt, dann ist Resignation Sünde. Dann ist es unverantwortlich, vor den Problemen zu fliehen, nur um des Kämpfens willen zu kämpfen, die Hände resigniert in den Schoß zu legen oder sich in verzweifelter Panik verrückt oder krank zu machen.

Wir brauchen Mut zum Trauern. Wir brauchen Momente, in denen uns ganz bewusst ist, was auf dem Spiel steht, wenn wir tatenlos zusehen, wie die Menschheit so weitermacht wie bisher. Schauen Sie sich um! Was bleibt übrig von der vergangenen und gegenwärtigen Schönheit unseres Heimatortes, wenn nur eine einzige Atombombe über Frankfurt niedergehen würde? Was fühlen wir, wenn unserer Hände Arbeit, die Planungen unseres Geistes und alle die vielen kleinen und großen Freuden und Sorgen unseres Alltags in einer Sekunde zunichte gemacht werden können? Schauen Sie einander an! Geht es Ihnen nahe, dass dieser kostbare, einzigartige Mensch neben Ihnen sinnlos sterben könnte in einem zumindest für unser Land letzten Krieg, ausgelöst vielleicht durch einen Computerfehler? Geht es Ihnen nahe, dass dann vielleicht niemand mehr da wäre, um Sie zu trauern, dass es dann keine Gelegenheit mehr gäbe, einen Volks-Trauer-Tag abzuhalten?

Was bleibt uns denn für ein Ausweg?

Ich möchte auf diese Frage mit einem Vergleich antworten. Ich möchte die Suche nach Sicherheit durch immer mehr Waffen vergleichen mit der Suche nach Lebensbewältigung durch eine Sucht, wie z. B. die Alkoholsucht. Am Anfang erfahren wir: mit Alkohol hebt sich die Stimmung, manches fällt leichter, Probleme wiegen weniger schwer. Ebenso ist es am Anfang mit der Drohung mit Waffen: da wir die andere Seite bedrohen können, haben wir nicht mehr so viel Angst vor den anderen, wir fühlen uns sicher. Wird aber das Trinken zur Sucht, gelingt es schließlich nicht mehr, die gehobene Stimmung zu erreichen, der Kampf gegen Verzweiflungs- und Schuldgefühle versagt. Ähnlich gelingt es auch im Rüstungswettlauf immer weniger, ein Gefühl der Sicherheit zu erreichen, im Gegenteil, immer mehr Waffen schaffen immer mehr Angst und Unsicherheit. Aber wie der Alkoholiker selbst nicht sehen kann, was er mit sich und seiner Umgebung macht, so fällt es auch uns unwahrscheinlich schwer, die Wirklichkeit so wahrzunehmen, wie sie ist.

Dem Alkoholiker hilft nur, dass er die einzige Chance ergreift, die er hat: erkennen, dass er machtlos gegenüber dem Alkohol ist, dass er völlig auf Alkohol verzichten muss, und dass er der einzige ist, der diese Entscheidung treffen kann und die Verantwortung dafür hat. Vielleicht haben wir, die wir alle gemeinsam im Rüstungswahnsinn gefangen sind, eine ähnliche Perspektive, einen ähnlichen gangbaren Ausweg: Erstens: erkennen, dass wir in manchen Dingen machtlos sind. Wir können einen Gegner nicht völlig unter Kontrolle halten. Natürlich kann er es als Schwäche auslegen, wenn wir nicht weiter aufrüsten oder gar mit einseitigen kleinen Abrüstungsschritten beginnen. Aber auch, wenn wir immer mehr Massenvernichtungsmittel stationieren, werden wir dadurch nicht sicherer. Wenn die anderen mehr Angst vor uns bekommen, müssen auch wir mit noch mehr Bedrohung rechnen. Es ist wie mit einem Bergsteiger, der sich verstiegen hat. Der weitere Aufstieg ist sinnlos und selbstmörderisch. Der Abstieg ist nicht weniger gefährlich, aber der einzige Weg mit einer Chance zum Überleben. Auch ein Suchtkranker kann sein Problem nicht lösen dadurch, dass er immer mehr trinkt.

Das Beispiel des Alkoholikers zeigt auch, wie schwer es ist, die einzig sinnvolle Entscheidung zu treffen: nie wieder Alkohol. Manchmal sind zwei Selbstmordversuche noch nicht Anlass genug, um die Gefahr zu erkennen, in der er schwebt. So schwer fällt es uns auch, die Lehren aus den beiden Menschheitskatastrophen dieses Jahrhunderts, den beiden Weltkriegen zu ziehen: nie wieder Krieg! Keine Drohung mehr mit Massenvernichtungsmitteln, deren Einsatz nie ganz ausgeschlossen werden kann.

Aber was können wir tun? Die zweite Lehre aus dem Beispiel der Alkoholsucht ist die: Es gibt eine Stelle, an der wir nicht machtlos sind. Wir können nicht die Herren im Kreml oder im Weißen Haus ändern, aber wir können uns ändern. Wir können nicht erreichen, dass unsere Parlamentarier plötzlich anders abstimmen, wenn sie sich nicht selber dazu entscheiden, aber wir können für uns eine klare Entscheidung treffen: ich werde den Rüstungswahnsinn nicht mehr unterstützen. Sie denken vielleicht: was ist das schon, wenn ich mich ändere! Wenn wir diese Chance gering achten, geraten wir in die ausweglose Verzweiflung, blinde Wut, lähmende Resignation oder tatenlose Problemverdrängung, von der ich anfangs sprach. Und diese Haltung vergiftet unseren ganzen Alltag wie eine schleichende Krankheit: als ob im Grunde alles sinnlos sei. Aber es ist viel, wenn jeder einzelne sich klar macht: ich – kann – mich – ändern.

Wer trauern kann um die Toten der Weltkriege, weiß, dass er auch lieben kann, wer Angst spürt vor dem Entsetzlichen, das auf uns zukommen kann, weiß, dass er auch Vertrauen zum Leben haben kann. Erich Fried hat gesagt, wenn es keinen Sinn mehr habe, Liebesgedichte zu schreiben und den Aufgaben des Alltags nachzugehen, dann erst habe es auch keinen Sinn mehr, gegen die drohende Kriegsgefahr aufzustehen.

Ich habe Ihre Aufmerksamkeit mit einer langen Rede sehr beansprucht und möchte nun mit einem letzten Gedankengang schließen. Wie ein Alkoholiker die Unterstützung einer Gruppe braucht, um sein Leben ohne die Droge führen zu lernen, so brauchen auch wir die Unterstützung von anderen Menschen, die mit uns auf dem Weg des Friedens gehen. Allein für sich zu trauern, wäre eine übermenschliche Aufgabe. Nur gemeinsam können wir lernen, zu trauern. Der Sinn des Volks-Trauer-Tages liegt gerade in dem Hinweis auf die gemeinsame Trauer. Gemeinsam können wir uns aus blinder Verzweiflung oder Wut, aus Resignation und Zynismus heraushelfen, auf den Weg der Trauer, den Weg des Friedens. Wir werden dabei nicht immer einig sein über die nächsten Schritte zum Frieden, und wir werden lernen müssen, auf faire Weise zu streiten. Mir hat eine 51-jährige Frau sehr viel Mut gemacht, als sie mir gesagt hat: „An sich würde ich am liebsten sagen: Lasst mich in Ruhe mit dem Frieden! Aber ich bin froh, dass man mich nicht in Ruhe gelassen hat.“

Ich danke Ihnen für Ihr geduldiges Zuhören.

Liedvortrag: Liederkranz Reichelsheim
Kranzniederlegung: Vertreter der Stadt Reichelsheim (Karl Bausch)
Kranzniederlegung: Friedensgruppe
Totenehrung: Lied vom guten Kameraden (Musikverein Reichelsheim)

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