Tamar: Opfer von Doppelmoral

Beiden Tamars wurde übel mitgespielt. Die eine befreit sich aus ihrer Opferrolle, die andere schafft das nicht. Indem die Bibel von beiden erzählt, würdigt sie beide als Menschen, denen von angesehenen Mitgliedern einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft Unrecht angetan wurde. Es spricht viel dafür, einem Raum den Namen Tamar zu geben, in dem sich Menschen etwas von der Seele reden können.

Das Türschild des Raumes Tamar im Gemeindezentrum der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen

Das Türschild des Raumes Tamar im Gemeindezentrum der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen

Andacht zur Sitzung des Kirchenvorstands am 12. April 2011 im Sitzungszimmer

Liebe Mitglieder des Paulus-Kirchenvorstands!

Heute halte ich die dritte Andacht über biblische Frauengestalten, weil wir unseren neuen Räumen im Gemeindezentrum Namen geben wollten und ich den Vorschlag gemacht habe, sie nach Lydia, Debora und Tamar zu benennen.

Heute geht es um den Namen für unseren kleinen Besprechungsraum, der vor allem auch als Seelsorgezimmer dienen soll: „Tamar“, was auf Deutsch „Palme“ heißt.

Es gab zwei Frauen in der Bibel mit diesem Namen. Die Geschichten beider Tamars haben mich betroffen gemacht und immer fasziniert.

Von der ersten Tamar ist sehr knapp in 1. Chronik 2 die Rede:

1 Dies sind die Söhne Israels: Ruben, Simeon, Levi, Juda, Issachar, Sebulon,

2 Dan, Josef, Benjamin, Naftali, Gad, Asser.

3 Die Söhne Judas sind: Er, Onan, Schela. Diese drei wurden ihm geboren von der Kanaaniterin, der Tochter Schuas. Er aber, der Erstgeborene Judas, war böse vor dem HERRN; darum ließ er ihn sterben.

4 Tamar aber, seine Schwiegertochter, gebar ihm Perez und Serach, so dass die Söhne Judas zusammen fünf waren.

Da wird die Aufzählung der Kinder Israels auf einmal spannend. Zwei von Judas Kindern sind von seiner Schwiegertochter? Wie ist das wohl zugegangen?

Im 1. Buch Mose – Genesis 38, finden wir die Lösung des Rätsels. Dieses Kapitel ist mitten in die bekannte Erzählung von Josef und seinen Brüdern eingeschoben.

1 Es begab sich um diese Zeit, dass Juda hinabzog von seinen Brüdern und gesellte sich zu einem Mann aus Adullam, der hieß Hira.

2 Und Juda sah dort die Tochter eines Kanaaniters, der hieß Schua, und nahm sie zur Frau. Und als er zu ihr einging,

3 ward sie schwanger und gebar einen Sohn, den nannte er Er.

4 Und sie ward abermals schwanger und gebar einen Sohn, den nannte sie Onan.

5 Sie gebar abermals einen Sohn, den nannte sie Schela; und sie war in Kesib, als sie ihn gebar.

6 Und Juda gab seinem ersten Sohn Er eine Frau, die hieß Tamar.

7 Aber Er war böse vor dem HERRN, darum ließ ihn der HERR sterben.

8 Da sprach Juda zu Onan: Geh zu deines Bruders Frau und nimm sie zur Schwagerehe, auf dass du deinem Bruder Nachkommen schaffest.

9 Aber da Onan wusste, dass die Kinder nicht sein eigen sein sollten, ließ er’s auf die Erde fallen und verderben, wenn er einging zu seines Bruders Frau, auf dass er seinem Bruder nicht Nachkommen schaffe.

10 Dem HERRN missfiel aber, was er tat, und er ließ ihn auch sterben.

11 Da sprach Juda zu seiner Schwiegertochter Tamar: Bleibe eine Witwe in deines Vaters Hause, bis mein Sohn Schela groß wird. Denn er dachte, vielleicht würde der auch sterben wie seine Brüder. So ging Tamar hin und blieb in ihres Vaters Hause.

12 Als nun viele Tage verlaufen waren, starb Judas Frau, die Tochter des Schua. Und nachdem Juda ausgetrauert hatte, ging er hinauf, seine Schafe zu scheren, nach Timna mit seinem Freunde Hira von Adullam.

13 Da wurde der Tamar gesagt: Siehe, dein Schwiegervater geht hinauf nach Timna, seine Schafe zu scheren.

14 Da legte sie die Witwenkleider von sich, die sie trug, deckte sich mit einem Schleier und verhüllte sich und setzte sich vor das Tor von Enajim an dem Wege nach Timna; denn sie hatte gesehen, dass Schela groß geworden war, aber sie wurde ihm nicht zur Frau gegeben.

15 Als Juda sie nun sah, meinte er, es wäre eine Hure, denn sie hatte ihr Angesicht verdeckt.

16 Und er machte sich zu ihr am Wege und sprach: Lass mich doch zu dir kommen; denn er wusste nicht, dass es seine Schwiegertochter war. Sie antwortete: Was willst du mir geben, wenn du zu mir kommst?

17 Er sprach: Ich will dir einen Ziegenbock von der Herde senden. Sie antwortete: So gib mir ein Pfand, bis du ihn mir sendest.

18 Er sprach: Was willst du für ein Pfand, das ich dir geben soll? Sie antwortete: Dein Siegel und deine Schnur und deinen Stab, den du in der Hand hast. Da gab er’s ihr und kam zu ihr; und sie ward von ihm schwanger.

19 Und sie machte sich auf und ging hinweg und legte den Schleier ab und zog ihre Witwenkleider wieder an.

20 Juda aber sandte den Ziegenbock durch seinen Freund von Adullam, damit er das Pfand zurückholte von der Frau. Und er fand sie nicht.

21 Da fragte er die Leute des Ortes und sprach: Wo ist die Hure, die zu Enajim am Wege saß? Sie antworteten: Es ist keine Hure da gewesen.

22 Und er kam wieder zu Juda und sprach: Ich habe sie nicht gefunden; dazu sagen die Leute des Ortes, es sei keine Hure da gewesen.

23 Juda sprach: Sie mag’s behalten, damit wir nur nicht in Verruf geraten! Siehe, ich habe den Bock gesandt, und du hast sie nicht gefunden.

24 Nach drei Monaten wurde Juda angesagt: Deine Schwiegertochter Tamar hat Hurerei getrieben; und siehe, sie ist davon schwanger geworden. Juda sprach: Führt sie heraus, dass sie verbrannt werde.

25 Und als man sie hinausführte, schickte sie zu ihrem Schwiegervater und sprach: Von dem Mann bin ich schwanger, dem dies gehört. Und sie sprach: Erkennst du auch, wem dies Siegel und diese Schnur und dieser Stab gehören?

26 Juda erkannte es und sprach: Sie ist gerechter als ich; denn ich habe sie meinem Sohn Schela nicht gegeben. Doch wohnte er ihr nicht mehr bei.

27 Und als sie gebären sollte, wurden Zwillinge in ihrem Leibe gefunden.

28 Und als sie gebar, tat sich eine Hand heraus. Da nahm die Wehmutter einen roten Faden und band ihn darum und sprach: Der ist zuerst herausgekommen.

29 Als aber der seine Hand wieder hineinzog, kam sein Bruder heraus, und sie sprach: Warum hast du um deinetwillen solchen Riss gerissen? Und man nannte ihn Perez.

30 Danach kam sein Bruder heraus, der den roten Faden um seine Hand hatte. Und man nannte ihn Serach.

Die Bibel erzählt von dieser Tamar ganz nüchtern, ohne ihr wegen der außergewöhnlichen Art, sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen, einen Vorwurf zu machen. Man kann sogar sagen, dass ihre Geschichte stattdessen eine von Männern dominierte Gesellschaft scharf und durchaus ironisch kritisiert.

Auch im Buch Ruth 4 wird Tamar erwähnt. Als Boas an dem Ort der Rechtsprechung, im Tor von Bethlehem, feierlich zu Protokoll gibt, die Moabiterin Ruth zur Frau nehmen zu wollen, bekommt er von allem „Volk, das im Tor war, samt den Ältesten“ eine ebenso feierliche Segenszusage:

11 Der HERR mache die Frau, die in dein Haus kommt, wie Rahel und Lea, die beide das Haus Israel gebaut haben; sei stark in Efrata, und dein Name werde gepriesen zu Bethlehem.

12 Und dein Haus werde wie das Haus des Perez, den Tamar dem Juda gebar, durch die Nachkommen, die dir der HERR geben wird von dieser jungen Frau.

Ein drittes Mal kommt diese Tamar gleich am Anfang des Neuen Testamentes vor, im ersten Kapitel des Matthäusevangeliums. Da heißt es:

1 Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.

2 Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder.

3 Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar.

So gehört unsere erste Tamar zu vier namentlich erwähnten weiblichen Vorfahren im Stammbaum Jesu.

Die zweite Tamar wird in 1. Chronik 3 noch knapper erwähnt als die erste, und zwar unter den Kindern des Königs David. Ein wenig Geduld ist dennoch nötig, bis wir von ihr hören, denn zunächst ist von den Söhnen Davids die Rede:

1 Dies sind die Söhne Davids, die ihm zu Hebron geboren sind: der Erstgeborene Amnon, von Ahinoam, der Jesreeliterin; der zweite Daniel, von Abigajil, der Karmeliterin;

2 der dritte Absalom, der Sohn der Maacha, der Tochter Talmais, des Königs von Geschur; der vierte Adonija, der Sohn der Haggit;

3 der fünfte Schefatja, von der Abital; der sechste Jitream, von seiner Frau Egla.

4 Diese sechs sind ihm geboren zu Hebron; denn er regierte dort sieben Jahre und sechs Monate. Aber zu Jerusalem regierte er dreiunddreißig Jahre.

5 Und diese sind ihm geboren zu Jerusalem: Schammua, Schobab, Nathan, Salomo, diese vier von Batseba, der Tochter Eliams;

6 dazu Jibhar, Elischama, Elifelet,

7 Nogah, Nefeg, Jafia,

8 Elischama, Eljada, Elifelet, diese neun.

9 Das sind alles Söhne Davids, außer den Söhnen der Nebenfrauen. Und Tamar war ihre Schwester.

Neben 19 Söhnen wird Tamar als eine einzige Tochter erwähnt. Ganz am Schluss, wie nebenbei, als ein Anhängsel an die Geschichte. Tamar ist eine Königstochter. Aber ihr Schicksal ist gar nicht prinzessinnenhaft.

In einem anderen Buch, 2. Samuel 13, ist ausführlich von ihr die Rede:

1 Und es begab sich danach: Absalom, der Sohn Davids, hatte eine schöne Schwester, die Tamar hieß; und Amnon, der Sohn Davids, gewann sie lieb.

2 Und Amnon grämte sich, so dass er fast krank wurde, um seiner Schwester Tamar willen; denn sie war eine Jungfrau, und es schien Amnon unmöglich zu sein, ihr etwas anzutun.

3 Amnon aber hatte einen Freund, der hieß Jonadab, ein Sohn von Davids Bruder Schamma, und dieser Jonadab war ein sehr erfahrener Mann.

4 Der sprach zu ihm: Warum wirst du so mager von Tag zu Tag, du Königssohn? Willst du mir’s nicht sagen? Da sprach Amnon zu ihm: Ich habe Tamar, die Schwester meines Bruders Absalom, lieb gewonnen.

5 Jonadab sprach zu ihm: Lege dich auf dein Bett und stelle dich krank. Wenn dann dein Vater kommt, dich zu besuchen, so sprich zu ihm: Lass doch meine Schwester Tamar kommen, damit sie mir Krankenkost gebe und vor meinen Augen das Essen bereite, dass ich zusehe und von ihrer Hand nehme und esse.

6 So legte sich Amnon hin und stellte sich krank. Als nun der König kam, ihn zu besuchen, sprach Amnon zum König: Lass doch meine Schwester Tamar kommen, dass sie vor meinen Augen einen Kuchen oder zwei mache und ich von ihrer Hand nehme und esse.

7 Da sandte David zu Tamar ins Haus und ließ ihr sagen: Geh hin ins Haus deines Bruders Amnon und mache ihm eine Krankenspeise.

8 Tamar ging hin ins Haus ihres Bruders Amnon; er aber lag zu Bett. Und sie nahm den Teig und knetete ihn und bereitete ihn vor seinen Augen und backte die Kuchen.

9 Und sie nahm die Pfanne und schüttete sie vor ihm aus; aber er weigerte sich zu essen. Und Amnon sprach: Lasst jedermann von mir hinausgehen. Und es ging jedermann von ihm hinaus.

10 Da sprach Amnon zu Tamar: Bringe die Krankenspeise in die Kammer, damit ich von deiner Hand nehme und esse. Da nahm Tamar die Kuchen, die sie gemacht hatte, und brachte sie zu Amnon, ihrem Bruder, in die Kammer.

11 Und als sie diese zu ihm brachte, damit er esse, ergriff er Tamar und sprach zu ihr: Komm, meine Schwester, lege dich zu mir!

12 Sie aber sprach zu ihm: Nicht doch, mein Bruder, schände mich nicht; denn so tut man nicht in Israel. Tu nicht solch eine Schandtat!

13 Wo soll ich mit meiner Schande hin? Und du wirst in Israel sein wie ein Ruchloser. Rede aber mit dem König, der wird mich dir nicht versagen.

14 Aber er wollte nicht auf sie hören und ergriff sie und überwältigte sie und wohnte ihr bei.

15 Und Amnon wurde ihrer überdrüssig, so dass sein Widerwille größer war als vorher seine Liebe. Und Amnon sprach zu ihr: Auf, geh deiner Wege!

16 Sie aber sprach zu ihm: Dass du mich von dir stößt, dies Unrecht ist größer als das andere, das du an mir getan hast. Aber er wollte nicht auf sie hören,

17 sondern rief seinen Diener, der ihm aufwartete, und sprach: Treibe diese von mir hinaus und schließ die Tür hinter ihr zu!

18 Und sie hatte ein Ärmelkleid an; denn solche Kleider trugen des Königs Töchter, solange sie Jungfrauen waren. Und als sein Diener sie hinausgetrieben und die Tür hinter ihr zugeschlossen hatte,

19 warf Tamar Asche auf ihr Haupt und zerriss das Ärmelkleid, das sie anhatte, und legte ihre Hand auf das Haupt und ging laut schreiend davon.

20 Und ihr Bruder Absalom sprach zu ihr: Ist dein Bruder Amnon bei dir gewesen? Nun, meine Schwester, schweig still; es ist dein Bruder, nimm dir die Sache nicht so zu Herzen. So blieb Tamar einsam im Hause ihres Bruders Absalom.

21 Und als der König David dies alles hörte, wurde er sehr zornig. Aber er tat seinem Sohn Amnon nichts zuleide, denn er liebte ihn, weil er sein Erstgeborener war. Doch Absalom redete nicht mit Amnon, weder Böses noch Gutes.

22 Denn Absalom hasste Amnon, weil er seine Schwester Tamar geschändet hatte.

Auch bei der zweiten Tamar beschränke ich mich darauf, einfach so ihre Geschichte stehen zu lassen. Im Gegensatz zur ersten Tamar gelingt es ihr nicht, aus ihrer Opferrolle herauszukommen. Ihr Vater, König David, lässt sie im Stich, weil er seinen Erstgeborenen mehr liebt als sie. Dass ihr Bruder Absalom sie zwei Jahre später rächen wird, indem er Amnon umbringt, hilft ihr nicht. Am Ende kommt dabei heraus, dass sich bei König David doch immer wieder nur alles um seine Söhne dreht:

37 Absalom aber floh und ging zu Talmai, dem Sohn Ammihuds, dem König von Geschur. David aber trug Leid um seinen Sohn alle Tage.

38 Als aber Absalom geflohen und nach Geschur gezogen war, blieb er dort drei Jahre.

39 Und der König David hörte auf, Absalom zu grollen; denn er hatte sich getröstet über Amnon, dass er tot war.

Beide Tamars sind Frauen, denen von Männern übel mitgespielt wird. Die eine versteht es, sich aus ihrer Opferrolle zu befreien, die andere schafft das nicht. Indem die Bibel so ausführlich von beiden erzählt, würdigt sie beide als Menschen, denen von angesehenen Mitgliedern einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft Unrecht angetan wurde.

Ich denke, es spricht viel dafür, einem Raum den Namen Tamar zu geben, in dem sich Menschen etwas von der Seele reden können.

Übrigens: Es gibt noch eine dritte Tamar in der Bibel. Sie wird nur ein einziges Mal erwähnt, in 2. Samuel 14, 27:

7 Und Absalom wurden drei Söhne geboren und eine Tochter, die hieß Tamar, und sie war ein schönes Mädchen.

Es ehrt Absalom, dass er seine Schwester nicht nur an seinem Bruder rächt, sondern ihren Namen seiner Tochter gibt. Was aus dieser dritten Tamar wird, wissen wir nicht; wir können für sie hoffen, dass sie ein glücklicheres Leben hat als ihre Tante Tamar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.