„Gott wohnt in vielen Häusern“

Auf dem Plakat ist eine Kirche drauf. Aber in den anderen Häusern wohnt Gott auch. In denen, die dort wohnen und arbeiten, zur Schule gehen oder ihre Freizeit verbringen, wohnt auch Gottes Geist der Liebe, wenn sie ihm Raum in sich lassen. In der Fabrik und im Einfamilienhaus, im Hochhaus und Kino, im dörflichen Fachwerkhaus und sogar im Geräteschuppen.

Familiengottesdienst an Christi Himmelfahrt, 15. Mai 1980, um 10.30 Uhr in der Kirche zu Reichelsheim
Orgelvorspiel

Ich freue mich, dass ihr da seid, liebe Kinder, und auch ihr, liebe Konfirmanden, und Sie, liebe Erwachsene – ich freue mich, dass wir alle zusammen sind, um am Himmelfahrtstag einen schönen Gottesdienst miteinander zu feiern. Wir fangen an mit einem Lied, das einige nun wohl schon kennen, da wir es schon ein paar mal gesungen haben: Es heißt „Danke“ und geht etwa so:

Danke für diesen guten Morgen
Wir feiern einen Gottesdienst. Wir feiern Gottesdienst immer im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.

Heute fragen wir uns: wo wohnt denn Gott? Früher hat man auf diese Frage einfach geantwortet: Gott wohnt im Himmel. Und der Himmelfahrtstag, den wir heute feiern, war auch einfach zu erklären: Jesus lebt eben nicht mehr so bei uns, wie ein Mensch bei uns lebt und wohnt, sichtbar und begreifbar ist, sondern er wohnt da, wo Gott auch wohnt, er ist so bei uns, wie Gott, der Vater, auch bei uns ist.

Aber heute fragen wir uns: wo ist denn der Himmel? Was ist denn gemeint mit dem Wort Himmel? Jesus hat manchmal vom Reich der Himmel gesprochen, viel lieber sprach er aber vom Reich Gottes. Und darüber habt ihr Kinder euch Gedanken gemacht, über das Reich Gottes, von dem Jesus so viel erzählt hat. „Was gehört für dich zum Reich Gottes“, wurdet ihr gefragt, und ihr habt nicht nur gesagt, wie ihr euch das vorstellt, sondern auch eure Vorstellungen in Figuren geknetet.

Vorstellen einiger Figuren, vielleicht in der Gemeinde herumzeigen;
z. B.: Dinge aus der Schöpfung (Sonne, Sterne, Pflanzen, Natur überhaupt, Tiere),
insbesondere Lebewesen, sinnbildliche Dinge (Baum mit Früchten), Liebe, Jesus am Kreuz

Wo wohnt Gott? Eine erste Antwort auf diese Frage ist wohl: seine Wohnung ist diese Welt, die er geschaffen hat. Vielleicht nicht nur diese Welt, aber wir kennen ja keine andere. Wenn wir uns über Blumen freuen, über Tiere, über schöne Landschaften, dann freuen wir uns über Dinge, die es ohne Gott nicht gäbe. Wenn wir einen Garten bebauen oder mit Begeisterung mithelfen, Natur zu schützen, dann sind wir Mitarbeiter Gottes, der über seine Schöpfung gesagt hatte: Siehe, sie ist sehr gut! In der Natur, in der Freude, die sie uns bereitet, in den Gesetzmäßigkeiten der Natur, die dem Leben dienen, sehen wir, dass Gott es gut mit uns meint.

Es gibt ein Lied, in dem Gott gelobt wird mit der Beschreibung der Natur, und das wollen wir jetzt singen:

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Wenn wir fragen: Wo wohnt Gott? reicht es nicht aus, zu sagen: seht doch die Natur an, da muss doch jeder sehen, dass Gott am Werk ist. Wir wissen ja auch, dass der Mensch die Natur nicht so gelassen hat, wie sie war. Und der Mensch hat nicht nur Dinge zum Guten verändert, sondern auch zum Schlechten. Das hat Gott zugelassen. Der Mensch ist frei. Er kann Gutes und Böses tun. Und manchmal weiß er nicht, ob es böse oder gut ist, was er tut. Gott lässt das alles zu. Aber er lässt uns Menschen nicht allein.

Jesus wurde geboren, wurde ein Junge, wurde ein Mann. Und zu dem sagte Gott: du gefällst mir, du bist so, wie alle Menschen sein sollten, du bist mein Sohn. In diesem Sohn war Gott auf der Welt, wie wir auf der Welt sind. Wo hat denn Jesus gewohnt? Geboren in einem Stall, aufgewachsen bei dem Zimmermann Josef, als Erwachsener sein Vaterhaus verlassen, umhergezogen ohne festen Wohnsitz, oft vertrieben; über den Tempel, das Haus Gottes, enttäuscht; letzter Ort: außerhalb Jerusalems, am Kreuz. Schon vorher am liebsten in Häusern der Verachteten, der Kranken, der Außenseiter eingekehrt. Er war nicht nur in einem Tempel oder sonst einem heiligen Raum; er wollte die, die ihn brauchten, nicht allein lassen.

Im folgenden Lied singen wir davon, bei wem Gott am liebsten wohnt, wem Jesus Gottes Reich verheißt:

Hört, wen Jesus glücklich preist

Jesus war so sehr für die Menschen da, dass er sogar den Tod auf sich nahm, statt sich mit Gewalt gegen seine Feinde durchzusetzen. Seine Freunde kamen nach seinem Tod zur Überzeugung: Jesus lebt! Er hat ja gezeigt, wie Gott für die Menschen da ist! Er war ja Gottes Sohn! Man versuchte sich das irgendwie vorzustellen, dass Jesus lebte, aber gleichzeitig nicht mehr sichtbar war wie andere Menschen. Man erzählte sich vom auferstandenen Jesus, wie er noch 40 Tage lang verschiedenen seiner Jünger erschienen sei und wie er dann plötzlich vor den Augen seiner Jünger von einer Wolke verborgen wurde und nicht mehr gesehen werden konnte. Aber ganz wichtig ist in dieser Geschichte der Satz (Apostelgeschichte 1, 11):

„Was steht ihr da und seht zum Himmel?“

An unserem blauen oder grauen Himmel werden wir Gott und Jesus nicht finden. Woanders finden wir ihn viel eher, das hatte Jesus in dieser Geschichte zuvor gesagt: nämlich in uns selber! Jesus hatte nämlich gesagt (Apostelgeschichte 1, 8):

„Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein“.

Pfingsten war es dann so weit: aus vorher ängstlichen Jüngern waren Leute geworden, die für ihren Glauben eintraten; Menschen, die sich vorher nicht verstanden hatten, sprachen nun plötzlich die gleiche Sprache.

Wo wohnt also Gott? Er wohnt in uns, so weit wir uns von seinem Geist begeistern lassen. Er wohnt da, wo wir wohnen und uns aufhalten: in unseren Wohnungen, in der Schule, in der Fabrik, im Büro, in der Kirche usw.

Aber wie soll Gott in uns wohnen? Ist denn unser Glaube nicht viel zu klein? Werden wir jemals genug Vertrauen zu Gott haben? Nützt denn unser kleiner Glaube überhaupt etwas? Verändert sich in der Welt etwas dadurch, dass wir Christen sind? Zu diesen Fragen führen die Kinder des Kindergottesdienstes nun ein Gleichnis Jesu in gespielter Form vor:

Das Gleichnis vom Senfkorn

Das Gleichnis will uns sagen: auch der kleinste Glaube richtet etwas aus. Das unsicherste Vertrauen zu Gott ist mehr als das großspurigste Vertrauen darauf, dass man besser sei als die anderen. Wenn einer nicht mehr angibt mit dem, was er hat, wenn einer nicht mehr mitmacht, wenn alle auf einem herumhacken oder alle einen auslachen, dann macht er etwas, was Jesus auch getan hätte. Dann gibt er etwas von Gottes Liebe weiter.

Gott liebt diese Welt

Wo wohnt Gott, haben wir gefragt – und zu antworten versucht haben wir: wir finden Gott in dem, was er geschaffen hat, wir finden seine Wohnung da, wo Jesus gewohnt hat: bei Heimatlosen und Außenseitern, und Gott wohnt schließlich in uns, so weit wir uns auf das Vertrauen zu ihm einlassen.

Plakat zum 2. Oberhessischen Kirchentag am 15. Juni 1980: Gott wohnt in vielen HäusernMancher wird sagen: aber die Kirche ist doch das Haus Gottes, hier wohnt doch Gott. Schauen wir uns einmal das Plakat zum Oberhessischen Kirchentag an. Da ist eine Kirche darauf – im Hintergrund – aber sie ist nur ein Gebäude von denen, in denen Gott wohnt. Hier kommen Menschen zusammen, die ausdrücklich Gott loben, von ihm hören, zu ihm beten. Doch in den anderen Häusern wohnt Gott auch. In denen, die dort wohnen und arbeiten, zur Schule gehen oder ihre Freizeit verbringen, wohnt auch Gottes Geist, der Geist der Liebe, wenn sie ihm Raum in sich lassen. In der Fabrik genau so wie im Einfamilienhaus, im Hochhaus genauso wie im Kino, im Geräteschuppen genauso wie im dörflichen Fachwerkhaus.

Wer hat denn Lust und möchte auf dem Hoherodskopf heute in einem Monat noch mehr zu diesem Thema hören, basteln, singen mit vielen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus ganz Oberhessen? Der kann sich jetzt oder nachher melden!

Das Lied, das wir nun als letztes vor dem Gebet singen wollen, können wir noch nicht perfekt singen und spielen; ich habe es gestern erst in den Vorbereitungsmaterialien für den Kirchentag bekommen. Trotzdem finde ich, wir sollten einmal versuchen, es einzuüben, weil es unseren heutigen Gottesdienst abrundet und weil es uns noch einmal einstimmt auf den Kirchentag in einem Monat:

Gott wohnt in vielen Häusern

Gott, hier sind wir zusammen, in der Kirche, und hören und reden ausdrücklich von dir, singen und beten und denken nach. Zu Hause bist du uns nahe im Spiel und im Ernst; wir fragen manchmal nach dem Sinn unseres Alltags, du fragst uns nach unserer Liebe und unserem Verständnis für die anderen in der Familie und in der Nachbarschaft. In Schule und am Arbeitsplatz bist du uns nahe bei erzwungener oder ausfüllender Arbeit. Wir seufzen oft unter Stress oder Unlust; du fragst uns, ob wir die Seufzer der anderen hören. In den Häusern, in denen Politik gemacht wird, wird da an dich gedacht, daran, dass du den Frieden willst und nicht die Durchsetzung des eigenen Rechts um jeden Preis? Du fragst uns nach unserem Glauben, der nur so groß sein muss wie ein Senfkorn, nach unserem Glauben, der an die Liebe Gottes glaubt und nicht an die Sprache der Gewalt.

Vaterunser
Abkündigungen und Segen
Lied: Auch heut kommt’s vor

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