„Ja, Ja; Nein, Nein“

Vom Schwören, von der Homosexualität, von der Wahrheit in der Politik.

Es ist nicht immer einfach, ein klares Ja oder Nein zu sagen. In der Politik fällt das besonders schwer. Was wir als Wahrheit nach dem Geist der Bibel erkennen, kann sich ändern. Schon in der Bibel wird das Schwören verschieden beurteilt. Heute wird über die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare gestritten.

"Ja, ja, nein, nein!" Die Zeichnung zeigt eine Hand, die auf die Bibel schwört

Darf man nach dem Willen Jesu auf die Bibel schwören? (Bild: OpenClipart-Vectors – pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am 23. Sonntag nach Trinitatis, 3. November 2013, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Orgelvorspiel

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich zum Abendmahlsgottesdienst in der Pauluskirche mit dem Wort zur Woche aus dem Brief 1. Timotheus 6, 15-16:

Der König aller Könige und Herr aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat… Dem sei Ehre und ewige Macht!

Gewaltig klingt dieses Wort über die unvergleichliche Macht Gottes. Es ist wunderbar, dass Gott uns damit beschenkt, was seine Unsterblichkeit ausmacht, nämlich mit seiner ewigen Liebe.

In der Predigt wird es heute um das Thema „Wahrheit“ gehen, insbesondere darum, ob man unter Berufung auf Gott die Wahrheit beschwören soll.

Wir singen das Lied 243, in dem Gott bei seinem Leben schwört, uns beizustehen:

1. Lob Gott getrost mit Singen, frohlock, du christlich Schar! Dir soll es nicht misslingen, Gott hilft dir immerdar. Ob du gleich hier musst tragen viel Widerwärtigkeit, sollst du doch nicht verzagen; er hilft aus allem Leid.

2. Dich hat er sich erkoren, durch sein Wort auferbaut, bei seinem Eid geschworen, dieweil du ihm vertraut, dass er deiner will pflegen in aller Angst und Not, dein Feinde niederlegen, die schmähen dich mit Spott.

3. Kann und mag auch verlassen ein Mutter je ihr Kind und also gar verstoßen, dass es kein Gnad mehr find‘t? Und ob sich’s möcht begeben, dass sie so gar abfiel: Gott schwört bei seinem Leben, er dich nicht lassen will.

4. Darum lass dich nicht schrecken, o du christgläub‘ge Schar! Gott wird dir Hilf erwecken und dein selbst nehmen wahr. Er wird seim Volk verkünden sehr freudenreichen Trost, wie sie von ihren Sünden sollen werden erlöst.

5. Es tut ihn nicht gereuen, was er vorlängst gedeut‘, sein Kirche zu erneuen in dieser fährlichn Zeit. Er wird herzlich anschauen dein‘ Jammer und Elend, dich herrlich auferbauen durch Wort und Sakrament.

6. Gott solln wir fröhlich loben, der sich aus großer Gnad durch seine milden Gaben uns kundgegeben hat. Er wird uns auch erhalten in Lieb und Einigkeit und unser freundlich walten hier und in Ewigkeit.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Vor drei Tagen war der Reformationstag. Am 31. Oktober vor 496 Jahren wehrte sich ein bis dahin unbedeutender Doktor der Theologie namens Martin Luther in Wittenberg dagegen, dass die damals herrschende Kirche den Ablass für Sündenstrafen als Gegenleistung für sogenannte gute Werke und Spenden für den Petersdom in Rom gewährte. Martin Luther sah darin einen Missbrauch des heiligen Namens Gottes, denn Gott schenkt Vergebung, wo wahre Einsicht und Reue vorhanden ist, und diese Gnade Gottes kann man sich nicht erkaufen.

Gott, hilf uns auch heute, dir allein die Ehre zu geben und zu begreifen, worin die Ehre deines Namens besteht, nämlich Menschen in die Freiheit der Kinder Gottes hineinzuführen, die sich in Liebe füreinander und für die Welt einsetzen.

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Als Martin Luther im Jahre 1517 seine 95 Thesen an die Kirchentür nagelte, war seine Hauptthese, dass das ganze Leben eines Christenmenschen Buße sein sollte. Nicht einzelne Bußhandlungen sollten dazu dienen, einen Deal mit Gott zu machen, wenn man sich wieder einer Sünde bewusst geworden war, und sie aus der Welt zu schaffen, um dann fröhlich weiter zu sündigen.

Gott, hilf uns, dass Buße im Sinne einer Umkehr zu dir unser ganzes Leben bestimmt, dass wir dankbar von dir empfangen, was du uns schenkst. Hilf uns auch, unsere Gaben so einzusetzen, dass sie uns und anderen zum Segen dienen. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wir beten mit Psalm 33:

1 Freuet euch des HERRN, ihr Gerechten…

2 Danket dem HERRN…; lobsinget ihm…!

4 Denn des HERRN Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiss.

5 Er liebt Gerechtigkeit und Recht; die Erde ist voll der Güte des HERRN.

12 Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist…!

13 Der HERR schaut vom Himmel und sieht alle Menschenkinder.

15 Er lenkt ihnen allen das Herz, er gibt acht auf alle ihre Werke.

20 Unsre Seele harrt auf den HERRN; er ist uns Hilfe und Schild.

21 Denn unser Herz freut sich seiner, und wir trauen auf seinen heiligen Namen.

22 Deine Güte, HERR, sei über uns, wie wir auf dich hoffen.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Großer Gott, schenke uns das Vertrauen auf deine starke Güte, gib uns die nötige Konzentration, um dein Wort aufzunehmen und zu verstehen. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören als Text zur Predigt Worte Jesu aus seiner Bergpredigt. Sie stehen im Evangelium nach Matthäus 5, 33-37:

33 Ihr habt … gehört, dass zu den Alten gesagt ist: »Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deinen Eid halten.«

34 Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron;

35 noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs.

36 Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen.

37 Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 145 die Strophen 2, 5 und 7:

2. Gott hat dir Christus, seinen Sohn, die Wahrheit und das Leben, sein liebes Evangelium aus lauter Gnad gegeben; denn Christus ist allein der Mann, der für der Welt Sünd g’nug getan, kein Werk hilft sonst daneben.

5. Die Wahrheit wird jetzt unterdrückt, will niemand Wahrheit hören; die Lüge wird gar fein geschmückt, man hilft ihr oft mit Schwören; dadurch wird Gottes Wort veracht‘, die Wahrheit höhnisch auch verlacht, die Lüge tut man ehren.

7. Das helfe Gott uns allen gleich, dass wir von Sünden lassen, und führe uns zu seinem Reich, dass wir das Unrecht hassen. Herr Jesu Christe, hilf uns nun und gib uns deinen Geist dazu, dass wir dein Warnung fassen.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde,

was haben das Schwören und die alltägliche Wahrhaftigkeit unseres Redens mit Gottes Namen und Ehre zu tun? Eine ganze Menge, denn Gottes Name ist keine Zauberformel, die man nur aussprechen müsste, um sich alle Wünsche zu erfüllen. Und wenn ich bei Gott schwöre, dass ich die Wahrheit sage, dann mache ich Gott zu meinem Zeugen; ich will meinen Worten eine Glaubwürdigkeit verleihen, die niemand anzweifeln darf.

Aber was ist, wenn ich trotzdem lüge oder unter Berufung auf Gottes Namen nicht die ganze Wahrheit sage? Dann würde ich Gott zu meinem Mitwisser und Komplizen bei einer Lüge machen oder jedenfalls bei einem nicht ganz korrekten Umgang mit der Wahrheit.

Eigentlich hat das Schwören einen guten Sinn. Es ist noch heute vor Gericht üblich, Zeugen zu vereidigen, wenn es darum geht, möglichst zweifelsfrei die Wahrheit einer Aussage festzustellen. Falls dann doch ein Meineid geleistet wird, erwartet den Lügner eine härtere Strafe, als wenn er einfach so gelogen hätte.

Wie schwer die Wahrheitsfindung vor Gericht ist, hat gerade wieder der Fall eines Vaters gezeigt, der sieben Jahre lang die Strafe für eine Tat absitzen musste, die er nicht begangen hatte. Seine Tochter hatte ihn fälschlich der Vergewaltigung bezichtigt. Menschen können sich irren, wenn sie die Glaubwürdigkeit von Betroffenen oder von Zeugen beurteilen sollen. Um so wichtiger ist es, jemanden, der unter einen furchtbaren Verdacht geraten ist, nicht vorschnell als Monster zu verurteilen, so lange nicht geklärt ist, was ihm wirklich vorzuwerfen ist.

Zurück zum Schwören in der Bibel. Im Alten Testament wird häufig geschworen, um möglichst sicherzustellen, dass ein Mensch die Wahrheit sagt. Wenn man sagte: „Ich schwöre bei Gott“, dann erwartete man eine Bestrafung durch Gott persönlich, wenn man Gottes Namen durch einen falschen Schwur entheiligen würde. So heißt es zum Beispiel im 3. Buch Mose – Levitikus 19, 12:

12 Ihr sollt nicht falsch schwören bei meinem Namen und den Namen eures Gottes nicht entheiligen; ich bin der HERR.

Jesus lehrt nun in der Bergpredigt: „Ihr sollt überhaupt nicht schwören!“ Warum?

Was Jesus sagt, sagt ähnlich schon ein anderer Jesus mit dem Beinamen Sirach in einer der Schriften, die in vielen Lutherbibeln zwischen dem Alten und Neuen Testament stehen. Da heißt es in Sirach 23:

9 Gewöhne deinen Mund nicht ans Schwören und nicht daran, den Namen des Heiligen ständig zu nennen.

10 Denn wie ein Knecht, der beim Verhör oft geschlagen wird, nicht ohne Striemen ist,

11 so kann auch der nicht rein von Sünde bleiben, der oft schwört und Gottes Namen ständig nennt.

12 Wer oft schwört, der sündigt oft, und die Plage wird seinem Hause nicht fernbleiben.

13 Schwört er unbedacht, so sündigt er dennoch; hält er‘s nicht, so sündigt er zweifach;

14 schwört er aber falsch, so wird er nicht gerecht gesprochen; sein Haus wird hart bestraft werden.

Also gab es im Volk Israel schon vor der Zeit Jesu Zweifel am Sinn des Schwörens. Der weise Mann mit dem Namen Jesus Sirach vergleicht unbedachte Eide ziemlich krass mit der Folter bei einem Verhör. Jeder Schwur ist ja wie eine Selbstverfluchung: wenn ich nicht die Wahrheit sage, dann soll Gott mich strafen! Wer das zu seiner Gewohnheit macht, der nimmt gar nicht mehr ernst, dass Gott ihn wirklich strafen könnte, und der Schwur wird zu einer leeren Formel.

Der Jesus des Neuen Testaments zieht daraus die Konsequenz: „Dann schwört lieber gar nicht. Weder bei Gottes Namen, noch unter Berufung auf irgendetwas oder irgendjemand sonst, das oder der euch heilig ist.“

Anscheinend gab es Menschen, die dachten: OK, bei Gott zu schwören, das soll nicht sein, damit könnte ich Gottes Namen missbrauchen. Aber sie hörten trotzdem nicht auf, ständig zu schwören. Beim Himmel, bei der Erde, bei Jerusalem, beim eigenen Haupt schworen sie, und ähnlich geht das heute weiter, wenn ich junge Leute sagen höre: „‘ch schwör bei meiner Mutter“ oder bei anderen Personen, die ihnen heilig sind. Auch das führt nur dazu, es mit der Wahrheit letzten Endes weniger genau zu nehmen. Ich bin ja nicht selber verantwortlich für mein Reden, sondern ich berufe mich auf eine andere Autorität, und niemand soll es wagen, die anzuzweifeln.

Jesus meint: egal, ob man sich beim Schwören auf Gott oder den Himmel, auf die Erde oder Jerusalem, auf das eigene Leben oder die eigenen Eltern beruft, letzten Endes versucht man immer, etwas Heiliges zur Abstützung der eigenen Glaubwürdigkeit einzuspannen. Dagegen wendet sich Jesus. Er will, dass wir uns schlicht und einfach bemühen, die Wahrheit zu sagen: ein klares Ja, das auch wirklich ein Ja ist, oder ein Nein, zu dem wir stehen. Er fordert nicht von uns, dass wir die absolute Wahrheit kennen, aber wir sollen selber Verantwortung für das übernehmen, was wir sagen.

Aber warum sagt Jesus: „Eure Rede sei Ja, Ja; Nein, Nein!“? Darf es nie irgend etwas dazwischen geben? Können wir immer ganz klar Ja oder Nein sagen? Ist Jesus für Schwarzweißmalerei ohne Differenzierung? Ist er für Rechthaberei, also stures Beharren auf einer einmal gefassten Meinung, ohne sich eventuell durch andere Argumente eines Besseren belehren zu lassen?

Nein, um das alles geht es nicht. Das ist hier gar nicht das Thema. Natürlich darf und soll ich das, was ich sagen will, auch dann offen und klar sagen, wenn es sich um einen komplizierten Sachverhalt handelt.

Das ist manchmal gar nicht so einfach. Zum Beispiel, wenn ich weiß, dass derjenige, mit dem ich rede oder vor dem ich eine Rede halte, mit meiner Meinung gar nicht übereinstimmt. Traue ich mich dann, zu meiner Überzeugung zu stehen? Oder schwäche ich ab, halte ich den Mund, weil ich Angst habe, mit meiner Meinung auf Ablehnung zu stoßen?

Schwierig kann es auch sein, etwas zuzugeben, was man falsch gemacht hat. Wage ich es, um Entschuldigung zu bitten, oder suche ich eine Ausrede, um einen peinlichen Fehler nicht eingestehen zu müssen?

Jesus will, dass wir dazu stehen, was für uns nach bestem Wissen und Gewissen wahr ist. Es muss nicht für alle anderen wahr sein. Und es muss nicht für alle Zeiten wahr sein.

Wir sehen ja zum Beispiel gerade beim Thema des Schwörens, dass diese Frage schon in der Bibel unterschiedlich beantwortet wird. Das Anliegen ist ja: möglichst große Wahrhaftigkeit zu erreichen. Aber wenn das Schwören dermaßen zur Gewohnheit wird, dass man den Verdacht haben muss, es werde nur noch zur Bekräftigung einer zweifelhaften Aussage missbraucht, dann sollte man es lieber ganz sein lassen.

Auch andere Dinge sind nicht ein für alle Mal mit Ja oder Nein zu beantworten. Oft kommt es auf den Zusammenhang an, manchmal ändern sich im Lauf der Zeit Zusammenhänge, in denen Probleme gesehen werden müssen. Auf ein aktuelles, sehr umstrittenes Beispiel will ich nun näher eingehen.

Da stehen drei drei Verse in der Bibel, die sich ausdrücklich gegen den sexuellen Verkehr von Männern mit Männern richten. Im 3. Buch Mose – Levitikus 18, 22 und 20, 13 heißt es sehr krass:

Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Greuel.

Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Greuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen.

Auch der Apostel Paulus sieht in Römer 1, 27 die Homosexualität als Sünde:

Desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein mußte, an sich selbst empfangen.

Früher hat man gesagt und manche tun es noch heute: Das reicht aus, um noch heute jede gelebte gleichgeschlechtliche Beziehung abzulehnen, und zwar auch dann, wenn diese Partnerschaft in Liebe und Treue auf Dauer angelegt ist.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat in ihrer Orientierungshilfe zu Fragen der Ehe und Familie kürzlich eine andere Haltung vertreten, und unsere eigene Landeskirche erlaubt seit einigen Jahren die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Seit Mitte diesen Jahres werden solche Segnungen auch als Amtshandlung ins Kirchenbuch eingetragen.

Dafür gibt es, so denke ich, gute Gründe, die mit dem heiligen Geist der Bibel im Einklang stehen. Zur Zeit der Bibel wusste man nicht, dass Homosexualität einer vererbten Veranlagung entspringt; man empfand ein entsprechendes Verhalten als abartig, zumal man von jedem Mann erwartete, Kinder zu zeugen, damit die Familie, der Stamm, das Volk in einer Zeit geringer Bevölkerungszahlen und schwieriger sozialer Absicherung im Alter überhaupt überleben konnte.

Heute ist es möglich geworden zu sagen: es ist im Sinne der Bibel, dass sich gleichgeschlechtlich empfindende Christen genau so als Gottes Kinder begreifen wie alle anderen. Gott hat sie anders geschaffen, aber nicht als abartig, minderwertig oder als Sünder nur wegen ihrer Veranlagung.

Mittlerweile gibt es Tausende von Menschen, die in einer dauerhaften homosexuellen Lebensgemeinschaft leben, die von Hingebung und Liebe geprägt ist, und einigen davon ist es wichtig, diese Partnerschaft ähnlich wie eine heterosexuelle Ehe unter den besonderen Segen Gottes zu stellen. Sie mögen sich ermutigt fühlen durch König David, der über seinen Freund Jonathan sagt (2. Samuel 1, 26):

Ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir wundersamer gewesen, als Frauenliebe ist.

Aber wie gesagt: über eine einzige solche Andeutung hinaus waren weder die gleichgeschlechtliche Prägung noch die partnerschaftliche Liebe zwischen Menschen des gleichen Geschlechts in der Bibel ein Thema. Darum müssen wir uns heute selber darüber Gedanken machen, ob wir in unserer eigenen Verantwortung vor Gott dazu Ja oder Nein sagen, und können uns dabei nicht auf ein Wort von Gott zu genau dieser Thematik berufen.

Am schwersten ist es vielleicht in der Politik, ein einfaches klares Ja oder Nein zu sagen. Politikern traut kaum jemand zu, immer die Wahrheit zu sagen, vor allem im Wahlkampf. Trotzdem empört man sich, wenn man sie wieder einmal bei einer Lüge ertappt.

Man sagt natürlich als Vertreter einer Partei vor einer Wahl nicht gerne, dass man notfalls auch mit einer anderen Partei regieren würde als mit der eigentlichen Wunschpartei, weil man dann vielleicht weniger Stimmen bekommen würde. Nach der Wahl muss man dann aber notgedrungen doch mit Parteien verhandeln, die man sich nicht als Koalitionspartner gewünscht hat, weil sonst keine Regierung zustande käme.

Der Grat zwischen Wahrheit und Lüge ist sehr schmal. Will eine Partei lieber keine Kompromisse eingehen und bequem Opposition machen, statt Verantwortung für die reale Politik zu übernehmen, oder wirft sie allzu leichtfertig wesentliche Grundsätze über Bord, nur um Ministerposten zu erwerben und an der Macht teilzuhaben? Aber wir sollten bei aller Kritik bedenken: Wenn wir von unseren Politikern den Mut und die Kraft zur Wahrhaftigkeit erwarten, sollten wir auch wünschen, dass sie uns unbequeme Wahrheiten nicht vorenthalten.

An einem Gießener Beispiel zeigte sich besonders deutlich, wie schwierig es oft mit der Wahrheit ist. Die Unterführung an der Ostanlage zuzuschütten, kommt teuer, und viele haben sich darüber empört. Einige wenige wiesen darauf hin, dass es unbezahlbar geworden wäre, diesen Weg unter der Straße hindurch behindertengerecht umzubauen, denn mit Rollstuhl oder Rollator war die Unterführung nicht sicher zu benutzen. Das ist nur ein Argument aus einem lange andauernden Streit, das mir zu denken gegeben hat.

Wer sich empört, sollte sich auch die Zeit nehmen, um Gegenargumente zu hören und in Ruhe abzuwägen. Gerade in sehr umstrittenen Fragen wird es dabei nicht unbedingt eine absolut richtige Entscheidung geben – aber es wäre sicher kein klares Ja oder Nein im Sinne Jesu, wenn man sich empört, nur um im Wahlkampf möglichst dem politischen Gegner zu schaden.

Natürlich ist hier auf der Kanzel nicht der Ort, um politische Reden zu halten. Aber Jesus gibt uns Regeln nicht nur für unseren Umgang mit der Wahrheit im Privatleben oder in der Kirche, sondern auch für unser Verhalten als politische Staatsbürger: Unser Ja und Nein soll ohne Hintergedanken im Interesse der Menschen sein, so wie wir es vor Gott verantworten können. „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 295:

1. Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit, nach seinem Worte handeln und leben allezeit; die recht von Herzen suchen Gott und seine Zeugniss‘ halten, sind stets bei ihm in Gnad.

2. Von Herzensgrund ich spreche: dir sei Dank allezeit, weil du mich lehrst die Rechte deiner Gerechtigkeit. Die Gnad auch ferner mir gewähr; ich will dein Rechte halten, verlass mich nimmermehr.

3. Mein Herz hängt treu und feste an dem, was dein Wort lehrt. Herr, tu bei mir das Beste, sonst ich zuschanden werd. Wenn du mich leitest, treuer Gott, so kann ich richtig laufen den Weg deiner Gebot.

4. Dein Wort, Herr, nicht vergehet, es bleibet ewiglich, so weit der Himmel gehet, der stets beweget sich; dein Wahrheit bleibt zu aller Zeit gleichwie der Grund der Erden, durch deine Hand bereit‘.

Im Abendmahl sind wir eingeladen, Gottes Zumutung und Ermutigung zu spüren und an uns heranzulassen. In Brot und Kelch schenkt er uns Gemeinschaft, die verpflichtet und befreit.

Gott, nimm von uns, was uns von dir trennt: Unglauben, Lieblosigkeit, Verzagtheit. Hochmut, Trägheit, Lebenslügen. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernst zu nehmen als den, der uns befreit zur Liebe und Wahrhaftigkeit. Würdig und recht ist es, uns selber anzunehmen als Menschen mit eigener Überzeugung in der Verantwortung vor Gott. Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

In Jesus lebt Gottes Liebe. Im Brot empfangen wir Jesu Leib, und Gottes Liebe lebt in uns. Nehmt und gebt weiter, was euch gegeben ist – den lebendigen Leib der Liebe Gottes.

Herumreichen des Korbs

So sehr liebt uns Gott, dass er in Jesus Christus sein Leben für uns hingibt. Nehmt hin den Kelch der Vergebung, des neuen Anfangs, der Versöhnung zwischen Gott und Mensch.

Austeilen der Kelche

Jesus Christus spricht (Johannes 15, 5):

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Gehet hin im Frieden!

Lasst uns beten.

Vater im Himmel, wir danken dir für die Gaben, die wir empfangen – Brot und Kelch, die Gemeinschaft deiner Liebe. Wir danken dir auch, dass wir dir alles anvertrauen dürfen, was wir auf dem Herzen haben.

Wir bitten für alle Menschen, die der Natur hilflos ausgesetzt sind. Für die, die bei den Stürmen der letzten Woche verletzt wurden oder gestorben sind, und für alle Unfallopfer der letzten Tage, besonders die Kinder.

Wir beten für alle, die leiden, weil in ihrem Land Krieg herrscht. Besonders für die Kinder in Syrien, die von der neu ausgebrochenen Polio-Epidemie betroffen sind, und für alle anderen, denen durch Armut, Gewalt und Krieg eine echte Gesundheits-Vorsorge unmöglich ist.

Wir beten für die Politiker, die um die Bildung einer Regierung ringen, die im Sinne der Bevölkerung in Deutschland und in unserem Bundesland handelt. Wir beten für die Verantwortlichen in Polizei und Justiz, dass sie bei der Strafverfolgung das richtige Augenmaß und ein gutes Urteilsvermögen beweisen.

Wir beten voll Vertrauen für die Menschen, die anderen Wichtiges zu sagen haben. Für alle, bei denen der Abhörskandal Unsicherheiten und Ängste auslöst, und für die, die sich für wirklichen Schutz der privaten und geschäftlichen Kommunikation einsetzen.

Wir beten für alle, die sich nach besten Kräften für die Wahrheit einsetzen, die wahrhaftig sind im Geschäftsleben und in der Politik, die sich auch in der Familie nicht davor scheuen, schwierige Wahrheiten auszusprechen, selbst dann, wenn es Tränen und Enttäuschungen oder harte Diskussionen geben kann. Gott, gib auch uns den Mut zur Wahrheit. Amen.

Lied 221:

1. Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen: wir sind, die wir von einem Brote essen, aus einem Kelche trinken, Jesu Glieder, Schwestern und Brüder.

2. Wenn wir in Frieden beieinander wohnten, Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten, dann würden wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen.

3. Ach dazu müsse deine Lieb uns dringen! Du wollest, Herr, dies große Werk vollbringen, dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.

Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Orgelnachspiel

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