„Aus den Tiefen der Erde holst du mich herauf“

Eine Mutter ist gestorben, die von vielen in der Großfamilie schmerzlich vermisst wird. Wohin mit den Gefühlen der Trauer, der Angst, ja sogar der Wut auf Gott? Alles darf Gott im Gebet gesagt werden – und von ihm ist Trost zu erwarten.

Die Tiefen der Erde: Eine Höhle mit rechteckigen Wänden, die aus Erde gebildet sind, die aussehen wie dürrer Ackerboden

Gibt es Auswege aus der Höhle tiefster Trauer und Angst? (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir nehmen heute Abschied von Frau C., die im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Jeder hat seine eigenen Erinnerungen an Frau C., jeder im Stillen für sich. Jeder bringt auch seine eigenen Gefühle mit, vielleicht sehr gemischte Gefühle. Vor allem sind wir traurig, und wir sind zusammen hier, um einander beizustehen und um Worte des Trostes aus der Bibel zu hören.

Wir beten mit einem alten Gebet der Bibel, dem Psalm 71:

1 HERR, ich traue auf dich, lass mich nimmermehr zuschanden werden.

2 Errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir!

3 Sei mir ein starker Hort, zu dem ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.

5 Du bist meine Zuversicht, HERR, mein Gott, meine Hoffnung von meiner Jugend an.

9 Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.

12 Gott, sei nicht ferne von mir; mein Gott, eile, mir zu helfen!

20 Du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.

21 Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder.

Liebe Gemeinde!

Wir haben eben gehört, in diesem alten Gebet aus der Bibel – da bittet einer Gott um Trost, und er ist ganz ehrlich dabei. Er weiß, das ist nicht so einfach mit dem Trost. Das geht nicht einfach so, dass da einer kommt, der sagt: Es wird schon wieder gut, und dann ist alles vorbei, man wacht auf wie aus einem bösen Traum, und es ist in Wirklichkeit gar nichts passiert. Nein, mit dem Trost ist es anders.

Da ist wirklich etwas passiert, das kann man nicht rückgängig machen, das können wir nicht ändern, das ist endgültig. Eine Frau ist gestorben, mit der Sie sehr viel zu tun gehabt haben, Sie haben Ihr Leben mit ihr geteilt, kurze Zeit, lange Zeit, Sie haben Liebe und Leid mit ihr erlebt, schöne und schwere Zeiten mit ihr verbracht, Sie sind von ihr geprägt worden und erinnern sich heute, jeder auf seine Weise, sicher an viele verschiedene Begegnungen mit ihr.

Wenn wir heute fragen: Was kann uns trösten, wenn wir Gott um Trost bitten, dann wird das alles nicht ungeschehen gemacht, so als ob es nie passiert wäre. Vielleicht wacht man morgens auf und denkt: Wie schön wäre es, wenn alles nicht wahr wäre, wenn sie doch noch am Leben wäre. Aber nein, es ist wahr – da ist das Leben eines Menschen zu Ende gegangen, den Sie lieb hatten, der eine Bedeutung für Sie hatte, und damit müssen Sie fertig werden – heute und in den Tagen, die kommen.

In dem Gebet, das wir hörten, sagt einer zu Gott: „Du lässest mich erfahren viele und große Angst!“ Du bist es selbst, Gott, der uns in Angst versetzt und uns traurig macht, denn du hast es doch zugelassen, dass die Mutter, die Partnerin, die Frau, die uns nahe stand, gestorben ist. Darf man überhaupt so zu Gott sprechen? Darf man denken oder sagen: Du bist schuld an unserer Angst, an unserer Trauer, du hast uns die Mutter genommen?

Ja, in der Bibel tun das Menschen immer wieder, sie glauben das einfach: Gott ist da, Gott ist unsichtbar bei uns, Gott begleitet uns und trägt uns mit seiner Liebe – und darum darf man ihm alles sagen. Wir dürfen ihm sogar Sachen sagen, die vielleicht ungerecht sind, Dinge, die wir nicht verstehen, was uns aus der Ruhe bringt, was uns nicht schlafen lässt, was uns manchmal fast ausrasten lässt, so dass wir am liebsten weglaufen würden.

Es ist gut, darüber zu reden, was uns belastet. Zum Beispiel im Gebet mit Gott. Das muss gar nicht ein laut gesprochenes Gebet sein, das kann ein stiller Gedanke von uns sein, ein Seufzer, ein tiefes Durchatmen und ein Gedanke: Gott, halt mich fest! Denn Gott ist immer für uns da.

Und es ist ebenso gut zu wissen: Es sind auch noch andere Menschen für mich da. Da kümmert sich jemand um mich. Da hört jemand zu. Da ist man einfach einmal nicht allein.

Und wenn das so ist, dann spürt man vielleicht auch, was in dem Gebet aus der Bibel gemeint war, wenn es da heißt: „Und du machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.“ Ja, Gott, du machst mir zwar Angst, du lässt mich Trauer erleben, und das ist für mich fast so, als müsste ich selber auch sterben, als wäre mein Leben jetzt auch am Ende, als würde mit der Mutter, mit dem geliebten Menschen auch ein Teil von mir selbst aufhören, zu sein.

Aber gerade wenn ich traurig bin, wenn andere das ruhig mitbekommen dürfen, wenn ich mich mit meinen manchmal auch gemischten Gefühlen nicht alleingelassen fühle – dann fühle ich auch wieder, dass ich selber nicht gestorben bin, dass ich noch fühlen darf, dass Gott mit mir noch etwas vorhat in diesem Leben. „Du machst mich wieder lebendig“ – du schenkst mir Trost und neuen Mut zum Leben. „Aus den Tiefen der Erde holst du mich herauf“ – aus dem tiefen Loch, in das ich gefallen bin, aus dem tiefen Schmerz, den ich in mich hineinfresse, aus der Einsamkeit, in die ich fliehen will, um nicht zu spüren, wie weh es tut, dass ein Mensch gestorben ist, den ich so lieb hatte.

Aber warum holt Gott nicht auch Frau C. wieder aus dem Tod zurück? Warum werden wir die Asche ihres Körpers in die Erde legen und nicht wieder heraufholen? Kann Gott sie nicht wieder lebendig machen? In dieser Welt, auf dieser Erde, wie wir sie kennen, tut Gott das nicht. Da ist der Tod das Letzte in einem Menschenleben, da ist der Abschied von einem Menschen endgültig.

Trotzdem können wir sagen: Es gibt noch eine andere Welt. Es gibt nicht nur diese Erde, auf der wir leben, nicht nur die Wirklichkeit, die uns vertraut ist. Es gibt eine Welt, in der wir erst leben werden, wenn wir hier gestorben sind, manche nennen sie den Himmel, manche sprechen von der Ewigkeit Gottes, manche sagen auch einfach: Gott lässt die Menschen im Tod nicht verloren gehen, er hält sie fest in seiner Liebe, Gott bleibt uns treu, auch wenn wir sterben. Und so können wir auch Frau C. getrost loslassen und von ihr Abschied nehmen. Denn wir vertrauen sie ja Gott an, und der ist wie ein guter Vater, der uns niemals verlässt, wie eine gute Mutter, die lieb zu uns ist und für uns da ist, wenn wir sie brauchen.

Gott nimmt Frau C. in Liebe an, und mit der gleichen Liebe tröstet er uns, die wir weiterleben und jetzt sehr traurig sind. Und wie tröstet uns Gott? In der Bibel steht darüber ein schöner Satz. Gott sagt von sich (Jesaja 66, 13):

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Und das heißt ja: Frau C. kann Sie nun als Mutter nicht mehr trösten, aber Gott kann es und will es. Er nimmt uns in die Arme seiner Liebe, und wir müssen gar nichts tun, nur das mit uns geschehen lassen, dass er uns lieb hat und uns trägt mit unserem ganzen Schmerz, den wir kaum aushalten.

Und wenn wir uns fragen: Gibt es Gott überhaupt? – ich spüre seine Arme nicht, die mich mit Liebe umfangen – dann sollten wir es uns gegenseitig ein wenig leichter machen, Liebe zu spüren, Trost zu spüren, einfach indem wir füreinander da sind, indem wir nicht voreinander weglaufen, indem einer dem anderen zeigt: Ich bin für dich da. Amen.

Wir beten mit den Worten eines alten Liedes (EG 376):

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

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