Zwischen Abenteuerlust und geistiger Entleerung

Trauerfeier für eine Frau, deren Leben viele Jahrzehnte hindurch von Abenteuerlust und der aktiven Bewältigung immer wieder neuer Herausforderungen geprägt war und die im hohen Alter unter fortschreitender Demenz litt. Ist sie in ihrer unfreiwilligen Weltabgewandtheit Gott näher gekommen?

Zwischen Abenteuerlust und geistiger Entleerung: Ein Mensch mit Demenz in einer schönen Landschaft innerhalb einer Flasche, die Flasche liegt auf dem Straßenpflaster, auf dem schattenhafte Gestalten zum Horizont gehen, wo die strahlende Sonne durch dunkle Wolken bricht

Wohin führt der Weg eines Menschen in der Demenz? (Bild: susannp4 – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um von Frau U. Abschied zu nehmen, die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Eine Trauerfeier halten wir, um innezuhalten: Wir erinnern uns an das Leben der Verstorbenen, an Begegnungen mit ihr, an Prägungen durch ihre Persönlichkeit; an das, was ihr Leben mit Sinn erfüllt hat.

Wir besinnen uns auf das, was uns mit ihr geschenkt war, was uns verloren gegangen ist und was uns auch in Zukunft bleibt.

Wir tun all das, indem wir uns auch auf Gott besinnen. Von ihm kommt unser Leben her; zu ihm kehrt es zurück. Ihm verdanken wir alles; vor ihm verantworten wir unser Tun und Lassen. Im Vertrauen auf ihn können wir unser Leben führen und am Ende loslassen.

Lasst uns beten mit Worten aus dem Psalm 31:

2 HERR, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit!

3 Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

4 Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.

5 Du bist meine Stärke.

9 Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

16 Meine Zeit steht in deinen Händen.

22 Gelobt sei der HERR; denn er hat seine wunderbare Güte mir erwiesen in einer festen Stadt.

Liebe Gemeinde!

Der Psalm 31, aus dem wir einige Verse gehört haben, stellt uns eine Menge Bilder zur Verfügung, in denen wir unser Leben zu Gott in Beziehung setzen können. Fels und Burg stehen für Schutz und sicheren Halt, beides verbunden mit dem Vertrauen auf Gottes heiligen Namen, und dieser Name ist unaussprechlich und bedeutet: „Ich werde sein, der ich sein werde“. Immer neu ist Gott für uns Menschen da, immer wieder führt er uns in die Freiheit, leitet er uns auf Wegen der Gerechtigkeit. Gottes Name ist kein Eigenname, den man in Zauberformeln verwenden könnte, um sich seine Macht zunutze machen zu können; Gottes Name kann als ein Versprechen gehört werden: „Ich bin für euch da!“, das sagt er uns zu, weil er als der Schöpfer seine Menschenkinder liebt.

Mitten in diesem Psalm steht ein Wort, an das ich mich erinnert habe, als wir im Vorgespräch für diese Trauerfeier über Ihre Mutter sprachen: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Ein Gott, der in die Freiheit führt, sperrt uns nicht ein in enge Räume, sondern er öffnet unseren Blick für die Weite, führt uns hinaus aus Engführungen und Zwängen, stellt uns vor manchmal schwer zu bewältigende Herausforderungen, er stellt unsere Füße auf weiten Raum.

Ich dachte an dieses Wort, weil Sie mir erzählt haben von der Abenteuerlust Ihrer Mutter, von ihrem Mut, mit dem sie sich allen Herausforderungen ihres Lebens gestellt hat, und von ihrer Kreativität, mit der sie das ihr Vorgegebene geschickt umzugestalten verstand.

Erinnerungen an Freude und Leid im Leben der Verstorbenen

Es waren schwere Zeiten, was sie alles zu ertragen hatte, können wir gar nicht genau ermessen. Ob gewollt oder ungeplant, immer wieder gab es neue Umbrüche im Leben von Frau U., immer neue Aufbrüche ins Weite. Und sie brachte den nötigen Mut und die Kraft auf, sich in der jeweils neuen Situation gut zu behaupten und sesshaft zu werden. Was sie immer wieder erfahren hat, drückt der Psalm in dem letzten Vers aus, den wir gehört haben: „Gott hat seine wunderbare Güte mir erwiesen in einer festen Stadt.“

Nach dem Tod ihres Mannes sah Frau U. auch ihr Leben als Witwe als Herausforderung, die zu bewältigen war und die sie meistern konnte. Sie suchte sich neue Aufgaben und konnte noch lange allein die Arbeit in Haus und Garten stemmen.

Als sie jedoch selbst erkrankte, warf sie das ziemlich aus dem Gleis. Sie war mehr und mehr auf Pflege und Unterstützung angewiesen, zumal auch ihre geistigen Kräfte nachließen. Sie brauchte intensive Betreuung und Pflege. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie das Nachlassen aller Kräfte und jeder Beweglichkeit von ihr verkraftet worden sein mag. So kann ein aktives, abenteuerlustiges Leben zuletzt auch in allzu ruhige Bahnen münden, bis der Tod am Ende wie eine Erlösung erscheint.

Angesichts des Todes wird uns bewusst, wie zerbrechlich und kurz unser Leben ist, so wenig selbstverständlich. Es ist ein Geschenk auf Zeit, und es ist eine Gnade, wenn wir zu Gott sagen können: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Gott gibt uns Lebenszeit, vertraut sie uns an. Er ist es, der uns Kräfte verleiht, der sogar in Schwachen mächtig ist. Wer sagen kann: „Du bist meine Stärke“, der muss vor keiner Herausforderung zurückschrecken, der kann alles durchstehen, was einem in einem langen Leben auferlegt werden mag.

Im Großen und Ganzen war das Leben von Frau U. ein erfülltes Leben; zwar erlitt sie immer wieder auch Schicksalsschläge und Verluste, aber sie ließ sich nicht hängen und packte zu, was anzupacken war, so dass sie immer wieder neues Lebensglück erfahren konnte. Manchmal kam der Anstoß von außen, manchmal auch von ihr selbst, dass sie aus gewohnten Bahnen in die Weite aufbrach und die Wahrheit des Psalmworts erfuhr, dass Gott einem die Füße „auf weiten Raum“ stellte.

Und als sie zum Schluss immer weniger auf eigenen Füßen stehen konnte und immer weniger in der Lage war, eigene Entscheidungen zu treffen? Es lässt sich nicht leugnen, dass ihr das zunächst gar nicht gefiel. Ich denke, das würde wohl den meisten von uns so gehen, vor allem, wenn wir gewohnt sind, unser Leben in eigener Regie zu gestalten. Doch zu unserem Leben gehören nicht nur die Zeiten der Stärke und des Erfolgs; niemand ist davor gefeit, auch Zeiten der Schwäche und des Verlustes durchzumachen. Und dann kann es auch eine Gnade sein, trotz nachlassender Kräfte ein Leben in sicherer Obhut und Geborgenheit führen zu können; auch so kann man Gottes wunderbare Güte „in einer festen Stadt“ erfahren.

Nun nahm in den letzten Jahren Frau U. ihre Situation wegen fortschreitender Demenz immer weniger wahr. Von außen erscheint uns das beklagenswert; wir sehen, was weniger wird, und fragen uns, was in dieser Situation von der Würde eines Menschen übrig bleibt.

Der Seelsorger Burkhard Pechmann hat in einem Aufsatz im Deutschen Pfarrerblatt („Demenz und Spiritualität“, November 2008) seine Erfahrungen mit demenzkranken Menschen beschrieben und hat ihren Zustand der unfreiwilligen geistigen Entleerung und Weltabgewandtheit mit der absichtsvollen Spiritualität der Mystiker verglichen. Die Mystiker versuchen, sich und die Welt zu vergessen, um mit Gott zu verschmelzen; liegt nicht der Gedanke nahe, dass Menschen, die wir in ihrer Demenz nicht mehr oder kaum noch erreichen, schon näher bei Gott sind als wir in unseren bewussten Glaubensbemühungen?

Von da ist eine andere Frage nicht weit: Wohin geht die Reise, wenn das irdische Leben vorbei ist? Hier hört alles menschliche Wissen, alle Vorausschau und alle Planung auf. Im Vertrauen auf Gott können wir davon ausgehen, dass unser Leben auch im Tode aufgehoben bleibt in Gottes Liebe. Aber wenn wir vom Himmel reden, von den Wohnungen im Hause des Vaters, von einem Leben nach dem Tode, dann sprechen wir in Bildern, und wir wissen nicht wirklich, wovon wir reden.

Wenn ich an den Psalm denke, den wir gehört haben, dann möchte ich im Blick auf Frau U. einmal ganz andere Bilder vom ewigen Leben entwerfen. Nachdem ihr Leib und ihre Seele ihr zum Schluss mehr und mehr zu einem Gefängnis geworden sind, das den Spielraum ihrer Lebens- und Abenteuerlust so sehr einschränkte, dass er gegen Null ging, stelle ich mir vor, dass Gott in ihrem Tode erneut ihre Füße auf weiten Raum stellt. Nicht nur unsere Zeit steht in seinen Händen; als der Herr der Ewigkeit verfügt Gott auch über die Möglichkeit, unsere ganze Existenz zu überblicken und das, was unsere Identität ausmacht, auf eine Weise aufzubewahren und auszubauen, die wir uns nicht vorstellen können. Unser begrenztes Leben wird im Himmel vollkommen sein; was wir hier an Liebe empfangen und weitergeben, das hört nicht auf, wenn Gott uns im Tode in seinen ewigen Frieden aufnimmt.

In der Bibel gibt es herrliche Bilder vom himmlischen Jerusalem, die uns modernen Menschen fremd geworden sind; wir möchten nicht so wie frühere Generationen schon in der Welt der Welt entfliehen und uns den Himmel in buntesten Farben ausmalen. Aber irgendwann müssen wir doch alle von dieser Welt Abschied nehmen, und dann ist es tröstlich, im Glauben zu wissen, dass Gott uns auch nach unserem Tode weiter seine wunderbare Güte erweisen wird in einer festen Stadt. Wir müssen uns das nicht weiter ausmalen, wir können aber getrost davon ausgehen, dass die Verstorbenen, die uns vorausgehen, nicht verloren sind, sondern in Gottes Liebe geborgen bleiben. In dieser Zuversicht können wir Frau U. loslassen und sie in ihrem Tode den liebevollen Händen Gottes anvertrauen. Amen.

Wir singen aus dem Lied 361 die Strophen 1, 11 und 12:

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

11. Wohl dir, du Kind der Treue, du hast und trägst davon mit Ruhm und Dankgeschreie den Sieg und Ehrenkron; Gott gibt dir selbst die Palmen in deine rechte Hand, und du singst Freudenpsalmen dem, der dein Leid gewandt.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Barmherziger Gott, du bist unsere Stärke, du hältst unsere Zeit in deinen Händen, du führst uns auf unserem Weg in die Weite, in festen Städten und in immer neuen Aufbrüchen.

Wir danken dir für die Erfüllung, die Frau U. immer wieder neu in ihrem Leben erfahren hat. Wir danken dir für alle Liebe, die wir von ihr empfangen haben und ihr geben konnten. Was uns geprägt hat in der Begegnung mit ihr, wird uns bleiben, auch wenn wir selber andere Wege gehen und eigene Entscheidungen treffen. Was uns in der Erinnerung an sie belastet, hilf uns bewältigen, und wo wir einander etwas schuldig geblieben sind, vergib uns. Lass uns nicht allein bleiben, wenn wir jemanden brauchen, um uns aussprechen zu können.

Großer Gott, nimm die Verstorbene auf in die Weite deines Herzens, stelle ihre Füße auf weiten Raum auch in der Ewigkeit, die für uns unvorstellbar bleibt, so lange wir sie nicht selbst erfahren. Hilf uns, dass wir Frau U. getrost loslassen können in Dankbarkeit und Liebe.

Hilf uns, den Gedanken zu ertragen, dass auch unser Leben begrenzt ist, und dass es klug ist, jeden Tag als kostbares Geschenk aus deiner Hand anzunehmen. Lass uns unser Leben in Dankbarkeit führen, denn vor dir müssen wir uns verantworten für alles, was du uns an Liebe schenkst. Erfülle uns mit dem Geist deiner Liebe und lass uns das Ziel unseres Lebens nicht verfehlen. Amen.

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