Ein Unfall beendet das blühende Leben

Mit Mitte 20 wird eine junge Frau durch einen Unfall aus dem Leben gerissen. Können Worte der Bibel die Familie und die Freunde trösten?

Ein mit Blumen geschmücktes Holzkreuz am Straßenrand erinnert an einen Autounfall.

Ein geschmücktes Kreuz am Straßenrand erinnert an einen Unfall (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir sind vom Tod betroffen, haben einen schweren Weg vor uns. Wir müssen Frau Y. begraben, müssen diesen Weg miteinander gehen. Wir können es noch nicht begreifen, dass wir von ihr Abschied nehmen müssen. Das Unfassbare ist geschehen; und wie Ebbe und Flut wechseln miteinander ab ein Meer von Tränen und ein Gefühl, als erreiche uns gar nichts mehr.

Auf der Suche nach Trost ist zunächst eines wichtig: jetzt nicht allein zu sein, die Nähe der anderen zu spüren, die ehrlich betroffen sind, auch wenn niemand ungeschehen machen kann, was geschehen ist, auch wenn niemand den Schmerz wegnehmen kann.

Und wichtig ist es auch, von Gott – und zu Gott – zu sprechen, der das Schreckliche zugelassen hat, und der uns zumutet, weiterzuleben.

Psalmen der Bibel können uns helfen, unsere Gedanken zu ordnen, und vor Gott auszusprechen, was uns bewegt. Denn das konnten die Menschen im Volk Israel: sie konnten beten in ausdrucksstarken Worten und Bildern, die bis heute ihre Kraft behalten haben. Wir beten mit Worten aus Psalm 102, und vielleicht finden Sie sich in manchen der Formulierungen wieder mit dem, was Sie jetzt erfahren mussten:

1 Ein Gebet für den Elenden, wenn er verzagt ist und seine Klage vor dem HERRN ausschüttet.

2 HERR, höre mein Gebet und lass mein Schreien zu dir kommen!

3 Verbirg dein Antlitz nicht vor mir in der Not, neige deine Ohren zu mir; wenn ich dich anrufe, so erhöre mich bald!

4 Denn meine Tage sind vergangen wie ein Rauch, und meine Gebeine sind verbrannt wie von Feuer.

5 Mein Herz ist geschlagen und verdorrt wie Gras, dass ich sogar vergesse, mein Brot zu essen.

6 Mein Gebein klebt an meiner Haut vor Heulen und Seufzen.

7 Ich bin wie die Eule in der Einöde, wie das Käuzchen in den Trümmern.

8 Ich wache und klage wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.

10 Denn ich esse Asche wie Brot und mische meinen Trank mit Tränen

11 vor deinem Drohen und Zorn, weil du mich hochgehoben und zu Boden geworfen hast.

12 Meine Tage sind dahin wie ein Schatten, und ich verdorre wie Gras.

13 Du aber, HERR, bleibst ewiglich und dein Name für und für.

14 Du wollest dich aufmachen und [dich] erbarmen; denn es ist Zeit, dass du… gnädig seist.

20 Der HERR sieht vom Himmel auf die Erde,

21 dass er das Seufzen der Gefangenen höre und losmache die Kinder des Todes.

18 Er wendet sich zum Gebet der Verlassenen und verschmäht ihr Gebet nicht.

24 Er demütigt auf dem Wege meine Kraft, er verkürzt meine Tage.

25 Ich sage: Mein Gott, nimm mich nicht weg in der Hälfte meiner Tage! Deine Jahre währen für und für.

26 Du hast vorzeiten die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk.

27 Sie werden vergehen, du aber bleibst; sie werden alle veralten wie ein Gewand; wie ein Kleid wirst du sie wechseln, und sie werden verwandelt werden.

28 Du aber bleibst, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende.

Liebe Trauergemeinde,

als wir zur Vorbereitung der Beerdigung miteinander sprachen, haben Sie mir für diese Ansprache zwei Worte nahegelegt. Das eine steht in 2. Chronik 20, 12 und ist ein Gebet zu Gott:

Wir wissen nicht, was wir tun sollen, sondern unsere Augen sehen nach dir.

„Wir wissen nicht, was wir tun sollen.“ Das drückt wohl am ehrlichsten aus, was viele unter Ihnen empfinden. Frau Y. ist tot, es ist nicht zu fassen. Vor ein paar Tagen war sie noch das blühende Leben, und nun ist sie nicht mehr da, mit [über 20] Jahren durch einen Unfall aus Ihrer Mitte gerissen. Das bringt alles durcheinander im Leben der Angehörigen und Freunde, noch ist man wie gelähmt, kann noch nicht wahrhaben, was geschehen ist. Und alle, die nicht ganz so dicht betroffen sind, sind hilflos, sprachlos, was soll man da sagen, was tun? Am meisten hilft noch, wenn man keine großen Worte macht, vielleicht ein Händedruck, ein Streicheln; und manchmal muss man jemanden auch allein lassen in seinem Schmerz.

„Wir wissen nicht, was wir tun sollen.“ Das ist immer so, wenn jemand stirbt; unser Alltag ist unterbrochen, wir können einfach nicht so weitermachen wie bisher. Allerdings gibt es dann doch Dinge, die erledigt werden müssen, Gänge zu Behörden, Rituale, die in Gang gesetzt werden, den Besuch des Pfarrers, die Beerdigung, das anschließende Kaffeetrinken. Eine Art hilfloses Tun, das dann doch irgendwie hilfreich ist, um im unterbrochenen Alltag wieder Fuß zu fassen. „Man“ tut eben in solchen Fällen vieles, damit man nicht ins Bodenlose fällt.

Die Beerdigung will helfen, Abschied zu nehmen. Der Abschied fällt schwer und wird in seiner ganzen Härte nachher am Grab symbolisiert durch den dreimaligen Erdwurf – „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staube“. Doch es ist gut, die Augen vor dieser Wirklichkeit nicht zu verschließen, auch wenn uns dann die Tränen kommen.

Und zum Abschied gehört zunächst auch das Erinnern. Wer Frau Y. gekannt hat, denkt zurück an Begegnungen mit ihr, an das, was sie geprägt hat, was ihr kurzes Leben erfüllt hat.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Da werden Ihnen viele kleine Erlebnisse einfallen, wie Sie miteinander den Alltag geteilt haben, vom morgendlichen Aus-dem-Haus-Gehen bis hin zum abendlichen Gute-Nacht-Gruß. Auch die vielen Spiele, die Sie miteinander gespielt haben, oder das gemeinsame Kaffeetrinken an ihrem freien Tag.

All das hat nun für Frau Y. aufgehört. Sie wird nicht mehr mit Ihnen zusammen arbeiten, zusammen feiern, zusammen leben. Nie mehr. Und wir können nichts daran ändern. Es nützt auch nichts, nachträglich zu sagen: „Hätte doch…“, „wenn doch…“. Wir sind machtlos gegenüber diesem Tod. Das tut weh. Und es wird Zeit brauchen, um mit diesem Schmerz leben zu können. Ich komme wieder auf den Satz aus der Chronik zurück: „Wir wissen nicht, was wir tun sollen…“

Doch zu einem Gottesdienst sind wir hier versammelt. Wir tun damit doch noch etwas mehr, als nur ein Ritual zu vollziehen. Wir gestehen ein, dass wir dem Tod gegenüber machtlos sind, und wenden uns zugleich an den Herrn über Leben und Tod. An den, der uns das Leben geschenkt hat, das Leben, das wir nicht selbstverständlich in der Hand haben. In der Chronik geht der erwähnte Satz nämlich noch weiter:

Wir wissen nicht, was wir tun sollen, sondern unsere Augen sehen nach dir.

Wir sehen nach Gott – nicht, um uns billigen Trost zu holen. Nicht um den Schmerz beiseitezuwischen. Nicht um uns etwas vorzumachen. Wir richten unsre Augen auf Gott, weil wir bei ihm echten Trost finden können.

Vielleicht liegt zunächst einfach in dem Gedanken ein gewisser Trost, dass Gott es aushält, wenn wir zornig auf ihn sind. Wir können unsere stumme oder ausgesprochene Klage vor Gott selbst bringen, die verständliche Anklage gegen einen Gott, der einem wegnimmt, was einem das Liebste war in diesem Leben, der eine junge Frau nicht zur rechten Entfaltung ihres Lebens kommen lässt. Gott, du warst doch immer der, der Gebete erhören konnte – warum tatest du es diesmal nicht, warum legst du diese unerträgliche Last auf? Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es nicht.

Aber dann ist Gott auch einfach der, der sagt (Jesaja 66, 13):

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Gott lässt uns nicht allein, auch in der Trauer nicht. Er hilft uns, das Unerträgliche zu ertragen, er gibt uns Kraft, um durchzustehen, was wir nicht ungeschehen machen können.

Der Gedanke an Gott hilft uns auch, dankbar zu werden oder zu bleiben für das, was Ihnen mit dem Leben von Frau Y. geschenkt war oder was Sie ihr geben konnten. Die Liebe, mit der Sie einander geliebt haben, die wird bleiben. Denn der Apostel Paulus sagt (1. Korinther 13, 13):

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Und wenn jemand ihr etwas schuldig geblieben ist oder umgekehrt, was nun nicht mehr zu ändern ist, dafür können wir Gottes Vergebung erbitten; es soll nach Gottes Willen nichts Belastendes mehr zwischen den Toten und den Lebenden stehen.

Und Gott gibt auch eine Hoffnung über den Tod hinaus. Wir können Frau Y. getrost Gottes Händen anvertrauen. Symbolisch können wir sagen: Er nimmt sie gnädig auf in sein himmlisches Reich. Sie bleibt in seiner Liebe geborgen, so wie sie in diesem irdischen Leben von seiner Liebe getragen war.

Der Trost, von dem ich spreche, ist deshalb kein billiger Trost, weil er nicht einfach aus frommen Sprüchen besteht, die etwas beiseitewischen sollen. Dieser Trost ist erst auf einem Weg erfahrbar, den jeder und jede selber gehen muss – ein Weg der Trauer, den man sich nicht ersparen kann, auf dem man sich aber nicht völlig allein überlassen bleibt.

In diesem vielfältigen Sinn können wir einen Vers der Bibel verstehen, den Sie mir als weiteren Text zu dieser Ansprache vorgeschlagen haben – ich möchte ihn Ihnen jetzt als Zusammenfassung meiner Gedanken vorlesen – aus Psalm 68, 20-21:

Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. Wir haben einen Gott, der da hilft, und den HERRN, der vom Tode errettet.

Gott hat das Schreckliche zugelassen. Aber Gott ist zugleich der einzige, an den wir uns mit allem, was uns bewegt und mit der Bitte um Trost wenden können. Er hat in seinem Sohn die Tötung in jungen Jahren an eigenem Leibe erfahren. Und er hat uns eine Hoffnung auf ewiges Leben hinterlassen.

Mit den Worten eines weiteren Psalms möchte ich die Ansprache beenden. Im Psalm 77 bewegt sich ein Beter zwischen der Erfahrung einer schrecklichen Not und der Erinnerung an früher, als alles so schön war. Gott hatte ihm ein schönes, erfülltes Leben geschenkt, doch nun ist es zerstört. Wie kann es nun noch weitergehen? Wie kann er Hoffnung bewahren? Er hört nicht auf, seine Zuversicht auf Gott zu setzen:

2 Ich rufe zu Gott und schreie um Hilfe, zu Gott rufe ich, und er erhört mich.

3 In der Zeit meiner Not suche ich den Herrn; meine Hand ist des Nachts ausgereckt und lässt nicht ab; denn meine Seele will sich nicht trösten lassen.

4 Ich denke an Gott – und ich bin betrübt; ich sinne nach – und mein Herz ist in Ängsten.

5 Meine Augen hältst du, dass sie wachen müssen; ich bin so voll Unruhe, dass ich nicht reden kann.

6 Ich gedenke der alten Zeit, der vergangenen Jahre.

7 Ich denke und sinne des Nachts und rede mit meinem Herzen, mein Geist muss forschen.

8 Wird denn der Herr auf ewig verstoßen und keine Gnade mehr erweisen?

9 Ist‘s denn ganz und gar aus mit seiner Güte, und hat die Verheißung für immer ein Ende?

10 Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen?

11 Ich sprach: Darunter leide ich, dass die rechte Hand des Höchsten sich so ändern kann.

12 Darum denke ich an die Taten des HERRN, ja, ich denke an deine früheren Wunder

13 und sinne über alle deine Werke und denke deinen Taten nach.

15 Du bist der Gott, der Wunder tut.

16 Du hast dein Volk erlöst mit Macht.

20 Dein Weg ging durch das Meer und dein Pfad durch große Wasser; doch niemand sah deine Spur.

21 Du führtest dein Volk wie eine Herde.

Ja, so hat Gott auch uns geführt in guten Tagen, doch er verlässt uns nicht, wenn böse Tage kommen. „Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.“ Amen.

Gebet: Gib uns gute Begleiter in Trauer und Schmerz

Mit den Worten eines alten Liedes (EG 391) schließen wir unser Gebet:

1. Jesu, geh voran auf der Lebensbahn! Und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen; führ uns an der Hand bis ins Vaterland.

2. Solls uns hart ergehn, lass uns feste stehn und auch in den schwersten Tagen nicht nur über Lasten klagen; denn durch Trübsal hier geht der Weg zu dir.

3. Rühret eigner Schmerz irgend unser Herz, kümmert uns ein fremdes Leiden, o so gib Geduld zu beiden; richte unsern Sinn auf das Ende hin.

4. Ordne unsern Gang, Jesu, lebenslang. Führst du uns durch rauhe Wege, gib uns auch die nötge Pflege; tu uns nach dem Lauf deine Türe auf.

Amen.

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