Petri Meerwandel und Jesu ausgestreckte Hand

In unserem Bibelkreis war einmal eine Alkoholikerin, die sagte zu diesem Text: „Wenn Jesus mir die Hand hingestreckt hätte, um mich rauszuziehen – ich hätte wahrscheinlich draufgehauen!“ Sie hätte sich gedemütigt gefühlt, wenn sie ihre Hilfsbedürftigkeit zugegeben hätte. Das größte Wunder in unserer Geschichte ist, glaube ich, dass Petrus sich einfach von Jesus aus dem Dreck rausziehen lässt.

Eine Hilfe suchende Hand streckt sich aus dem Wasser

Als Petrus im Meer versank, streckte Jesus ihm seine Hand von sich aus entgegen (Bild: pixabay.com)

#predigtBesinnung zum Abschluss des 20. Ehemaligen- und Freundestreffens am Buß- und Bettag, Mittwoch, den 16. November 1994, um 14.30 Uhr im Haus Vorholz

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer an diesem 20. Ehemaligen- und Freundestreffen im Haus Vorholz!

Frau Bohrmann und Herr Becker hatten mich gebeten, zum Abschluss dieses Tages gemeinsam mit Herrn Müller einen besinnlichen Teil anzubieten, der dieses Treffen sozusagen offiziell abrundet. Das heißt nicht, dass Sie gleich gehen müssen – nein, wie jedesmal bisher dürfen Sie natürlich noch bleiben, so lange Sie Lust haben und so lange es die Veranstalter aushalten…

Ich bin Klinikseelsorger hier in der Landesnervenklinik, mein Name ist Helmut Schütz, und damit nicht ich hier nur rede, sondern Sie auch etwas zu tun haben, möchte ich mit Ihnen auch singen. Zuerst das Lied „Danke“, das vorne auf dem verteilten Liedblatt steht.

Danke für diesen guten Morgen

Ich bin Pfarrer und ich habe Ihnen eine Geschichte aus der Bibel mitgebracht (Matthäus 14, 22-33).

Die Bibel – wer von ihr spricht, kann unterschiedliche Reaktionen erleben. Die einen lesen sie gerne, auch wenn sie nicht immer alles verstehen, sie finden sie spannend. Die andern sagen: albern, überholt, verstaubt, ja zuweilen lächerlich. Denken wir nur an die Geschichte, wo Jesus auf dem Meer geht, das kann doch kein vernünftiger Mensch ernstnehmen. So etwas kann doch nicht wahr sein! Doch gerade diese Geschichte möchte ich Ihnen nacherzählen. Und zwar sogar in zwei verschiedenen Fassungen. Zuerst einmal die Version: Was mag sich tatsächlich abgespielt haben? Das ist die Fassung für alle die, die gern zweifeln und es immer genau wissen wollen.

Da wird erzählt, wie Jesus einen harten Arbeitstag hinter sich hat. Viele Leute hatten ihn umlagert, er hatte Kranken geholfen, er hatte Mutlosen Mut gemacht, er hatte Zweiflern ihren Glauben wiedergegeben. Draußen in freier Natur war das gewesen, am Ufer eines Sees. Nun wollte Jesus mit seinen Jüngern Feierabend machen, hinüberfahren auf die andere Seite des Sees. „Fahrt schon mal vor mit dem Boot“, sagte er ihnen, „ich komme nach.“ Er brauchte an diesem Abend eine Zeit der Stille, und die fand er immer am besten, indem er allein auf einen Berg stieg, um dort die Nähe dessen zu spüren, den er meist nicht „Gott“, sondern einfach „Vater“ nannte.

Inzwischen fuhren die Jünger mit ihrem kleinen Boot über den See, der gar nicht so ohne war – ganz rasch konnte sich da ein Unwetter zusammenziehen, und das passierte genau in dieser Nacht. Gegenwind und hohe Wellen brachten die kleine Nussschale fast zum Kentern. Und die Jünger fühlten sich alleingelassen. Sie waren am Verzweifeln.

Da plötzlich, fast schon im Morgengrauen, sehen sie plötzlich eine Gestalt ihnen entgegenkommen, eine helle Gestalt in Morgendunst und Dämmerung. Und jetzt geraten sie erst recht in Panik: Wenn das da vorn ein Mensch ist, dann geht das nicht mit rechten Dingen zu, denken sie, denn auf dem Meer kann man doch nicht gehen. Sie erkennen zwar ihren Freund und Meister Jesus in der Gestalt, doch sie schreien vor Furcht: „Es ist ein Gespenst!“

Doch dann hören sie eine Stimme durch das Tosen des Sturms, die sie beruhigt, die zumindest den Sturm, der in ihrem Innern tobt, zur Ruhe kommen lässt, es ist die Stimme von Jesus: „Seid getrost, ich bin’s, fürchtet euch nicht!“

Vielleicht war es ja so gewesen: Er war bereits um den See herumgegangen, während das Boot schon ganz in die Nähe des Ufers gelangt war. Und auf der Uferböschung des Sees ging er dem Boot entgegen; in der Sprache, die Jesus und seine Jünger damals sprachen, gab es nur ein- und denselben Ausdruck für „auf dem See“ und „auf der Uferböschung des Sees“. Die Stimme Jesu leitet nun die Jünger sicher ans Ufer, so dass sie nicht vor lauter Panik die Richtung verlieren und untergehen.

So erzählt der Jude Pinchas Lapide die Geschichte nach. Er sagt, dass erst später wundersüchtige Menschen die Geschichte ausgeschmückt hätten. Ihnen war es nicht genug, dass Jesus seinen Jüngern einfach rein menschlich geholfen hat. Sie wollten, dass Jesus buchstäblich „auf dem See“ und nicht nur „auf dem See-Ufer“ gegangen sein sollte und dass er außerdem noch mit seinem bloßen Willen dem Sturm einen Befehl gegeben haben sollte, aufzuhören.

Aber was ist denn wirklich ein Wunder? Wenn ein Mensch auf dem Meer spazierengehen kann? Damit könnte man zu „Wetten, dass?“ gehen. Aber was hat man sonst davon? Ist es nicht ein viel größeres Wunder, wenn jemand mitten in einem furchtbaren Sturm die Orientierung behält, die innere Ruhe wiederfindet und vor allem den Willen zu überleben? Das eigentlich Wunderbare an Jesus ist für mich, dass dieser Sohn Gottes ein ganz menschlicher Mensch ist, der auch müde wird, der auch Feierabend macht und der sich trotzdem zum Beispiel auch um seine Freunde sorgt und ihnen quer über das Wasser Mut zuspricht!

In einem modernen Kirchenlied wird von diesem wunderbaren Menschen wunderschön gesungen. Ich singe Ihnen das Lied vor, und wenn Sie möchten und gut bei Stimme sind, versuchen Sie einfach mitzusingen. Es steht auf der zweiten Seite im Liedblatt:

Eines Tages kam einer, der hatte einen Zauber in seiner Stimme

Nun folgt die zweite Version meiner Geschichte. Das ist die Art, wie Eugen Drewermann sie auslegen und erzählen würde. Ich frage mich nämlich: gibt es vielleicht doch einen guten Grund, weshalb man damals erzählt hat, dass Jesus auf dem Wasser gehen konnte? Könnte man das Ganze nicht auch als ein Bild verstehen – so als ob man etwas wie im Traum erlebt? Dann hören wir eine Geschichte, die ganz viel mit unserer eigenen Seele zu tun hat.

Vielleicht kennen Sie ja die Erfahrung, dass man sogar auf festem Boden den Grund unter den Füßen zu verlieren meint. Man kommt sozusagen seelisch ins Schwimmen. Wie sehr wünscht man sich dann: ich möchte festen Boden unter den Füßen haben! Ich möchte Halt haben, ich möchte mein Leben unter Kontrolle behalten!

Ich versetze mich nun in einen der Jünger hinein, in Petrus. Wie er da im Boot sitzt, dem Wind und den Wellen ausgesetzt, bietett er ein Bild der Bedrohung, die viele Menschen tagtäglich erleben: wenn zum Beispiel Ehe oder Familie in Gefahr sind, wenn der Arbeitsplatz unsicher oder die eigene seelische Gesundheit angeknackst ist.

Petrus sieht nun, wie Jesus ihm entgegenkommt. Ihm scheinen Wind und Wellen nichts anhaben zu können. Jesus hat festen Boden unter den Füßen. Jesus lebt ein Vertrauen, das ihn in Angst und Traurigkeit nicht versinken lässt. Jesus hat einen Halt an seinem Gott, weil er es einfach weiß: Ich bin, wo auch immer ich lebe, niemals allein.

Petrus ist beeindruckt! Das will er auch können. Petrus will der Starke sein, genau so stark wie sein Meister Jesus! So ruft er über das Wasser hinüber Jesus zu: „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.“ Und von Jesus hört er die Ermutigung: „Komm her!“

Und nun geschieht etwas, was die meisten von Ihnen kennen mögen: Petrus tut es wirklich. Er hat doch einen starken Willen. Er versucht es, mit seinen Gefühlen klarzukommen, sein Leben in den Griff zu kriegen, mit eisernem Willen den festen Boden unter den Füßen wiederzugewinnen.

Was Petrus nicht wahrhaben will: Er ist innen drin nicht nur so stark. Er hat auch Angst. Aber er will nicht zugeben, dass er Schiss hat. Erst mitten auf dem Wasser, als ihm widrige Winde ins Gesicht wehen, als er sozusagen mitten in der Sch… sitzt, da bricht ihm der Angstschweiß aus, da versinkt er in den Gefühlen, die er jetzt nicht mehr verdrängen kann.

Kennen Sie das? Ist das der Zeitpunkt, an dem manchmal alle guten Vorsätze wieder einmal am Ende angelangt sind? Sch… drauf, egal, ich will nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr mitkriegen.

An dieser Stelle geht die Geschichte mit Petrus jedoch anders weiter. Er erinnert sich, dass da ja noch jemand ist. Er ist ja gar nicht so allein, wie er gedacht hatte. Und vielleicht ist es ja gar keine Schande, um Hilfe zu bitten…

Und so schreit er los, der Petrus: „Herr, hilf mir!“ Und Jesus streckt die Hand aus, ergreift ihn und spricht ihm beruhigend zu: „Warum musstest du wieder einmal versuchen, alles allein zu tun? Warum konntest du nicht gleich deine Angst zugeben? Warum hast du daran gezweifelt, dass es für dich Hilfe geben könnte?“

In unserem Bibelkreis war einmal eine Alkoholikerin, die sagte zu diesem Text: „Wenn Jesus mir die Hand hingestreckt hätte, um mich rauszuziehen – ich hätte wahrscheinlich draufgehauen!“ Sie hätte sich gedemütigt gefühlt, wenn sie ihre Hilfsbedürftigkeit zugegeben hätte. Wie die meisten von Ihnen wissen, ist es ja auch der schwierigste Schritt für einen suchtkranken Menschen, zuzugeben, dass man nicht alles unter Kontrolle hat, sondern machtlos ist: machtlos vor allem gegenüber der Droge. Das größte Wunder in unserer Geschichte ist, glaube ich, dass Petrus sich einfach von Jesus aus dem Dreck rausziehen lässt.

Als Jesus mit Petrus zusammen dann wieder ins Boot steigt, legt sich der Wind. So als ob manche Probleme erst dadurch riesengroße Ausmaße annehmen, dass man sie allein und auf dramatische Weise bewältigen will. Und wenn dann einer da ist, der mit einem einen schwierigen Weg geht, vielleicht ein AA-Freund, vielleicht der Ehepartner, vielleicht ein Suchtberater, vielleicht hier und da ein Seelsorger, mit dem man reden kann – dann werden Probleme plötzlich überschaubar und lösbar, Schritt für Schritt.

An dieser Stelle möchte ich mit Ihnen noch ein Lied singen, das Ihnen wahrscheinlich neu ist, das dritte Lied im Liedblatt, ein Lied von der Hilfe, von der wir leben:

Weil wir von Hilfe leben, helfen wir an diesem Tag

Was ich Ihnen erzählt habe, war im Grunde eine Buß- und Bettagsgeschichte. Denn Buße bedeutet Umkehr – Umkehr vom Kreisen um sich selbst, in hilflosem Stolz, in einsamer Verzweiflung – hin zu einer höheren Macht, die uns vergibt, die tröstet, die neue Chancen gibt. Und Beten bedeutet das gleiche: sich dieser höheren Macht öffnen. Zugeben, dass man nicht alles allein kann, dass man auch einmal schwach ist und es sein darf.

Ich möchte jetzt meine Worte der Besinnung schließen mit einem Gebet, das Sie alle kennen:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.

Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann.

Und gib mir die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden!

Amen.

Wir singen noch ein Schlusslied, das ich ausgesucht habe, weil es so schön ist und weil Sie es vermutlich alle kennen – nicht aber, weil ich Sie jetzt alle schon ins Bett schicken wollte:

Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar. Der Wald steht schwarz und schweiget, und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel.

So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder; kalt ist der Abendhauch. Verschon uns, Gott, mit Strafen und lass uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbarn auch!

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