Jamal und das Opferfest

Spielszene mit Handpuppen im Stuhlkreis der Kita-Kinder im Kinder- und Familienzentrum der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen.

Lutz: Hallo Gabi, mir ist so langweilig.

Gabi: Wieso das denn?

Lutz: Wir haben schon lange kein Fest mehr gefeiert.

Zappi: Wieso? Vor kurzem war doch erst Erntedankfest.

Lutz: Aber die großen Feste sind schon lange vorbei. Weihnachten ist schon so lange her. Ostern auch.

Jamal: Eins hast du noch vergessen: das Ramadanfest. Das ist auch ein großes Fest, nicht für Christen, aber für Muslime.

Gabi: Stimmt. Und das Ramadanfest haben wir dieses Jahr sogar im Kindergarten mitgefeiert.

Lutz: Ja, das war schön. Ich hab sogar Baklava gekriegt. Aber jetzt ist mir langweilig. Ich würde gerne heute ein Fest feiern. Warum gibt es heute kein Fest?

Jamal: Lieber Lutz, eigentlich wollte ich euch gerade erzählen, dass es heute doch ein Fest gibt.

Lutz: Wieso? Was für ein Fest denn?

Jamal: Heute fängt ein Fest an, das sogar vier Tage lang dauert. Es ist das zweite große Fest von uns Muslimen.

Gabi: Kinder, wisst ihr das, was für ein Fest heute ist?

***

Jamal: Ich kann es euch erklären. Heute ist das Opferfest.

Lutz: Opferfest? Ist das ein Fest für arme Opfer?

Gabi: Aber Lutz! Nein, da geht es bestimmt um Opfer, die man für Gott bringt. Dass man Gott etwas gibt.

Jamal: Das stimmt, Gabi. Es geht darum, dass Gott den Menschen ja alles schenkt. Und darum sollen wir Menschen auch bereit sein, Gott alles zu geben.

Lutz: Gott alles geben? Auch was ich am allerliebsten habe? Auch mein liebstes Spielzeug?

Jamal: Ich weiß nicht, ob Gott dir dein Spielzeug wegnehmen will. Aber wenn vielleicht Gabi kein Spielzeug hat und du hast zwei, dann will Gott vielleicht, dass du ihr eins davon abgibst.

Lutz: Aber Gabi hat ganz viele Spielzeuge. Viel mehr als ich.

Jamal: Das war ja auch nur ein Beispiel.

Gabi: Aber nun erzähl doch mal, Jamal. Warum feiern Muslime das Opferfest?

Jamal: Ich kann euch dazu eine Geschichte erzählen (die Geschichte wurde nacherzählt nach dem Bilderbuch von Mehmet Nalbant und Betül Aytaç: Die Geschichte der Opfergabe und der Heilige Abraham, Istanbul 2006, übersetzt von Harald Aumeier). Wollt ihr die hören?

Lutz und Gabi: Ja, gerne!

Jamal: In der Geschichte geht es um einen Mann, der heißt Abraham. Er war schon sehr alt, als er einen Sohn bekam, und den hatte er sehr lieb. Einmal hatte Abraham in der Nacht einen Traum, der ihn sehr traurig machte. Er sah im Traum, wie er seinen Sohn opferte.

Lutz: Was heißt das, er opferte seinen Sohn? Machte er ihn tot?

Jamal: Ja, er träumt wirklich davon. Und er dachte, Gott will von ihm seinen Sohn zurückhaben. Er ging auf eine Reise und sagte zu seinem Sohn: ‚Nimm ein Seil und ein Messer. Lass uns gehen und Holz sammeln für zu Hause.‛

Auf einmal kam der Teufel zu Abraham. Er sah aus wie ein Mensch und sagte zu ihm: ‚Alter Mann! Wohin gehst du? Wie kannst du deinen Sohn tot machen? Glaubst du wirklich, Gott will das von dir?‛

Abraham sagte: ‚Ich kenne dich, du bist der Teufel. Hau ab und lass mich in Ruhe!‛

Der Teufel sagte zu dem Sohn: ‚Kind, weißt du das? Dein Vater will dich tot machen. Er denkt, dass Gott das von ihm will.‛

Der Sohn fragte: ‚Wer bist du? Ich habe meinen Papa lieb. Ich weiß nicht, was Gott von ihm will, aber ich habe keine Angst und laufe nicht weg.‛

Der Teufel ging zur Frau von Abraham, zur Mutter des Sohnes und sagte ihr: ‚Abraham möchte deinen Sohn opfern, er sagt, er tut das für Gott.‛

Die Frau sagte: ‚Wenn Gott das wirklich Abraham gesagt hat, dann wird er das tun müssen.‛

Der Teufel wollte, dass die drei aufhören, an Gott zu glauben. Aber das taten sie nicht.

Am Ende sagte Abraham: ‚Mein Sohn, mein geliebter Sohn, in meinem Traum habe ich dich geopfert.‛ Und der Sohn sagte: ‚Ich habe dich lieb. Wenn Gott mich wirklich schon zurück haben will, dann schenke ihm meine Seele.‛

Abraham steht mit dem Messer neben dem gebundenen Sohn Isaak, der seinen Blick senkt, während ein Engel Auge in Auge mit Abraham mit den Finger nach oben weist und mit der anderen Hand auf ein Opferschaf weist

Gottes Engel verbietet Abraham, seinen Sohn zu töten (Bild aus der christlich-jüdischen Tradition; Quelle: pixabay.com)

Abraham machte sein Messer scharf und versuchte seinen Sohn zu opfern. Aber das Messer schnitt ihn nicht. Es schnitt Steine, aber nicht den Sohn. Und auf einmal kam ein Engel, der brachte ein Schaf. Auf einmal schnitt das Messer wieder. Abraham konnte das Schaf opfern. Das Kind blieb am Leben.

Dies war ein großer Test.

Mutter, Vater und Sohn haben ihn bestanden.“

Gabi: Hm, das war aber schon ein schlimmer Traum.

Lutz: Jamal, hätte Gott das wirklich gewollt?

Jamal: Meinst du, das Abraham seinen Sohn totmacht?

Lutz: Ja. Ich verstehe nicht, warum er dem Abraham überhaupt so einen Traum geschickt hat.

Jamal: Ich glaube, dass Gott das wirklich nicht gewollt hat. Aber manchmal verstehen wir auch nicht genau, was Gott will, und es wird am Ende trotzdem alles gut.

Gabi: Aber warum feiert ihr Muslime denn nun eigentlich das Opferfest?

Jamal: Weil wir wie Abraham auf Gott vertrauen wollen und tun wollen, was er uns sagt. Auch wenn wir es manchmal nicht verstehen. Wir wissen, am Ende wird alles gut ausgehen.

Zappi: Ich habe auch gut zugehört. Ich will euch auch noch etwas sagen. Die Geschichte, die Jamal erzählt hat, die steht auch in der Bibel.

Gabi: Das wusste ich auch nicht. Steht da genau das Gleiche drin?

Zappi: Ja, so ziemlich. Auf jeden Fall geht am Ende auch alles gut aus.

Lutz: Hm, das ist ja fast so ähnlich wie mit Ostern bei den Christen. Da stirbt der Jesus erst am Kreuz, aber dann steht er an Ostern wieder auf und lebt bei Gott im Himmel.

Gabi: Das hast du ja gut behalten, Lutz.

Jamal: Jedenfalls sind wir Gott sehr dankbar, dass er es immer gut mit uns meint. Er will für uns nichts Böses, er will immer nur das Gute.

Zappi: Und ich bin dafür, dass wir noch ein Lied von Gott singen: „Meinem Gott gehört die Welt“. Da kommt auch eine Strophe vor, die heißt: „Leb ich, Gott, bist du bei mir, sterb ich, bleib ich auch bei dir, und im Leben und im Tod bin ich dein, du lieber Gott.“

Gabi und Lutz: Ja, das Lied wollen wir singen!

Im Anschluss fragte ich in allen vier Kindergartengruppen, in denen ich mit den Erzieherinnen diese Szene vorführte, wie den Kinder die Geschichte denn gefallen hätte. Alle Kinder antworteten: „Gut“ oder „Cool“. Ob ihnen etwas nicht gefallen hätte? „Nein.“ Besonderen Spaß machte ihnen natürlich wie immer das Singen. Zu Beginn hatte ich das Lied 608 aus dem Evangelischen Gesangbuch im hessischen Anhang gesungen: „Alles, was wir sind, hat Gott geschenkt, Amen“ – das derzeitige Lieblingslied unserer Kinder.

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