Gebrauchsanweisung für die Gemeinschaft der Heiligen

Wie ist es, wenn jemand für uns „wie ein Heide und Zöllner“ ist? Für Jesus damals waren Heiden und Zöllner keine Unmenschen; er hat den Kontakt zu ihnen, zu Nichtjuden und zu verachteten Römerfreunden, mehr als andere gesucht. Einer, der sich selber ausschließt, ist zwar im Augenblick für die Gemeinschaft nicht zugänglich, aber wir sollten ihn nicht endgültig aufgeben.

Holzgeschnitzte Männer auf dem Riemenschneider-Altar in Rothenburg ob der Tauber

Wie funktioniert die Gemeinschaft der Heiligen? (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 22. Sonntag nach Trinitatis, den 23. Oktober 2005, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Im Glaubensbekenntnis stehen unter anderem die Worte: „Ich glaube – an die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen.“

Wie funktioniert das? Wie kann aus unvollkommenen Menschen, die wir alle sind, eine heilige Gemeinschaft werden?

Wenn wir fragen, wie etwas funktioniert und damit nicht allein zurechtkommen, suchen wir im Alltagsleben nach einer Gebrauchsanweisung. Auch für die Kirche gibt es Gebrauchsanweisungen, nämlich in der Bibel. Wir schlagen heute nach und suchen eine Gebrauchsanweisung für die Gemeinschaft der Heiligen.

Davon singen wir auch das erste Lied 253:

1. Ich glaube, dass die Heiligen im Geist Gemeinschaft haben, weil sie in einer Gnade stehn und eines Geistes Gaben. So viele Christus nennet sein, die haben alles Gut gemein und alle Himmelsschätze.

2. Denn in der neuen Kreatur ist keiner klein noch größer; wir haben einen Christus nur, den einigen Erlöser. Das Licht, das Heil, der Morgenstern, Wort, Tauf und Nachtmahl unsres Herrn ist allen gleich geschenket.

3. Wir haben alle überdies Gemeinschaft an dem Leiden, am Kreuz, an der Bekümmernis, an Spott und Traurigkeiten; wir tragen, doch nicht ohne Ruhm, allzeit das Sterben Jesu um an dem geplagten Leibe.

4. So trägt ein Glied des andern Last um seines Hauptes willen; denn wer der andern Lasten fasst, lernt das Gesetz erfüllen, worin uns Christus vorangeht. Dies königlich Gebot besteht in einem Worte: Liebe.

5. Ich will mich der Gemeinschaft nicht der Heiligen entziehen; wenn meinen Nächsten Not anficht, so will ich ihn nicht fliehen. Hab ich Gemeinschaft an dem Leid, so lass mich an der Herrlichkeit auch einst Gemeinschaft haben.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Gebrauchsanweisung für die Gemeinschaft der Heiligen – dieses Wort klingt so respektlos, als funktioniere die Kirche wie ein Staubsauger oder ein Auto und als sei die Bibel auf eine Stufe zu stellen mit der schon etwas zerfledderten Anleitung, in die wir hineinschauen, wenn wir wieder einmal vergessen haben, wie man die Fernsehkanäle in den Videorecorder programmiert. Aber vielleicht ist das die Lektion Eins für den Gebrauch der Bibel: Die Bibel als heiliges Buch will nicht so unberührbar sein, dass wir es im Bücherregal verstauben lassen, sondern sie ist ein Gebrauchsbuch für unser alltägliches Leben als Christen und für unser sonntägliches Gotteslob im Gottesdienst.

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Die Bibel als Gebrauchsanweisung für die Gemeinschaft der Heiligen lehrt uns grundsätzlich eine zweite Lektion: Wir sind nicht heilig, weil wir perfekt sind. Wir sind heilig, wenn uns Gottes Heiliger Geist berührt, bewegt, verwandelt. Das setzt voraus: Ohne diesen Kontakt mit Gott sind wir Sünder, unvollkommene Menschen, nicht unbedingt direkt böse, aber jedenfalls auch nicht immer gut. Egoistisch oder verzagt, kleinmütig oder hochmütig verfehlen wir die Liebe, die der Sinn unseres Lebens ist. Darum sind wir angewiesen auf Vergebung und bitten, dass Gott uns verwandelt, wenn wir zu ihm umkehren.

Wir beten zu Gott mit Worten aus Psalm 130:

1 Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir.

2 Herr, höre meine Stimme! Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!

3 Wenn du, HERR, Sünden anrechnen willst – Herr, wer wird bestehen?

4 Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Mit dem Apostel Paulus (Epheser 1) dürfen wir Gott loben, der uns zutraut, heilig zu sein:

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.

4 Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten; in seiner Liebe

5 hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus…

7 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade,

8 die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Heiliger Gott, etwas ratlos stehen wir vor dir, wenn du uns zutraust, eine heilige Kirche zu sein. Hilf uns dabei, konkreter zu werden, darüber nachzudenken, was wir tun können, ohne uns zu überfordern. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Eine Gebrauchsanweisung für die Gemeinschaft der Heiligen könnte man auch ein Gesetz nennen. In den Gesetzbüchern des Alten Testaments finden wir Anweisungen für den Umgang miteinander im Volk Gottes. Im 5. Buch Mose – Deuteronomium 19, 15-19, steht zum Beispiel, wie man mit gegenseitigen Beschuldigungen umgehen soll:

15 Es soll kein einzelner Zeuge gegen jemand auftreten wegen irgendeiner Missetat oder Sünde, was für eine Sünde es auch sei, die man tun kann, sondern durch zweier oder dreier Zeugen Mund soll eine Sache gültig sein.

16 Wenn ein frevelhafter Zeuge gegen jemand auftritt, um ihn einer Übertretung zu beschuldigen,

17 so sollen die beiden Männer, die eine Sache miteinander haben, vor den HERRN treten, vor die Priester und Richter, die zu jener Zeit sein werden,

18 und die Richter sollen gründlich nachforschen. Und wenn der falsche Zeuge ein falsches Zeugnis wider seinen Bruder gegeben hat,

19 so sollt ihr mit ihm tun, wie er gedachte, seinem Bruder zu tun, damit du das Böse aus deiner Mitte wegtust.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir bekennen unseren christlichen Glauben – einschließlich des Glaubens an die christliche Kirche als Gemeinschaft der Heiligen:
Glaubensbekenntnis

Eine Gemeinschaft der Heiligen beruht auf dem Vertrauen zum Heiligen Gott. Ein Lied von der Umkehr zu Gott mit der Bitte um Vergebung ist das Lied 235 – gemeinsam singen wir es:

O Herr, nimm unsre Schuld, mit der wir uns belasten
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, in der Lesung haben wir ein Stück aus dem Gesetz des Mose gehört. Israel sollte ja als Volk Gottes leben, als heilige Gemeinschaft, und um das tun zu können, bekam es von Gott gesagt: „Halte meine Gebote, damit du das Böse aus deiner Mitte wegtust.“ Offenbar kommt eine heilige Gemeinschaft nicht darum herum, sich mit der Existenz des Bösen auseinanderzusetzen, denn das Böse verträgt sich mit ihr nicht.

Aber wie tut man das Böse weg? Ganz realistisch geht der Text, den wir gehört haben, davon aus, dass es meistens so ist: Einer zeigt mit dem Finger auf einen andern und sagt: „Der hat mich betrogen, der hat mir wehgetan, der ist ein Übeltäter!“ Dann wird er bestraft und er bessert sich hoffentlich. Und wenn diese Beschuldigung nicht stimmt? Auch mit dieser Möglichkeit rechnet das Gesetz des Mose: Darum reicht die Aussage eines einzelnen Zeugen nicht aus, um jemanden zu verurteilen, sondern mindestens zwei oder drei Zeugen müssen einen Vorwurf bestätigen. Wird jemandem eine falsche Beschuldigung nachgewiesen, wird er selber bestraft.

So sieht das realistische Konzept des heiligen Volkes aus, das im Alten Testament vertreten wird: Die Menschen auf dieser Erde sind niemals absolut perfekt, auch nicht dann, wenn sie zum auserwählten Gottesvolk oder zur Kirche gehören. Trotzdem gibt Gott die Menschen nicht auf; egal wie sie sind, er traut und mutet allen zu, heilig werden zu können. Und um sein Konzept in die Tat umzusetzen, wählt er sich ein paar Menschen aus, ein kleines Volk hier, die Gemeinschaft der Kirche dort, und fängt mit denen an, die bereit sind, auf ihn zu hören.

Sind wir bereit, auf Gott zu hören? Wer sich nicht mit dem Bösen abfinden will, das es auch mitten in unserer Gemeinschaft gibt, findet im heutigen Text zur Predigt eine speziell für die christliche Kirche gedachte Gebrauchsanweisung für die Gemeinschaft der Heiligen. Im Evangelium nach Matthäus 18, spricht Jesus zu seinen Jüngern:

15 Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen.

16 Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde.

17 Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner.

Die Vorgehensweise, zu der Jesus rät, baut auf dem Gesetz des Alten Testaments über die Zeugenaussagen auf. „Jede Sache soll durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werden.“ Aber das ist erst der zweite Schritt. Als erstes soll man versuchen, die Angelegenheit in einem Gespräch unter vier Augen zu bereinigen, und erst wenn das nicht gelingt, wird die Sache im Beisein von Zeugen noch einmal offiziell verhandelt. Gibt es immer noch keine Lösung des Problems, muss sich die Gemeindeversammlung damit befassen.

Es klingt gut, dass Jesus konkret regelt, wie man mit Gemeindegliedern umgeht, die „an einem sündigen“. Aber in der Praxis ist es schwierig, das umzusetzen.

Es fängt schon damit an, dass wir nicht so genau sagen können, was damit gemeint ist, dass einer „an mir sündigt“. Geht es um einen persönlichen Konflikt zwischen ihm und mir? Was gehen solche Privatsachen die Gemeinde an? Oder geht es um Verfehlungen wie Ehebruch oder Betrug, Diebstahl oder Verleumdung? Sind dafür nicht Polizei und Justiz zuständig?

Wir konnten uns im Bibelkreis kaum an einen Fall in unserer Kirche erinnern, der nach den Regeln des Matthäusevangeliums geklärt worden wäre. In der Zeit des Dritten Reiches kam es vor, dass ein Gemeindemitglied zur Rechenschaft gezogen wurde, weil es jemanden bei den Behörden angeschwärzt hatte. Das war allerdings die Zeit eines Ausnahmezustands. Ich glaube, es liegt einfach daran, dass unsere Volkskirche so unüberschaubar groß ist, dass wir die Situation eines einzelnen Mitgliedes gar nicht gerecht beurteilen können, selbst wenn wir es wollten. Nur aus der etwas überschaubareren Situation der evangelischen Freikirchen weiß ich, dass dort der Versuch gemacht wird, offensichtlichen Verfehlungen von Gemeindegliedern nachzugehen. Aber auch das wird oft als ungerecht empfunden, wenn zum Beispiel jemand aus der Gemeinde ausgeschlossen wird, der von seiner Frau getrennt ist und mit einer Freundin zusammenlebt, während es völlig unbemerkt bleibt, wenn Gemeindeglieder krumme Geschäfte machen oder das Finanzamt betrügen.

Sollen wir also sagen: Was Jesus da vorschlägt, war nur in der noch sehr kleinen, familiär geprägten ersten Christenheit durchführbar? Oder lässt sich sein Anliegen auf heutige Gemeindestrukturen übertragen?

Ich meine, wir können durchaus von ihm lernen.

„Sündigt dein Bruder, deine Schwester an dir“, das ist die Ausgangslage. Es geht um eine Störung in der Beziehung zwischen zwei Menschen innerhalb einer Gemeinde, die als Geschwister definiert werden. In einer Familie ist es so, dass Brüder und Schwestern auch nicht immer einig sind, aber irgendwie sind sie gezwungen, sich zusammenzuraufen, wenn es drauf ankommt. Und das mutet Jesus uns zu: dass wir uns notfalls in der Gemeinde so auf die Nerven gehen, wie es Familienmitglieder tun, die einen Streit miteinander haben und ihn beilegen wollen.

Es ist klar, dass wir nicht mit allen 2400 Mitgliedern der Paulusgemeinde so eng verbunden sind, dass wir uns überhaupt auf die Nerven gehen könnten; Jesus verlangt nicht Unmögliches von uns. Mit einzelnen Mitgliedern in der Gemeinde gibt es aber genug Berührungspunkte, die manchmal auch zu Reibungspunkten werden. Wie ist es zum Beispiel, wenn ich den Eindruck habe: da schwätzt einer schlecht über mich? Gehe ich zu ihm hin und rede offen mit ihm? Wenn ich mich das nicht traue, rede ich lieber mit anderen über ihn und tue dasselbe, was ich ihm vorwerfe. Am Ende kocht der Ärger vielleicht so hoch, dass einer einfach wegbleibt aus dem Kreis, in dem er sich nicht mehr wohlfühlt. Besser ist es, ich gebe mir einen Ruck und spreche unter vier Augen den Mann oder die Frau an, über die ich mich geärgert habe. Dann ist manches Missverständnis schnell aus der Welt geschafft, oder ich merke, dass es dem andern gar nicht bewusst war, wie sehr er mich mit einer Bemerkung gekränkt hat.

Es kann aber auch schwerwiegendere Konflikte in einer Gemeinde geben, die sich durch einfache Vier-Augen-Gespräche nicht aus der Welt schaffen lassen: Schwelende Unzufriedenheit unter Mitarbeitern, das Gefühl, ausgenutzt oder gar gemobbt zu werden. Unsere Landeskirche hat für solche Fälle eine segensreiche Einrichtung ins Leben gerufen, nämlich den Konfliktbeauftragten des Dekanats; den gibt es ganz neu auch in Gießen, und er kommt zum Einsatz, wenn Mitarbeiter in Gemeinden ihn um Vermittlung bitten, wo sie einen Konflikt allein nicht lösen können. Es ist hilfreich, wenn ein neutraler Vermittler sich erst einmal beide Seiten anhört und sie dann an einen Tisch bringt, um eine Lösung zu finden, mit der alle gut leben können. Ist das nicht genau im Sinne Jesu, wenn er sagt: „Nimm noch einen oder zwei zu dir…“? Wir denken oft: Wie peinlich, wenn man fremde Hilfe braucht, um mit Problemen klarzukommen. Jesus sagt: Nein, gar nicht peinlich. Es ist bewunderswert, wenn jemand Hilfe sucht, um ein Problem zu lösen, mit dem er allein nicht zurechtkommt.

Wie sollen wir aber den Satz verstehen, der in der Bibel am Ende des Verfahrens steht: „Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner“? Dieser Satz bezieht sich auf krasse Fälle von Unbelehrbarkeit, in denen ein Mensch nicht bereit ist, eigene Fehler zu erkennen und gemeinsame Lösungen für Konflikte zu suchen. In solchen Fällen kann es besser sein, sich wirklich aus dem Weg zu gehen. Das muss nicht unbedingt zu einem Ausschluss aus der Gemeinde führen; vielleicht muss man nur realistisch akzeptieren, dass wir nicht in der Lage sind, alle Konflikte zu lösen, und dass wir mit manchen Menschen einfach nicht „können“.

Wie ist es, wenn jemand für uns „wie ein Heide und Zöllner“ ist? Für Jesus damals waren Heiden und Zöllner keine Unmenschen; er hat den Kontakt zu ihnen, zu Nichtjuden und zu verachteten Römerfreunden, mehr als andere gesucht. Vielleicht meint dieser Ausdruck gar nicht, dass wir jemand aus der Gemeinde ausschließen sollen. Einer, der sich selber ausschließt, ist zwar im Augenblick für die Gemeinschaft nicht zugänglich, aber wir sollten ihn nicht endgültig aufgeben.

Ich habe jetzt immer von Konflikten gesprochen. Die Bibel spricht aber im Alten Testament vom Bösen, das aus der Mitte des heiligen Gottesvolkes weggetan werden soll, und im Neuen Testament von der Sünde, die zwischen zwei Menschen stehen kann. Und wenn Sie nun fragen: Ist Sünde nicht mehr als nur ein Konflikt, dann haben Sie Recht. Nicht jeder Konflikt muss mit Sünde verbunden sein. Es kann um Missverständnisse gehen, um Meinungsverschiedenheiten. Aber wenn Konflikte darin wurzeln, dass man aus welchem Grund auch immer die Person des anderen missachtet, und wenn im Extremfall sogar das passiert, was man heute „Mobbing“ nennt, dann ist das Sünde. Mit Sünde meint die Bibel nämlich Brüche in Beziehungen, die wir verschulden oder mit-verschulden. Sünde hängt immer auch mit einer Zerrissenheit in der eigenen Persönlichkeit zusammen und hat ihren Grund letztlich in einer Störung unserer Beziehung zu Gott. Sünde ist Beziehungsbruch, schon das Wort Sünde kommt im Deutschen von Ab-Sondern, besteht in einer Trennung von Gott, vom andern Menschen, von der eigenen Bestimmung.

Darum ist es vielleicht kein Zufall, dass Matthäus unmittelbar nach den Regeln für die Konfliktlösung zwischen zwei Gemeindegliedern einen anderen Ausspruch Jesu anfügt:

18 Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein.

Hier geht es um die Frage, wie Sünde nicht nur in der Beziehung zu anderen Menschen, sondern im Verhältnis zu Gott bereinigt werden kann. Also um das, was wir Beichte nennen: sich bewusst vor Gott klarwerden, an welchen Stellen wir konkret schuldig geworden sind. Immer wieder wird gesagt: In der evangelischen Kirche gibt es keine Beichte. Das ist ein Irrtum. Es gibt bei uns keinen Beichtstuhl, und man muss keine bestimmten Beichtgelegenheiten einhalten, aber es kann auch für evangelische Christen heilsam sein, zu beichten. Wir machen das meist im persönlichen Gebet mit Gott selber ab, vielleicht nutzen wir das Allgemeine Beichtgebet vor dem Abendmahl, um unsere Sünde vor Gott abzuladen, aber sinnvoll kann es auch sein, in einem persönlichen Beichtgespräch mit dem Pfarrer oder einem anderen Gemeindemitglied über Schuld zu reden, mit der wir nicht klarkommen.

Das ist im Gegensatz zu der Konfliktlösung, von der ich vorhin gesprochen habe, etwas, das nur unter vier Augen passiert. Aber wer Konflikte mit anderen angehen und lösen möchte, kann die Beichte nutzen, um mit Gott und sich selber klarzukommen und Vergebung zu erfahren. Jesus gibt uns als Gemeinschaft der Christen die Zusage: Wenn wir einem andern in Gottes Namen Vergebung zusprechen, dann ist er nicht mehr an seine Schuld gebunden, er ist gelöst aus der Gefangenschaft seiner Sünde, und das gilt nicht nur hier auf Erden, sondern auch für den Himmel.

Ich habe versucht, Worte von Jesus als Gebrauchsanweisung für die Gemeinschaft der Heiligen zu lesen. In seinen Augen geht es bei uns heilig zu, wenn nicht Ärger und Unzufriedenheit unser Gemeindeleben bestimmen, sondern ein liebevoller Geist, eine Atmosphäre, in der man sich nicht scheut, sich auch im Guten die Meinung zu sagen. Wir sind wahrhaft eine „heilige christliche Kirche“, wenn wir aus Vergebung leben, wenn wir über das reden, was zwischen uns steht, und auch bereit sind, um Vergebung zu bitten und einander Vergebung zuzusprechen.

Wenn wir Angst haben, dass wir damit überfordert sind, dürfen wir beherzigen, was Jesus unmittelbar nach den Worten sagt, die wir gehört haben:

19 Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.

20 Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.

Wir stehen nicht allein da, wenn wir in Jesu Namen mit dem umgehen, was mit uns und unserer Gemeinschaft nicht in Ordnung ist. Er selber ist in unserer Mitte und wir sind als Gemeinde sein Leib. Als Leib Christi dürfen wir in selbstbewusster Demut bekennen: „Ich glaube an die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen“, und darum bitten, dass wir uns dieses Bekenntnisses würdig erweisen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 628: Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen

Heiliger Gott, hilf uns, mit deiner Zumutung zurechtzukommen, dass wir als Kirche eine Gemeinschaft der Heiligen sein sollen. Bewahre uns vor einer Verzagtheit, die dir nichts zutraut. Schenke uns Mut und Kraft, an uns zu arbeiten, über den eigenen Schatten zu springen, neue Schritte zu wagen. Lass uns nicht resignieren, wenn uns schlechte Nachrichten niederdrücken und wenn wir einsehen müssen, Fehler gemacht zu haben, sondern hilf uns dabei, gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Heiliger Gott, lass uns über den Sorgen und Problemen im eigenen Umkreis und im eigenen Land nicht die Nöte in anderen Ländern vergessen. Heute denken wir besonders an die Opfer der Erdbeben in Kaschmir und an die Menschen, die dort Katastrophenhilfe leisten. Wir denken an deine christliche Kirche in Nordindien, zu der der indische Teil von Kaschmir gehört und mit der wir partnerschaftlich verbunden sind; begleite sie auf ihrem mutigen und selbstlosen Weg, als religiöse Minderheit auch Hilfe für Opfer zu leisten, die anderen Religionen angehören.

Heiliger Gott, hilf uns vor allem nicht zu vergessen, was du uns Gutes getan hast. Hilf uns, dankbar zu leben und einander Mut zum Leben zu machen. Amen.

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir noch auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Lied 563:

Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Abkündigungen und Segen

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