Der Pharisäer Simon und die Hure Salome

Jesus ergreift Partei für eine liebende Sünderin.

Diese Frau hat sich verändert, denkt der Pharisäer. Ihr kann niemand etwas anhaben in dieser Männerrunde. Und da ist nichts von einer Hure in ihrem Verhalten. Sie scheint diesem Jesus wirklich ihre ganze Liebe zu schenken, eine reine Liebe, voller Achtung und Respekt. Ich bin verwirrt – sollte Jesus doch ein Prophet sein?

Eine junge Frau, die die Hände betend zusammenlegt und mit offenem Blick nach rechts schaut

Eine Frau taucht in einer Männerrunde auf, zu der auch Jesus gehört (Bild: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am 11. Sonntag nach Trinitatis, 11. August 2013, 10 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich im Gottesdienst mit dem Wort aus 1. Petrus 5, 5:

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

Ausnahmsweise feiern wir am zweiten Sonntag im Monat August das Heilige Abendmahl, da wir am ersten Sonntag unseren Taufsonntag hatten.

Dass die Glocken nicht zum Gottesdienst geläutet haben, liegt an unserer Kirchturmsanierung, die Anfang August begonnen hat. Die Glocken sind noch dichter verpackt als unser Kirchturm selbst, damit das Läutewerk nicht durch Staubeinwirkung beschädigt wird, und wir müssen für die gesamte Bauzeit, vermutlich mehr als zwei Monate, auf jedes Glockenläuten verzichten.

Lied 353, 1+3+4:

1. Jesus nimmt die Sünder an. Saget doch dies Trostwort allen, welche von der rechten Bahn auf verkehrten Weg verfallen. Hier ist, was sie retten kann: Jesus nimmt die Sünder an.

3. Wenn ein Schaf verloren ist, suchet es ein treuer Hirte; Jesus, der uns nie vergisst, suchet treulich das Verirrte, dass es nicht verderben kann: Jesus nimmt die Sünder an.

4. Kommet alle, kommet her, kommet, ihr betrübten Sünder! Jesus rufet euch, und er macht aus Sündern Gottes Kinder. Glaubet’s doch und denket dran: Jesus nimmt die Sünder an.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Psalm 113:

1 Halleluja! Lobet, ihr Knechte des HERRN, lobet den Namen des HERRN!

2 Gelobt sei der Name des HERRN von nun an bis in Ewigkeit!

3 Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des HERRN!

4 Der HERR ist hoch über alle Völker; seine Herrlichkeit reicht, so weit der Himmel ist.

5 Wer ist wie der HERR, unser Gott, im Himmel und auf Erden?

6 Der oben thront in der Höhe, der herniederschaut in die Tiefe,

7 der den Geringen aufrichtet aus dem Staube und erhöht den Armen aus dem Schmutz,

8 dass er ihn setze neben die Fürsten, neben die Fürsten seines Volkes;

9 der die Unfruchtbare im Hause zu Ehren bringt, dass sie eine fröhliche Kindermutter wird. Halleluja!

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, du bist gegen die Sünde, aber du liebst den Sünder, dem die Sünde leid tut. Sünde ist schlimm, Sünde ist alles, was uns vom Leben trennt, von der Liebe, von dir. Doch du willst, dass wir Sünder die Sünde loslassen und neu anfangen können. Vergib uns, wo wir undankbar sind, wo wir Böses übereinander denken und reden, wo wir helfen könnten und tun es nicht. Wir rufen zu dir, Gott:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wir beten mit Psalm 103:

1 Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, lass uns begreifen, wie deine Liebe mit unserer Sünde umgeht und auch mit unserem Urteil über andere Sünder. Bewahre uns davor, auf andere herabzusehen. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören den heutigen Text zur Predigt aus dem Evangelium nach Lukas 7, 36-50:

36 Es bat [Jesus] aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch.

37 Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl

38 und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl.

39 Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.

40 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es!

41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig.

42 Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben?

43 Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt.

44 Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet.

45 Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen.

46 Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt.

47 Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.

48 Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben.

49 Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt?

50 Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Lied 400, 1+2+5:

1. Ich will dich lieben, meine Stärke, ich will dich lieben, meine Zier; ich will dich lieben mit dem Werke und immerwährender Begier. Ich will dich lieben, schönstes Licht, bis mir das Herze bricht.

2. Ich will dich lieben, o mein Leben, als meinen allerbesten Freund; ich will dich lieben und erheben, solange mich dein Glanz bescheint; ich will dich lieben, Gottes Lamm, als meinen Bräutigam.

5. Ich danke dir, du wahre Sonne, dass mir dein Glanz hat Licht gebracht; ich danke dir, du Himmelswonne, dass du mich froh und frei gemacht; ich danke dir, du güldner Mund, dass du mich machst gesund.

Gott gebe uns Worte für unser Herz und ein Herz für sein Wort. Amen.

Liebe Gemeinde, wir Christen sind seit langem darauf gepolt, dass wir Pharisäer unsympathisch finden. Eine Geschichte, in der ein Pharisäer und eine Sünderin vorkommen, lässt jedenfalls mich automatisch Partei für die Frau ergreifen. Aber wollen wir wie diese Frau sein? Sind wir nicht doch dem Pharisäer ähnlicher, als wir denken?

Versuchen wir einmal, uns in diese beiden Menschen hineinzuversetzen. Ich beginne mit dem Pharisäer und betone: Zur Zeit Jesu war das nicht wie bei uns eine Bezeichnung für einen frommen Heuchler, der es mit seiner Religion nicht wirklich ernst meint. Im Gegenteil, die Pharisäer bemühten sich darum, die Gebote Gottes besonders gut einzuhalten. Übertragen auf unsere Verhältnisse könnten wir sie vergleichen mit bibeltreuen Christen oder guten Kirchgängern.

„Ich heiße Simon. Mir ist es wichtig, nach der Wegweisung zu leben, die uns Gott durch Mose gegeben hat. Leider haben wir schlimme Zeiten, und die Zehn Gebote werden immer weniger beachtet. Die Römer besetzen das Land, und die Sitten verfallen. Wenn ich nur an die Volksverräter denke, die im Auftrag der Besatzer Steuern eintreiben und sich selber daran bereichern, kriege ich die Wut. Und viele Mädchen und Frauen tun so, als hätte Gott niemals den Ehebruch verboten. Sie lassen sich mit Soldaten ein und wundern sich, dass sie mit ihrem Kind allein und ohne Versorgung sitzengelassen werden! Manche geben sich sogar jedem Mann hin, der sie bezahlt. Ich bin froh, dass ich in einer intakten Familie lebe; meine Frau weiß, was sich gehört, versorgt mich und die Kinder gut.

In letzter Zeit macht mir dieser Jesus Sorgen. Wo er auftritt, versammeln sich Haufen von Leuten um ihn, und zwar, wie ich hörte, nicht unbedingt die ehrbarsten Menschen. Sogar im Haus eines dieser verhassten Zöllner soll er schon zu Gast gewesen sein. Ich würde zu gern wissen, was er eigentlich will.

Also habe ich mir gedacht, ich lade ihn auch einmal zum Essen ein. Ein zwangloses Gespräch unter Männern hilft sicherlich, herauszubekommen, ob man ihm trauen kann. Ist er wirklich ein Prophet Gottes? Viele behaupten das ja.

Obwohl – ich finde es gar nicht so einfach, ihn unbefangen und freundlich in meinem Haus zu begrüßen. Man hat einfach schon zu viel von ihm gehört. Wer weiß, wem er gerade eben die Hand gegeben hat, bei wem er vorher zu Gast war? Ich bin lieber erst einmal vorsichtig und warte ab. Ihn so richtig überschwänglich zu begrüßen, das würde auch er sicher nicht ganz ehrlich finden. Mal sehen, wie sich unser Gespräch entwickelt.

Zuerst läuft alles ja auch ganz gut. Wir hocken uns auf den Boden an die niedrigen Tische, machen es uns bequem, so halb im Liegen, mit den Füßen nach hinten. Wir kommen ins Reden, und tatsächlich: in vielem sind wir uns einig, der Jesus und ich; Jesus ist ein hervorragender Lehrer der Tora und kennt sich in den Geboten der Bibel genau so gut aus wie ich. Er wäre ein Gewinn für unsere Gemeinschaft der Pharisäer.

Doch was ist das? Unerhört! Da schleicht sich doch diese aufdringliche Person in mein Haus ein und wagt es, unser Gespräch unter Männern zu stören. Diese Frau, wie heißt sie noch, ach, ist ja auch egal. Jede Menge Kinder soll sie haben, aber keinen Mann, jedenfalls keinen für länger als eine Nacht. Soll froh sein, dass wir heute kaum noch jemanden zu Tode steinigen, denn wie oft hat sie schon einen ehrbaren Mann verführt und seine Ehe gebrochen.

Ich gebe ihr Zeichen: Verschwinde gefälligst! Aber schon hockt sie sich hinter Jesus auf den Boden und wird plötzlich hysterisch. Heult dermaßen, dass die Tränen tatsächlich auf seine Füße tropfen. Natürlich, sie kennt ja keine Scham, aber sich so in aller Öffentlichkeit an einen Mann heranzumachen, das ist wirklich der Gipfel!

Immerhin kann Jesus jetzt beweisen, ob er ein Mann Gottes ist. Er muss doch merken, was das für eine Person ist, muss ihr ins Gewissen reden, sie zur Rechenschaft ziehen, sie des Raumes verweisen. Ich als Hausherr will ihm da nicht vorgreifen, er ist schließlich mein Gast.

Doch Jesus lässt alles seelenruhig über sich ergehen! Er bleibt still, sogar als sie mit ihrem Haar seine Füße trocknet und dann auch noch einsalbt, als sei er ihr Liebhaber oder ein Freier aus dem Freudenhaus. Unfassbar! Dieser Jesus ist als Lehrer des Volkes und vor allem unserer Kinder nicht tragbar. Gut, dass ich mich gehütet habe, ihn zur Begrüßung zu berühren. Ich hätte mich womöglich ebenfalls an ihm verunreinigt.“

Soweit die Gedanken des ehrenwerten Pharisäers. Er hat Recht: einen guten Ruf hat sie nicht, die Dame, die sich bei ihm Zutritt verschafft hat. Was mag sie dazu bringen, sich so unmöglich zu benehmen? Lassen wir auch sie selbst zu Wort kommen.

„Meinen Namen wird später niemand mehr kennen. Keiner hat ihn aufgeschrieben. Nennt mich meinetwegen Salome, am Ende werdet ihr verstehen, warum.

Ich weiß, es ist ungehörig, mich zu dem Pharisäer Simon ins Haus zu schleichen. Aber ich muss unbedingt Jesus sehen, mich bei ihm bedanken. Er ist der erste Mann, der mich nicht wie Dreck behandelt, obwohl ich eine Hure bin. Ehrenmänner wie diesen Simon habe ich häufig als Kunden bei mir; aber draußen auf der Straße oder in seinem eigenen Haus will keiner mit mir gesehen werden.

Was sollte ich machen, als mir mein Mann, auch so ein Ehrenmann, die Scheidungspapiere überreichte? Ich hatte ihm angeblich das Essen nicht pünktlich und schmackhaft genug serviert. In Wirklichkeit war ich ihm zu alt geworden, er wollte lieber eine jüngere Frau. So hatte ich die Wahl: Betteln gehen oder meinen Körper anderen Männern anbieten, die nicht so wählerisch sind, aber dafür bezahlen.

Ich tue oft so, als ob das für mich in Ordnung wäre. Denn welcher Mann würde mich jetzt noch als ehrbare Ehefrau annehmen? Ich bin sowieso abgestempelt als Hure und fühle mich insgeheim oft genauso, wie mich die Männer behandeln: als wertloser Dreck, im Grunde nicht lebenswert.

Aber heute höre ich diesen Jesus, wie er draußen vor der Synagoge eine Rede hält, und als sich einige von den frommen und feinen Herren darüber beschweren, was er alles vom lieben Gott erzählt, da ruft er ihnen zu (Matthäus 21, 31):

Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr.

Mir steht vor Erstaunen der Mund offen, wie ich das höre, und ich frage mich, ob er das ernst meint oder ob er nur provozieren will. Ich kann gar nicht anders, ich starre ihn an.

Und auf einmal wirft er mir einen Blick zu, der mir durch und durch geht. Nicht so ein üblicher Männerblick, der meine Figur von oben bis unten abschätzt. Jesus sieht in meine Augen, und es fühlt sich an, als ob er mich total durchschaut, bis in die tiefsten Abgründe meines Herzen hinein. Trotzdem ist dieser Blick nicht unangenehm. Er verurteilt mich nicht. Er ist so liebevoll, so voller Achtung und Respekt, noch nie hat mich ein Mann so angesehen.

Es ist nur ein kurzer Moment, dann hört Jesus auf zu predigen und geht weg. Er hat einen Termin im Haus des Pharisäers Simon, eine Einladung exklusiv für Männer. Dort übernachtet er wohl auch, und morgen früh zieht er weiter, in ein anderes Dorf.

Aber versteht ihr? Ich muss unbedingt vorher noch zu ihm und mich bei ihm bedanken! Ich überlege nicht lange, dann schleiche ich mich hinein in Simons Haus. Das ist nicht schwer, ich tue so, als sei ich eine Sklavin. Auf die achtet keiner. Und da hockt Jesus am niedrigen Tisch mitten in der feinen Herrengesellschaft. Simon entdeckt mich natürlich gleich und will mich wegwedeln wie eine lästige Fliege. Aber ich lasse mich nicht verscheuchen. Ich kniee mich hinter den Füßen Jesu auf den Boden. Will ihn ja nur kurz ansprechen.

Und dann brechen meine Gefühle plötzlich aus mir heraus. Das ist alles zu viel für mich: um mich herum all die Männer mit ihren feindseligen Blicken, in denen ich nur Verachtung lese: ‚Hier hast du nichts zu suchen, du schmutzige Hure!‘ Und direkt vor mir, mit dem Rücken zu mir, dieser Mann mit dem anderen Blick, der mich so nimmt, wie ich bin. Kann es sein, dass er in mir ein Kind Gottes sieht, obwohl ich mich selbst verachte? Auf einmal lösen sich in mir Sturzbäche von Tränen; ich kann sie nicht zurückhalten und lasse sie einfach fließen. Und wie die Füße Jesu ganz nass davon werden, weiß ich einfach, was ich tun muss, was ich tun will. Jetzt kann ich Jesus etwas Liebes tun. Ich wasche Jesus seine Füße mit meinen Tränen. Ich trockne sie mit meinen Haaren. Ich bedecke sie mit meinen Küssen. Und dann salbe ich sie auch noch mit Salböl ein. Ich hab ja immer welches dabei, falls ein Freier Sonderwünsche hat und besonders gut duften will. Aber das hier ist etwas anderes. So eine tiefe, starke, reine Liebe habe ich noch nie zu einem Menschen empfunden, schon gar nicht zu einem Mann.

Ganz sicher bin ich mir nicht: Bin ich zu weit gegangen? Würde mich nun auch Jesus von sich wegstoßen und rufen: ‚Fass mich nicht an, ich bin nicht einer deiner Kunden drüben im Freudenhaus!‘? Nein, das tut er nicht. Er lässt es geschehen.

Aber wie soll nun alles weiter gehen? Ich habe nicht nachgedacht, ich habe nur getan, was mir in den Sinn gekommen ist und Jesus in eine unmögliche Situation gebracht.“

Ja, wie geht es weiter? Hören wir, welche persönliche Erfahrung nun der Pharisäer mit Jesus machen darf:

„Ich überlege noch, wie ich mit der peinlichen Situation umgehen soll, da meldet sich Jesus feierlich zu Wort: ‚Simon, ich habe dir etwas zu sagen.‘ Er spricht mich so ernsthaft mit meinem Namen an, dass ich spüre: für ihn bin ich nicht nur einer dieser Pharisäer, die ihm manchmal das Leben schwer machen. Er will mir wirklich etwas sagen.

Und in diesem Augenblick bin ich bereit, mir von ihm etwas sagen zu lassen. Und ich sage ebenso feierlich: ‚Meister, sag es!‘

Dann erzählt er mir ein Gleichnis, als wäre ich ein König Israels, der von einem Propheten einer Sünde überführt wird. Aber ich bin doch kein Ehebrecher wie König David, dem der Prophet Nathan das Gleichnis vom Schäfchen des armen Mannes erzählte (2. Samuel 12, 1-15a). Und auch kein Dieb und Mörder wie König Ahab, der Naboth beseitigte, um seinen Weinberg zu rauben, und den der Prophet Elia zur Rechenschaft zog (1. Könige 21, 17-29). Welche Schuld will er mir nachweisen?

Was erzählt Jesus da? ‚Wer viele Schulden erlassen bekommt, hat mehr Grund, seinen Wohltäter zu lieben, als der, der nur wenige Schulden hatte.‘ Natürlich ist das so. Dem kann ich nur zustimmen. Aber was soll dieses Gleichnis? Warum erzählt Jesus es ausgerechnet mir?

Und dann blickt Jesus diese Frau an mit einem so liebevollen Blick, dass ich denke: Gehört es sich, dass ein Mann eine fremde Frau so anschaut? Aber es ist nichts Unanständiges in diesem Blick, und ich beiße mir auf die Lippen, weil ich Jesus etwas unterstellt habe, was ich mir selbst nur krampfhaft verbieten kann. Dann höre ich Jesus zu mir reden. ‚Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt.‘ Und ich denke: Er hat ja Recht. Ich war so sehr darauf bedacht, mich vor Jesus in Acht zu nehmen, dass ich sogar die Regeln der Gastfreundschaft missachtet habe.

Und weiter höre ich Jesus zu mir sagen: ‚Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.‘

Ist das denn eine Schuld, wenn ich nur wenig auf dem Kerbholz habe und mir Gott darum nur wenig vergeben muss? Und kann Jesus einfach dieser Frau vergeben, deren ganzes Leben praktisch nur aus Sünden besteht? Setzt er sich damit nicht an die Stelle Gottes? Darf Jesus das?

Aber etwas gibt mir zu denken: Diese Frau hat sich verändert. Sie wirkt, als ob ihr niemand etwas anhaben kann in dieser Männerrunde. Ich muss zugeben: Da ist nichts von einer Hure in ihrem Verhalten. Sie scheint diesem Jesus wirklich ihre ganze Liebe zu schenken, eine reine Liebe, voller Achtung und Respekt. Darüber muss ich noch gründlich nachdenken. Ich bin ganz verwirrt – sollte Jesus doch ein Prophet sein? Einer, der Vollmacht hat, im Auftrag von Gott zu reden und sogar Sünden zu vergeben?“

Überlassen wir den Pharisäer seinen Gedanken, den Jesus bei seinem Namen Simon gerufen hat, und wenden uns zum Schluss noch einmal der Sünderin Salome zu:

„Ich bin immer noch fasziniert von Jesus. Fühle mich bei ihm geborgen und von ihm beschützt. Während er mich mit dem Blick anschaut, den ich schon kenne, tritt er mit all seinen Worten für mich ein gegenüber diesem Pharisäer Simon, und der scheint sogar darüber nachzudenken. Immer mehr fühle ich mich wie ein Mensch, der hier sein darf, der wenigstens in Jesu Augen wertvoll ist, und wenn er Recht hat, sogar in Gottes Augen.

Und dann spricht Jesus mich direkt an, hier unter all den Männern: ‚Dir sind deine Sünden vergeben.‘ Er kümmert sich nicht um das Gemurmel der Männer, die daran zweifeln, dass er das überhaupt darf, aber ich bin mir sicher: Dieser Jesus kommt von Gott, er strahlt die Liebe des Vaters im Himmel wider, und ich spüre, wie Gottes Vergebung mein Leben heil macht und in Ordnung bringt.

Einen zweiten Satz höre ich von Jesus ganz persönlich für mich: ‚Dein Glaube hat dir geholfen.‘ Mein Glaube? Wo habe ich geglaubt? Wenn Jesus meint, dass er in mir mein Vertrauen geweckt hat, mein Gottvertrauen und mein Selbstvertrauen, dann stimmt das. Ja, dieser Glaube hilft mir. Ich kann wieder an Liebe glauben, ich kann glauben, dass Gott es gut mit mir meint, ich kann sogar an mich selbst glauben.

Mit einem letzten Satz verabschiedet mich Jesus: ‚Geh hin in Frieden!‘ Ja, im Frieden kann ich gehen. Vielleicht kann ich aufhören, eine Sünderin zu sein, die dazu beiträgt, Ehen zu zerstören. Irgendwie werde ich einen Weg finden, um so zu leben, wie ich es wirklich will, ohne mir selbst und anderen immer nur weh zu tun.

Wer weiß, vielleicht darf ich ja sogar eine Jüngerin für Jesus sein. Ich weiß, nicht nur Männer, sondern auch Frauen folgen ihm nach oder unterstützen ihn von zu Hause aus.

‚Geh hin im Frieden!‘ Dieser Satz begleitet mich. Frieden heißt Schalom, darum habe ich mich für euch Salome genannt, die Frau, die Frieden gefunden hat.“

So weit meine Versuche, mich hineinzuversetzen in Simon und Salome. Waren beide uns eher fremd oder gab es Punkte, an denen wir gemerkt haben: Da wird eigentlich auch ein Stück von meiner eigenen Geschichte erzählt? Ich möchte mit Simon über Vergebung nachdenken und wünsche mir inneren Frieden wie Salome. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 224:

1. Du hast zu deinem Abendmahl als Gäste uns geladen. Nun stehn wir, Herr, in deinem Saal mühselig und beladen. Wir tragen unsrer Wege Leid, viel Sorgen, Schuld und Schmerzen. Ob reich, ob arm, dich irrt kein Kleid, du weißt die Not der Herzen.

2. Ach Herr, vor dir ist keiner reich und keiner los und ledig; spricht einer hier dem andern gleich: Gott sei mir Sünder gnädig! Du aber ludest uns zu dir, den Hunger uns zu stillen, willst uns aus lauter Liebe hier die leeren Hände füllen.

3. Nun segne, Herr, uns Brot und Wein, deins Tisches edle Gaben! Du selbst willst gegenwärtig sein und wunderbar uns laben. Gib über Bitten und Verstehn, wie du versprachst zu geben! In dem, was unsre Augen sehn, gib dich uns selbst zum Leben!

Im Abendmahl sind wir eingeladen, zu spüren, dass Gott die Sünde besiegt hat und uns einlädt, den Blick zu heben und uns vertrauensvoll auf ihn und auf die Menschen in Jesu Gemeinde einzulassen. Im Brot schenkt er uns den Leib seiner Liebe. Im Kelch besiegelt er seine Treue zu uns mit seinem Blut.

Gott, nimm von uns, was uns von dir trennt: Unglauben, Lieblosigkeit, Verzagtheit. Hochmut, Trägheit, Lebenslügen. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernst zu nehmen als den der groß ist in seiner Güte und Freundlichkeit zu uns Menschen.

Würdig und recht ist es, uns selber anzunehmen als Menschen mit aufrechtem Gang, von Gott geliebt und verantwortlich für unser Leben. Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Wir beten mit Jesu Worten:

Vater unser und Einsetzungsworte

Jesus macht mit seiner Liebe unsere Seele satt. Nehmt und gebt weiter, was euch gegeben ist – den lebendigen Leib der Liebe Gottes.

Herumreichen des Korbs

Christus zerstört die Werke böser Mächte, indem er uns fähig macht zur Liebe. Nehmt hin den Kelch der Vergebung, des neuen Anfangs, der Versöhnung zwischen Gott und Mensch.

Austeilen der Kelche

Vertraue Gott, so wird er sich deiner annehmen; geh gerade Wege und hoffe auf ihn! (Sirach 2, 6)

Gehet hin im Frieden!

Lasst uns unsere Fürbitten vor Gott bringen und jede einzelne mit den Worten beenden: „Treuer Gott: Wir bitten dich, erhöre uns!“

Wir brauchen Gelassenheit, wenn kleine Alltäglichkeiten uns ärgern, zum Beispiel der Stau auf der Autobahn oder wenn in der Innenstadt keine grüne Welle geschaltet ist. Wir brauchen Geduld, wenn unser Nachbarn nerven oder Kinder im Spiel vor unserem Wohnungsfenster lautstark streiten. Wir sind angewiesen aufeinander – darauf, dass einer den anderen annimmt mit seinen Stärken, aber auch mit seinen Schwächen und Fehlern. Schenk uns Gelassenheit! Treuer Gott: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

Die Menschheit braucht Frieden. Wir sind dankbar, in unserem Land seit Jahrzehnten im Frieden leben zu können. Wir sind dankbar, dass die sogenannte Erbfeindschaft zwischen europäischen Staaten überwunden werden konnte. Schenke Politikern Besonnenheit, dass sie die Europäische Gemeinschaft weiter fördern und ausbauen und nicht aufs Spiel setzen, wenn es Konflikte gibt. Treuer Gott: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

Die Menschheit braucht Frieden, aber an vielen Orten herrscht Krieg oder Bürgerkrieg. Zum Beispiel das Volk in Syrien ist gespalten und sehnt sich nach Frieden. Wir beten für alle in den Bürgerkriegsparteien, die einander hassen und mit allen Mitteln bekämpfen; für die Christen in diesem Land und für alle, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Treuer Gott: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

In unserer Paulusgemeinde beten wir heute insbesondere für Frau …, die … in Oldenburg gestorben ist und … hier in Gießen unter Anteilnahme von Angehörigen, Freunden und langjährigen Weggefährten beigesetzt worden ist.

Du, Gott, kennst ihren Weg, auf dem es schwere Schicksalsschläge und Enttäuschungen zu bewältigen gab, du weißt um ihre begeisterte Hingabe in ihrem Beruf und im Einsatz für den Frieden.

Wir bitten dich: Nimm sie auf in den Frieden in deinem ewigen himmlischen Reich. Treuer Gott: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

Lied 258:

Zieht in Frieden eure Pfade. Mit euch des großen Gottes Gnade und seiner heilgen Engel Wacht! Wenn euch Jesu Hände schirmen, geht’s unter Sonnenschein und Stürmen getrost und froh bei Tag und Nacht. Lebt wohl, lebt wohl im Herrn! Er sei euch nimmer fern spät und frühe. Vergesst uns nicht in seinem Licht, und wenn ihr sucht sein Angesicht.

Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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