Rückzug vom Rückzug

Das Abendmahl feiern wie in Emmaus. Oder: Umkehr aus einer Mutlosigkeit, in die wir uns verliebt haben.

Wir haben die Wahl zwischen den beiden Wegen: Dem Weg zurück in die Vereinzelung, in die Sinnlosigkeit. Oder dem Weg in die Verantwortung für die anderen Mitglieder der Gemeinschaften, denen wir angehören, bis hin zur Gesellschaft unseres Landes und der Völker der Welt.

Die Christus-Statue über den Favelas von Rio de Janeiro

Die Christus-Statue über den Favelas von Rio de Janeiro (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst am Ostermontag, 27. März 1978, um 9.45 Uhr in der Stadtkirche Friedberg

Ich heiße Sie zum Abendmahlsgottesdienst am Ostermontag herzlich willkommen. Sie haben ein Blatt mit dem Gottesdienstablauf erhalten und werden gemerkt haben, dass einige Dinge heute in anderer Form ablaufen als gewöhnlich, z. B. das Abendmahl.

Das Abendmahl ist in unseren Gottesdiensten, wenn es überhaupt gefeiert wird, meist an den Rand, ans äußerste Ende gerückt. Das Abendmahl scheint mir aber so wichtig zu sein, dass ich es einmal bewusst in den Mittelpunkt der Gottesdienstfeier, zwischen die Schriftlesung und die Predigt, gestellt habe. Das ist ein Versuch, von dem Sie bitte mich oder den Kirchenvorstand wissen lassen möchten, wie er Ihnen gefallen hat. Eine andere Veränderung bot sich an, weil heute Ostern ist, nämlich anstelle der üblichen liturgischen Gesänge Osterlieder zu singen. Ich wünsche Ihnen und mir einen gesegneten Gottesdienst!

Abkündigungen
Orgelvorspiel
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Christus mußte leiden und von diesem Leiden aus seine Macht und Herrlichkeit gewinnen! Kommt, lasst uns anbeten!

Lied EKG 79, 1-4 (EG 103):

1. Gelobt sei Gott im höchsten Thron samt seinem eingebornen Sohn, der für uns hat genug getan. Halleluja, Halleluja, Halleluja.

2. Des Morgens früh am dritten Tag, da noch der Stein am Grabe lag, erstand er frei ohn alle Klag. Halleluja, Halleluja, Halleluja.

3. Der Engel sprach: »Nun fürcht’ euch nicht; denn ich weiß wohl, was euch gebricht. Ihr sucht Jesus, den find’t ihr nicht.« Halleluja, Halleluja, Halleluja.

4. »Er ist erstanden von dem Tod, hat überwunden alle Not; kommt, seht, wo er gelegen hat.« Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Herr Jesus Christus, du hast uns vorgelebt, dass in der Liebe, die bewusst auch Leiden auf sich nimmt, eine größere Verheißung liegt als im Gebrauch der Ellenbogen um des eigenen Vorteils willen. Doch wir bekennen, dass wir diese Verheißung nicht ernst genug nehmen, dass wir z. B. da, wo es uns besser geht als anderen, diesen Vorteil als unser gutes Recht betrachten, und dass wir nicht genug dafür tun, dass alle Menschen in Würde leben können. Herr, wir fühlen uns oft gefangen in Zwängen und eingefahrenen Verhaltensweisen. Wir sagen: wir können nichts dafür, dass wir so sind; wir können nichts dafür, dass die Verhältnisse so sind. Wir bekennen, dass wir dabei leicht das Stück der Verantwortung vergessen, das wir selbst für unser Mitspielen in den festgefahrenen Verhaltensabläufen und für unsere Antwort auf die äußeren Zwänge tragen. Wir bekennen, dass wir manchmal zu sicher sind, wenn wir unsicher sein sollten, dass wir zu ängstlich und mutlos sind, wenn wir tatkräftig zupacken sollten, dass wir uns in die Einsamkeit zurückziehen, wenn wir Enttäuschungen mit anderen Menschen erleben, statt einen neuen Anfang zu wagen. Gott, sei mir Sünder gnädig!

Lied EKG 79, 5-6 (EG 103):

5. Nun bitten wir dich, Jesu Christ, weil du vom Tod erstanden bist, verleihe, was uns selig ist. Halleluja, Halleluja, Halleluja.

6. O mache unser Herz bereit, damit von Sünden wir befreit dir mögen singen allezeit: Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Jesus Christus spricht zu uns allen: Dir sind deine Sünden vergeben. Wir brauchen keine Bedingung zu erfüllen, um vor ihm als gerecht und gut zu bestehen. Er macht uns gerecht. Er schenkt uns die Möglichkeit, an uns zu arbeiten, uns zu ändern – nicht als Bedingung, sondern als Frucht seiner Liebe zu uns. Er ermutigt uns, die Fesseln, mit denen wir uns selbst gefangenhalten, abzustreifen, und Verantwortung für unser Verhalten zu übernehmen. Lobsinget Gott, erhebet seinen Namen!

Lied EKG 80, 3 (EG 106):

3. Sein’ Raub der Tod musst geben her, das Leben siegt und ward ihm Herr, zerstöret ist nun all sein Macht. Christ hat das Leben wiederbracht. Halleluja.

Herr Jesus Christus, du kannst uns aus dem, was uns gefangen hält, herausführen, aus überheblicher Selbstsicherheit in die Selbstbesinnung, aus ängstlicher Verzagtheit zu mehr Selbstvertrauen, aus der Einsamkeit in die Verantwortung für andere. Lass dies unsere eigenen, wirklichen Erfahrungen werden. Lass uns die Wirklichkeit deiner Vergebung und deiner Liebe mit allen Sinnen erfahren. Lass uns das Abendmahl als ein Zeichen dafür feiern, dass wir dein Geschenk fühlen, riechen, schmecken, beißen, in uns aufnehmen können. Deine Liebe zu uns ist so wirklich wie unser tägliches Essen und Trinken, so notwendig für unser Leben wie die Nahrung. Amen.

Schriftlesung: Lukas 24, 13-32

13 Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus.

14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten.

15 Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen.

16 Aber ihre Augen wurden gehalten, daß sie ihn nicht erkannten.

17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen.

18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist?

19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk;

20 wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben.

21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist.

22 Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen,

23 haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe.

24 Und einige von uns gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.

25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben!

26 Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?

27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.

28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen.

29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.

30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen.

31 Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen.

32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?

Lied EKG 80, 4-5 (EG 106):

4. Die Sonn, die Erd, all Kreatur, alls, was betrübet war zuvor, das freut sich heut an diesem Tag, da der Welt Fürst darniederlag. Halleluja.

5. Drum wollen wir auch fröhlich sein, das Halleluja singen fein und loben dich, Herr Jesu Christ; zu Trost du uns erstanden bist. Halleluja.

Die Jünger aus Emmaus begegneten Jesus. Sie erkannten ihn nicht.

Wir begegnen Jesus in den Menschen, die uns brauchen oder die wir brauchen, vielleicht in dem Menschen, der neben uns sitzt. Erkennen wir ihn?

Die Jünger aus Emmaus gingen traurig ihren Weg nach Haus. Jesus erklärte ihnen, dass sie Grund zur Freude hatten. Doch sie erkannten Jesus noch immer nicht.

Auch wir haben die Worte Jesu gehört. Erkennen wir ihn?

Erst als Jesus das Abendmahl mit den beiden Jüngern aß, da erkannten sie ihn. Sie erinnerten sich plötzlich an die gemeinsamen Mahlzeiten mit Jesus, von denen keiner ausgeschlossen gewesen war, und an das Brot, das er geteilt und das für alle ausgereicht hatte.

Ich lade Sie alle ein, das Abendmahl zu feiern wie die Jünger in Emmaus. Wir können im Zeichen des gemeinsamen Mahles Jesus begegnen und ihn erkennen. Wir essen das Brot und trinken den Wein, und ebenso wirklich nehmen wir die Zusage Jesu auf: „Ich bleibe bei euch, ich gebe euch Mut, ich führe euch zusammen!“ Wir essen und trinken gemeinsam und können in jedem, der mit uns isst und trinkt, Jesus erkennen, einen Menschen, für den wir Mitverantwortung tragen oder der uns trägt.

Wer das Abendmahl heute nicht mitfeiern möchte, der bleibe während der Austeilung bitte sitzen; er soll sich nicht gedrängt fühlen, nach vorn zu kommen. Nun wollen wir Gott loben, der sich uns im Abendmahl schenkt, und mit dem Lied „Christ ist erstanden“ den Grund der Osterfreude besingen!

EKG 75 (EG 99):

Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen; seit dass er erstanden ist, so lobn wir den Vater Jesu Christ’. Kyrieleis.

Halleluja, Halleluja, Halleluja! Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Am Brotbrechen wurde Jesus in Emmaus erkannt. Seine Jünger erinnerten sich, wie er zum letztenmal mit den Seinen das Abendmahl gefeiert hatte:

Einsetzungsworte
Lied EKG 159, 1-3 (EG 221):

1. Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen: Wir sind, die wir von einem Brote essen, aus einem Kelche trinken, Jesu Glieder, Schwestern und Brüder.

2. Wenn wir in Frieden beieinander wohnten, Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten, dann würden wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen.

3. Ach dazu müsse deine Lieb uns dringen! Du wollest, Herr, dies große Werk vollbringen, dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.

Austeilung des Abendmahls

Lieber Herr Jesus Christus, wir danken dir, dass du uns nahe kommst im Abendmahl. Herr, bleibe bei uns, wenn wir wieder nach Hause gehen, wenn wir unserer Arbeit, unseren Verpflichtungen, unseren Wünschen nachgehen. Du hast dich den Jüngern in Emmaus zu erkennen gegeben und bist dann ihren Blicken entschwunden; doch du bliebest bei ihnen, ließest sie anders zurück, als sie zuvor gewesen waren. Herr, bleibe auch bei uns; wir sehen dich nicht, aber lass uns an unseren Gefühl und an unserem Verhalten spüren, wie du uns innerlich und äußerlich veränderst. Amen.

Lied EKG 163, 3 (EG 214):

3. Gott geb uns allen seiner Gnade Segen, dass wir gehn auf seinen Wegen in rechter Lieb und brüderlicher Treue, dass uns die Speis nicht gereue. Kyrieleison. Herr, dein Heilig Geist uns nimmer lass, der uns geb zu halten rechte Maß, dass dein arm Christenheit leb in Fried und Einigkeit. Kyrieleison.

Der Friede unseres auferstandenen Herrn sei mit uns allen. Amen.

Wir hören als Predigttext die Verse Lukas 24, 33-35. Dort heißt es im Anschluss an die Schriftlesung, die wir vorhin gehört haben:

33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren;

34 die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen.

35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach.

Liebe Gemeinde!

Zweimal gingen die beiden Jünger den Weg zwischen Jerusalem und Enmaus. Zuerst war es der Rückzug aus dem Kreis der Freunde Jesu, nachdem Jesus am Kreuz gestorben war, der Rückzug ins Privatleben, nachdem Jesu Sendung allem Anschein nach gescheitert war. Bedrückt und wie gelähmt erschienen die Jünger auf dem langen Weg; sie waren mutlos, ratlos, traurig, daneben bestürzt über die Frauen, die ihnen weismachen wollten, dass Jesus lebe – konnten sie die harte Wirklichkeit nicht ertragen?

Das zweite Mal gingen sie den Weg in die umgekehrte Richtung, nein, sie eilten, sie waren voller Begeisterung, voller Freude, die sie den anderen Jüngern so schnell wie möglich mitzuteilen wünschten. Der Rückzug wurde rückgängig gemacht, die Jünger waren völlig verwandelt.

Wie kam es zu dieser Veränderung? Die Jünger spürten am eigenen Leibe, nahmen mit eigenen Augen und Ohren wahr, was Auferstehung bedeutet.

Ja, worum geht es Lukas, wenn er von der Auferstehung Jesu so erzählt? Geht es ihm um einen wieder zum Leben erweckten Toten, der sich wie ein Gespenst in Luft auflösen kann, der nicht an die Naturgesetze gebunden ist? Nein, darum geht es Lukas nicht. Er benutzt zwar solche Vorstellungen; sie waren zu seiner Zeit nicht so ungewöhnlich wie für unsere Ohren – aber das Entscheidende liegt für ihn an einer anderen Stelle. Als die Jünger Jesus an der Art erkannten, wie er das Abendmahlsbrot brach, in genau dem Augenblick verschwand er vor ihren Augen. Sie sollten nicht auf den zum Leben erweckten Toten starren. Sie sollten stattdessen erkennen, dass Jesus bei ihnen ist, auch wenn sie ihn nicht mehr sahen, dass der leidende, gekreuzigte Jesus mächtiger war als seine Richter und Folterknechte, dass Jesus in einer Gemeinschaft mit Gott gelebt hatte, die nie zerreißen wird. Den Jüngern wurde bewusst, welche Veränderung auf dem Weg nach Emmaus an ihnen selbst vorgegangen war, als Jesus ihnen erklärt hatte, wie Christus von seinem Leiden aus seine Herrlichkeit gewann. Unser Herz brannte doch in uns, als er mit uns sprach, machten sie sich klar, und sie wussten, was nun zu tun hatten: sie kehrten um nach Jerusalem in den Kreis der Freunde. Aus den schwachen, mutlosen, traurigen Leuten, als die sie geflüchtet waren, wurden wieder Nachfolger Jesu, die Mut fassten und Begeisterung gewannen. Was sie erfahren hatten, konnten sie nicht für sich behalten, sie mussten es den anderen erzählen!

Die beiden Richtungen dieses Weges sehe ich auch in unserem Leben. Die Richtung des Todes, der Traurigkeit, Mutlosigkeit, des bequemen Rückzugs. Und die Richtung des Lebens, der Auferstehung, der Freude, Tatkraft und Begeisterung.

Ich möchte ein Beispiel erzählen. Eine Erfahrung, die Sie vielleicht auch schon in ähnlicher Weise gemacht haben, als Sie auf einen anderen Menschen zugegangen sind, um mit ihm bekannt zu werden, vielleicht Freundschaft mit ihm zu schließen.

Ich lerne einen Menschen kennen, den ich gern mag. Eine Freundschaft beginnt. Einmal sagt er etwas, was mich verletzt, ich spreche ihn darauf hin an. Er fühlt sich angegriffen und unverstanden, sieht kein Vertrauen mehr zwischen uns. Ich würde zu viel von ihm erwarten, meint er, und wie neues Vertrauen entstehen soll, könne er nicht sagen. Ich bin enttäuscht. Weil ich ehrlich war, zerbricht eine eben erst begonnene Freundschaft. Hat es überhaupt einen Zweck, die Beziehung zu ihm aufrechtzuerhalten? Ist es nicht in Zukunft besser, seine wahren Gefühle für sich zu behalten, in einer Beziehung lieber an der Oberfläche zu bleiben?

Mit solchen Gedanken bin ich in der Gefahr, den Rückzug anzutreten, auf die enttäuschende Erfahrung mit dem Gang in die falsche Richtung zu reagieren, traurig mich in mich selbst zurückzuziehen und die Suche nach Freunden aufzugeben.

Stellen Sie sich vor, Jesus käme dazu, wenn Sie oder ich so zu uns sprechen. Er würde zu uns sagen: was sind das für Geschichten, die ihr da in euren Köpfen beredet? Er würde uns bewusst machen, dass wir zu einem guten Teil für unsere Traurigkeit und Mutlosigkeit verantwortlich sind. Denn wir brauchen nicht mit Achselzucken auf Enttäuschungen zu reagieren, Verbitterung braucht nicht zurückzubleiben, die sich wie ein Schatten auch auf die Beziehungen zu anderen Menschen legt. Das Abendmahl Jesu, das wir zusammen gefeiert haben, ist das Zeichen dafür, dass Freundschaft und Brüderlichkeit, dass Ehrlichkeit auch in konfliktreichen Beziehungen möglich ist. Das wird gewiss nicht ohne weitere schmerzhafte Erfahrungen abgehen, aber auf diesem risikoreichen Weg in die Gemeinschaft mit anderen liegt die Verheißung des erfüllten Lebens, der Freude, der Auferstehung. Christus gelangte durch Leiden zur Herrlichkeit und eröffnete uns allen neue Lebensmöglichkeiten, die Möglichkeiten, die darin liegen, dass, wer sich selbst verliert, sich gewinnen wird. Franziskus von Assisi lehrte uns, um die Fähigkeit zu bitten, nicht dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe, nicht dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe. Ich habe Möglichkeiten, um einen Menschen zu kämpfen, den ich gern habe. Vielleicht habe ich ihm zu wenig deutlich gemacht, dass ich ihn mag, vielleicht sperrt er sich deshalb dagegen, dass ich ihn auf Fehler aufmerksam mache, die ich an ihm sehe. Ich kann ein neues Wagnis eingehen und noch einmal auf ihn zugehen. Jesus ermutigt uns zu immer neuen Anfängen, er, der selbst von seinen Feinden sagen konnte: Vater, vergib ihnen denn sie wissen nicht, was sie tun.

Wir haben die Wahl zu entscheiden zwischen den beiden Wegen: dem Weg zurück in die Vereinzelung, in die Sinnlosigkeit, ja, wir können uns sogar verlieben in unsere eigene Schwäche und Traurigkeit. Oder wir können uns tragen lassen von der Begeisterung, die vom Geist Jesu kommt, und in die andere Richtung unsere Schritte lenken. Auf dem Weg in die Gemeinschaft der Freunde, der Familie, der Arbeitskollegen, der Kirchengemeinde. Es ist der Weg, auf dem wir bemerken, dass wir Verantwortung tragen für die anderen Mitglieder der Gemeinschaften, denen wir angehören, bis hin zur Gesellschaft unseres Landes und bis hin zur Gemeinschaft der Völker der Welt. Darauf zielt das Abendmahl; es ist ein Abbild des Mahles, das alle Völker der Erde im Reich Gottes miteinander feiern werden.

Wenn wir so weit denken, bemerken wir aber auch, wie wenig wir der Verantwortung innerhalb der Völkerwelt gerecht werden. An diesem Problem möchte ich noch ein wenig dran bleiben. Wir gehören, gemessen an der Armut großer Teile der Menschheit, alle zu den Reichen der Welt. Für uns ist gesorgt. Wir sind reich z. T. auf Kosten vieler Armer.

Ich habe mehrmals teils selbst erfahren, teils beobachtet, wie sich Menschen zusammenfanden, um ein Stück ihrer Verantwortung für die Menschen in der Dritten Welt wahrzunehmen. Sie versuchten, darüber zu informieren, wie im Welthandel die Armen immer benachteiligt sind. Sie wollten sich selbst und anderen Bürgern unseres Landes die Augen öffnen für Veränderungen der Wirtschaftspolitik unseres Landes im Großen, für veränderte Verbrauchs- und Lebensgewohnheiten im Kleinen – Veränderungen, die notwendig sind, wenn wir auf ein gerechteres Miteinander mit den Menschen der Dritten Welt zusteuern wollen. Sie haben z. B. Waren aus der Dritten Welt verkauft, damit sich Genossenschaften in Brasilien und anderswo aus der Abhängigkeit von Großgrundbesitzern und Zwischenhandelsfirmen lösen konnten.

Solche kleinen Schritte wurden da gegangen. Doch gibt es nicht immer Rückschläge zu befürchten, wenn wir uns für etwas begeistern, uns für eine gute Sache einsetzen? Ja, die gibt es. Da hat man eine Aktion durchgeführt, mit großem Aufwand, aber wenig Widerhall in der Öffentlichkeit – und Enttäuschung macht sich breit. Da gibt es menschliche Unzulänglichkeiten in einer Aktionsgruppe, es bleibt ungeklärt, wohin bestimmte Geldsummen fließen – und leicht gibt man die Sache ganz auf. Der Rückzug in andere Bereiche, die lohnendere Erfahrungen versprechen, legt sich nahe. Hat es denn überhaupt Zweck, sich für die Dritte Welt zu engagieren?

Wir wissen die Antwort, die Jesus uns geben würde. Jeder kleine Schritt, jede Aktion, jede Idee hat einen Zweck, wenn alles gut durchdacht ist, und je mehr Menschen sich mit ihr Phantasie beteiligen, desto mehr Möglichkeiten werden sich auftun. Traurigkeit und Entmutigung sind nicht unser Schicksal. Auferstehung bedeutet für uns die Umkehr aus einer Mutlosigkeit, in die wir uns verliebt haben, hin zur Begeisterung für eine gemeinsame Sache. Jeder von uns hat andere Möglichkeiten, andere Bereiche, in denen er Verantwortung übernehmen kann, wenn er will.

Und wenn einer einsam ist? Ich kann mich schwer in ihn hineinversetzen, aber vielleicht gibt er sich einen Ruck und geht auf andere Einsame zu und tut sich mit ihnen zusammen.

Und wer unausgefüllt ist? Gewiss gibt es unter den vielen Aufgaben, die darauf warten, getan zu werden, auch eine für ihn.

Oft fehlt uns die Phantasie, uns vorzustellen, was wir denn tun können. Wenn wir einzeln für uns allein bleiben, kommen nur wenige Ideen zusammen. Daher möchte ich zum Austausch der Ideen und Erfahrungen ermutigen – in den Familien, Gemeindekreisen, unter Bekannten und Freunden, z. B. auf dem Nachhauseweg nach der Kirche. Statt uns durch Klagen traurig zu stimmen, wie es die Jünger auf dem Weg nach Emmaus taten, können wir uns gegenseitig aufmuntern, indem wir einander Erlebnisse erzählen, über die wir uns gefreut haben, auch wenn sie nur geringfügig zu sein scheinen. Das lernten die Jünger von Jesus, sich gegenseitig zu stärken, die Begeisterung und die Kräfte zu wecken, die der andere in sich hat. Als sie nach Jerusalem in den Kreis der anderen Jünger kamen, erzählten sie einander voller Freude von ihren Erfahrungen: „Es ist wahr! Der Herr ist auferstanden! Simon hat ihn gesehen“, hörten sie von den anderen. Und dann berichteten sie selbst, was auf dem Weg geschehen war und wie sie Jesus an der Art, in der er das Brot brach, erkannt hatten. Von dieser Art des Erzählens, dieser Freude angesteckt zu werden, wünsche ich Ihnen und mir an diesem zweiten Ostertag. Amen.

Lied EKG 82, 1-2+5 (EG 100):

1. Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit; denn unser Heil hat Gott bereit’. Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

2. Es ist erstanden Jesus Christ, der an dem Kreuz gestorben ist, dem sei Lob, Ehr zu aller Frist. Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

5. Des freu sich alle Christenheit und lobe die Dreifaltigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

Herr, unser Gott, wir haben das Abendmahl miteinander gefeiert, als Zeichen, dass Gemeinschaft unter uns möglich ist, dass wir auch im Alltag Verantwortung füreinander übernehmen können, dass uns harte Auseinandersetzungen nicht trennen müssen, dass wir aus Vereinzelung und Einsamkeit heraus aufeinander zu gehen können. Wir bitten dich, Jesus, dass wir dich in unserer Welt, in unserem Erfahrungsbereich erkennen, in den Menschen, die um uns sind. Lass uns erkennen, wo das Wunder deiner Auferstehung heute geschieht, dass wir uns daran beteiligen, dass wir nicht mutlos in die Richtung des Todes laufen, sondern guten Mutes dir, dem Lebendigen nachfolgen. Lass uns unsere Möglichkeiten erkennen, Verantwortung zu übernehmen, in unserem Lebensbereich, in den Problembereichen unserer Gesellschaft, im Rahmen unserer Gemeinschaft mit den Völkern der Dritten Welt. Schenke uns Phantasie und sporne uns an, einander mitzuteilen von den Erfahrungen, die uns weitergebracht haben, von den Ideen, die wir gemeinsam in die Tat umsetzen können. Schenke uns Kraft, wo uns kein Mensch zur Seite steht. Bleibe bei uns, Herr, wo wir nicht mehr weiter wissen. Bleibe bei denen, deren Probleme keiner kennt, und hilf ihnen, sich der Hilfe anderer Menschen zu öffnen. Amen.

Vater unser

Wir bitten um den Segen Gottes: Der Herr segne uns und behüte uns. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden

Orgelnachspiel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.