El Salvador heißt: „Der Erlöser“

Monsignor Romero (Bild: pixabay.com)

Monsignor Romero (Bild: pixabay.com)

Ein Landpfarrer aus jenem mittelamerikanischen Land, das in letzter Zeit in unserer Presse so viele Schlagzeilen macht, aus El Salvador, berichtete: „Früher hielten die Besitzer der Kaffee- und Baumwollpflanzungen den Pfarrer wie ein persönliches Eigentum. Ich hatte eine lange, theoretische Ausbildung wie alle Geistlichen; und diese Bildung gibt dem Geistlichen meistens die Vorstellung, er sei eine Persönlichkeit, er wisse alles und ein Bauer dürfe nie etwas in Frage stellen, aber in meiner praktischen Arbeit sah ich, dass dann, wenn den Bauern Gelegenheit gegeben wird, sie sich ihrer Würde bewusst werden. Je mehr Möglichkeit sie hatten, zu sprechen (z. B. in Gesprächen über Bibelabschnitte), desto mehr wuchsen sie in ihrer Persönlichkeit. Sie sahen, dass ihre Meinung etwas galt und sie sahen auch ihre Rechte. So sprachen sie dann von vielen Dingen, die sie in sich verschlossen hatten.“

Eine solche Veränderung ihrer alltäglichen Arbeit haben viele Geistliche in einem Land erfahren, das ein gutes Dutzend Familien praktisch in ihrer Hand hat, in dem die demokratische Opposition zwar mehrfach Wahlsiege errungen hat, aber durch das Militär immer an der Machtübernahme gehindert wurde, und in dem heute Verhaftungen, Verschleppungen, Folter und Mord an der Tagesordnung sind. Pfarrer und Bischöfe halfen der armen Landbevölkerung, die Konkurrenz untereinander zu überwinden und z. B. Handelsgenossenschaften und eine Landarbeitervereinigung zu gründen. Und die Folgen für die Kirche? „Weil sie die Armen verteidigt, ist die Kirche in Konflikt mit den Mächtigen der gesellschaftlichen Oligarchie (= Herrschaft von Wenigen) und den politischen und militärischen Führern des Staates geraten“, schrieb Erzbischof Romero von San Salvador Anfang letzten Jahres. Wie stehen wir zu solchen Äußerungen? Darf oder muss die Kirche heute in bestimmten Situationen so handeln und reden? Hätten wir den Mut dazu? Der Priester Romero sagte auch. „Mich kann man töten, aber nicht die Worte der Gerechtigkeit.“ Wenige Wochen später wurde er getötet, am 24. März 1980 während eines Gottesdienstes am Altar seiner Kirche erschossen.

Ein Jahr danach hören und lesen wir, wie die USA ihre militärische Hilfe für El Salvador verstärken, um die, die sich nach langen friedlichen Versuchen gewaltsam gegen ihre Unterdrücker zur Wehr setzen, zurückzudrängen. Als Hauptargument dafür wird genannt; die Aufständischen würden durch die Sowjetunion unterstützt.

Hier ist ein Punkt, über den sich – mitten in einem Parteienstreit, bei dem man oft nur noch wahrnimmt, was den eigenen Standpunkt stützt – nachzudenken lohnt. Muss eine Bewegung, die möglicherweise auch von der Sowjetunion unterstützt wird, notwendig von den demokratischen Kräften des Westens bekämpft werden? Gibt es nicht Völker, die sich weder starr ein westliches noch ein östliches System als Vorbild setzen möchten, die aber auf politische Unterstützung angewiesen sind? Und wenn sie diese nur im östlichen Machtbereich finden, werden sie dann nicht gerade zwangsläufig in eine größere Abhängigkeit von der Supermacht Sowjetunion getrieben – weil der Westen versagt? weil Unternehmen des freien Westens möglicherweise lieber in Diktaturen investieren als in Ländern, in denen sich die Mehrheit des Volkes gerechte Verhältnisse zu verschaffen sucht?

Viele Christen fühlen sich den verfolgten Brüdern und Schwestern im Ostblock sehr verbunden. Wir brauchen aber auch eine Brücke des Verständnisses zu den Christen, die in einem Land aus dem Einflussbereich unserer westlichen Demokratien unter Unterdrückung leiden und aus ihrer Situation heraus beginnen, politisch zu handeln.

In einem Land, das den Namen des Erlösers der Welt trägt, haben Pfarrer erkannt, dass sie nicht länger den Reichtum und die Macht der Wenigen sowie die Armut und die Bedrückung der Vielen rechtfertigen und Erlösung auf das innere Seelenheil beschränken können. Welche Stellung beziehen wir, wenn bei uns über jenes kleine Land in Mittelamerika gestritten wird?

Zum Nachdenken am Samstag, 14. März 1981, in der Wetterauer Zeitung von Helmut Schütz, Reichelsheim

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