Hoffnung auf dem Gräberfeld

Der Prophet zeigt uns Bilder zum Staunen. Staunen über das Wunder, dass wir Menschen überhaupt leben. Ohne Gottes Odem in uns sind wir leblose Knochen. Gott macht Menschen stark, die am Boden lagen. Als Herr über Leben und Tod überwindet er auch unseren Tod. Er schenkt Mut zum Leben vor dem Tod, und er weckt uns auf zum ewigen Leben.

Ein Feld voller Totengebeine

Ein Feld voller Totengebeine sah der Prophet Hesekiel in einer Vision (Bild: pixabay.com)

Andacht zur Kranzniederlegung der Frauengruppen der Landsmannschaften der Ost- und Westpreußen, Pommern, Nieder- und Oberschlesier und Sudetendeutschen mit ihren Angehörigen am Mittwoch, 17. November 2004, 14.00 Uhr auf dem Neuen Friedhof in Gießen
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 85, 8-14:

Herr, erweise uns deine Gnade und gib uns dein Heil! Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, damit sie nicht in Torheit geraten. Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserem Lande Ehre wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue; dass uns auch der Herr Gutes tue, und unser Land seine Frucht gebe; dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge.

Amen.

Liebe Teilnehmer an dieser Kranzniederlegung!

Wenn wir heute am Buß- und Bettag an die Opfer von Krieg und Vertreibung, Terror und Gewalt denken, dann ist es anders, als wenn jeder für sich an einzelne Verstorbene aus der eigenen Familie denkt. Es ist, als hätten wir ein großes Gräberfeld von Toten vor Augen, so wie dieses, auf dem wir stehen, und es ist nicht der natürliche Lauf der Dinge gewesen, durch den diese Toten starben, sondern es waren Vorurteile und Verblendung, Machtinteressen und unkontrollierte Hassgefühle, die so unübersehbare Katastrophen heraufbeschworen.

In der Bibel hat der Prophet Hesekiel ein merkwürdiges Erlebnis (Hesekiel 37):

1 Des HERRN Hand kam über mich, und er führte mich hinaus im Geist des HERRN und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine.

2 Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, es lagen sehr viele Gebeine über das Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt.

Der Prophet hat eine Vision. Er sieht ein unübersehbares Gräberfeld, tote Knochen, vertrocknet und ohne Lebenskraft, ein weites Feld der Trostlosigkeit, das an die Massenmorde und Kriege der Geschichte erinnert. Und Gott stellt dem Propheten die Frage:

3 Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: HERR, mein Gott, du weißt es.

Wie hätten wir geantwortet? „Nein, das ist unmöglich!“? Der Prophet überlässt die Antwort Gott und bekommt daraufhin einen Auftrag.

Er soll eine Weissagung aussprechen, das ist in der Bibel keine Hellseherei, sondern eine Weisung von Gott an die Menschen.

4 Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des HERRN Wort!

5 So spricht Gott der HERR zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet.

Da redet ein Prophet zu vertrockneten Knochen. Neuer Odem, frischer Atem soll sie wieder zum Leben erwecken. Unglaublich!

Ein paar Verse später erklärt Gott selbst, worum es hier geht:

11 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns.

Der Prophet redet also ein Volk an, das eigentlich noch lebt, aber mitten im Leben schon tot ist. Er soll Menschen eine Botschaft bringen, die ohne Hoffnung am Boden liegen, mit verdorrten Gebeinen, ohne Lebenskraft in den Knochen.

Ich denke, diese Botschaft gilt auch uns. Sie gilt denen, die nicht darüber hinwegkommen, im Krieg geliebte Menschen verloren zu haben. Manche haben ihre Verzweiflung so tief in sich begraben, dass die Wunde nicht vernarben konnte, sondern nach wie vor weh tut und noch heute neuen Lebensmut und neue Lebensfreude behindert.

Und die Botschaft des Propheten gilt uns allen, im 60. Jahr nach dem letzten Krieg auf deutschem Boden, weil in unserem Land heute viel über die schlechten Zeiten geklagt wird. Nicht ohne Berechtigung, man denke nur an Rente, Gesundheitsreform und die Hartz-IV-Gesetze.

Aber im Gegensatz zur Nachkriegszeit, wo man aus Not zusammenrückte und füreinander eintrat, ist heute nicht nur Hoffnung knapp, sondern auch die Bereitschaft, Verantwortung fürs Gemeinwohl zu übernehmen. Am meisten beklagen sich nicht die, denen es wirklich schlecht geht; die schämen sich oft noch dafür. Lauter klagt, wer nie genug kriegt, weil er nicht gelernt hat, mit wenig zufrieden zu sein. Jedenfalls: wer so tut, als könnten wir uns nur noch begraben lassen, sollte dem Propheten aufmerksam zuhören:

12 Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf.

Wir mögen uns vorkommen, als seien wir tot. Doch Gott gräbt uns aus aus unserem Grab und gibt unseren ausgedörrten Knochen wieder Saft und Kraft. Das ist es, was der Prophet Hesekiel uns von Gott ausrichten soll:

9 Und er sprach zu mir: Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der HERR: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden!

10 Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer.

Eben noch lagen die toten Knochen da, ohne jede Hoffnung. Jetzt stehen lebendige Menschen auf ihren eigenen Füßen, ein großes Heer. Wörtlich steht da: eine „sehr, sehr große Macht.“ Gott macht Menschen stark, die am Boden lagen.

Der Prophet zeigt uns Bilder zum Staunen. Staunen über das Wunder, dass wir Menschen überhaupt leben. Ohne Gottes Odem in uns sind wir leblose Knochen. Aber Gott ist der Herr, der Allmächtige, der Herr über Leben und Tod. Ihm ist es auch möglich, unseren Tod zu überwinden. Er schenkt uns Mut zum Leben vor dem Tod, und er weckt uns auf zum ewigen Leben im Himmel. Es gibt mehr Leben für uns, als zwischen dem Datum unserer Geburt und unserem Todeszeitpunkt eingezwängt werden kann. Amen.

O Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man sich hasst, dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt, dass ich verbinde, da, wo Streit ist, dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht, dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt, dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält, dass ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert, dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt. Herr, lass du mich trachten: nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste; nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe; nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe. Denn wer da hingibt, der empfängt; wer sich selbst vergisst, der findet; wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, erwacht zum ewigen Leben.

Gemeinsam beten wir mit Jesu Worten:

Vater unser

Geht nun mit dem Segen unseres Gottes:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen.

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