Ralph Davidson: „Der Zivilisationsprozess“

Ralph Davidson versucht nachzuweisen, dass die Zivilisationsgeschichte Europas vom „jüdisch-christlichen Pazifismus“, nicht von der römischen Antike geprägt wurde. Insbesondere geht er von „urchristlichen, kommunitaristischen Gemeinschaften“ des frühen Mittelalters aus, die „auf viele Arten das Land entwickelt“ haben, und behauptet, dass das Deutsche enger mit dem Hebräischen verwandt ist als mit dem Lateinischen. Ich habe an vielen Stellen kritische Fragen.

Die aufgehende Sonne strahlt in einen Klostergang hinein - als Illustration für den Zivilisationsprozess auf Grund eines von Ralph Davidson angenommenen urchristlichen Kommunismus im frühen Mittelalter

Gab es in den frühmittelalterlichen Klöstern einen urchristlichen Kommunismus? (Bild: Bru-nO – pixabay.com)

Inhalt der Buchbesprechung

Sehr geehrter Herr Dr. Davidson

Betreiben alle „amtlichen Historiker … vorsätzlichen Dilettantismus“?

Worin besteht der gesellschaftliche Kern des Urchristentums?

Hat der Wandel des Christentums niemanden interessiert?

Ist das Römische Reich eine Fiktion?

Was hat die indische Kharosthi-Schrift mit Jesus Christus zu tun?

Wie verträgt sich die römische Vielgötterei mit religiöser Toleranz?

Ist Tatians Evangelienharmonie die Urversion der biblischen Evangelien?

Gibt es den Begriff „Phönizier“ erst seit der italienischen Renaissance?

Waren die Aramäer kein historisches Volk?

Propagieren die Propheten eine pazifistische neue Weltordnung unter der Vorherrschaft der babylonischen Juden?

Ist das Haus „Jakob“ mit dem babylonischen Bankhaus „Egibi“ identisch?

Wurden Juden unter islamischer Herrschaft immer und überall schlecht behandelt?

Gab es in den Klöstern des frühen Mittelalters einen urchristlichen Kommunismus?

Dachten frühe Urchristen rational, hochmittelalterliche Christen dagegen frömmelnd und mystizistisch?

Ist die deutsche Sprache mit dem Hebräischen eng verwandt?

Danke für die Ermutigung zu konstruktiver Kritik!

Anmerkungen

Sehr geehrter Herr Dr. Davidson,

ich habe Ihr Buch „Der Zivilisationsprozess. Wie wir wurden, was wir sind“ aus dem Jahr 2002 [alle farbig hinterlegten Zitate auf dieser Seite stammen aus diesem Buch] auf Anregung von Prof. Wilhelm Kaltenstadler gelesen, weil ich mir nähere Aufschlüsse über den jüdischen Beitrag zur Bildung in der Zivilisationsgeschichte Europas und zur Entwicklung des innovativen, fortschrittlichen Elements, das den neuzeitlichen Kapitalismus hervorbrachte, erhoffte. Ihre Ausführungen zu diesen Themen erscheinen mir zum Teil erwägenswert und plausibel, aber ob sie alle stichhaltig begründet sind, kann ich als Laie auf vielen wissenschaftlichen Gebieten leider nicht beurteilen.

Überall, wo es in Ihrem Buch um theologische, biblische, religionswissenschaftliche und kirchengeschichtliche Fragen geht, sind mir allerdings fehlerhafte Argumentationen aufgefallen, die so auf keinen Fall aufrechtzuerhalten sind und daher ein schlechtes Licht auf die Überzeugungskraft Ihres gesamten Werkes werfen.

So greife ich im Folgenden von Ihren Ausführungen, in die ich auch die Gedanken von Hanna Eisler in der Einführung einschließe, über die Entstehung der europäischen Zivilisation lediglich einige wenige heraus, zu denen ich kompetent Stellung nehmen kann. Ich beanspruche nicht, alle Ihre Gedankengänge nachvollziehen und beurteilen zu können, setze aber meine Fragezeichen dort, wo ich meine, ernsthafte Zweifel begründen zu können.

Betreiben alle „amtlichen Historiker … vorsätzlichen Dilettantismus“?

Hanna Eislers in der Einführung genannte Erfahrungen mit dem Studium der Geschichte (S. 8) kann ich nicht nachprüfen. Ich will gerne glauben, dass auch geschichtliche „Meisterdenker“ nicht vollkommen sind, meine allerdings, dass es innerhalb der Zunft der gesamten Historiker über die ganze Breite der Jahrhunderte auch so viel vernünftige Abwägung gegeben hat, dass ihre pauschale Aburteilung der Historikerschaft als überperfektionistisch und völlig spekulativ zum Beispiel im Blick auf die überexakten Jahreszahlen dann doch auch ungerecht ist. Ich kenne zumindest einige Historiker, die gerade bei antiken Jahreszahlen mit sehr großen Vorbehalten datieren und jeweils die Voraussetzungen nennen, unter denen sie bestimmte Schlüsse ziehen. Und gerade die Datierung der Geburt Jesu ist ein Fall, in dem es keine Einigkeit über eine ganz bestimmte Jahreszahl gibt, weil die historischen Unsicherheiten als zu groß eingeschätzt werden.

Ihre von Eisler zitierte Frage „Warum befaßt sich ein Intellektueller wie Aristoteles weder positiv noch negativ mit den Juden?“ (S. 12) lässt sich auch anders beantworten, als Sie es tun. Dass Aristoteles weder die Bibel noch die Juden erwähnt, mag daran liegen, dass man erst hundert Jahre nach ihm (in der Zeit des von Ihnen allerdings bestrittenen Hellenismus) begann, die biblischen Texte ins Griechische zu übersetzen und dass hellenischer Geist die Juden wohl ebenso als Barbaren empfand wie umgekehrt die Juden sämtliche „Gojim“ (= Fremdvölker) als Götzendiener ablehnten. Erst ab der Zeit der Makkabäer kam es sowohl zu engerem Austausch gebildeter Juden mit hellenistischem Geist als auch zu harten ideologisch-religiösen Kämpfen zwischen dem monotheistischen Judentum und dem heidnisch-hellenistischen Polytheismus.

An der Wirklichkeit vorbei geht Hanna Eislers teils ausdrücklich, teils zwischen den Zeilen geäußerte Einschätzung, dass sich zivilisatorische Glanzleistungen mit dem islamischen „Jihad“ nicht vertragen (S. 11), während „der Zivilisationstransfer vom Orient zum Abendland nur auf der Basis des jüdisch-christlichen Pazifismus stattgefunden haben kann“ (S. 12). Ein solch undifferenziertes und naives Schwarz-Weiß-Denken wird der komplexen menschlichen Geschichte in keiner Weise gerecht, und zwar schon deshalb nicht, weil weder „der“ Islam nur von Gewalt noch „das“ Judentum oder „das“ Christentum nur von pazifistischem Gedankengut geprägt war und ist.

So viel zu den in Ihr Buch einführenden Gedanken Hanna Eislers.

Worin besteht der gesellschaftliche Kern des Urchristentums?

Wie bereits in Ihrem Buch „Der große Schwindel“ (neu aufgelegt unter dem Titel „Die erfundene Antike“, zu dem hier meine Kommentierungen zu finden sind) basiert Ihre Analyse des gesellschaftlichen Kerns des Urchristentums auf völlig falschen Voraussetzungen. Sie schreiben (S. 24):

„Analysiert man das Neue Testament ohne dogmatische Wahrnehmungsverkürzung, wird deutlich, daß die zentrale Botschaft aller vier Evangelien eine sozialkritische ist. Der alte Bund … ist durch einen neuen Bund ersetzt worden. Es ist der Bund der benachteiligten Juden, die sich von den Pharisäern und Schriftgelehrten verraten fühlen.“

Richtig daran ist, dass die Botschaft der Evangelien durchaus sozialkritisch geprägt ist. Aber wenn man schon die Jesusbewegung in ihrem gesellschaftlichen Umfeld sozialpolitisch verorten will, dann müsste man sagen: Die Unterdrückung im Land, durch die viele „Mühselige und Beladene“ (Matthäus 11, 28) an den Rand der Gesellschaft gerieten, ging vor allem von den das Land beherrschenden Römern und ihre innerjüdischen Handlangern, nämlich dem judäischen Königshaus (Herodianer) und den Hohepriestern (Sadduzäer) aus. Gegen diese Unterdrückung wehrten sich nicht nur die Jesusleute, sondern auch die Mehrheit der Pharisäer und die Zeloten. Uneinig mit Pharisäern und Zeloten war die Jesusbewegung in den Mitteln ihres Kampfes gegen die Mächtigen; aber es gab auch unter den Begleitern Jesu durchaus Jünger zelotischer Herkunft, und trotz scharfer Auseinandersetzungen mit Pharisäern pflegte Jesus mit einigen unter ihnen durchaus freundschaftlichen Umgang (1).

Das Wort „Pharisäer“ hat auch nichts mit dem Pharao (das mit dem ägyptischen Wort für „Hohes Haus“ zusammenhängt) zu tun, sondern mit dem Wort „Peruschim“ = „die Abgesonderten“. Ihre Ursprünge liegen in der Gruppierung der Chassiden, die sich als Protestbewegung gegen das aus der makkabäischen Revolution hervorgegangene Königshaus der Hasmonäer zum Ziel gesetzt hatte, die göttliche Wegweisung der Tora in reiner Form gegen alle Vermischung mit den heidnischen „Gojim“ einzuhalten, um von jeglicher Fremdherrschaft frei zu sein.

Die Pharisäer sind zur Zeit Jesu also zwar keine religiöse Sekte in unserem Sinn, wohl aber eine Protestpartei gerade gegen die „Nobilität des Judentums“, nämlich die Oberschichtpartei der Sadduzäer; zu den Pharisäern gehörten Menschen aller Schichten. Allerdings kamen aus ihren Reihen wohl die meisten Vertreter der (auch kritischen) Intelligenz des Judentums – die Schriftgelehrten, von denen einzelne auch einflussreiche Positionen einnehmen konnten. Aber sie bildeten nicht insgesamt die herrschende Oberschicht.

Die Zeloten kann man als radikalere Erscheinungsform dieser Pharisäer einstufen, insofern sie den Kampf gegen die Römerherrschaft auf gewaltsame Weise führten (was dann vier Jahrzehnte nach Jesu Tod zum Jüdischen Krieg und zum Untergang Jerusalems und des Tempels führte). Die Christen unterschieden sich von den Pharisäern, deren legitime Erben nach dem Jahr 70 das rabbinische Judentum mitsamt Mischna und Talmud aufbauten, dadurch, dass sie trotz der Kreuzigung Jesu an seiner Messianität festhielten und durch den Messias Jesus die Trennung von den Gojim als überwunden betrachteten.

Hat der Wandel des Christentums niemanden interessiert?

Dass die Frage nach dem Wandel des Christentums von einer sozialkritischen Bewegung zu einer die Staatsordnung stützenden Kirche „nicht einmal die kritischsten Kritiker der Kirche interessiert“ hat (S. 26), ist leicht widerlegbar, indem ich nur auf das bereits zitierte Buch von Ton Veerkamp zurückgreife. Er belegt ausführlich, wie die katholische Kirche zur Zeit der Kaiser Konstantins und seiner Nachfolger gar nicht anders konnte, als sich als staatstragende Ideologie zur Verfügung zu stellen. Haben Sie noch nie von Augustins „Gottesstaat“ gehört, dem man nicht nachsagen kann, ein rein von kommunistischem Gedankengut geprägtes urchristliches Manifest zu sein?

Ist das Römische Reich eine Fiktion?

Ihre Argumente dafür, dass eine „solche Wirtschaft und Gesellschaft“ wie die römische „gar nicht funktionieren“ kann (S. 26), scheinen mir auf sehr schwachen Füßen zu stehen. Natürlich war die römische Gesellschaft und Wirtschaft über lange Zeit krisengeschüttelt. Darum ja die Reformen Diokletians zur Überwindung der Krise und die ideologische Einbindung der Kirche zur Stützung des Staates unter Konstantin und seinen Nachfolgern.

Nur zwei Hinweise auf die „problematische Quellenlage der europäischen Geschichte“ anzuführen, um das Römische Reich als Fiktion zu entlarven, finde ich schon etwas wenig des dafür Notwendigen, zumal Sie sich bei Ihrer Zitierung (S. 27f.) der Geschichte über den Quellenvernichter Kellenbenz nur auf einen Zeitungsartikel (ohne Titel und Seitenangabe) berufen, aber jegliche Literaturangabe zu Engelmann vermissen lassen, von dem diese Informationen stammen sollen. Wie soll man also die von Ihnen angegebenen Quellen nachprüfen können?

Nicht überzeugend begründet finde ich auch Ihre Ablehnung von Babylon als Decknamen für Rom in der Apokalypse des Johannes (S. 41f.). Zur Zeit Jesu spielte das historische Babylon schon seit Jahrhunderten keine weltpolitische Rolle mehr.

Auch Ihre Argumentation zur Synagoge und christlichen Kirche in Dura (S. 47) hat einen Schönheitsfehler:

„Interessant ist, daß Wladimir Lukonin sowohl die Synagoge als auch die christliche Kirche in das ausgehende zweite vorchristliche Jahrhundert datiert (‚beide dem ausgehenden zweiten vorchristlichen Jahrhundert entstammend‘, S. 78)“

– tatsächlich stammt die Synagoge von Dura aber aus dem dritten nachchristlichen Jahrhundert (2); Lukonin irrt sich also, oder es handelt sich in seinem Werk schlicht um einen Druckfehler („vor“- statt „nach“christlich).

Was mich bei Ihrer Argumentation auf S. 50f. irritiert: Schließen Sie aus der Nichterwähnung der Juden zusammen mit der Nichterwähnung der Griechen oder Römer auf nahöstlichen Inschriften, dass es auch die Juden nicht gegeben hat? Darius erwähnt zwar nicht Griechen als solche, aber Ionier, die doch auch Griechen sind. Dass Römer bei Kyros, Darius und Xerxes nicht erwähnt werden, liegt vielleicht daran, dass sie zu ihrer Zeit mit der römischen Republik noch keinen Kontakt hatten.

Auf S. 60 ist mir nicht klar, wie Sie aus der Vermutung, Obelisken in der Stadt Rom „für ägyptisch-italienische Produkte zu halten“, schlussfolgern können, „daß die Stadt Rom in Italien eine Provinz des ägyptischen Reiches gewesen sein dürfte“. Warum nicht umgekehrt, wovon man traditionell ausgeht?

Was hat die indische Kharosthi-Schrift mit Jesus Christus zu tun?

Im Zusammenhang Iher Ausführungen über die Numismatik, die ich insgesamt nicht beurteilen kann, stößt mir Folgendes unangenehm auf (S. 57):

„Nicht nur die attische Tetradrachme, auch andere ‚griechische‘ Münzen wurden bis in den Yemen und bis nach Baktrien und Indien exportiert, bzw. dort nachgeprägt. Die Aufschriften in Indien sind zuerst griechisch, aber bald auch zweisprachig, in griechisch und der einheimischen Kharosthi-Schrift. (Die Kharosthi-Schrift gilt den Schrifthistorikern als Ableger der aramäischen Schrift. Sie stirbt bald völlig aus, bzw. wird von der Brahmi Schrift verdrängt. Betrachtet man nur die Konsonanten, liest sich Kharosthi als K R ST. Fügt man nun zwei andere Vokale ein, erhält man KRiSTi). … Sollte die Kharosthi-alias-Kristi-Lesung richtig sein, dann würde sich die Zivilisationsgeschichte Indiens mit der europäischen Zivilisationsgeschichte decken, wo wir in den Randregionen ebenfalls gleichzeitig das Christentum, den Beginn der Schriftgeschichte und den Beginn der Münzgeschichte beobachten können.“

Eine solche Gleichsetzung ist aber vollkommen abwegig. Das Wort „Christus“ hat mit den Konsonanten K S T absolut nichts zu tun, denn das Wort wird im Griechischen nicht mit κ = K, sondern mit χ = CH geschrieben (χριστος = CH R I S T O S); abgesehen davon entstand die Sprache Kharosthi im 3. Jahrhundert vor Christus.

Wie verträgt sich die römische Vielgötterei mit religiöser Toleranz?

Sie halten es für „seltsam, dass die Römer die orientalischen Götter zu kopieren scheinen – ihnen lediglich andere Namen geben“ (S. 61), und behaupten:

„Die Althistoriker wollen dies nicht wahrhaben und tun so, als wäre es selbstverständlich, daß die Römer sich zufällig ähnliche Götter mit ähnlichen Attributen ausgedacht haben“ (S. 62).

Das würde ich gerne von Ihnen mit Zitaten belegt haben, denn meines Wissens ist von allen Althistorikern anerkannt, dass die altorientalische Götterwelt mit ihrer Vielzahl von Göttern zwischen den verschiedensten Völkern austauschbar war.

Weiter schreiben Sie:

„Und um die unklare Theogonie zu plausibilisieren, behaupteten die Historiker, die Römer seien in religiösen Fragen überaus tolerant gewesen; hätten gegen die Verehrung fremder Götter und Mysterienreligionen überhaupt nichts einzuwenden gehabt. Auch den Juden und Christen gegenüber sollen sie, von regelmäßigen Hinrichtungen abgesehen, eine große Toleranz entgegengebracht haben. Das ist natürlich mit Quellen nicht zu belegen.“ (S. 62)

Doch. Ist es. Intolerant waren die Römer nur denjenigen gegenüber, die den offiziellen Staatsgöttern den Respekt verweigerten; ansonsten waren die meisten religiösen Kulte erlaubt.

Die Juden freilich nahmen im Römischen Reich eine Sonderstellung ein, nicht wegen mangelnder Toleranz gegenüber ihrem Einen Gott, sondern umgekehrt wegen der Weigerung der Juden, die den römischen Staat repräsentierenden Götter zu ehren. Aus Ehrfurcht vor dem Alter ihrer Religion genossen die Juden allerdings trotz mancher Vorbehalte und schon damals existierendem Antijudaismus bis zum Ende des Römischen Reiches das Privileg, nicht den römischen Göttern Opfer darbringen zu müssen.

Sobald die Christen als von den Juden unterschiedene neue Religion erkennbar waren, galten sie den Römern aus demselben Grund als Staatsfeinde, die das jüdische Privileg nicht für sich beanspruchen durften. Das änderte sich radikal, als die Christen eine so starke Strömung im Römischen Reich darstellten, dass Kaiser Konstantin sich dazu entschloss, diese neue Bewegung nicht nur zu dulden, sondern zu privilegieren, was seine Nachfolger entschlossen fortsetzten – bis hin zum letztendlichen Verbot der heidnischen Religionen.

Ist Tatians Evangelienharmonie die Urversion der biblischen Evangelien?

Auf S. 68 wiederholen Sie die schon in dem unter Ihrem Pseudonym „Lucas Brasi“ veröffentlichten Buch „Die erfundene Antike“ geäußerte Vermutung, „Tatians Evangelienharmonie“ sei „vielleicht die Urversion des Neuen Testaments“. Damit stellen Sie die Tatsachen auf den Kopf, denn Tatian nannte sein Werk selber Diatessaron: griechisch „durch vier“, „aus vier“. Es diente dazu, die Widersprüche der vier in den biblischen Kanon aufgenommenen Evangelien auszugleichen. Welchen Sinn sollte es denn gehabt haben, später aus einem Urevangelium vier einander widersprechende Evangelien zu erzeugen? Einen Beleg dafür führen Sie jedenfalls nicht an.

Stattdessen ziehen Sie aus der Verwendung von Tatians Evangelienharmonie als Vorbild „z. B. für den … in altsächsischer Sprache geschriebenen ‚Heliand‘“ den Schluss:

„Das ist nun eine Tatsache, die vom Renaissance-Katholizismus erfolgreich unterschlagen wurde, daß nämlich die ältesten Texte des abendländischen Christentums ins Morgenland verweisen und nicht nach Rom.“ (S. 68)

Dieser Satz ist abwegig. Niemals hat die katholische Kirche behauptet, dass alle neutestamentlichen Texte in Rom verfasst worden seien. Man kann dem Renaissance-Katholizismus viel vorwerfen, aber dass Jesus und alle seine Jünger jüdische Morgenländer waren, konnte und wollte kein Vertreter der Kirche jemals bestreiten. Um die jüdisch-orientalische Herkunft der Bibel zu belegen, muss man jedenfalls keinen Umweg über Tatias Evangelienharmonie beschreiten.

Gibt es den Begriff „Phönizier“ erst seit der italienischen Renaissance?

Dass der Begriff Phönizier „exakt nur bei den antiken Autoren auf[taucht], die in der italienischen Renaissance ‚wiederentdeckt‘ worden sind“ (S. 72) stimmt insofern nicht, als er bereits im 2. Makkabäerbuch und in der Apostelgeschichte verwendet wird, in Apg. 21, 2-3 sogar im Zusammenhang mit der Stadt Tyros.

Waren die Aramäer kein historisches Volk?

Ihre Behauptung, dass die Aramäer „als historisches Volk nicht in Erscheinung“ treten (S. 79), stimmt nicht. Das Alte Testament erzählt gerade über die Aramäer eine ganze Menge. Der umherziehende Aramäer (5. Buch Mose – Deuteronomium 26, 5) wird als Urahn Israels bezeichnet, Jakobs Onkel Laban gilt ausdrücklich als Aramäer (1. Buch Mose – Genesis 25, 20), auch der Prophet Bileam nennt Aram als seinen Herkunftsort (4. Buch Mose – Numeri 23, 7). Ab 2. Samuel 8, 5 ist von den Aramäern von Damaskus die Rede, und dieses Königreich liegt dann immer wieder im Kampf mit den beiden Staaten Israel und Juda.

Propagieren die Propheten eine pazifistische neue Weltordnung unter der Vorherrschaft der babylonischen Juden?

In der Bibel kenne ich mich als Pfarrer ganz gut aus. Daher tut es mir regelrecht weh, wie oberflächlich Sie in wenigen Sätzen die (angeblich) „ursprüngliche Botschaft der Propheten“ abhandeln (S. 86ff.).

Schon bei der Einteilung in drei Teile geht bei Ihnen alles durcheinander. Zwar teilen die Juden ihre Heilige Schrift tatsächlich in drei Teile auf: Tora, Propheten und Schriften.

Aber den letzteren Teil der Schriften, zu denen u.a. die Psalmen, das Buch Hiob und die Salomo zugeschriebene Weisheitsliteratur gehören, lassen Sie ganz weg.

Die Tora, also die fünf Bücher Mose, betrachten Sie als „geschichtslose Erzählung“ und „entscheidenden Schritt zur Menschlichkeit“ der Menschheit, worüber man lange diskutieren könnte.

Zu den Propheten gehört bei den Juden als „Vordere Propheten“ auch das, was Sie die „Geschichten des alten Israel“ mit den „David- und Salomon-Geschichten“ nennen. Zu den „Hinteren Propheten“ (die auch im christlichen Alten Testament als prophetische Schriften aufgeführt werden) gehören aber definitiv nicht die apokryphen Bücher Judit und Tobit.

Inhaltlich handeln die prophetischen Schriften nicht nur von Nebukadnezars Kriegen, sondern zum Teil mindestens auch von der Perserzeit. Sie scheinen auch keine Ahnung davon zu haben, dass das Buch Jesaja nicht nur die Worte eines einzigen Propheten enthält, sondern prophetische Sprüche aus einem Zeitraum von mehr als zwei Jahrhunderten umfasst.

Dass das Buch Jesaja wunderbare Verheißungen des Weltfriedens enthält, ist richtig, aber dass „die Propheten insgesamt bemüht sind, eine pazifistische neue Weltordnung unter der Vorherrschaft der babylonischen Juden zu propagieren“, geht insofern an der Wirklichkeit vorbei, als die Juden im babylonischen Weltreich die Rolle einer deportierten Minderheit darstellten und auch als Rückkehrer in der persischen Provinz Jehud ein autonomes Staatswesen mit der Verfassung der Tora nur unter der Oberherrschaft des persischen Königs aufbauen konnten.

Keineswegs ist es den Propheten zufolge der babylonische König Nebukadnezar, der „eine neue, göttliche und gerechte Weltordnung“ bringen würde. Vielmehr wurde Nebukadnezar ganz realistisch als Gewaltherrscher gesehen, der aber von Gott beauftragt war, das Strafgericht über das Reich Juda zu vollziehen und die Israeliten ins Exil zu führen.

Erst den Perserkönig Kyros spricht Gott geradezu als seinen „Gesalbten“ an (Jesaja 45, 1), auf Hebräisch „Maschiach“ oder „Messias“, auf Griechisch „Christus“ (οὕτως λέγει κύριος ὁ θεὸς τῷ χριστῷ μου Κύρῳ = „So spricht Gott, der Herr, zu meinem Gesalbten Kyros“ steht wörtlich in der Septuaginta). An dieser Stelle taucht das Wort „Christus“ und der Name Kyros nebeneinander auf, aber gerade nicht, weil beide Wörter identisch wären, sondern weil der persische König Kyros von Gott mit der Rückführung der Judäer in ihr Heimatland Juda beauftragt ist und zu diesem Zweck (sinnbildlich gesprochen!) von Gott gesalbt wurde. Aber mit mehr nicht! Es widerspricht vollkommen der Aussageabsicht der Bibel, wenn Sie schreiben: „Der Gottesknecht Kyrus bedient sich demnach der Stämme Jakobs und der Verschonten Israels um Gottes Botschaft zu verbreiten.“ (S. 90) Nein, umgekehrt, Gott bedient sich des heidnischen Königs Kyrus, um sein Volk zurück in die Heimat zu bringen und den Tempel in Jerusalem neu aufzubauen.

Im Übrigens lösen sich Ihre Ausführungen über die „Namensähnlichkeit zwischen Kyros und Christus“ in nichts auf, wenn man bedenkt, dass die Griechen eben nicht „K R“, sondern „CH R“ für Christus schrieben. Das Wort χριω = salben enthält kein griechisches Kappa = κ, sondern ein Chi = χ. Außerdem wird Kyros mit „y“ geschrieben, Christos mit „i“. Ihre Spekulationen über eine mögliche Verwechslung des Kyrus mit dem 500 Jahre später lebenden Jesus Christus sind ähnlich abwegig, als wollten Sie beweisen, dass man Ihre Person wegen der Namensähnlichkeit von DAVI(DSO)N und DA(R)WIN als identisch mit dem Begründer des Darwinismus ansehen müsste. Die einzige Gemeinsamkeit besteht darin, dass man sowohl Kyros als auch Jesus mit dem Titel des jüdischen „Gesalbten“ bezeichnet hat – womit im jüdischen Sprachgebrauch aber jeder gemeint sein konnte, der von Gott das Amt des Königs oder auch eines Priesters verliehen bekam.

Nebenbei bemerkt: Wieso finden Sie es „interessant, daß die Philister westlich von Israel lokalisiert werden“ (S. 89)? Natürlich leben die Philister an der Küste des Mittelmeeres (südlich von den Phöniziern) in unmittelbarer westlicher Nachbarschaft der Israeliten und Judäer!

Ist das Haus „Jakob“ mit dem babylonischen Bankhaus „Egibi“ identisch?

Wenn Sie mit dem Gleichnis der Feigenkörbe in Jeremia 24 begründen wollen, dass „die eigentlichen Juden nur eine kleine Rolle gegenüber den babylonischen Juden spielen“, dann verkennen Sie erstens, dass auch die babylonischen Juden „eigentliche“ Juden sind, denn es handelt sich ja um die von Nebukadnezar zuvor deportierten Juden, und zweitens, dass es sich bei den im Lande verbliebenen oder ins ägyptische Exil gegangenen Juden um die jüdische Oberschicht handelt, die nach Auffassung des Propheten Jeremia das Strafgericht Gottes verschuldet hatte. Es geht keineswegs um eine „babylonische Hegemonie“.

Erst recht kann keine Rede sein von einer Identität des Hauses „Jakob“ mit dem babylonischen Bankhaus „Egibi“. Dagegen spricht schon, dass die Händlerfamilie Egibi bereits im 7. Jahrhundert in Babylon existierte, als noch keine Juden nach Babylon deportiert worden waren. Man muss nicht aus jeder Namensähnlichkeit weitreichende Schlüsse ziehen, wenn man dafür nicht die geringsten Belege anführen kann – außer einem einzigen (J.M. Cook), aus dem allerdings hervorgeht, dass es den Namen in Mesopotamien schon lange vor den Juden gegeben hat (S. 91).

Wurden Juden unter islamischer Herrschaft immer und überall schlecht behandelt?

Zum „Beitrag der Araber zur Zivilisationsgeschichte“, zum „Islam als tolerante und fortschrittliche Religion“ im Mittelalter und zum „Niedergang der islamischen Länder“ (S. 92ff.) im Blick auf Liberalität, Bildung, Fortschritt und Technik sollten Sie das von Ihnen mehrfach zitierte Buch von Bernard Lewis „Die Juden in der islamischen Welt“ einmal gründlicher lesen (3), denn er wird dort dem Islam in seiner (sehr differenziert zu betrachtenden) Haltung gegenüber dem Judentum weitaus gerechter, als Sie es tun.

Sie zitieren von Lewis lediglich eine Stelle, aus der die schlechte Behandlung der Juden im Persien des 19. Jahrhundert hervorgeht, stellen das Zitat aber in einen Zusammenhang, der von den „ersten Jahrhunderten der … arabischen Expansion“ und der Zeit der Entstehung des babylonischen Talmud bis „spätestens im 15. Jahrhundert“ handeln soll. Stellt schon das eine Verzerrung des von Lewis entworfenen Gesamtbildes der (erst in der Neuzeit leider abgebrochenen) jüdisch-islamischen Tradition dar, so zitieren Sie ihn nicht einmal korrekt, denn im folgenden Zitat haben Sie die rot gekennzeichneten Stellen weggelassen bzw. [in den blauen Text] verändert:

„Überall in den muslimischen Ländern des Orients sind diese unglücklichen Menschen der Verfolgung ausgesetzt gewesen, so daß die Gewohnheit sie, und ebenso die übrige Welt, gelehrt hat, dies als ihr normales Los zu betrachten. Gewöhnlich gezwungen, in einem Ghetto oder separatem Stadtviertel zu leben, haben sie seit unvordenklichen Zeiten unter Benachteiligungen, Beruf, Kleidung und Bräuche betreffend, gelitten, was sie als soziale Parias von ihren Mitmenschen abgesondert hat. Die Mehrzahl der Juden in Persien [In Persien betätigen sie] betätigt sich im Handel, in der Schmuckbranche, in der Wein- und Opiumerzeugung, als Musiker, Tänzer, Straßenkehrer, Hausierer und in anderen wenig angesehenen Berufen. Selten [er]gelangen sie in eine führende kaufmännische Position. […] Sobald es jedoch in Persien oder anderswo einen Ausbruch von Fanatismus gibt, sind die Juden mit größter Wahrscheinlichkeit die ersten Opfer. Dann erhebt jedermann die Hand gegen sie; und wehe dem unglücklichen Juden, der als erster mit einem persischen Straßenmob zusammenstößt.“ (George Curzon, Persia and the Persian Question, 1892, z.n. Lewis, Juden 150)

Sollte es übrigens Absicht sein, dass die mitten in diesem Text von Ihnen ausgelassene (aber nicht als solche gekennzeichnete) Passage ausgerechnet auch ein paar Angaben enthält, die die Lage der Juden in manchen Städten Persiens als weniger schlimm beschreiben? Ich habe sie hier in Fettschrift hervorgehoben:

„In Isfahan, wo es 3 700 geben soll und wo sie relativ besser gestellt sind als anderswo in Persien, ist ihnen nicht gestattet, den kolah, die persische Kopfbedeckung zu tragen, Läden im Basar zu betreiben, die Mauern ihrer Häuser so hoch zu bauen wie ihre muslimischen Nachbarn oder auf den Straßen zu reiten. In Teheran und Kashan sind sie ebenfalls in großer Zahl zu finden und erfreuen sich einer leidlich erträglichen Lage. In Schiras sind sie sehr schlecht dran, in Bushehr wohlhabend und frei von Verfolgung.“

Sich aus differenziert urteilenden Werken nur solche Zitate herauszupicken, die die eigene Meinung unterstützen, und ein solches Zitat noch einmal um differenzierende Teile zu verkürzen, erscheint mir wenig vertrauenswürdig.

Gab es in den Klöstern des frühen Mittelalters einen urchristlichen Kommunismus?

Da ich von Numismatik wenig Ahnung habe, kann ich die meisten Ihrer Ausführungen im Kapitel über „Europas mittelalterliche ökonomische Geschichte im Spiegel seines Geldes“ (S. 116ff.) kaum beurteilen.

Ihre anachronistischen Anspielungen auf „kommunitaristische, egalitäre“ Gemeinschaften oder Genossenschaften, die Sie z. B. in der „Bergfreiheit des Bischofs Albert von Trient aus dem Jahre 1185“ (S. 116) oder in der „Bezeichnung COMES und COMITES“ auf „fränkischen Münzen“ (S. 123) finden, lassen mich dann erahnen, worauf sie hinaus wollen, nämlich darauf, dass es in den Klöstern des frühen Mittelalters eine Art urchristlichen Kommunismus gegeben habe, der den technischen und wirtschaftlichen Aufschwung dieser Zeit bewirkt habe.

Zum Beleg dafür führen Sie aber keinen einzigen handfesten Beleg an, sondern nur eine Reihe von Vermutungen (S. 125f.):

„Voller Enthusiamus werden junge Siedler aus den romanischen Ländern in das unterentwickelte Deutschland gezogen sein, um in urchristlichen, kommunitaristischen Gemeinschaften zu leben und zu arbeiten. Sie haben Land urbar gemacht, Metalle gefördert und gemünzt und auf viele Arten das Land entwickelt. Diese frühen christlichen Klosterbewohner dürften mehr mit ihrer Lebensweise und ihrer entwickelten Technologie bei den einheimischen Eingeborenen missioniert haben, als mit mythisch-religiösen Texten und Glaubensinhalten.“

Das klingt romantisch, neuzeitlich, sympathisch. Ich als Christ und evangelischer Pfarrer könnte stolz sein auf diese christlichen Vorfahren. Leider gab es aber zu dieser Zeit das Urchristentum schon seit Jahrhunderten nicht mehr. Klöster mögen eine relative Selbstständigkeit gehabt haben, standen aber im gesamten Mittelalter immer unter der Aufsicht der Bischöfe, und auch innerhalb der Klöster herrschte weniger eine kommunitaristische Gemeinschaftsform als eine dem jeweiligen Abt oder der Äbtissin unterstellte Hierarchie.

Dann behaupten Sie ohne auch nur die Spur eines Beweises (S. 126):

„Erst später werden diese urchristlichen Kommunen sich bürokratisieren, wird der oberste Sekretär dieser Gemeinden sich als Bischof verselbständigen. (Die Evangelien kannten die Funktion des Bischofs nicht, und in dem Unvermögen, den menschlichen Egoismus zu berücksichtigen, liegt ihre große Schwäche.)“

Richtig ist daran nur, dass es in den Evangelien noch keine Bischöfe gab. Aber schon im 1. Timotheusbrief (3, 2) und im Titusbrief (1, 7) werden spätestens gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. Regeln für Bischöfe aufgestellt, und die katholische Kirche hat im Lauf der Zeit eine immer zentraler geleitete Hierarchie von Bischöfen entwickelt, die sich schließlich dem jeweiligen Kaiser in Rom oder Byzanz oder dem Papst mehr oder weniger unterstellt wussten.

Dass sich erst „parallel zur Verselbstständigung der Bischöfe … sich die Adligen als soziale Gruppe von den Bauern getrennt haben“ dürften (S. 126), behaupten Sie ebenfalls ohne jeden Beleg. Ich kann mir umgekehrt nicht vorstellen, dass die Großgrundbesitzer des Römisches Reiches, um deren Hofgüter sich mit dem Verfall der zentralstaatlichen Macht eine relativ autarke „Villenwirtschaft“ entwickelte, ihre Macht- und Adelsprivilegien freiwillig an eine völlig frei von jeder Ausbeutung und Unterdrückung lebende Schicht von Bauern abgetreten haben sollte (4).

Naiv klingt es zudem, wenn Sie die Ausstattung von Bistümern durch Kaiser Otto I. mit wirtschaftlichen Mitteln und staatlichen Befugnissen u.a. mit dem Satz anzweifeln (S. 125):

„Wie läßt sich die kriegerische Gesinnung mit der wirtschaftlichen Förderung der Kirche vereinbaren?“

Aber so naiv sind Sie doch nicht, wenn Sie über die Friedlichkeit oder Gewaltsamkeit einer Religion wie des Islam ein Urteil fällen! Mir ist aus der Kirchengeschichte leider nur zu gut bekannt, dass über Jahrhunderte hin, und zwar schon seit der Zeit Kaiser Konstantins, die Kirche immer wieder auch weltliche Macht ausgeübt hat und (z.B. in der Zeit der Kreuzzüge) auch selber zu kriegerischen Aktionen aufgerufen hat.

Und dass „immer mehr Bischöfe als Münzherren auftauchen“ (S. 126), kann insofern nicht verwundern, als in Deutschland viele Jahrhunderte lang kirchliche Bistümer zugleich weltliche Fürstentümer waren, die neben den adeligen Herrschaftsgebieten existierten.

Von daher lässt sich kaum begründen, dass die feudale mittelalterliche Gesellschaft tatsächlich erst im 11. Jahrhundert auf eine „feudale Revolution“ von oben zurückgeht, bei der „sich die mächtigeren Ritter … Eigentumsrechte [an Ländereien] … mit Gewalt angeeignet [haben]. Und zwar auf Kosten der einfachen Bauern und der christlichen Kommunen.“ (S. 140)

Ich bezweifle nicht, dass es immer wieder Macht-Konflikte zwischen Adel und Klerus und auch gewaltsame Aneignungen von Land gegeben hat, das einfachen freien Bauern gehörte. Aber ich vermisse klare Beweise für den von Ihnen vorausgesetzten „Interessengegensatz zwischen christlichen Kommunen und dem sich konstituierenden Adel“ (S. 142) und insbesondere für Ihre Behauptung, dass sich „erst im 12. Jahrhundert ein neuer Adel herauszubilden [scheint], indem verwaltende Positionen zur persönlichen Bereicherung genutzt werden.“ (S. 148)

Wenn Sie in diesem Zusammenhang „im 11. und 12. Jahrhundert“ auch von „Absetzungen und Vertreibungen von Bischöfen“ sprechen, dann kann es sich bei den enteigneten kirchlichen Gütern doch wohl nicht um kommunitarisch-genossenschaftliches Gemeineigentum gehandelt haben, sondern um Eigentum der von Bischöfen beherrschten Fürstentümer.

Wie gesagt, Ihre wiederholte Erwähnung der „christlichen Kommunen“ atmet eine romantische Verklärung der frühmittelalterlichen Eigentums- und Machtverhältnisse. Zwar mögen Sie Recht damit haben, dass der „König als Wirtschaftsfaktor“ noch keine so große Rolle gespielt hat wie die Vielzahl der weltlichen und geistlichen Fürstentümer (letztere samt ihren Klöstern), aber einfach Ihre Vermutung zu wiederholen: „Die kommunitaristischen, christlichen Klöster waren ja in Deutschland im Frühmittelalter der wesentliche wirtschaftliche Motor gewesen“, ohne für diese „Kommunitarität“ einen Beleg vorweisen zu können, ist nicht überzeugend.

Immerhin geben Sie letztendlich zu, dass Sie lediglich eine unbeweisbare Hypothese vertreten (S. 145):

„Indem sich die Verwalter der christlichen Kommunen verselbstständigten und den Gewinn privatisierten wurden sie zu unabhängigen Grundherren. Erst dann werden die Grundherren einen der ihren als König ausgewählt haben, um ihre Streitereien zu schlichten. Das ist natürlich nur eine Hypothese, aber auch die Darstellung der affirmativen Historiker ist rein hypothetisch, da sie mit Quellen nicht belegt werden kann.“

Inwieweit sich die traditionelle historische Sicht belegen lässt, kann ich nicht beurteilen, aber lediglich eine Hypothese durch eine andere unbewiesene Vermutung zu ersetzen, kann auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Der Kern Ihrer Hypothese läuft meines Erachtens schlicht auf Interessen- und Machtkonflikte von geistlichen und weltlichen Grundbesitzern und Fürsten hinaus, wobei auch Verwalter sich die von ihnen verwalteten Güter angeeignet haben mögen.

Dachten frühe Urchristen rational, hochmittelalterliche Christen dagegen frömmelnd und mystizistisch?

Im Blick auf klösterliche Reformbewegungen im 14. Jahrhundert, die Sie als Verfallserscheinungen betrachten, schreiben Sie weiterhin (S. 165):

„Wir haben also offensichtlich das Paradox zu konstatieren, daß die frühen Urchristen die Rationalität der Antike bewährten, während die späteren, hochmittelalterlichen Christen diese zugunsten eines innerlichen, frömmelnden Mystizismus wieder abschafften.“

An diesem Satz stimmt überhaupt nichts.

  1. Sie meinen ja mit den frühen Urchristen die von Ihnen vermuteten frühmittelalterlichen, angeblich „kommunitaristisch“ lebenden christlichen Kommunen, bei denen es sich in Wirklichkeit bereits damals um ganz normale kirchliche Klöster unter bischöflicher Aufsicht handelte, die mit den Urchristen zur Zeit Jesu von ihrer Organisationsform her nichts zu tun hatten.
  2. Schon die allerersten Urchristen hatten eher keinen Kontakt zur rationalen Wissenschaft der Antike, waren aber geprägt sowohl von einer innerlichen Frömmigkeit als auch von einer Weltzugewandtheit im Sinne der Nachfolge Jesu.
  3. In den Klöstern wurde niemals die von Ihnen als „frömmelnder Mystizismus“ denunzierte christliche Frömmigkeit zugunsten einer rein rationalen Weltdeutung aufgegeben.
  4. Trotzdem konnte eine solche klösterliche Frömmigkeit durchaus mit einer Zuwendung zur Welt einschließlich ihrer wissenschaftlich-rationalen Betrachtung einhergehen.

Ist die deutsche Sprache mit dem Hebräischen eng verwandt?

Titelblatt des viersprachigen Wörterbuchs von Helia Levita (bitte anklicken, um es kostenlos bei Google Play zu lesen)

Titelblatt des viersprachigen Wörterbuchs von Elias Levita (bitte anklicken, um es kostenlos bei Google Play zu lesen)

Zu Ihren Ausführungen über die engere Verwandtschaft des Deutschen mit dem Hebräischen als mit dem Lateinischen möchte ich nichts sagen – außer der Richtigstellung eines kleinen Fehlers, der bereits in Ihrem Buch „Sprachgeschichte“ enthalten war und durch den erschlossen werden kann, dass Sie noch nicht einmal Grundkenntnisse der hebräischen Schrift besitzen (S. 176).

Im Zitat einer Zeile aus dem viersprachigen Wörterbuch von Elias Levita geben sie das Wort „in der hebräischen Spalte“ mit „Benesch“ wieder:

Tatsächlich stehen in der hier wiedergegebenen Zeile (2. Wort von rechts) Das hebräische Wort Knesset in hebräischen Buchstaben aus dem Wörterbuch von Helia Levita aber weder die hebräischen Buchstaben „B“ noch „SCH“, sondern „K“ und „Th“, und sie werden mit den beigefügten Vokalen „KNeSeTh“ gelesen, was wörtlich „Versammlung“ heißt (noch heute heißt das israelische Parlament „Knesseth“).

Danke für die Ermutigung zu konstruktiver Kritik!

Wenn in manchem meine Kritik an Ihren Ausführungen sehr hart erscheinen mag, so fühle ich mich gerade durch Ihr eigenes Schlusswort zu einer solchen konstruktiven Kritik berechtigt und ermutigt (S. 199):

„Ich möchte zum Schluß daran erinnern, daß ich lediglich versuchen wollte, die Fakten der neueren Forschung möglichst unvoreingenommen zusammenzutragen. Ein Anspruch auf Allwissenheit wird nicht erhoben und jede konstruktive Kritik an unserer im Grunde doch wenig originellen Zusammenstellung von Zitaten ist herzlich willkommen, denn: ‚Die Entscheidung dessen, worüber ihr uneinig seid, kommt allein Allah zu.‘ (Sure 42,11)“

Helmut Schütz

Anmerkungen

(1) Ich beziehe mich bei diesen Ausführungen vor allem auf das Buch von Ton Veerkamp, Die Welt anders. Politische Geschichte der Großen Erzählung, Berlin 2013, zu dem ich hier eine Einführung gegeben habe.

(2) Ich beziehe mich hier auf Nachweise bei dem französischen Historiker Marcel Simon, Verus Israel. A study of the relations between Christians and Jews in the Roman Empire (135-425). Translated from the French: H. McKeating, Oxford 1986, z.B. S. 17ff.

(3) Bernard Lewis, Die Juden in der islamischen Welt. Vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen übersetzt von Liselotte Julius, München 1987.

(4) Informationen zu diesem Themenkomplex habe ich dem in Anm. 1 erwähnten Werk von Ton Veerkamp entnommen.

Ein Kommentar

  • Dr. Roman Landau

    Wenn Sie Davidsons Argumentation angeblich so ‘erwägenswert’ finden, warum erwägen Sie dann nicht.? Wen interessieren diese vielen redundanten Details wenn das Hauptargument nicht diskutiert wird?. Prof. Kaltenstadler hat Davidsons Material einige Bücher gewidmet. Warum wohl.? Und warum machen Sie sich soviel Arbeit mit einem Buch das keiner kennt.? Was genau bereitet Ihnen Freude.?

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