Glück und Einsamkeitsfähigkeit

Odo Marquard zur Philosophie des Glücks und seiner Pseudonyme.

Spätestens seit Immanuel Kant macht sich ein Philosoph verdächtig, wenn er das Glück in den Mittelpunkt seiner Philosophie stellt und nicht die Pflicht. Odo Marquard rehabilitiert die philosophische Frage nach dem Glück, das sich oft auch mit anderen Namen verkleidet. Ob man mit Hilfe von Psychoanalyse und Gruppendynamik glücklich werden, ob man philosophisch ein für alle Mal die Sinnfrage lösen kann, er hat dazu eine Menge Einsichten.

Am besten liest man sie in seinen meist nicht allzu umfangreichen Werken nach, hier jedoch kann man ein wenig hineinschnuppern.  Die in Klammern angegebenen Stichworte verweisen auf die ausführlichen Literaturangaben in der chronologisch nach Jahreszahlen geordneten Bibliographie mit 103 Schriften von Odo Marquard.

 

Psychoanalyse und Gruppendynamik

Vom Glück und seinen Pseudonymen

Kommunikation und Einsamkeit

 

Psychoanalyse und Gruppendynamik

 

Methode Kuckucksei
Sublimierung … ist die Methode Kuckucksei: das, was die Vernunft selbst nicht auszubrüten vermag, soll im Nest der Triebe ausgebrütet werden. Das setzt nun freilich voraus, daß es Triebe gibt, die damit einverstanden sind, Interessen also, die ihrem Interessenziel entsagen. (Ästhetik, 1960, S. 30f.)

 

Heilungsversuch
[W]o es … nicht mehr ausreicht, [die] Bedrohlichkeiten [der Natur] als Krisen der Innerlichkeit zu „dichten“: da muß es schließlich zum Versuch kommen, sie als „Krankheiten“ zu „heilen“ und dadurch unriskant und menschlich lebbar zu machen. (Therapeutik, 1962, S. 97)

 

Kompensation psychoanalytisch?
Kompensation: dieser Begriff kommt also, scheint es, aus der Psychoanalyse. … Diese Begriffsgenealogie hat offenbar allgemein überzeugt; und sie klingt ja auch überzeugend. Sie hat nur einen einzigen, einen winzigen Nachteil: sie stimmt nicht. (Kompensation, 1978, S. 68)

 

Entzauberter Idealismus
[Meine] Habilitationsschrift [entfaltete die] These: die Psychoanalyse ist – philosophisch gesehen – die Fortsetzung des deutschen Idealismus unter Verwendung entzauberter Mittel. (Prinzipiell, 1981, S. 9)

 

Konjunktur der Gruppe
[Anti-Einsamkeits-Aktivitäten:] Das andere Phänomen ist die Konjunktur der Gruppe als Anti-Einsamkeitsmittel… Fortan darf man … nichts mehr allein machen…: kein Heil außerhalb der Gruppe. … Die Studierenden – jeden duzen sie, keinen kennen sie – fliehen vor den Einsamkeiten des universitären Massenbetriebs suchthaft in Gruppen: in die Fahrgemeinschaft, die Wohngemeinschaft, die Denk- und Diskutiergemeinschaft, die Arbeitsgemeinschaft, die Fühlgemeinschaft, in die Gruppe um der Gruppe – also der Nicht-Einsamkeit – willen. (Einsamkeitsfähigkeit, 1983, S. 114f.)

 

Gruppensucht
Die Gruppenarbeit ist – stellvertretend für manch anderen Gruppenenthusiasmus: etwa der für jene Selbsthilfegruppen, die man nur durch Selbsthilfe übersteht – gut gemeint, aber nicht gut die Gruppensucht – Indiz ist die extreme Gefährdung derer, die durch die Gruppe abgehängt werden -, sie macht die Einsamkeit, statt sie zu besiegen, nur noch schlimmer: sie zerstört die Einsamkeitsfähigkeit. (Einsamkeitsfähigkeit, 1983, S. 116)

 

Einsamkeitsunfähigkeit
Wer – einsamkeitsunfähig – mit all seinen Lebensfragen alle erreichbaren Mitmenschen dauernd behelligt, kommuniziert nicht, sondern wird als krankhafter Fürsorgefall unerträglich. (Einsamkeitsfähigkeit, 1983, S. 120)

 

Verzweiflungserzeugung
Zur Kultur der Einsamkeitsfähigkeit gehört – zum Beispiel – Humor. Durch diesen Leichtsinn, der aus Schwermut kommt, kann man „trotzdem“ leben, nämlich in bekömmlicher Distanz zu sich selber: also auch in Distanz zur eigenen Einsamkeit, etwa durch Vermeidung von Übererwartungen. Wer nur mit stets gelingender Superkommunikation zufrieden ist, verurteilt sich selber zur Einsamkeit; wer sogar vom Standbild auf dem nächsten Platz erwartet, daß es ihm um den Hals fällt, und sich einsam fühlt, wenn es das – wie bei Standbildern üblich – nicht tut, gehört zu den Genies der Verzweiflungserzeugung. (Einsamkeitsfähigkeit, 1983, S. 121)

 

Allsamkeitseintracht
Ich plädiere gegen die Perfektion der Allsamkeitseintracht und Gruppenverzückung für die Bonität der einschlägig zweitbesten Möglichkeiten: des zaghaften Lächelns, der kleinen Geste, der transitorischen Konversation, der hilfreichen Routine. (Sinnerwartung, 1983, 51)

 

Selbsterfahrungsgruppen
[W]er das Glück unmittelbar intendiert – wer, statt einen bestimmten Beruf oder eine bestimmte Sache zu tun, dies verweigernd ausschließlich und direkt nur glücklich sein will (das Programm unserer Selbsterfahrungsgruppen) – , wird niemals glücklich. (Über-Wir, 1984, S. 41)

 

Bücherschrank meiner Tante
Zu den Schicksalszufällen … in meinem eigenen Leben … gehört … auch dieses: daß ich – irgendwann früh im Studium – … im Bücherschrank meiner Tante zufällig auf Freuds Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse stieß, zufällig in jenem Semester, in dem – durch seine Ästhetikvorlesung – mein philosophischer Lehrer Joachim Ritter mich für seine Art zu denken einnahm… Ich war damals erstaunt über die Ähnlichkeit einiger Grundmuster des psychoanalytischen Konzepts und seiner Philosophie, die doch, im weitestem Sinn, aus dem deutschen Idealismus herkam, und ich fragte mich: woran liegt das? Zur Beantwortung dieser Frage habe ich … meine Habilitationsschrift über die Psychoanalyse als Aggregatzustand des deutschen Idealismus geschrieben, die dann ein freundlicher Zufall davor bewahrte, gedruckt zu werden. So bin ich denn … dem Namenspatron des mir zuerkannten Preises, Sigmund Freud, überdurchschnittlich verpflichtet: nicht zwar als Patient seiner Schüler (mir erschien das Leben auch ohne dies schon schwer genug), wohl aber als Theoretiker und Transzendentalbelletrist. Das war ein lebenslenkender Lebenszufall, den ich weder ändern kann noch will, sondern in den ich einwillige. (Skeptiker, 1984, S. 9)

 

Angsttraum
[D]ie Psychoanalyse – die bei der Psychologie des Friedens und des Krieges zu konsultieren gerade Horst Eberhard Richter uns dezidiert und mit Recht empfiehlt – hat uns gezeigt, wie ein Angsttraum funktioniert: Die Angst, die man bei ihm hat, ist nicht die Angst vor dem Schrecklichen, das man träumt, sondern die Angst vor dem eigenen Wunsch nach dem Schrecklichen, das man träumt. (Moratorium, 1987, S. 65f.)

 

Das Unbewußte bei Fichte
Die Welt, die bereits da ist, ist das Schongehandelte der Handlung Ich. Daß diese Welt als gegeben erscheint, liegt daran, daß das Ich vergessen hat, daß es sie gemacht hat: seine bisherige Weltproduktion ist bewußtlos bzw. unbewußt. … Fichtes Entdeckung des Unbewußten präludiert der Psychoanalyse [nach zuerst Arnold Gehlen]. (Ehrenpromotion, 1994, S. 153)

 

Wiederkehr des Psychologismus
Wenn die Philosophie – meint der frühere Husserl – streng allgemeingültige Wissenschaft sein will, ist es nicht möglich, sie auf die Tatsachenwissenschaften „Psychologie“ und „Historie“ zu gründen: jede Philosophie – dekretiert der „Historizismus“ – ist zeitgebunden und darum nicht allgemein gültig. Darum muß die auf Allgemeingültigkeit bedachte Philosophie – will sie nicht im Skeptizismus landen – zur Phänomenologie werden, die keine Tatsachenwissenschaft, sondern Prinzipien- und Wesenswissenschaft ist. Aber nun passiert das Merkwürdige: 1900 … erscheint Freuds Traumdeutung: mit der Psychoanalyse kommt es alsbald gerade in der Philosophie zu einer „Wiederkehr des Psychologismus“, die gerade die Lebensgeschichten zum großen Thema macht. Und mit der – über das Thema Subjektivität sich fortentwickelnden – Phänomenologie kommt es kommt es zu einer „Wiederkehr des Historizismus“, die zunehmend die Geschichte zum zentralen Thema erhebt. (Geschichten, 2003, S. 59)

 

Vom Glück und seinen Pseudonymen

 

Menschenmögliches Glück
Die Frage nach dem Glück bleibt abstrakt, wenn man sie abtrennt von der Frage nach dem Unglück. … Menschliches Glück ist – ganz elementar – stets nur Glück im Unglück. Es besteht Grund zur Sorge, daß, wer diesen elementaren Befund nicht in Rechnung stellt, deswegen, weil er dann dem Unmöglichen nachjagt, die Glücksfähigkeit verspielt: die Tüchtigkeit der Seele zum menschenmöglichen Glück. (Glück, 1978, S. 11)

 

Happy end
Seit dem 19. Jahrhundert … wird durch den Sieg des Realismus das Unglück zur Sache der großen, das happy end zur Sache der trivialen Literatur: vielleicht deswegen verweigert sich die große Literatur der Verbindung „Glück durch Unglück“. (Glück, 1978, Anm. 48, S. 32f.)

 

Glück auf Widerruf
Menschen sind die, die etwas statt dessen tun: sie kompensieren. Aber bei den Sterblichen endet das immer letal. Das menschenmögliche Glück ist – allein schon durch den Tod – stets nur Glück im Unglück und immer nur: davongekommen zu sein, einstweilen, unwahrscheinlicherweise, und stets nur auf Widerruf. … zuweilen verdecken Kompensationen, statt zu heilen, nur, daß geheilt werden müßte. (Glück, 1978, S. 36)

 

Absenz des Schlimmen
Der Sinn – und dieser Satz steht fest – ist stets der Unsinn, den man läßt. Ich meine, beim Rahmenthema „Sinn im Horizont der Wissenschaft“ kommt man als Philosophie ganz gut durch mit dieser … Variante einer Formulierung von Wilhelm Busch, die da lautet: „Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man läßt“, die umgedrehter Plotin ist: nicht das Böse ist Mangel (privatio boni), sondern das Gute ist Mangel (privatio mali): es ist die Absenz des Schlimmen. Das war die These Schopenhauers: Busch ist gereimter Schopenhauer, womit ich nicht behaupte, daß Schopenhauer ungereimt ist. (Sinnerwartung, 1983, S. 33)

 

Drei Sinnbegriffe
Man muß oder kann – meine ich – zumindest drei Sinnbegriffe unterscheiden: den sinnlichkeitsbezüglichen Sinnbegriff, den verständlichkeitsbezüglichen Sinnbegriff und den emphatischen – den glücksbezüglichen – Sinnbegriff. (Sinnerwartung, 1983, S. 33f.)

 

Sinndefizit
[D]ie Erfahrung von Sinndefiziten muß nicht allemal aus Sinnmangel herrühren, sie kann entstehen auch aus einer Übererwartung von Sinn. … In der Anspruchsgesellschaft kompensieren nicht allein die Ansprüche das Sinndefizit; vielmehr: das Sinndefizit entsteht seinerseits durch Ansprüche, nämlich durch einen unmäßigen Sinnanspruch. (Sinnerwartung, 1983, S. 40)

 

Sinndiät
[N]icht die große Sinnverlustklage bringt uns weiter, sondern eine Mäßigung – eine Reduktion – des unmäßig gewordenen Sinnanspruchs: eine Sinndiät durch Diätetik der Sinnerwartung. Dabei meint Diätetik hier keinen Zweig der Ernährungswissenschaften: das ist eine sehr späte Wortbedeutung; ich hingegen habe hier zwar nicht die ursprünglich hippokratisch-medizinische Bedeutung dieses Wortes im Auge, wohl aber die alte in etwa von Feuchtersleben: Diätetik ist ein Teil der praktischen Philosophie. Sie ist dabei nicht Ethik der Diät, sozusagen Diät-Ethik, wohl aber wirklich ein Teil der Ethik: jener, der es statt mit Normenbegründungsfragen zu tun hat mit der Lebenskunst, nämlich mit Ratschlägen für die Kunst, halbwegs beschwerdenfrei und halbwegs glücklich zu leben. Eine Diätetik der Sinnerwartung traktiert also die Frage, wie man in lebensbekömmlicher Weise mit dem Sinnproblem umgeht… (Sinnerwartung, 1983, 42)

 

Direkte Sinnintention
Jener Unsinn, den man – um des Sinnes willen – am meisten lassen muß, ist die direkte Sinnintention. (Sinnerwartung, 1983, 42)

 

Deckname
Sinn ist ein Deckname für Glück. Es ist plausibel, daß er – als Begriff für das Lohnen des Lebens – gerade im 19. Jahrhundert ins Spiel kommt: zu einer Zeit, wo – als Folge der kantischen Pflichtethik des kategorischen Imperativs und ihrer sogenannten Eudämonismuskritik, ihrer Kritik der Glücksethik – das Glücksproblem als zentrales Positivproblem aus der Philosophie verbannt war… (Sinnerwartung, 1983, 42)

 

Glückspseudonyme
[Der] Vorgang der Pseudonymisierung der Problemthemas Glück bestimmt auch heute die philosophische Szene; so hat – inzwischen – das Glück eine ganze Reihe von Pseudonymen gebraucht und wohl auch verbraucht: die Eigentlichkeit, das Prinzip Hoffnung, das unbeschädigte Leben, die Emanzipation, die Lebensqualität, die Selbstverwirklichung, die Authentizität, und dazwischen immer wieder und derzeit erneut eben: Sinn. (Sinnerwartung, 1983, 43)

 

Obst
Mit direkter Sinnintention meine ich ein Verhalten, das demjenigen gleicht, das Hegel … durch die kleine Geschichte illustriert hat von jenem Mann, der Obst wollte und darum Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen und Quitten verschmähte, denn er wollte nicht Äpfel, sondern Obst…: er wählte also den einzigen mit Sicherheit erfolgreichen Weg, gerade das nicht zu bekommen, was er doch wollte: nämlich Obst; denn Obst ist – jedenfalls für uns Menschen – nur in Gestalt von Äpfeln oder Birnen oder Pflaumen oder Kirschen oder Quitten zu haben. Ganz ähnlich ergeht es dem, der das Glück – pseudonymisiert zum Sinn – direkt intendiert; denn so einer will nicht lesen, sondern Sinn, nicht schreiben, sondern Sinn, nicht arbeiten, sondern Sinn, nicht faulenzen, sondern Sinn, nicht lieben, sondern Sinn, nicht helfen, sondern Sinn, nicht schlafen, sondern Sinn, nicht Pflichten erfüllen, sondern Sinn, nicht Neigungen folgen, sondern Sinn, und so fort: er will nicht Beruf, sondern Sinn, nicht Hobby, sondern Sinn, nicht Familie, sondern Sinn, nicht Alleinsein, sondern Sinn, nicht Staat, sondern Sinn, nicht Kunst, sondern Sinn, nicht Wirtschaft, sondern Sinn, nicht Wissenschaft, sondern Sinn, nicht Mitleid, sondern Sinn, und so fort. Auch er wählt den einzigen mit Sicherheit erfolgreichen Weg, gerade das nicht zu erreichen, was er doch will: nämlich Sinn; denn Sinn ist – jedenfalls für uns Menschen – stets nur auf dem Weg über Beruf, Familie, Einsamkeit, Staat, Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft, Pflichten, Neigungen, Mitleid und so weiter zu erreichen, und ihn anders erreichen zu wollen ist Unsinn. Kein Mensch ist unmittelbar zum Sinn: Menschen sind stets nur mittelbar zum Sinn: auf dem Umweg über bestimmte Üblichkeiten und Pensen, die auch institutionalisierte Routinen sein können und sehr häufig institutionalisierte Routinen sind, und jedenfalls stets bestimmte, d. h. begrenzte Pensen, woraus – nota bene – folgt, daß Sinn alias Glück mit Verzichtenkönnen zu tun hat, was die Stoiker wußten: wer nicht verzichten kann, wird nicht glücklich. (Sinnerwartung, 1983, 44)

 

Supersinn
[Die] Sehnsucht nach dem total bemütsbewegenden, dem spruchband- und theaterdonnerfähigen Supersinn – ist eine aufklärungskompensatorische Nostalgiewelle großen Stils, die die spätmoderne Szene zu beherrschen scheint: die trunkene Sehnsucht nach dem sensationellen Sinn. Aber gerade von ihr – dieser Einfalt vom Dienst – muß man ablassen. (Sinnerwartung, 1983, 47)

 

Kleine Sinnantworten
Man muß … ablassen vom Unsinn der Verachtung der ‚kleinen‘ Sinnantworten. Diesseits der Metaphysik ist – in bezug auf die Frage nach dem unsensationellen Sinn – die Minimalinstanz für eine Minimalantwort die Lebenserfahrung. (Sinnerwartung, 1983, 48)

 

Sonntagsgefühle
[D]ie großen Sonntagsgefühle – die Ekstase, die Hochgestimmtheit und Erfüllungsverzückung – sind allenfalls dona superaddita: man nehme sie dankbar in Kauf, wenn sie nicht allzu sehr stören, aber es geht auch ohne sie. Man lebt, um anderen das Leben nicht zu erschweren [Guillaumet] … (Sinnerwartung, 1983, 49)

 

Aufhalter
Die Menschen verzweifeln nicht, solange sie immer gerade noch etwas zu erledigen haben: die Milch am Überkochen zu hindern, den Zug in den nächsten Bahnhof zu fahren, das Baby zu füttern, zu Ende zu operieren, das termindringliche Förderungsgutachten zu schreiben, dem Ortsfremden Auskunft zu geben und so fort; dadurch (durch diese kleinen Aufhalter im Sinne des Mini-Kat-Echon) kommen die Menschen – und das ist richtig so -, durch Pensen aufgehalten, ständig zu spät zum Rendez-vous mit dem absoluten Nein. (Sinnerwartung, 1983, 49)

 

Seinsvermiesungen
Man muß … ablassen vom Unsinn der Perfektionismen. … Hegel … hat darauf aufmerksam gemacht, daß … perfektionistische Sollforderungen als Seinsvermiesungen wirken. Die Forderung, nur das Vollkommene zu akzeptieren, führt zu Entmutigungen und zu Sinnlosigkeitsgefühlen: zur Leugnung des Guten im Unvollkommenen, zur Infernalisierung des Vorhandenen. (Sinnerwartung, 1983, 50)

 

Sinnvermiesungen
Wer nur jene perfekte Weltverbesserung zuläßt, die – mit dem Prinzip ‚alles oder nichts‘ – die absolut gute Welt, z. B. mit absolutem strukturellem Frieden, herbeiführt und vom Bestmöglichen und Nächstbesten nichts wissen will, infernalisiert das wirklich Mögliche und das Wirkliche; und da auch und gerade das Vorhandene nicht das ens perfectissimum ‚alles‘ ist, gilt es dann als das ens defectissimum ‚nichts‘; da es nicht das Paradies ist, gilt es als Hölle (als ob es dazwischen nichts gäbe): als schlechthin leer und jeremiadenpflichtig. So wirken die Perfektionismen – in bezug aufs Vorhandene und Erreichbare – als Sinnvermiesungen: im wesentlichen als Potenzsteigerungsmittel für Jammerpotenzen. (Sinnerwartung, 1983, 51)

 

Grenzen
Die aktuellen Weisheitsliebhaber sind also gerade nicht die, die absolut wissen, wie man richtig leben muß, und nicht die, die verbindliche Anweisungen zum seligen Leben geben möchten, sondern ganz im Gegenteil die, die mit den Grenzen des menschlichen Lebenswissens rechnen… (Weisheit, 1988, S. 102)

 

Veruneigentlichung
Die antike Philosophie relativiert das Unglück durch „ontologische Veruneigentlichung“: jene Welt mit Unglück, in der wir leben müssen, ist nicht die eigentliche, sondern die uneigentliche Wirklichkeit. (Weisheit, 1988, S. 103)

 

Glück
Die Menschen wollen glücklich sein: sie wollen – zumindest – das Unglück vermeiden. Jedenfalls ist, dies zu wollen und es zu können, weise. So hat offenbar die Weisheit mit dem Glück zu tun, und die Philosophie – als Liebe zur Weisheit – hat dem Rechnung getragen, indem sie seit ihren Anfängen das Glück zum Zentralthema der Ethik machte. Erst Kant … hat diese Lage verändert: durch seine Eudämonismuskritik. (Weisheit, 1988, S. 103)

 

Unglück
Die moderne Philosophie hat das Thema „Glück“ preisgegeben, um das Thema „Unglück“ loszuwerden. (Weisheit, 1988, S. 103)

 

Funktionalisierung des Unglücks
Die moderne Philosophie, die die Diesseitswelt ontologisch stark macht, hat nicht mehr die Möglichkeit, das Unglück mit unserer Lebenswelt zu relativieren: sie … muß das Unglück in unserer Lebenswelt relativieren. Das versucht Leibniz in seiner Theodizee mit dem System des Optimismus: durch Funktionalisierung des Unglücks. Ähnlich wie später bei Kant die Aprioris Möglichkeitsbedingungen der bestmöglichen Wissenschaft sind, ist bei Leibniz das Unglück Möglichkeitsbedingung der bestmöglichen Welt: jener, in der es Glück gibt. Dieser philosophische Versuch, das Unglück in der Welt zu relativieren, scheiterte: das Problem des Unglücks wurde unlösbar. (Weisheit, 1988, S. 104)

 

Glücklose Eudämonismuskritik
Ich rege also an, Kants Eudämonismuskritik, seinen Formalismus und seine Favorisierung der glücks-unglücks-neutralen Moralitätsverfassung der Pflicht als den Preis zu interpretieren, den Kant innerhalb seiner Ethik zahlen mußte, um dem Problemdruck des Unglücksproblems zu entgehen… Darum operiert seit Kant der dominierende Strang der modernen philosophischen Ethik – in fast jeder nur möglichen Bedeutung dieses Wortes – glücklos. (Weisheit, 1988, S. 104f.)

 

Kommunikation und Einsamkeit

 

Mehrere Leben haben
Die Kommunikation mit den Anderen ist unsere einzige Möglichkeit, mehrere Leben und dadurch viele Geschichten zu haben: und zwar nicht nur die – simultane – Kommunikation mit gleichzeitigen Anderen, sondern auch die – historische – Kommunikation mit Anderen anderer Zeiten und Kulturen, wobei gerade ihre bunte Andersartigkeit gebraucht wird und wichtig ist… (Multiversalgeschichte, 1982, S. 73)

 

Einsamkeitsfähigkeit
Was uns modern plagt, quält und malträtiert, ist nicht nur – und schon gar nicht primär – die Einsamkeit, sondern vor allem der Verlust der Einsamkeitsfähigkeit: die Schwächung der Kraft zum Alleinsein, der Schwund des Vermögens, Vereinzelung zu ertragen, das Siechtum der Lebenskunst, Einsamkeit positiv zu erfahren. (Einsamkeitsfähigkeit, 1983, S. 111)

 

Zeitalter der Einsamkeit
Wir leben … im Zeitalter der Einsamkeit. … Es gibt immer mehr Menschen auf immer engerem Raum. Physisch also rücken die Menschen näher zusammen; psychisch aber rücken sie immer weiter auseinander: das eine bedingt das andere. (Einsamkeitsfähigkeit, 1983, S. 111f.)

 

Nachbarn
Ein Nachbar ist ein Freund; fünf Nachbarn sind gute Bekannte; zehn Nachbarn sind eine Hilfsgemeinschaft; fünfzig Nachbarn beunruhigen; hundert Nachbarn überfordern; tausend Nachbarn sind schier unerträglich: nur durch den Notwehrakt wohltrainierter Gleichgültigkeit bleiben sie aushaltbar; nur wenn man sie nicht mehr zur Kenntnis nimmt, kann man mit ihnen leben. (Einsamkeitsfähigkeit, 1983, S. 112)

 

Allsamkeiten
[D]ie moderne Welt … ist – als das Zeitalter der Universalisierungen – jene Welt, die zunehmend Mehrsamkeiten durch Allsamkeiten ablöst. In den Allsamkeiten aber wird – im Unterschied zu den Mehrsamkeiten, bei denen das gerade nicht geht – jeder Mensch durch jeden Menschen ersetzbar: seine Einmaligkeit wird bedeutungslos, überflüssig, ausrangiert. Die Menschen können ihre Einmaligkeit dann nur noch als Einsamkeit erfahren. (Einsamkeitsfähigkeit, 1983, S. 113)

 

Anti-Einsamkeits-Aktivitäten
All das wird auch indirekt sichtbar: durch Anti-Einsamkeits-Aktivitäten, … symptomatische Gegengeselligkeiten: … suchthafte Anti-Einsamkeitskommunikationen. … Das eine Phänomen ist die Exotisierung der Mitmenschlichkeitsvollzüge: ihre Verlagerung ins Ferne. … Menschlich ist man dann nur noch zu denen, die ganz weit weg sind: zeitlich, räumlich oder durch sonstigen Abstand. … Der Ausfall des Nahen wird ersetzt durch das Ferne: auch Dialoge gelingen nur noch durch den Fernsprecher; selbst das Sehen wird ersetzt durch das Fernsehen. … An die Stelle der Nächstenliebe tritt die Fernstenliebe… (Einsamkeitsfähigkeit, 1983, S. 114)

 

Abgeschiedenheit
„Einsamkeit“ … [war in der mittelalterlichen Mystik] überhaupt kein Wort für das Solitäre und Isolierte, sondern die deutsche Übersetzung von unio im Sinne von unio mystica, der mystischen Vereinigung des Menschen mit Gott: ihre Ein-samkeit war ihr Eins-sein als intensivste Form ihrer Kommunikation. … Freilich: dieser Wortsinn … ist verlorengegangen. ‚Einsamkeit‘ wurde schnell zur Bezeichnung jener „Abgeschiedenheit“ von den Anderen, die zum mystischen Gotteserlebnis gehört. Wo späterhin Gott aus dem Spiel geriet, war der Mensch dann nur noch abgeschieden, nur noch allein mit sich selber: eben im heutigen Wortsinne „einsam“. (Einsamkeitsfähigkeit, 1983, S. 116f.)

 

Totale Geselligkeit
Einsamkeit suchen – und entbehren – die Menschen, die nicht zurechtkommen mit jenem Tribunal, das in der heutigen Verpflichtung zur totalen Geselligkeit steckt, weil jeder sogleich als verworfen gilt, der da nicht mitmacht. … Landschaftssehnsucht und Pflasternostalgie … bieten … dem einzelnen die Chance, unauffindbar und dadurch unbelangbar zu werden: bei beiden taucht er ein in rettende Einsamkeiten. … Das sind nur einige Beispiele; aber sie zeigen: Es gibt nicht nur die Last, es gibt auch die Lust der Einsamkeit. (Einsamkeitsfähigkeit, 1983, S. 119)

 

Mündigkeit
Mündigkeit ist Kommunikationsfähigkeit. Aber dieser Satz sagt nur die halbe Wahrheit, denn mindestens ebensosehr gilt: Mündigkeit ist Einsamkeitsfähigkeit. (Einsamkeitsfähigkeit, 1983, S. 120)

 

Kommunikation
Je weniger Kommunikation jemand braucht, um so mehr Kommunikation gelingt ihm; je einsamer einer sein kann, desto weniger ist er es. (Einsamkeitsfähigkeit, 1983, S. 121)

 

Bildung
Zur Kultur der Einsamkeitsfähigkeit gehört – zum Beispiel – Bildung: … die Ausdehnung des Aktionsradius der Merk- und Genußfähigkeit dadurch, daß man … mit den Medien der Vergegenwärtigung und Wiedervergegenwärtigung umzugehen weiß: mit Büchern, Bildern, Tonfolgen durch das Bündnis von Phantasie und Erinnerung. Bildung ist… die Lebenskunst, auch allein nicht allein zu sein. (Einsamkeitsfähigkeit, 1983, S. 121)

 

Autos
Autos [scheinen] durch ihren Kapseleffekt Einsamkeitsbedarf unter Vermassungsbedingungen zu decken … (Weltfremdheit, 1984, S. 88)

 

Einzigkeitszwang
[Jene[m] harten Einzigkeitszwang, dem wir alle unterliegen, weil wir nur ein einziges Leben haben[, …] können [wir] in die Kommunikation mit unseren Mitmenschen – die wir ebendeswegen brauchen – entkommen durch die Möglichkeit, ihre Leben – die ja viele sind – mitzuleben und dadurch unser eigenes Leben zu pluralisieren. (Zufällig, 1984, S. 135)

 

Multitemporalität
Das Mitsein mit den Mitmenschen ist – wenn der Mitmensch nicht gerade ein Zeitdieb ist, der Zeit nur stiehlt (was man übrigens, fürchte ich, auch durch öffentliche Vorträge machen kann) – für uns die Möglichkeit, mehr Zeit zu haben als wir haben: denn geteilte Zeit ist vielfache Zeit. Diese Pluralisierung unserer Lebenszeit – als Lebenspluralisierung – brauchen wir; und wir bekommen sie von unseren Mitmenschen, und zwar durch das, was man nennen kann: die mitmenschliche Multitemporalität. … Wichtiger als die Einheit der Zeit ist die mitmenschliche Multitemporalität. (Zeit und Endlichkeit, 1991, S. 57)

 

Lebenspluralisierung
Mit so vielen Mitmenschen man kommunziert, so viel mal ist man ein Mensch. Der Zeitmangel der endlichen Menschen wird also kompensiert durch die Kommunikation mit ihren Mitmenschen. Das nenne ich Lebenspluralisierung: die Ergänzung unseres einen kurzen Lebens durch Kommunikationskultur. (Zeit, 1997, S. 12)

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