Bild: Helmut Schütz

„Krummes Holz – aufrechter Gang“

Vergebung ist nicht Verharmlosung von Schuld. Jesus meinte nicht: Ich nehme es nicht so genau. Er meinte: Ich nehme es ganz genau. Was du getan hast, ist schlimm. Aber das hilft dir nicht weiter. Du musst von der Sünde befreit sein, dann kannst du sehen, dass du in der Sünde gefangen warst und dich nun auch gegen sie wehren kannst.

Buchcover Helmut Gollwitzer: Krummes Holz - aufrechter Gang vor zwei Bibeln
Helmut Gollwitzers Buch „Krummes Holz – aufrechter Gang“

direkt-predigtGottesdienst mit Abendmahl am Buß- und Bettag, 19. November 1980, um 9.30 Uhr in Heuchelheim und um 10.30 Uhr in Reichelsheim
Orgelvorspiel und Begrüßung
Lied EKG 166, 1-2 (EG 232):

1. Allein zu dir, Herr Jesu Christ, mein Hoffnung steht auf Erden. Ich weiß, dass du mein Tröster bist, kein Trost mag mir sonst werden. Von Anbeginn ist nichts erkorn, auf Erden ward kein Mensch geborn, der mir aus Nöten helfen kann; ich ruf dich an, zu dem ich mein Vertrauen han.

2. Mein Sünd’ sind schwer und übergroß und reuen mich von Herzen; derselben mach mich frei und los durch deinen Tod und Schmerzen; und zeige deinem Vater an, dass du hast g’nug für mich getan, so werd ich los der Sünden Last. Erhalt mich fest in dem, was du versprochen hast.

Lesung: Lukas 13, 1-9

1 Es kamen aber zu der Zeit einige, die berichteten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte.

2 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben?

3 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.

4 Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen?

5 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.

6 Er sagte ihnen aber dies Gleichnis: Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine.

7 Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang gekommen und habe Frucht gesucht an diesem Feigenbaum, und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft?

8 Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn grabe und ihn dünge;

9 vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab.

Lied EKG 167, 3-4 (nicht im EG):

3. Fürwahr, wenn mir das kommet ein, was ich mein Tag begangen, so fällt mir auf das Herz ein Stein und bin mit Furcht umfangen; ja, ich weiß weder aus noch ein und müsste stracks verloren sein, wenn ich dein Wort nicht hätte.

4. Allein dein heilsam Wort, das macht mit seinem süßen Singen, dass mir das Herze wieder lacht und neu beginnt zu springen; dieweil es alle Gnad verheißt denen, die mit zerknirschtem Geist zu dir, o Jesu, kommen.

Die Gnade Gottes und der Friede unseres Herrn Jesus Christus sei mit uns allen. Amen.
Predigttext: Römer 2, 1-11 (GNB)

Paulus hatte zuvor über das verwerfliche Leben und Verhalten von gottlosen Menschen geschrieben. Jetzt schreibt er weiter an die christliche Gemeinde in Rom:

Aber auch ihr, die ihr dieses Treiben missbilligt, habt keine Entschuldigung. Wenn ihr die anderen verurteilt, sprecht ihr damit euch selbst das Urteil; denn ihr handelt genauso wie sie. Es stimmt: Gott verurteilt die Menschen, die solche Dinge tun, zu Recht. Aber wie wollt ihr seinem Gericht entkommen, wenn ihr selbst genau das tut, was ihr den anderen vorwerft? Verachtet ihr seine große Freundlichkeit, Nachsicht und Geduld? Merkt ihr nicht, dass Gott euch durch seine Freundlichkeit zur Umkehr bringen will? Aber ihr seid voll Trotz und nehmt euch seine Güte nicht zu Herzen. Damit macht ihr die Strafe nur noch schwerer, die euch an Gottes Gerichtstag trifft. An diesem Tag wird Gott sein gerechtes Urteil öffentlich bekanntmachen. Er wird jedem Menschen den Lohn geben, der seinen Taten entspricht. Den einen gibt er ewiges Leben – es sind die, die unermüdlich das Gute tun und nach Anerkennung bei Gott und Unvergänglichkeit streben. Die anderen dagegen trifft Gottes schwerer Zorn – es sind die, die nur ihrer Selbstsucht leben, die nicht der Wahrheit folgen, sondern dem Unrecht. Über alle, die Unrecht tun, verhängt Gott Angst und Leiden, über die Juden zuerst, aber ebenso über die Menschen aus den anderen Völkern. Wer dagegen das Gute tut, ob Jude oder nicht, dem wird Gott ewige Herrlichkeit, Ehre und Frieden schenken. Gott macht keine Unterschiede.

Liebe Gemeinde!

Ich weiß nicht, wie viele unter Ihnen erst so eine Art Anlauf brauchen, um sich auf das Anliegen des Buß- und Bettags einzulassen. Viele, die nicht hier sind, nutzen diesen Feiertag nicht zum Büßen und Beten, sondern als Bett-Tag. Aber macht nicht auch uns dieses Wort „Buße“ zu schaffen? Man denkt unwillkürlich an Büßerhemd, Sack und Asche, an Leidensmiene, gesenkten Blick, gebeugte Haltung. Aber ist das nicht Heuchelei, wenn man gar nicht so empfindet? Und – noch weiter gefragt: Muss ein Christ denn an bestimmten Bußtagen oder muss er vielleicht tagtäglich mit zerknirschtem Geist herumlaufen?

Mir fällt dazu ein Buch von Helmut Gollwitzer ein. Das heißt „Krummes Holz – aufrechter Gang“. Er will damit sagen, dass wir Menschen, so wie wir uns vorfinden, nicht aus geradem Holz geschnitzt sind. Wir haben unsere Ecken und Kanten, unsere schlimmen Erfahrungen haben Biegungen und Narben hinterlassen; und – sei es dass es uns einmal sehr schlecht oder auch im Gegenteil zu gut ging – gelegentlich haben wir uns auch einmal im Kreis gedreht, statt geradeaus, dem Himmel und dem Nachbarn zu, zu wachsen. Jeder hat Fehler – das klingt vielleicht zu banal. Jeder wird schuldig – ob er nun etwas Böses tut oder etwas Gutes zu tun unterlässt. Und wenn nun wirklich einer absolut nichts Schlimmes an seinem Verhalten feststellt, aber an den anderen Menschen um so mehr – dann wird da irgendetwas nicht stimmen. „Wenn ihr die anderen verurteilt, sprecht ihr euch damit selbst das Urteil“, sagt Paulus.

Das „krumme Holz“, das wir sind, sieht aber nun nicht so toll aus, dass wir unbedingt so bleiben sollten. Deshalb der zweite Teil des Buchtitels von Gollwitzer: „Aufrechter Gang“. Wir sollen zu aufrechtem Gang fähig werden. Das heißt: Gott und den anderen Menschen selbstbewusst ins Auge blicken können. Nicht trotzig, sondern mit dem Bewusstsein: „Ich werde geliebt, mir ist vergeben worden; und ich kann auch fähig werden zu lieben.“

Buße bedeutet also nicht: mit Weltuntergangsmiene herumlaufen. Sondern: selbstbewusst das Gute tun. Nicht nur an sich denken. Sich nicht auf die Seite des Unrechts schlagen. Nicht mitmachen, wenn alle sagen: was kann ein einzelner schon tun – gegen ein bestimmtes Gerede im Dorf, für ein besseres Verständnis für die Fremden im Ort, für die Verbesserung der Entwicklungspolitik, der Zusammenarbeit mit den Ländern der Dritten Welt, gegen die immer weiter wachsende Rüstung.

Paulus sagt ganz hart: jeder Mensch bekommt den Lohn, den er verdient, den Lohn, der seinen Taten entspricht. Und nun ist es nicht so, dass wir sagen könnten: nun ja, er wird es schon nicht so genau nehmen, er weiß ja, wie wir sind. Es ist auch nicht so, dass wir sagen könnten: so schlimm sind wir ja gar nicht; was wir tun, ist doch eigentlich ganz harmlos. So dürfen wir Vergebung nicht verstehen. Vergebung ist nicht Verharmlosung oder Abschwächung der Schuld. Jeder prüfe sich allerdings selbst: genau so arbeitet es doch in unserem Gehirnkasten: wir wägen ab, wie sehr wir denn verantwortlich zu machen sind für etwas, was wir getan oder unterlassen haben, wir finden schnell Entschuldigungen, Rechtfertigungen oder mildernde Umstände – für uns selbst. Oder wir kucken auf die anderen: ja, so wie der würde ich ja nie handeln. Die hat ja schließlich auch. Und sich so aufzuführen, das ist doch ganz unmöglich. Diese Gedanken laufen von selbst ab. Etwas Selbstüberredung kostet es, sich einzugestehen, dass der andere vielleicht auch mildernde Umstände geltend machen kann, besser gesagt, dass er Verständnis braucht.

Vergebung ist, wie gesagt, nicht Verharmlosung oder Abschwächung von Schuld. Sonst könnte das jeder. Sonst wäre das nicht so eine ungeheuerliche Sache gewesen, als Jesus plötzlich zu Menschen sagte (Matthäus 9, 5 – Markus 2, 9 – Lukas 5, 23 und 7, 48):

„Dir sind deine Sünden vergeben.“

Er meinte nicht: Ich nehme es nicht so genau. Schwamm drüber! Er meinte: Ich nehme es ganz genau. So geht es nicht weiter. Was du getan hast, ist schlimm. Aber das hilft dir nicht weiter. Das hilft auch den anderen nicht, die mit dir leben. Du könntest auch nicht anders, du müsstest dich selbst rechtfertigen, um weiterleben zu können. Wenn du in der Sünde gefangen bist, kannst du nicht erkennen, dass du in der Sünde gefangen bist. Du musst erst von der Sünde befreit sein, einen Ausweg sehen, dann erst kannst du sehen, dass du in der Sünde gefangen warst und dich immer noch gegen sie wehren musst.

Und so konnte Jesus mit vollem Recht und rechter Vollmacht sagen (Matthäus 9, 2 – Markus 2, 5 – Lukas 5, 20):

„Deine Sünden sind dir vergeben.“

Damit meinte Jesus also: Ich wage es, dir zu sagen, dass du ein Sünder bist. Ich wage es, dir zuzumuten, das auch zu erkennen. Das kann ich wagen, weil ich dir zugleich deine Sünde vergeben kann. Sie zählt nicht mehr – nicht weil sie ohnehin nicht schwerwiegend war, sondern weil ich im Auftrag Gottes schwere Schuld vergeben kann.

Aber was ist denn dann mit dem Lohn, den jeder erhält? Und mit der Strafe? Die Bibel erzählt uns, dass Jesus selbst die Strafe auf sich nahm, die seine Henker und die wir viel eher verdient hätten. Menschen brachten ihren Mitmenschen Jesus ans Kreuz. Er erduldete das. Und er vergab ihnen.

Das ist tröstlich. Die Strafe, die wir verdienen, trägt ein anderer. Schäbig wäre es aber, wenn wir nun sagten: Wenn das so ist, leben wir lieber doch einfach den bequemsten Weg.

Denn dass Jesus unsere Strafe erleidet, dass er uns vergibt, das verpflichtet uns ja auch. Das zeigt doch, wie ernste Folgen die Sünde hat. Wie ernste Folgen Unduldsamkeit, Gewalt, starres Festhalten an bestimmten Regeln, Lieblosigkeit und Verachtung für Außenseiter haben. Vergebung bedeutet immer auch Einladung zu einem neuen Verhalten. Sonst ist da überhaupt keine Vergebung zustande gekommen. Ein neues Verhalten suchen – das ist nun mit dem Wort „Buße“ gemeint. „Umkehr“ kann man auch sagen. Umdenken, umlernen sind andere Umschreibungen derselben Sache.

Es bleibt zu fragen, ob es sinnvoll ist, jedes Jahr an einem ganz bestimmten Tag, dem Buß- und Bettag, von dieser Umkehr zu sprechen. Früher war dieser Tag einmal aus bestimmtem Anlass eingesetzt worden. Ich habe von einem Pfarrer gelesen, der in seiner Gemeinde auch einmal einen Bußtag aus besonderem Anlass angesetzt hat. Da hatte eine in der Kirchengemeinde sehr aktive Ärztin Selbstmord begangen. Sie war geschieden und hatte mit ihren beiden Kindern eine neue Familie gegründet – mit einem um acht Jahre jüngeren Kraftfahrer, mit dem sie wieder zwei Kinder hatte. Die Ehe hatte starke Spannungen, von denen die Gemeinde wusste. Nun stand die Gemeinde aber nicht betend und helfend hinter dieser Familie, sondern sie wartete ab: „Mal sehen, was das wird! Das kann nicht gut gehen.“ Es konnte wohl eben wegen dieses Geredes, wegen der fehlenden Hilfe nicht gutgehen. Die Gemeinde verurteilte etwas, was ihr ungewohnt war und suchte nach Fehlern an dieser Familie. Doch sie richtete sich selbst damit – denn ihr Hochmut und ihre Lieblosigkeit hatten mit zu dem Selbstmord der Frau beigetragen. Da fand der Pfarrer einen Bußtag am Platz, in dem er selbst auch mit sich kritisch ins Gericht ging: er hatte die Frau wenige Stunden vor ihrem Selbstmord getroffen. Aber wie das so ist, er hatte gerade keine Zeit für ein Gespräch gefunden, das ihr vielleicht noch hätte helfen können.

Besser ist es, wenn es zu solchen Bußtagen nicht kommen muss, wenn wir rechtzeitig merken, wann wir zu weit gehen mit unserem Reden über andere Leute; wenn wir rechtzeitig überlegen, ob nicht jemand eher ein verständnisvolles Wort oder andere Hilfe von uns bräuchte, als dass wir uns über sein ungewohntes Verhalten aufregen.

Gott macht keine Unterschiede. Wir sind nichts Besseres als andere Leute. Es fällt manchmal schwer, sich vor Gott mit allen anderen Menschen, welche Unterschiede es da auch geben mag, in einer Reihe auf Gnade angewiesen zu sein. Aber auf Gnade angewiesen zu sein, heißt nicht: ein Leben lang krumm gehen, sondern es heißt: aufrecht gehen können, nicht aus Hochmut, sondern aus Liebe. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied EKG 169,1-2 (EG 234):

1. »So wahr ich lebe«, spricht dein Gott, »mir ist nicht lieb des Sünders Tod; vielmehr ist dies mein Wunsch und Will, dass er von Sünden halte still, von seiner Bosheit kehre sich und lebe mit mir ewiglich.«

2. Dies Wort bedenk, o Menschenkind, verzweifle nicht in deiner Sünd; hier findest du Trost, Heil und Gnad, die Gott dir zugesaget hat, und zwar mit einem teuern Eid. O selig, dem die Sünd ist leid!

Wir wollen nun miteinander das heilige Abendmahl feiern. Diejenigen, die nicht nach vorn kommen möchten, bitte ich, trotzdem bis zum Ende des Gottesdienstes in der Kirche zu bleiben.

Bekenntnis unserer Sünde

Weil Gott sich zu uns wendet, können wir uns wieder zu ihm wenden. Weil er sich uns zuwendet, können wir einander Zuwendung geben. Als Zeichen dafür feiern wir das gemeinsame Abendmahl.

Einsetzungsworte und Austeilung
Gebet und Vaterunser
Abkündigungen und Segen
Lied EKG 140 (EG 157):

Lass mich dein sein und bleiben, du treuer Gott und Herr, von dir lass mich nichts treiben, halt mich bei deiner Lehr. Herr, lass mich nur nicht wanken, gib mir Beständigkeit; dafür will ich dir danken in alle Ewigkeit

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