Lichtschwerter in vorgerückter Nacht

Paulus fordert uns nicht auf, wörtlich genommen mit blauen oder grünen Lichtschwertern gegen die roten Lichtschwerter des Bösen vorzugehen. Er fordert schlicht, dass wir „dem Nächsten Böses NICHT antun“. Alle Bestimmungen der heiligen Wegweisung Gottes sind für Paulus erfüllt, wenn wir nur das Böse, unter dem unser Nächster leidet, NICHT bewerkstelligen. Doch was tun wir an Bösem: unbewusst und unabsichtlich?

TANSANIA, Tarime Distrikt, MFEC – Mogabiri Farm Extension Centre, Dorf Kewamaba, Hof von Isaya Mwita, 34 Jahre, und seiner Frau Grace, 23 Jahre, mit Spardose fuer Geld aus Gemüseverkäufen (Bild: Brot für die Welt)

#predigtGottesdienst am 1. Sonntag im Advent, 1. Dezember 2019, 10.00 Uhr in der evangelischen Johanneskirche Gießen
Musik zum Eingang

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Heute ist das eigentliche kirchliche Neujahrsfest, der 1. Advent. Heute fängt das Kirchenjahr an mit der Erwartung von Jesus, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern und der immer wieder neu in unser Leben hineinkommen will. So begrüße ich alle herzlich in der Johanneskirche mit dem Wort zur Woche aus dem Prophetenbuch Sacharja 9, 9:

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.

In diesem Jahr fällt der 1. Advent auf den 1. Dezember; heute früh haben sicher schon viele Kinder und vielleicht auch Erwachsene das 1. Türchen in ihrem Adventskalender aufgemacht. Auch die Gottesdienste im Advent enthalten mit sehr verschiedenen Bibeltexten zu dieser Erwartungszeit durchaus Überraschungen für uns bereit, wenn wir uns auf Gedankenanstöße einlassen wollen. Heute geht es in der Predigt von Pfarrer Helmut Schütz um „Lichtwaffen“, die der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer erwähnt und zu denen wir „in vorgerückter Nacht“ greifen sollen. Worum mag es sich bei diesen Waffen handeln – um „Lichtschwerter“ wie in den Star-Wars-Filmen? Wir werden es sehen!

Der Kantorei danken wir herzlich, dass sie unseren Gottesdienst mit ihrem Gesang bereichert, und gleich das erste Lied singen wir im Wechsel mit der Kantorei. Es ist auch das Lied Nr. 1 im Evangelischen Gesangbuch, und wir singen die Strophen 1 bis 4: „Macht hoch die Tür!“

1. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit, ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich, der Heil und Leben mit sich bringt; derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat.

2. Er ist gerecht, ein Helfer wert; Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit; all unsre Not zum End er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat.

3. O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat. Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein. Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn. Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat.

4. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, eu’r Herz zum Tempel zubereit’. Die Zweiglein der Gottseligkeit steckt auf mit Andacht, Lust und Freud; so kommt der König auch zu euch, ja, Heil und Leben mit zugleich. Gelobet sei mein Gott, voll Rat, voll Tat, voll Gnad.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Zum 1. Advent erinnert uns das Evangelium an ein Ereignis, von dem wir auch am Palmsonntag hören. Wie war das wenige Tage vor Jesu Kreuzigung (Markus 14, 1-2.7-10)? Da schickt Jesus „in [der] Nähe von Jerusalem“ zwei Jünger in ein Dorf, um ein Eselsfohlen für ihn zu holen, „auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat“.

7 Und sie führten das Füllen zu Jesus und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf.

8 Und viele breiteten ihre Kleider auf den Weg, andere aber grüne Zweige, die sie auf den Feldern abgehauen hatten.

9 Und die vorangingen und die nachfolgten, schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!

10 Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hosianna in der Höhe!

Kommt, lasst uns ihn anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Warum mischt die Kirche in die Vorfreude auf die Geburt Jesu den Palmsonntagstext hinein? Sollen wir nicht vergessen, in welche Welt Jesus hineinkommt?

Damals heißt man Jesus in Jerusalem willkommen, als Davidssohn, als Volksbefreier. Und wenige Tage später jagt man ihn zum Teufel, liefert man ihn Pontius Pilatus aus, lässt man ihn kreuzigen.

Heute ist Jesus nach wie vor willkommen, sogar in nichtchristlichen Kulturen wird Weihnachten stimmungsvoll gefeiert. Und in unserer Kultur stünden viele Geschäftsleute ohne eine möglichst lange Weihnachtszeit vor der Insolvenz.

Aber in unseren Herzen entscheidet es sich, ob wir Jesus tatsächlich einen wichtigen Platz in unserem Leben, in unserer Welt einräumen wollen. Wir müssen dazu gar nicht das traditionelle Weihnachten kritisieren oder das kommerzielle Weihnachten abschaffen. Wir brauchen einfach nur in uns zu gehen und uns zu fragen: Wollen wir uns auf Jesus einlassen? Wollen wir von ihm lernen? Wollen wir ihm nachfolgen – auf seinem Weg? Wenn ja, dann lasst uns zu ihm rufen:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wir beten am 1. Advent Worte aus dem Psalm 24, im Gesangbuch stehen sie unter der Nummer 712. Dabei lese ich die linksbündigen Verse und Sie bitte die nach rechts eingerückten Teile:

7 Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!

8 Wer ist der König der Ehre? Es ist der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit.

9 Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!

10 Wer ist der König der Ehre? Es ist der Herr Zebaoth; er ist der König der Ehre.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Gott, Vater Jesu Christi und unser Vater! Lehre uns verstehen, was Advent bedeutet. Dein Sohn kommt als König. Er ist der König der Ehre: nämlich einer Ehre und Herrlichkeit, die darin besteht, dass er Freiheit schenkt, dass er Gerechtigkeit bringt, dass er für die Würde jedes Menschenkindes streitet. Dein Sohn verkörpert die Herrlichkeit deines Namens, du Gott Zebaoth, du von Engelmächten umscharter Gott, der du mit der Macht der Liebe streitest gegen das Böse. Dein Sohn hat gezeigt, wie das aussieht: Streit ohne Verletzung, Kampf ohne Gewalt. Lass auch uns lernen, wie das geht – Kämpfen mit Waffen des Lichts. Darum bitten wir dich, Gott, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören den Predigttext zum 1. Sonntag im Advent aus dem Römerbrief des Paulus im 13. Kapitel, Verse 8 bis 12:

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

9 Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«

10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.

12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Kantorei: „Ach, dass du den Himmel zerrissest“
Glaubensbekenntnis

Wir singen das Lied 14:

1. Dein König kommt in niedern Hüllen, ihn trägt der lastbarn Es‘lin Füllen, empfang ihn froh, Jerusalem! Trag ihm entgegen Friedenspalmen, bestreu den Pfad mit grünen Halmen; so ist’s dem Herren angenehm.

2. O mächt’ger Herrscher ohne Heere, gewalt’ger Kämpfer ohne Speere, o Friedefürst von großer Macht! Es wollen dir der Erde Herren den Weg zu deinem Throne sperren, doch du gewinnst ihn ohne Schlacht.

3. Dein Reich ist nicht von dieser Erden, doch aller Erde Reiche werden dem, das du gründest, untertan. Bewaffnet mit des Glaubens Worten zieht deine Schar nach allen Orten der Welt hinaus und macht dir Bahn.

6. O lass dein Licht auf Erden siegen, die Macht der Finsternis erliegen und lösch der Zwietracht Glimmen aus, dass wir, die Völker und die Thronen, vereint als Brüder wieder wohnen in deines großen Vaters Haus.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, um „Waffen des Lichts“ geht es im heutigen Predigttext. Um was für „Lichtschwerter“ mag es da gehen? Schauen wir noch einmal genau hin, was uns Paulus sagt. Dabei möchte ich heute den Predigttext einmal rückwärts auslegen. Fangen wir beim letzten Vers an (Römer 13):

12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Das ist der Vers, durch den sich unser Predigttext für die Adventszeit qualifiziert hat. In ihm geht es um die nahe Ankunft des Tages, um das Kommen eines Lichtes, das Nacht und Finsternis vertreibt. Von welchem Tag, vom welchem Licht spricht hier Paulus?

Er meint natürlich nicht einfach, dass es nach jeder Nacht wieder Tag wird. Er kann auch noch nicht auf das Weihnachtsfest warten, wie wir das tun, weil es zu seiner Zeit noch gar nicht gefeiert wurde. Die „Nacht“ ist für ihn hier das, was bereits vor ihm Generationen von Menschen im jüdischen Volk belastet hat: ein Leben, das in vielfältiger Weise von Sünde geprägt war, genauer gesagt, von einem verfehlten Leben im Großen und im Kleinen.

Politisch und sozial litt das Volk immer wieder unter Krieg, Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Die Befreiung aus Ägypten und aus Babylon, die das Volk Israel erfahren hatte, lag lange zurück; zur Zeit des Paulus herrschten die Römer über das Land, und es kam den Juden so vor, als sei es schlimmer denn je.

Viele empfanden die Zustände als so unerträglich, dass sie den Weltuntergang herbeisehnten, nicht als Katastrophe, sondern als Beendigung allen Elends, als Anfang eines Friedensreiches, als Tag des Herrn. So denkt auch Paulus. Der Tag, der für ihn nahe vor der Tür steht, ist die Apokalypse, zu deutsch: die Enthüllung einer herrlichen neuen Zeit. Jesus wird wiederkommen, er bringt die Entmachtung der Mächtigen, er bringt Recht und Frieden.

Und weil Paulus diesen Tag der Wiederkunft Jesu schon sehr bald erwartet, ruft er diejenigen, die in Rom auf Jesus vertrauen, dazu auf: Legt wirklich die Werke der Finsternis ab! Fangt an, mit den Waffen des Lichts zu kämpfen! Aber was meint er damit? Gehen wir einen Vers weiter zurück:

11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.

Wenn man rückwärts geht, muss man vorsichtig und langsam gehen. In diesem Vers erfahren wir immer noch nicht, was genau denn mit den Werken der Finsternis und den Waffen des Lichts gemeint ist. Wir erfahren aber von Paulus, dass es Zeit ist, aufzustehen.

Im Griechischen gibt es zwei Wörter für Zeit, kairos und chronos. Mit chronos ist die normal ablaufende Zeit gemeint, noch heute messen wir diese Zeit mit Chronometern, also Uhren. Der kairos dagegen ist ein bestimmter Zeitpunkt oder Termin, zu dem etwas „dran“ ist, wofür die Zeit reif ist. Einen solchen kairos muss man erkennen, sonst verpasst man ihn.

Für viele junge Menschen ist z. B. heutzutage die Zeit reif für „Fridays for Future“, sie haben auch der älteren Generation deutlich vor Augen geführt, dass Gefahren drohen, denen alle gemeinsam recht-zeitig entgegentreten müssen.

Paulus damals spricht allerdings ein bisschen anders vom kairos. Er meint, dass eine schlimme Zeit bald überwunden sein wird, bald ist das „Heil“ da, wie es Luther übersetzt. Leider bezieht man dieses „Heil“ oft nur innerlich auf die eigene Seele. Im Griechischen steht da das Wort sōtēria, und dieses Wort schrieb sich eigentlich der römische Kaiser auf die Fahnen, er nannte sich den Sōtēr der Welt, den Retter der Nation, den Herrn der Römischen Friedensordnung, den Befreier vom Barbarentum. Für Paulus aber war Jesus der Sōtēr, ein wirklicher Befreier sowohl von inneren Banden der Sünde als auch von Unrecht, Feindschaft und Unterdrückung. Und diese Befreiung durch Jesus, dieses umfassende Heilwerden der Gesellschaft und des einzelnen Menschen, soll nach Paulus nun noch näher bevorstehen als zu der Zeit, als er und die Seinen angefangen hatten, auf Jesus zu vertrauen.

Ich gebe zu: die Fakten sprechen dagegen, dass Paulus mit diesem Satz Recht hat. Jesus ist doch keineswegs schon bald darauf wiedergekommen. Stattdessen gab es den Jüdischen Krieg mit vielen Toten, am Ende lag Jerusalem in Trümmern, der jüdische Tempel sogar für immer. Bis heute ist Jesus nicht buchstäblich auf die Erde zurückgekommen. Ist damit diese Einschätzung des Paulus nicht schon lange überholt?

Nun ja – man könnte argumentieren: Wenn es überhaupt etwas zu erhoffen gibt, wenn Befreiung, Rettung, Heil keine Hirngespinste sind, die es sowieso nie geben wird, dann rückt diese Zukunft uns natürlich zeitlich immer näher, je weiter wir in die Zukunft vorangehen. Darum mag Paulus sich konkret mit seiner Einschätzung der Zeitumstände geirrt haben, aber er behält Recht damit, trotz der langen Verzögerung des Wiederkommens Jesu die Hoffnung NICHT aufzugeben.

Selbst wenn Jesus buchstäblich gesehen niemals wieder als irdischer Mensch einen Fuß auf diese Erde setzen würde, dann dürfen wir doch mit dem Kommen seines Friedens, seiner Befreiung rechnen, jeden Tag neu, ja, jede durchwachte Nacht der Tränen neu. Er lebt ja als der Auferstandene zur Rechten des Vaters, er lebt in der Kraft des Heiligen Geistes in uns, wo wir uns von ihm verwandeln lassen. All diese Bilder des Glaubens mögen manche buchstäblich verstehen und andere als wunderbare Bilder, aber entscheidend ist, dass wir aufwachen, aus einem Schlaf der Sünde, der Trägheit, der Selbstgerechtigkeit, und dass wir uns HEUTE ermutigen lassen, aufzustehen und die Waffen des Lichts zu ergreifen.

Wenn wir noch einen Vers zurückgehen, erfahren wir endlich, worum es sich bei diesen Lichtwaffen handelt:

10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Das ist also das Geheimnis der Waffen des Lichts: die Liebe, griechisch agape. Es mag manchen enttäuschen: Paulus fordert uns nicht auf, wörtlich genommen mit blauen oder grünen Lichtschwertern gegen die roten Lichtschwerter des Bösen vorzugehen. Er fordert uns schlicht auf, „dem Nächsten Böses NICHT anzutun“. Die ganze Tora des Mose, also: alle Bestimmungen der heiligen Wegweisung Gottes sind für Paulus dann erfüllt, wenn wir nur das Böse, unter dem unser Nächster leidet, NICHT bewerkstelligen. Das sollte doch eigentlich nicht so schwer sein, könnten wir denken. Wer von uns tut denn schon seinem Nächsten bewusst und mit voller Absicht Böses?

Nein, bewusst und absichtlich sicher nicht. Aber ich zeige Ihnen jetzt einmal ein Plakat, von dem ich gelernt habe, was an Bösem wir eben doch unbewusst und unabsichtlich tausendfach bestimmten Nächsten tun.

OK, wir könnten sagen, diese Frau, von der hier die Rede ist, María Elena Gonzales Jiménez, die kennen wir nicht persönlich. Sie lebt nicht in unserem Land, sondern in Nicaragua. Unsere Nächste im landläufigen Sinn ist sie also nicht. Und doch mag es sein, dass wir schon einmal etwas gekauft haben, das sie genäht hat: eine Sporthose, die bei uns im Laden 27 Euro kostet. María umnäht die Säume an solchen Sporthosen, jeden Tag 1500 Shorts, 10 Stunden am Tag, 6 Tage die Woche. Dafür bekommt sie als Lohn 132 Euro – pro Monat. Das ist ein Hungerlohn, von dem María auch noch ihre Schwester Ana Guerrero und deren drei Kinder und ihren bettlägerigen Vater ernähren muss.

Foto von der Eröffnung der 3. Aktion von Brot für die Welt im Jahr 1961

Eröffnung der 3. Aktion „Brot für die Welt“ 1961 in Berlin (Foto: Fritz P. Krueger – Brot für die Welt)

Warum erzähle ich Ihnen das? Warum zeige ich dieses Plakat, obwohl Sie von Weitem nicht einmal genau erkennen können, was drauf steht? Heute ist nicht nur 1. Advent, heute ist auch ein Geburtstagsfest. Die Aktion „Brot für die Welt“ wird heute 60 Jahre alt, und mit diesem 1. Advent fängt die 61. Aktion „Brot für die Welt“ an. Und dieser Name bedeutet natürlich nicht, dass man Brot backt und in arme Länder schickt. Im Falle von María hilft „Brot für die Welt“ dabei, dass die Näherinnen in Nicaragua gerechte Löhne bekommen. Das internationale Hilfswerk der evangelischen Kirche kämpft also mit den „Lichtschwertern“ der Liebe und der Gerechtigkeit gegen das Böse, das wir unbewusst tun, indem wir Sachen kaufen, bei deren Herstellung Menschen wie María ausgebeutet werden.

Was sagt Paulus noch über das stärkste Lichterschwert, über das Gebot der Liebe?

9 Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«

Hier greift Paulus auf etwas zurück, was jüdische Rabbiner genau wie Jesus auf den Punkt gebracht haben: Alle Gebote Gottes werden im Gebot der Nächstenliebe zusammengefasst, das im 3. Buch Mose – Levitikus 19 steht, also auch buchstäblich ziemlich genau in der Mitte der fünf Bücher Mose, der jüdischen Tora. Unter den Geboten, die von der Liebe umgriffen werden, wählt Paulus beispielhaft neben dem Gebot, keine eheliche Gemeinschaft und kein Leben zu zerstören, zwei Gebote aus, die mit dem Eigentum zu tun haben, nämlich mit dem Haben-Wollen von dem, was einem nicht gehört: Stehlen und Begehren.

Noch einmal zeige ich Ihnen ein Plakat. Hier ist auch von Weitem zu sehen: Der Aktion „Brot für die Welt“ geht es um das Teilen. Immer noch leben 10 Prozent der Weltbevölkerung von weniger als 1,72 Euro pro Tag. Niemand stiehlt es ihnen bewusst, aber viele Ursachen tragen dazu bei, dass Millionen Menschen unverschuldet hungern. Die Gebote „nicht stehlen“ und „nicht begehren, was dein Nächster hat“ erfüllen wir also erst dann, wenn wir dazu beitragen, dass alle genug zum Leben haben.

Hören wir noch einmal auf Paulus – wir kommen jetzt zum ersten Vers des Predigttextes und verstehen vielleicht erst jetzt, warum das ein passendes Wort zum 1. Advent ist – schon hier geht es nämlich um das wirksamste Lichterschwert:

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

Ja, Paulus wiederholt sich dauernd. Dauernd spricht er von der Liebe, der agape. Damit meint er keine Erotik und keine freundschaftliche Liebe im engeren Sinn. Das Wort agape heißt eigentlich „Solidarität“, aktiv Füreinander-Eintreten.

Das Ehepaar Isaya und Grace Mwita in Tansania mit ihrer Spardose

TANSANIA, Tarime Distrikt, MFEC – Mogabiri Farm Extension Centre, Dorf Kewamaba, Hof von Isaya Mwita, 34 Jahre, und seiner Frau Grace, 23 Jahre, mit Spardose für Geld aus Gemüseverkäufen (Bild: Brot für die Welt)

Ein Beispiel, wie so etwas gelingen kann, möchte ich Ihnen jetzt noch zeigen (aus dem Heft „Hunger nach Gerechtigkeit. Projekte und Positionen“ für die 61. Aktion Brot für die Welt, Seite 12-13, vgl. auch die Projektinformation Mit Öko-Landbau gegen den Hunger, S. 4ff.). Hier auf dem Bild sehen Sie Isaya Mwita. Er ist mit Grace verheiratet, hat mit ihr fünf Kinder und lebt mit seiner Familie als Landwirt in Tansania, wo besonders viele Menschen in Armut leben. Mit Hilfe von „Brot für die Welt“ hat Isaya auf seinem Stück Land neue Anbaumethoden gelernt, bei denen Wert auf Vielfalt und Nachhaltigkeit gelegt wird. Seine Erträge haben sich mehr als verdoppelt, er konnte sogar eine Spardose mit Rücklagen füllen, falls jemand krank wird oder einmal die Ernte ausfällt. So kann Liebe aussehen – dass wir eine Organisation wie „Brot für die Welt“ mit Spenden ausrüsten, damit sie wiederum dafür wirken kann, dass Menschen ein Leben in Würde führen können. Wer in dieses Heft noch genauer hineinschauen will, kann das nachher beim Kirchencafé tun.

Noch ein Predigtgedanke zum Schluss: Löst Paulus mit seinem Gebot der Nächstenliebe nicht den ganzen christlichen Glauben in Mitmenschlichkeit auf? Wo bleibt die Liebe zu Gott, auf die zumindest Jesus doch auch Wert legte, wo bleibt das Heil der Seele?

Ich denke, dass Paulus genau so wenig wie Jesus einen Widerspruch zwischen der Liebe zu Gott und zum Nächsten sieht. Beide Arten von Liebe gibt es nicht ohne einander. Wer Gott liebt, der wendet sich wie Jesus dem Menschen zu, der ihn braucht. Und wenn ich Schwierigkeiten habe, Gott oder meinen Nächsten oder sogar mich selbst zu lieben, dann darf ich erfahren, dass Gott mich zuerst liebt und mich annimmt, so wie ich bin. Er vergibt mir, was ich an Schuld auf mich geladen habe, auch unwissentlich und unabsichtlich. Und er macht mir Mut, mein Lichtschwert der Liebe in die Hand zu nehmen und zu gebrauchen – indem ich Menschen zur Seite stehe, die mich brauchen. Vielleicht manchmal ganz schlicht mit einer Spende für „Brot für die Welt“. Die Kollekte heute hat allerdings, wie Sie gleich hören werden, einen anderen Zweck – aber für „Brot für die Welt“ kann man auch nachher am Ausgang etwas geben oder in Ruhe zu Hause überlegen, wie viel man dafür übrig hat. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 20, 1-6: Das Volk, das noch im Finstern wandelt
Abkündigungen
Kollekte
Fürbitten
Stille
Vater unser
Lied 154, 1-3+5: Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Kantorei: „Komm, o mein Heiland“ und „Hosianna dem Sohne Davids“
Kirchencafé

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