Nicht zurückblicken!

Ich sehe meinen Vater vor Augen, wie er gepflügt hat, als ich Kind war. Sähe man nach hinten, würde die Furche krumm und schief und nicht tief genug. Das Bild vom Pflug leitet dazu an, sich zu prüfen. Habe ich mein Ziel vor Augen? Fasse ich den Mut, alles, was mich von diesem Ziel abbringen will, hinter mir zu lassen?

Rudi Schütz beim Pflügen im Jahr 1968

1968 – mein Vater Rudi Schütz führt ein Pferd beim Pflügen

#predigtGottesdienst am Sonntag Lätare, den 15. März 2015, um 10.00 Uhr in der evangelischen Wichernkirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Da Herr Pfarrer Willared erkrankt ist, habe ich seinen Gottesdienst übernommen und begrüße alle herzlich in der Wichernkirche mit dem Wort zur vergangenen Woche aus dem Evangelium nach Lukas 9, 62:

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Dieser Vers gehört zum Predigttext des vergangenen Sonntags; ich stelle ihn an den Anfang auch dieses Gottesdienstes, da ich heute noch einmal fast die gleiche Predigt hier halten werde wie am letzten Sonntag in der Pauluskirche. Ich möchte mit Ihnen, mit euch darüber nachdenken, was Jesus wohl mit diesem Wort meint. Dürfen wir als Christen niemals zurückblicken, uns nicht erinnern? Müssen wir als Christen fortschrittlich sein, immer vorneweg gehen?

Auch im ersten Lied Nr. 394 geht es darum, vorwärts zu gehen. Wir singen alle fünf Strophen:

1. Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt! Wir gehn an unsers Meisters Hand, und unser Herr geht mit.

2. Vergesset, was dahinten liegt und euern Weg beschwert; was ewig euer Herz vergnügt, ist wohl des Opfers wert.

3. Und was euch noch gefangen hält, o werft es von euch ab! Begraben sei die ganze Welt für euch in Christi Grab.

4. So steigt ihr frei mit ihm hinan zu lichten Himmelshöhn. Er uns vorauf, er bricht uns Bahn – wer will ihm widerstehn?

5. Drum aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt! Wir gehn an unsers Meisters Hand, und unser Herr geht mit.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Aufwärts blicken zu Gott, vorwärts gehen an der Hand Jesu, ihm folgen auf seinen guten Wegen, von einem solchen Leben im Gottvertrauen sagt der Psalm 127:

1 Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.

2 Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wie im Schlaf bekommen wir von Gott, was wir brauchen. Wenn er uns behütet, wenn er der Baumeister unserer Häuser ist, dann ist unser Leben nicht umsonst.

Aber was ist, wenn wir uns trotzdem dauernd Sorgen machen? Wenn wir unser Leben allein in den Griff kriegen wollen? Wenn wir in unserem gewohnten Trott weitermachen wollen, auch wenn wir damit keinen Schritt vorwärts kommen?

Als Gott die Städte Sodom und Gomorrha in Feuer und Schwefel untergehen ließ, weil die Bosheit ihrer Einwohner für ihn unerträglich geworden war, da schickte er Engel zur Familie Lot, um sie vor dem Untergang zu retten (1. Buch Mose – Genesis 19).

17 Und als sie ihn hinausgebracht hatten, sprach der eine: Rette dein Leben und sieh nicht hinter dich, bleib auch nicht stehen in dieser ganzen Gegend.

26 Und Lots Weib sah hinter sich und ward zur Salzsäule.

Zurückblicken kann tödlich sein. Als ob Frau Lot sich nicht lösen kann von der bösen Stadt, die ihr und niemandem gut getan hat. Als ob sie stecken bleibt im Bann von Teufelskreisen, als ob sie den Schritt nach vorn nicht wagen will, als ob sie wie magisch angezogen von der tödlichen Gefahr hinter ihr keinen anderen Ausweg sieht, als mit der bösen Stadt zu sterben.

Für Frau Lot beten wir, und wir rufen um Gottes Erbarmen auch für alle anderen, denen es so unsagbar schwer fällt, umzukehren und nach vorn zu sehen, auf Gott zu vertrauen, der uns im Schlaf gibt, was wir brauchen:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Ja, wir dürfen im Schlaf empfangen, was wir nicht verdienen, aber was Gott uns schenkt: seine Liebe, seine Vergebung, sein liebevolles Wort: „Du musst dich nicht quälen! Ich hab dich lieb! Sieh nicht zurück auf dein verkorkstes Leben! Blick nach vorn, ich führe dich, auch wenn du nicht weiß, wohin ich dich führe.“

Lobsinget dem Herrn! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Lobet und preiset, ihr Völker, den Herrn, freuet euch seiner und dienet ihm gern. All ihr Völker, lobet den Herrn“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, barmherziger Vater, hilf uns, alle unsere Sorge auf dich zu werfen. Hilf uns, unseren Weg an deiner lieben Hand zu gehen, kleine gute Schritte mit unseren kleinen Kräften. Darum bitten wir dich, Vater im Himmel, durch Jesus Christus, unseren Herrn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus 1. Könige 19. Als der Prophet Elia am Berg Horeb Gott begegnete, da war Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer.

12 Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.

13 Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia?

14 Er sprach: Ich habe für den HERRN, den Gott Zebaoth, geeifert; denn Israel hat deinen Bund verlassen, deine Altäre zerbrochen, deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, dass sie mir das Leben nehmen.

15 Aber der HERR sprach zu ihm: Geh wieder deines Weges durch die Wüste nach Damaskus und geh hinein und salbe Hasaël zum König über Aram

16 und Jehu, den Sohn Nimschis, zum König über Israel und Elisa, den Sohn Schafats, von Abel-Mehola zum Propheten an deiner Statt.

19 Und Elia ging von dort weg und fand Elisa, den Sohn Schafats, als er pflügte mit zwölf Jochen vor sich her, und er war selbst bei dem zwölften. Und Elia ging zu ihm und warf seinen Mantel über ihn.

20 Und er verließ die Rinder und lief Elia nach und sprach: Lass mich meinen Vater und meine Mutter küssen, dann will ich dir nachfolgen. Er sprach zu ihm: Wohlan, kehre um! Bedenke, was ich dir getan habe!

21 Und Elisa wandte sich von ihm weg und nahm ein Joch Rinder und opferte es und mit den Jochen der Rinder kochte er das Fleisch und gab’s den Leuten, dass sie aßen. Und er machte sich auf und folgte Elia nach und diente ihm.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Amen. „Amen.“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 497 die Strophen 1 bis 2 und 5 bis 6:

1. Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun und Werk in deinem Willen ruhn, von dir kommt Glück und Segen; was du regierst, das geht und steht auf rechten, guten Wegen.

2. Es steht in keines Menschen Macht, dass sein Rat werd ins Werk gebracht und seines Gangs sich freue; des Höchsten Rat, der macht’s allein, dass Menschenrat gedeihe.

5. Gib mir Verstand aus deiner Höh, auf dass ich ja nicht ruh und steh auf meinem eignen Willen; sei du mein Freund und treuer Rat, was recht ist, zu erfüllen.

6. Prüf alles wohl, und was mir gut, das gib mir ein; was Fleisch und Blut erwählet, das verwehre. Der höchste Zweck, das beste Teil sei deine Lieb und Ehre.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, aufwärts blicken, vorwärts gehen. Das sind schöne Bilder für ein christliches Leben. Blicken wir beim Vorwärtsgehen hoch zu Gott, dann lassen wir nicht den Kopf hängen, sondern wir machen uns frohgemut und selbstbewusst auf den Weg.

Im Text zur heutigen Predigt im Evangelium nach Lukas 9, 57-62, hören wir drei Worte, die Jesus selbst über diesen christlichen Weg sagt. Auch diese Worte enthalten Bilder. Alle drei Jesusworte gehen davon aus, dass ein christlicher Weg hinter Jesus her führt. Jesus geht voran, diejenigen, die an ihn glauben, die auf ihn vertrauen, folgen ihm nach. Aber dieses Nachfolgen scheint gar nicht so einfach zu funktionieren. Da ist zum Beispiel einer, der ist Feuer und Flamme für Jesus:

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst.

Sollte sich Jesus nicht freuen über eine solche Bereitschaft, ihm zu folgen? Stattdessen gibt Jesus ihm eher einen Dämpfer:

58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

Ein kurzer Satz, den Jesus sagt, und wir sind verunsichert. Klar, Jesus ist damals ein Aussteiger, er hat seinen Beruf als Zimmermann an den Nagel gehängt. Von Dorf zu Dorf zieht er mit Männern und Frauen, die ebenfalls alles aufgegeben haben. Und am Morgen weiß er nicht, wo er am Abend schlafen wird. Die Leute nehmen ihn auf, gastfreundlich wie sie sind. Aber einen festen Wohnsitz hat er nicht, und oft genug muss er sogar fliehen, weil man ihm nach dem Leben trachtet. Heißt das, wir können Jesus im Grunde gar nicht nachfolgen, wenn wir in gesicherten Verhältnissen leben? Wer von uns hat denn kein Dach über dem Kopf, wer hat nicht ein eigenes Bett, in das er sich zur Nachtruhe zurückziehen kann? Der Satz, den Jesus sagt, lässt sich nicht so leicht abschütteln. Offenbar bekommen wir es, wenn wir Jesus hinterhergehen wollen, mit Menschen zu tun, die am Rand der Gesellschaft leben, die vielleicht wirklich kein Obdach haben, die als Flüchtlinge in der Welt unterwegs sind, weil ihre Heimat für sie keine Heimat mehr ist, wegen Krieg und Terror, Verfolgung und Vertreibung.

Einen anderen Menschen spricht Jesus von sich aus an und fordert ihn auf, mit ihm mitzukommen. Warum, wird nicht gesagt. Jesus scheint ihn zu brauchen.

59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.

Der zweite Mensch scheint ebenfalls bereit zu sein, für Jesus alles stehen und liegen zu lassen. Aber einen Wunsch äußert er doch: er möchte erst noch seinen Vater begraben. Ich finde, wenn sein Vater gerade gestorben ist, ist das ein sehr verständlicher Wunsch.

60 Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

Kann es sein, dass Jesus so hart redet und einem Sohn verbietet, dem Vater gegenüber eine heilige Pflicht zu erfüllen? Die Bestattung der Toten ist doch für Juden genau so wie für uns ein letzter Liebesdienst an einem geliebten Menschen.

Darum denke ich: es geht hier gar nicht darum, dass der Vater dieses Menschen bereits gestorben ist und dass die Bestattung unmittelbar bevorsteht. Es geht darum, dass dieser Mensch seinen Vater nicht verlassen will, so lange der noch lebt. „Ich muss ihm doch zur Hand gehen, ich muss doch den elterlichen Betrieb am Laufen halten, ich kann doch nicht so egoistisch sein und einfach mein eigenes Leben leben!“ Jesus sagt ganz hart: „Doch. Du kannst gehen. Eine eigenständige Entscheidung zu treffen, ist nicht automatisch eigensüchtig. Sicher sollst du deinen Vater einmal beerdigen, wenn er stirbt. Sicher sollst du ihn nicht im Stich lassen, wenn er sich im Alter nicht mehr allein versorgen kann. Aber du musst nicht dein eigenes Leben für ihn aufgeben. Wenn es deine besondere Gabe ist, von Gott zu erzählen, das Reich Gottes zu verkünden, dann darfst du, dann sollst du dich dafür entscheiden. Du willst doch von dem Gott erzählen, von dem das Leben und die Liebe kommt. Wenn dich deine Familie daran hindern will, dich für diesen Gott zu entscheiden, zieht sie dich dann nicht in den Tod hinein? Wer schon tot ist mitten im Leben, der mag sich selber begraben, aber daran musst und sollst du dich nicht beteiligen.“ So mag Jesus diesen schwierigen Satz meinen: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“

Eine dritte Person spricht Jesus wieder von sich aus an und redet ganz ähnlich wie die zweite:

61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.

Das wird Jesus doch wohl einfach erlauben, oder? Eben nach Hause springen, „Tschüss“ sagen und ein neues Leben mit Jesus beginnen, was sollte er dagegen haben? Aber wieder reagiert Jesus überraschend hart und kompromisslos:

62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Spürt Jesus in dem Wunsch, sich zu verabschieden, ein grundsätzliches Zögern? Ist diese Frau, dieser Mann zwar bereit, ihm zu folgen, aber die Bindung an das alte, vertraute, gewohnte Leben ist noch zu stark, so dass der Abschied nicht wirklich gelingen wird, sondern das Hintertürchen zur Rückkehr immer noch offen bleibt? Wenn man genau hinhört, verbietet Jesus gar nicht ausdrücklich die Verabschiedung von den Angehörigen. Er scheint auf Zwischentöne zu reagieren, macht deutlich, worum es geht, wenn wir auf Gott vertrauen, wenn wir Jesus hinterhergehen wollen.

Es mag sein wie bei einem Landwirt, der hinter seinem Pflug hergeht und eine gerade tiefe Furche in den Acker pflügen will. Ich sehe noch meinen Vater vor Augen, wie er das gemacht hat, als ich Kind war, er hatte damals einen Morgen Land, den er für den Eigenbedarf bewirtschaftete, und er lieh sich von einem Bauern ein Pferd mit Pflug, so dass er den Acker bestellen konnte, um Kartoffeln und Korn anzubauen. Wenn man beim Pflügen dauernd nach hinten sieht, wird die Furche krumm und schief und auch nicht besonders tief, so dass der Boden nicht überall locker genug ist, um das Saatgut aufzunehmen und es wachsen und gedeihen zu lassen. Das Bild vom Pflug leitet also dazu an, sich selber zu prüfen. Habe ich mein Ziel vor Augen? Weiß ich, auf welchen Weg Jesus mich ganz persönlich mitnehmen will? Fasse ich den Mut, alles, was mich von diesem Ziel abbringen will, hinter mir zu lassen?

Oder ist es noch ganz anders? Wie wäre es, wenn Jesus mit dem Bild vom Pflügen an die Geschichte aus dem Alten Testament erinnern will, die wir vorhin gehört haben? Der Prophet Elia erhält von Gott den Auftrag, einen Nachfolger für sich zu bestimmen, nämlich Elisa, einen Landwirt. Der ist gerade buchstäblich beim Pflügen seines Ackers, und zwar offenbar nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen Landarbeitern ziehen zwölf Gespanne von Rindern auf einem großen Acker ihre Furchen (1. König 19):

19 Und Elia ging von dort weg und fand Elisa, den Sohn Schafats, als er pflügte mit zwölf Jochen vor sich her, und er war selbst bei dem zwölften.

Wo in der Bibel die Zahl 12 auftaucht, müssen wir immer an eine symbolische Bedeutung denken. Zwölf Stämme gehören dazu, wenn das Volk Gottes vollständig sein soll. Als Landwirt ist Elischa offenbar von Gott gesegnet, er hat viel Land, viel Vieh und eine gute Hand für seine Arbeit. Doch nun erwartet Gott von ihm, dass er sein Geschick unmittelbar in den Dienst Gottes stellt, als Prophet.

Und Elia ging zu ihm und warf seinen Mantel über ihn.

Die Mäntel der Propheten haben eine besondere Bedeutung; sie repräsentieren ihren Auftrag, den sie von Gott bekommen haben; so wie sie von ihrem Mantel eingehüllt werden, so stehen sie voll und ganz für Gott zur Verfügung. Als Elia den Mantel über Elisa wirft, weiß dieser genau: „Jetzt bin ich sozusagen eingefangen für Gott, aber nicht in einem schlechten Sinn, sondern so, dass ich die Freiheit gewinne, ohne Furcht und ohne Rücksicht auf menschliche Herrscher den Willen Gottes weiterzusagen.“

20 Und er verließ die Rinder und lief Elia nach und sprach: Lass mich meinen Vater und meine Mutter küssen, dann will ich dir nachfolgen.

Hier äußert nun Elisa eine ähnliche Bitte, wie sie Jesus von der dritten Person, die ihm nachfolgen will, vorgetragen wird. Daraufhin geschieht Merkwürdiges. Hören wir einmal genau hin:

Er sprach zu ihm: Wohlan, kehre um! Bedenke, was ich dir getan habe!

Wie würden Sie das verstehen? Hat Elia dem Elisa erlaubt, sich von seinen Eltern zu verabschieden, oder nicht? In Kommentaren zur Bibel steht genau das: Jesus sei radikaler als Elia, er verbiete das Zögern bei der Nachfolge, während der alttestamentliche Prophet Elia nachsichtiger gewesen sei: „OK, geh noch einmal zurück zu deiner Familie, aber dann kehr zu mir um.“ Das sagt Elia aber gar nicht. Wörtlich sagt Elia zu Elisa im Urtext: „Geh, kehr um, denn was habe ich dir getan?“ Dieser Satz „Geh, kehr um!“ war Elia selbst kurz zuvor von Gott gesagt worden. Diesen Auftrag Gottes gibt Elia hier wortwörtlich an Elisa weiter. „Was habe ich dir getan? Habe ich nicht meinen Prophetenmantel über dich geworfen?“ Elias Reaktion auf Elisas Bitte ist also nicht die Erlaubnis, noch einmal kurz zu seinen Eltern zurückzukehren, sondern wie bei Jesus die Aufforderung, ohne weiteres Zögern vorwärtszugehen, in seine Fußstapfen als Prophet zu treten.

21 Und Elisa wandte sich von ihm weg und nahm ein Joch Rinder und opferte es und mit den Jochen der Rinder kochte er das Fleisch und gab’s den Leuten, dass sie aßen. Und er machte sich auf und folgte Elia nach und diente ihm.

Das klingt nun völlig abgefahren. Zum Schluss folgt Elisa dem Elia tatsächlich nach, und zwar um ihm zu dienen. Nicht etwa als untergeordneter Angestellter, denn das hebräische Wort „Dienen“ meint ein bedeutendes öffentliches Amt, so wie bei einem Minister. Elisa wird also nicht zum Laufburschen des Elia, sondern so etwas wie sein Stellvertreter, mit gleichem Auftrag, auf gleicher Augenhöhe.

Aber bevor Elisa dem Elia wirklich nachfolgt, scheint er doch erst eigenwillig von Elia weg umzukehren. Allerdings nicht, wie er es ursprünglich gewünscht hat, um seine Eltern noch einmal zu küssen, sondern zu einem völlig anderen Zweck: Er kehrt sich von Elia weg. Er schlachtet sein eigenes zwölftes Rindergespann, mit dem er gepflügt hatte. Er opfert es für Gott. Und nicht nur das: Die Joche, in denen seine Rinder eingespannt waren, verwendet er als Feuerholz zum Kochen des Rindfleisches. Und was macht er mit dem Fleisch? Er gibt es „dem Volk“, so steht es da wörtlich.

Was tut Elisa hier also, wenn wir die Geschichte symbolisch verstehen? Er sieht seine Berufung zum Propheten als eine Verantwortung für das ganze Volk Israel. Er hört auf Gott, der ihm durch Elia deutlich gesagt hat: „Geh, kehr um!“ Damit kriegt er einen Auftrag, für das ganze Volk da zu sein, für alle zwölf Stämme. Er darf sich nicht mehr nur seiner eigenen Familie verpflichtet fühlen, dann würde er Interessenpolitik betreiben, den eigenen Stamm gegenüber dem gesamten Volk bevorzugen. Auf seine Weise also entscheidet sich Elisa, hinter Elia herzugehen, nicht in wortwörtlichem Gehorsam, sondern indem er sich zunächst scheinbar von seinem Lehrmeister wegwendet.

Aber das tut er nicht, um tatsächlich zurückzugehen. Stattdessen kappt er alle Bindungen an eigensüchtige Familieninteressen und zugleich macht er das, was die Könige damals in Israel sträflich vernachlässigten: er sorgt für die Ernährung des hungernden Volkes.

Später wird von Elisa ähnlich wie noch viel später von Jesus berichtet, dass er einer großen Volksmenge auf wunderbare Weise zu essen gibt.

Elisa folgt Elia also nach, aber nicht in blindem Gehorsam, nicht indem er seinen Meister einfach nachmacht, sondern indem er es auf seine eigene Weise tut, ganz im Sinne des eigentlichen Auftraggebers, nämlich Gottes.

Zurück zu Jesus, zu seinem Satz, mit dem er so hart die Verabschiedung von der Familie ablehnt (Lukas 9):

62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Könnte es sein, dass Jesus vielleicht gar nicht an das einfache Bild vom Pflügen denkt? Wörtlich steht da: „Wer seine Hand an den Pflug wirft…“. Ist es Jesus im Lukasevangelium wichtig, wenn es ums Nachfolgen geht, an Elia und Elisa zu erinnern? Soll einer, der Jesus nachfolgen will, es so ähnlich machen wie damals Elisa? Die Bindung an die eigene Familie aufgeben, um sich in den Dienst aller Menschen zu stellen? Seinen Pflug verbrennen, um ganz für das Reich Gottes da zu sein? Seine Rinder opfern, um hungernde Menschen satt zu machen?

So gesehen geht es Jesus nicht um ein kleinliches Verbot, sich vor dem Weggehen mit Jesus noch einmal herzlich von seiner Familie zu verabschieden. Sondern es geht um eine grundsätzliche Forderung Jesu: Wer Jesus nachfolgt, dem darf seine Familie zwar wichtig sein – so wie Jesus selbst sich ja auch um seine eigene Mutter gekümmert hat oder um die Schwiegermutter des Petrus. Aber die Familie ist nicht unser Gott.

Wenn jeder nur an seine eigene Familie denkt, dann regieren sozusagen Stammesinteressen. Die einflussreichsten teilen sich den Reichtum eines Landes oder der ganzen Welt unter sich auf, und auf der anderen Seite gibt es jede Menge Loser-Familien, für die nichts als Armut und Elend übrig bleibt.

Jesus ruft uns in seine Nachfolge, damit das Reich Gottes unter uns zu wachsen anfängt. Und zu diesem Reich Gottes gehören alle Menschen, Arme und Reiche, und es soll dazu kommen, dass alle satt werden, dass alle genug haben, dass allen geholfen wird. Das geht, wenn wir aufhören, immer nur an uns und unseren eigenen Familien-Clan zu denken.

Ich vermute, dass Jesus mit seinem Wort vom Pflug auch so etwas meinen könnte.

Manchmal gibt es zwei Auslegungen eines Jesusworts, und beide können richtig sein.

Vielleicht sehen wir eine Aufgabe vor uns, und wir wollen sie im Vertrauen auf Gott bewältigen, indem wir bildlich gesagt, mit unserem Pflug gerade Furchen pflügen, ohne uns umzusehen.

Vielleicht entscheiden wir uns auch dafür, einen Pflug zu verbrennen, mit dem wir sozusagen im Kreise gepflügt haben, mit großer Anstrengung, aber es waren Teufelskreise, die wir lieber verlassen sollten.

In jedem Fall denke ich, dass die Erinnerung an die Propheten Elia und Elisa uns helfen kann, die Nachfolge Jesu nicht als starren, blinden Gehorsam zu verstehen. Jesus ruft uns, wie damals Elia den Elisa rief. Auf welche Weise wir antworten und nachfolgen, das entscheiden wir auf unsere eigene Weise. Denn jeder und jede ist eine eigene Persönlichkeit, von Gott nach seinem Ebenbild geschaffen. Er hat mit uns allen jeweils etwas ganz Spezielles vor. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen noch vier Strophen aus dem Lied 497, und zwar die Strophen 9 bis 12:

9. Tritt du zu mir und mache leicht, was mir sonst fast unmöglich deucht, und bring zum guten Ende, was du selbst angefangen hast durch Weisheit deiner Hände.

10. Ist ja der Anfang etwas schwer und muss ich auch ins tiefe Meer der bittern Sorgen treten, so treib mich nur, ohn Unterlass zu seufzen und zu beten.

11. Wer fleißig betet und dir traut, wird alles, davor sonst ihm graut, mit tapferm Mut bezwingen; sein Sorgenstein wird in der Eil in tausend Stücke springen.

12. Der Weg zum Guten ist gar wild, mit Dorn und Hecken ausgefüllt; doch wer ihn freudig gehet, kommt endlich, Herr, durch deinen Geist, wo Freud und Wonne stehet.

Fürbitten – Gebetsstille – Vater unser
Lied 395: Vertraut den neuen Wegen
Abkündigungen
Lied 421:

Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein anderer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.