Der Strichjunge und Gott am selben Tisch

Ein Strichjunge isst manchmal bei einer gläubigen Frau, die ein Tischgebet nicht für nötig hält, denn sie sagt: „Gott sitzt sowieso mit am Tisch.“ Der junge Stricher schrieb mir eine Mail: Sie „sagt dass ich es schaffen kann. dass es egal ist wer schuld ist weil es voll nichts ändert und dass ich der einzige bin der was ändern kann.“

Angedeutetes Profil eines jungen Mannes fast völlig im Dunkeln

Was entdecken wir, wenn wir uns selbst anblicken? (Bild: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am 1. Sonntag nach Epiphanias, 8. Januar 2012, 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen (Liturgie: Gaby Engel – Predigt: Helmut Schütz)

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich im Gottesdienst am 1. Sonntag nach Epiphanias mit dem Wort zur Woche aus dem Brief des Paulus an die Römer 8, 14:

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

Der Weihnachtsbaum steht uns heute noch einmal im Gottesdienst vor Augen; bevor wir von der Weihnachtszeit Abschied nehmen und weiter ins Neue Jahr hineingehen, hören wir die Geschichte von den weisen Männern, die man später Könige nannte. Sie pilgerten zu einem armseligen Stall, um ein Kind in einer Krippe anzuschauen. Ein anderer König, Herodes, wurde von panischer Angst erfüllt, als er von der Geburt Jesu erfuhr. In der Predigt wird Herr Pfarrer Schütz mit uns darüber nachdenken, wie es bei uns ist mit denen, die etwas gelten in der Welt, und mit denen, die immer am Rande stehen.

Die Liturgie und die Abendmahlsfeier wird heute von Frau Gaby Engel gestaltet, die zur Prädikantin ausgebildet wird und in unserer Gemeinde praktische Erfahrungen sammelt.

Lied 70, 1-3+7:

1. Wie schön leuchtet der Morgenstern voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn, die süße Wurzel Jesse. Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, mein König und mein Bräutigam, hast mir mein Herz besessen; lieblich, freundlich, schön und herrlich, groß und ehrlich, reich an Gaben, hoch und sehr prächtig erhaben.

2. Ei meine Perl, du werte Kron, wahr‘ Gottes und Marien Sohn, ein hochgeborner König! Mein Herz heißt dich ein Himmelsblum; dein süßes Evangelium ist lauter Milch und Honig. Ei mein Blümlein, Hosianna! Himmlisch Manna, das wir essen, deiner kann ich nicht vergessen.

3. Gieß sehr tief in das Herz hinein, du leuchtend Kleinod, edler Stein, mir deiner Liebe Flamme, dass ich, o Herr, ein Gliedmaß bleib an deinem auserwählten Leib, ein Zweig an deinem Stamme. Nach dir wallt mir mein Gemüte, ewge Güte, bis es findet dich, des Liebe mich entzündet.

7. Wie bin ich doch so herzlich froh, dass mein Schatz ist das A und O, der Anfang und das Ende. Er wird mich doch zu seinem Preis aufnehmen in das Paradeis; des klopf ich in die Hände. Amen, Amen, komm du schöne Freudenkrone, bleib nicht lange; deiner wart ich mit Verlangen.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Mache dich auf, werde Licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. (Jesaja 60,1-3)

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gestern haben die russisch-orthodoxen Christen hier in der Pauluskirche Weihnachten gefeiert, für die Katholiken ist der 6. Januar der Dreikönigstag, in unserem liturgischen Kalender wird er Epiphanias genannt, dies bedeutet Erscheinung des Herrn. Hiermit ist nicht nur die Anbetung der Hirten im Stall gemeint, sondern auch Jesu Darstellung im Tempel, dort erkennen Simeon und Hanna das kleine Kind als den angekündigten Heiland und preisen Gott.

Aber wie ist das in der heutigen Zeit? Haben wir das Kind in der Krippe wirklich angenommen, oder sind wir nur froh, die Feiertage hinter uns gebracht zu haben? Die noch eben in den Wohnzimmern reichlich geschmückten Bäume werden entsorgt. Für die meisten Menschen heißt es: zurück in den normalen Alltag.

Die Schulferien enden, die meisten Menschen müssen wieder arbeiten, heute ist wieder einmal verkaufsoffener Sonntag in Gießen. Vorbei die Zeit der Stille und Besinnlichkeit, keine Zeit mehr für gemeinsames Essen in den Familien, zurück in die Hektik der Gegenwart. Vergessen wir wieder alle, die am Rande der Gesellschaft stehen, weil sie zu alt sind oder einfach nicht Schritt halten können mit der heutigen Geschwindigkeit?

Jesus Christus, bewahre uns davor, deine Anwesenheit in unserem Alltag zu vergessen. Lass uns dein Mitgefühl für alle Menschen erkennen, damit wir nicht in Lethargie versinken, sondern deine Liebe weitergeben. Schenke uns Mut auch weiterhin für die Schwachen da zu sein!

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Jesus Christus spricht (Johannes 12, 46.47b):

Ich bin gekommen in die Welt als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. Denn ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt rette.

Er hat uns versprochen, bei uns zu sein, bis an der Welt Enden!

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat, nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.“

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Wir wollen beten.

Guter Gott, wir danken dir für dein Licht, dem die Weisen aus dem Morgenland folgten. Lass auch uns diesem Licht folgen.

Steh uns zur Seite, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Zeige uns immer wieder aufs Neue, dass dein Licht auch die dunkelste Nacht erhellt.

Hilf uns, dein Licht in die Welt zu tragen, und unverzagt dein Evangelium zu verbreiten, darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Evangelium nach Matthäus 2, 1-12:

1 Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen:

2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.

3 Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem,

4 und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte.

5 Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten :

6 »Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«

7 Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre,

8 und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete.

9 Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.

10 Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut

11 und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

12 Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Lied 72:

1. O Jesu Christe, wahres Licht, erleuchte, die dich kennen nicht, und bringe sie zu deiner Herd, dass ihre Seel auch selig werd.

2. Erfülle mit dem Gnadenschein, die in Irrtum verführet sein, auch die, so heimlich ficht noch an in ihrem Sinn ein falscher Wahn;

3. und was sich sonst verlaufen hat von dir, das suche du mit Gnad und ihr verwund’t Gewissen heil, lass sie am Himmel haben teil.

4. Den Tauben öffne das Gehör, die Stummen richtig reden lehr, die nicht bekennen wollen frei, was ihres Herzens Glaube sei.

5. Erleuchte, die da sind verblend’t, bring her, die sich von uns getrennt, versammle, die zerstreuet gehn, mach feste, die im Zweifel stehn.

6. So werden sie mit uns zugleich auf Erden und im Himmelreich hier zeitlich und dort ewiglich für solche Gnade preisen dich.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Wir hören zur Predigt aus dem Brief des Paulus 1. Korinther 1, 26-31 (GNB):

Schaut euch doch selbst an, Brüder! Wen hat Gott denn da berufen? Kaum einer von euch ist ein gebildeter oder mächtiger oder angesehener Mann. Gott hat sich vielmehr die Einfältigen und Machtlosen ausgesucht, um die Klugen und Mächtigen zu demütigen. Er hat sich die Geringen und Verachteten ausgesucht, die nichts gelten, denn er wollte die zu nichts machen, die vor den Menschen etwas sind. Niemand soll vor Gott mit irgend etwas auftrumpfen können. Euch aber hat Gott zur Gemeinschaft mit Jesus Christus berufen. Der ist unsere Weisheit, die von Gott kommt. Durch ihn können wir vor Gott bestehen. Durch ihn hat Gott uns zu seinem Volk gemacht und von unserer Schuld befreit. Es sollte so sein, wie es in den heiligen Schriften heißt: „Wer auf etwas stolz sein will, soll stolz sein auf das, was der Herr getan hat.“

Amen.

Liebe Gemeinde!

Das ist eine merkwürdige Predigt, die Paulus seiner Gemeinde in Korinth da hält. Er will ihnen von Gott erzählen und von Jesus – und plötzlich sagt er: „Schaut euch doch selbst an!“ Er wird ganz persönlich. Der Glaube, zu dem er einlädt, ist nicht allgemein, sondern konkret, nicht unverbindlich, sondern verbindlich und herausfordernd, nicht etwas, wozu man mit dem Kopf nicken kann und damit hat sich‛s, sondern etwas, wobei es um das ganze eigene Leben geht. Deshalb sagt er: „Schaut euch doch selbst an!“

Und dann stellt er sich die Hafenarbeiter vor, die in Korinth zu ihm in die Gemeindeversammlungen gekommen sind, Sklaven und Sklavinnen, die nicht als vollwertige Menschen galten. Hier bei den Christen wurden sie plötzlich so wichtig genommen, dass sich sogar die Gottesdienstzeit nach ihnen richtete: nämlich vor Sonnenaufgang, weil es sonst keine freie Zeit und keinen freien Tag für sie gab.

Oder die Straßenmädchen, die noch nie von jemandem ernstgenommen worden waren: hier galten sie auf einmal als Person, nicht nur als Gegenstand, den man benutzt und dann wegwirft. Oder die Kranken, die Behinderten, die ein Leben am Rande führen mussten – hier wurden sie versorgt, hier verurteilte man sie nicht als unnützen Ballast der Gesellschaft, hier bedauerte man sie nicht mit dem hässlichen Gedanken: Wozu lebt der denn eigentlich?

Die Kirche hat sich dann so entwickelt, dass mehr und mehr auch die Klugen, die Mächtigen und die Angesehenen hinzukamen; und jahrhundertelang schien es so zu sein, als ob sie in der Kirche auch – wie überall in der Welt – den entscheidenden Einfluss auf das kirchliche Leben hätten. Fürsten galten als von Gottes Gnaden eingesetzt, studierten Theologen, vor allem den Pfarrern, traut man bis heute eher zu, einen Bibeltext auslegen zu können als jedem anderen Menschen, der für sich die Bibel liest. Und selbst in einer demokratischen Gesellschaft, wie wir sie heute haben, denken manche immer noch, man könne sich als wohlhabender Mensch mehr erlauben als der Normalbürger. Natürlich hilft man sich unter Freunden, aber wenn sich ein Politiker aus seinem Freundeskreis innerhalb der Oberen Zehntausend Geld zustecken lässt, darf die Öffentlichkeit schon fragen, ob dabei alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Schauen wir also uns selbst an. Trifft das auch auf uns zu, was Paulus von denen sagt, die er anredet? Hier kommen wir in eine Zwickmühle. Wer von uns will schon als einfältig, völlig ohne Einfluss, wenig wert, verachtet oder dumm gelten? Es ist doch so: Keiner will zur Gruppe der Benachteiligten gehören. Mancher, der von Harth IV lebt, kauft seinen Kindern besonders teure Sachen, damit sie in der Schule nicht auffallen. Die schlimmsten Schimpfwörter sind heute: „Du Opfer!“ oder „Du bist ja behindert!“

Doch ausgerechnet solche Opfer spricht Paulus an: sie hat sich Gott ausgesucht. Aber nicht, um sie als Opfer zu behandeln, sondern damit sie aufhören können, Opfer zu sein. Sie sollen dazugehören zur Gemeinschaft der Christen. Wer in der menschlichen Gesellschaft am Rand oder ganz unten steht, wer in der Verwandtschaft als schwarzes Schaf oder in der Schulklasse als Außenseiter gilt – der weiß, was es heißt, nichts wert zu sein in den Augen der anderen, ausgelacht zu werden und sich schämen zu müssen. Und jetzt sagt Paulus genau solchen Losern: Gott nimmt dich an, so wie du bist. Jesus traut dir etwas zu. Und darum gehört es sich auch in der Gemeinde der Christen nicht, über andere zu sagen: „Der hat bestimmt Dreck am Stecken!“ Besser ist es, zu ihm hinzugehen und zu sagen: „Du, hör mal, wie war das, warum hast du das gemacht?“ Wir sollen Menschen nicht verurteilen und abschreiben, sondern ihn wieder hereinholen in die Gemeinschaft der anderen. Das heißt nicht, dass man sich alles erlauben kann, weil… die anderen werden es schon irgendwann verzeihen. Nein, es kommt schon darauf an, zu den Folgen der eigenen Taten zu stehen und sich nicht nur deswegen zu entschuldigen, weil man zufällig bei etwas erwischt wurde, was eigentlich nicht an die Öffentlichkeit kommen sollte. Übrigens wundert es mich, dass so oft gesagt wird: „Ich entschuldige mich!“, obwohl es doch heißen müsste: „Ich bitte um Entschuldigung“, denn ob eine Schuld von mir genommen wird, das entscheide nicht ich selbst, sondern diejenigen, denen ich etwas angetan habe oder schuldig geblieben bin – und letztlich entscheidet es Gott.

Wenn wir uns nun angeschaut haben und haben festgestellt: Ganz dumm sind wir nicht, völlig der Macht anderer Menschen ausgeliefert sind wir auch nicht, verachtet eigentlich auch nicht, sonst würden wir uns vielleicht gar nicht trauen, hierher unter Menschen zu gehen – was ist denn nun mit uns? Gehören wir dann nicht so zur Gemeinde wie diejenigen, die damals Paulus in Korinth anredet? Das meint Paulus nicht. Er selbst ist ja z. B. gebildet und zählt sich trotzdem zu Jesus Christus. Aber er mutet sich selbst und den anderen, die begabter oder einflussreicher oder angesehener sind, zu, dass sie in der Gemeinde nur die zweite Geige spielen. Dass sie ihre Fähigkeiten und ihren Einfluss für die am Rand stehenden in die Waagschale werfen und sie in die Mitte holen, denn da gehören sie hin – jedenfalls in der Gemeinde, die Jesus Christus als ihren Herrn bekennt. Auch die Weisen aus dem Morgenland kommen erst nach den armen Hirten zum Kind in der Krippe.

Es gab eine Zeit in Deutschland, da sollte es zum Kirchengesetz erhoben werden, dass auf der Kirchenbank neben einem deutschen Christen kein Jude sitzen durfte. Damals hat einer, der am kommenden Samstag 120 Jahre alt geworden wäre, seine Pfarrerkollegen zum öffentlichen Protest aufgerufen und einen Pfarrernotbund gegründet, dem etwa ein Fünftel der Pfarrer, das waren 4800, im Hitlerdeutschland angehörten; für Martin Niemöller, den späteren Präsidenten unserer Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, und seine Gefährten war es undenkbar, an Jesus Christus als den Herrn der Kirche zu glauben und zugleich die Judenchristen aus der Gemeinschaft mit den deutschen Christen hinauszuwerfen.

Vor 36 Jahren habe ich einmal eine Rede von Martin Niemöller gehört auf einer Tagung in Höchst im Odenwald, da war ich noch Student und Niemöller war damals schon 84 Jahre alt. Seine Worte von damals können auch uns heute noch ins Gewissen reden: „Jesus sagt: Ihr seid das Salz der Erde! Ihr sollt euch nicht in erster Linie um den Bestand eurer Mitgliederzahlen sorgen! Ihr sollt keine Zäune gegen Menschen aufrichten, die anders sind als ihr! Die Verantwortung der Christen für die Welt kann nicht aufhören, so lange es Menschen gibt, die an Jesus Christus glauben, an ihn gebunden und von ihm erlöst sind!“

„Schaut euch selbst an“, sagt Paulus. Wen entdecken wir denn, wenn wir das tun, und wer fehlt in unserer Gemeinde? Manchmal beklagen wir ja, dass die Mehrheit der Menschen gerade aus der jüngeren und mittleren Generation nicht den Weg zur Kirche findet, vielleicht gerade die Erfolgreichsten, die Bestimmer in der Gesellschaft. Das würde Paulus nicht wundern. Wenn dennoch Wirtschaftsbosse und Politiker in die Kirche kommen, würde Paulus sie fragen, worauf sie stolz sind, und er würde ihnen vorschlagen, ganz wie er selbst, auf das stolz zu sein, was Gott mit ihnen vorhat im Dienst für andere Menschen, in der Solidarität mit Verachteten und Armen.

Wenn umgekehrt manche Leute sagen: in die Kirche gehen doch nur noch die alten Leute, dann würde Paulus sagen: Passt auf, was ihr da sagt. Vielleicht können die, die nicht mehr so viel arbeiten können, um so besser beten. In der Kirche gibt es aus gutem Grund keine Altersgrenze. Man gehört dazu, auch wenn man woanders aus der Hauptzielgruppe schon herausgefallen ist. Mag sein, dass mancher, der sehr alt geworden ist, mit den gewaltigen Veränderungen in der heutigen Zeit nicht mehr so gut zurechtkommt. Aber Jüngere sollten die Erfahrung der Älteren trotzdem nicht gering achten. Nicht alles ist gut, nur weil es neu ist, und manche Weisheit von früher ist wertvoll. Wer soll denn den Enkeln und Urenkelkindern erzählen, wie es früher wirklich war, wenn es nicht die Großeltern und Urgroßeltern tun?

Was den Paulus aber wirklich wundern würde, ist, dass es Menschen gibt, die sagen: in die Kirche gehe ich nicht gern, weil ich mich dort schämen würde vor den anderen. Die würden dann reden: was will der denn hier in der Kirche? Jedenfalls würde ich da so komisch angeguckt. Wir sollten uns fragen, ob es Leute gibt, die wir komisch angucken würden, wenn sie hier säßen, statt uns zu freuen, dass sie mit dabei sind. Wir sollten uns fragen, ob wir Menschen den Zugang zur Gemeinde vielleicht unbeabsichtigt versperren, die Paulus zum eigentlichen Kern der Gemeinde rechnet: Behinderte, seelisch Kranke, Leute, die es zu nichts bringen, die sogenannten Asozialen, die Nichtsesshaften, die Alkoholabhängigen.

Kürzlich bekam ich eine Email von einem Strichjungen. Wieso und weshalb tut jetzt nichts zur Sache. Er erzählte mir von einer Frau, die es selber sehr schwer gehabt hat in ihrem Leben, die aber aus ihrem christlichen Glauben heraus immer wieder junge Leute bei sich aufnimmt, denen es so schlecht geht, dass sie auf der Straße leben: missbrauchte Mädchen, die sich prostituieren, und eben auch Straßenjungen. Einer von diesen darf öfter bei ihr schlafen, isst mir ihr am Tisch, durfte als erster nach ihr ihr jüngstes Baby in den Arm nehmen. Sie legt keinen Wert auf fromme Formen, ein Tischgebet hält sie nicht für nötig, denn sie sagt: „Gott sitzt sowieso mit am Tisch.“ Und der junge Stricher schrieb mir, was diese Frau ihm gesagt hat:

Sie „sagt dass ich es schaffen kann. sie sagt ich soll bei ihr bleiben und dass sie mich braucht bin voll noch nie gebraucht worden. sie sagt, dass sie mir in der nachbarschaft ein zimmer hier voll besorgt und ich dann bei ihr essen und leben kann und mich trotzdem voll zurückziehen und so. sie sagt voll dass ich mit abendschule und so zeugs den anschluss wieder hinbekomme und sie sagt dass ich ein fauler sack bin der in mitleid badet und tausend und zig ausreden habe und so und sie sagt dass ich ein feigling bin und immer nur dran bin meinem alten die schuld zuzuschieben sie sagt dass es egal ist wer schuld ist und wer nicht weil es voll nichts ändert und dass ich der einzige bin der was ändern kann und so.“

Ich bewundere diese Frau, die ich nur aus der Ferne von ein paar anderen Emails kenne. Sie handelt so, wie es sich Paulus von uns allen wünscht: Menschen, die ganz unten gelandet sind, eine Chance zu geben.

Hören wir zum Abschluss noch einmal auf das, was Paulus denen sagt, die sich wertlos fühlen: Gerade ihr gehört als erste zu Gott und zur Gemeinde dazu. Und zu denen, die stolz auf irgend etwas sind, was sie geleistet haben oder darstellen, sagt er: das zählt vor Gott überhaupt nicht. Wer auf etwas stolz sein will, soll stolz sein auf das, was Gott mit ihm tut. Gott macht aus uns Menschen, die lieben können. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 221:

1. Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen: wir sind, die wir von einem Brote essen, aus einem Kelche trinken, Jesu Glieder, Schwestern und Brüder.

2. Wenn wir in Frieden beieinander wohnten, Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten, dann würden wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen.

3. Ach dazu müsse deine Lieb uns dringen! Du wollest, Herr, dies große Werk vollbringen, dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.

Abendmahl

Wir wollen Fürbitte halten.

Guter Gott, gütiger Vater wir danken dir für deine Liebe, die du uns durch Jesus, deinen Sohn gezeigt hast. Deshalb bringen wir unsere Bitten vor dich.

Wir bitten für alle, die in den vergangenen Tagen keinen Grund zum Feiern hatten, weil sie von Ängsten und Sorgen erdrückt werden, schenke ihnen dein Licht, damit sie wieder Kraft und Hoffnung schöpfen.

Wir bitten für alle, die Verantwortung für andere tragen, lass sie weise und gerechte Entscheidungen treffen.

Wir bitten für alle, die anderen Menschen mit Rat und Tat zur Seite stehen, stärke sie in ihrem Handeln.

Wir bitten für alle, die aufgrund ihrer Überzeugungen vom Tode bedroht sind. Wir bitten besonderst für die Menschen in Syrien und Ägypten, mögen sich die liberalen Kräfte durchsetzen.

Wir bitten für uns, dass wir deinen Geist in unseren Herzen bewahren und deine Liebe weitergeben. Mögen wir ein Licht für andere sein. Amen.

Lied 590, 1-3: Herr, wir bitten: Komm und segne uns
Abkündigungen

Stellt euch unter den Segen Gottes.

Der Herr segne dich und er behüte dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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