Meinungsvielfalt im Miteinander der Konfessionen

Heute gibt es Meinungsverschiedenheiten, durch die neue Spaltungen zwischen den Konfessionen heraufbeschworen werden. Ich denke an die Haltung gegenüber homosexuell lebenden Christinnen und Christen, die sich in ihrer Partnerschaft als von Gott gesegnet erleben und diesen Segen auch von Repräsentanten ihrer Kirche empfangen möchten. Können wir es in Liebe aushalten, dass wir in solchen Fragen sehr unterschiedliche Haltungen vertreten?

Mit Buntstift gemalte unterschiedlich farbige Männchen, die mit den Füßen um einen kleinen Kreis herumgezeichnet sind und sich an den Händen halten.

Können wir im Miteinander der Konfessionen Meinungsvielfalt aushalten? (Bild: geralt – pixabay.com)

#gedankeTurmgebet zur Gebetswoche für die Einheit der Christen am Donnerstag, 5. Juni 2014, um 18.00 Uhr im Stadtkirchenturm Gießen

Herzlich willkommen zum Turmgebet im Stadtkirchenturm Gießen und zugleich zum vierten Abend der Gebetswoche für die Einheit der Christen, die im Jahr 2014 bereits zum fünften Mal an diesem Ort stattfindet!

Wir sind versammelt im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wer bereits in den vergangenen Tagen an den Gebetsabenden teilgenommen hat, hat mitbekommen, dass die Ordnung der Gebetswoche in diesem Jahr von kanadischen Christen zusammengestellt wurde. Kanada ist ein Vielvölkerstaat: Hier leben First Nations, also Völker, die vor den europäischen Einwanderern hier lebten, wie die Inuit, die man früher Eskimos nannte, und Menschen aus aller Welt. Zwei Landessprachen gibt es in Kanada, Französisch und Englisch. Viele Kanadierinnen und Kanadier sind stolz auf das kulturelle und sprachliche Erbe der Heimat ihrer Vorfahren.

Das Motto „Ist denn Christus zerteilt?“ wurde von kanadischen Christen für diese Woche ausgewählt, weil sie mit der großen Vielfalt an Sprachen, Kulturen und christlichen Konfessionen in ihrem Land leben und zugleich dem Willen Jesu treu bleiben wollen, seine Jünger und Jüngerinnen mögen eins sein.

Das besondere Thema des heutigen Abends lautet: Gemeinsam streben wir danach, geeint zu sein. Die Frage ist nur: Wie können wir das tun?

EG 410: Christus, das Licht der Welt

Gemeinsam streben wir danach, geeint zu sein. Wir tun es, indem wir den einen Gott loben, mit Worten nach einer altsyrischen Liturgie aus dem 4. Jahrhundert:

Wir loben dich und danken dir, ewiger Gott, denn du bist ohne Anfang und Ende.

Durch Christus riefst du die ganze Welt ins Sein, durch Christus bewahrst du deine Schöpfung.

Den Tag hast du gemacht zum Handeln im Licht und die Nacht zur Erholung von Leib und Seele.

Bewahre uns nun in Christus; lass uns am Abend dieses Tages Frieden finden, frei von Schuld und Anklage schlafen; und führe uns am Ende zum ewigen Leben.

Durch Christus und im Heiligen Geist sei dir alle Ehre, Ruhm und Anbetung, jetzt und immerdar. Amen.

Wir ringen darum, eines Sinnes zu sein, auch wenn unsere Meinungen über viele Themen auseinandergehen. Wenn wir nun Verse aus dem Psalm 34 miteinander beten, lassen wir uns dazu aufrufen, den Herrn und seinen Frieden zu suchen:

2 Ich will den HERRN loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.

3 Meine Seele soll sich rühmen des HERRN, dass es die Elenden hören und sich freuen.

4 Preiset mit mir den HERRN und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen!

5 Als ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht.

6 Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.

7 Als einer im Elend rief, hörte der HERR und half ihm aus allen seinen Nöten.

8 Der Engel des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

9 Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!

10 Fürchtet den HERRN, ihr seine Heiligen! Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.

11 Reiche müssen darben und hungern; aber die den HERRN suchen, haben keinen Mangel an irgendeinem Gut.

12 Kommt her, ihr Kinder, höret mir zu! Ich will euch die Furcht des HERRN lehren.

13 Wer möchte gern gut leben und schöne Tage sehen?

14 Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden.

15 Lass ab vom Bösen und tu Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!

Wir hören in diesem biblischen Psalm, dass Gott sich vor allem der Armen, der Schwachen, der Notleidenden annimmt. Wir dürfen uns dessen bewusst sein, dass vor Gott unser Reichtum nichts zählt, weder unser materieller Reichtum noch unsere körperliche Stärke. Ja, nicht einmal der Reichtum unseres Geistes: Was unser Verstand kann und was uns im Glauben geschenkt ist, soll uns nicht auf eine Weise stolz machen, als wären wir besser, größer, gläubiger als andere Menschen. Jeder, der auf seine eigene Weise zu Gott aufblickt, wird von Gott aus seinen Ängsten gerissen, kriegt die Hilfe, die er braucht, und muss sich vor niemandem schämen.

Lied: Wende das Böse, tue das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach!

Was wir eben allgemein im Blick auf die Bedürftigkeit und Schwachheit aller Menschen gesagt haben, wird uns vom Apostel Paulus im seinem Brief 1. Korinther 1 an einem konkreten Beispiel verdeutlicht:

10 Ich ermahne euch aber, liebe [Geschwister], im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle mit einer Stimme redet und lasst keine Spaltungen unter euch sein, sondern haltet aneinander fest in einem Sinn und in einer Meinung.

11 Denn es ist mir bekannt geworden über euch, liebe [Geschwister], durch die Leute der Chloë, dass Streit unter euch ist.

12 Ich meine aber dies, dass unter euch der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere: Ich zu Apollos, der Dritte: Ich zu Kephas, der Vierte: Ich zu Christus.

13 Wie? Ist Christus etwa zerteilt? Ist denn Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft?

14 Ich danke Gott, dass ich niemanden unter euch getauft habe außer Krispus und Gajus,

15 damit nicht jemand sagen kann, ihr wäret auf meinen Namen getauft.

Was wir heute „Konfessionen“ nennen, unterschiedliche christliche Bekenntnisse, das scheint es von Anfang an gegeben zu haben. Wer durch die Predigt des Paulus, Apollos oder Petrus zum Glauben an Christus gekommen und von einem von ihnen getauft worden war, stand in der Versuchung, sich gegen die anderen abzugrenzen und zu sagen: „Wir haben Recht, und ihr habt Unrecht!“ So kam es zu Zank und Streit. Aber Paulus sagt: „Damit zerteilt ihr den einen Christus! Ist es nicht genug, dass er am Kreuz gestorben ist? Müsst ihr ihn auch noch vierteilen oder in Hunderte von Einzelteilen auseinanderreißen, die miteinander in Feindschaft leben und am Ende sogar Kriege gegeneinander führen?“ Leider ist es ja so gekommen im Lauf der Kirchengeschichte. Aber im Sinne des Paulus ist das nicht. Er will, dass wir einmütig zusammenstehen, unsere Spaltungen überwinden.

Eins schmeckt mir nicht in diesem Text des Paulus, nämlich dass er sogar sagt, wir sollen danach streben, einer Meinung zu sein. Das kommt mir illusorisch und auch nicht wünschenswert vor. Gesunde Vielfalt finde ich wichtig. Wir müssen nicht über alles genau gleich denken. Das Streben nach einer Einheitsdogmatik hat ja sogar dazu geführt, dass man Andersglaubende zu Ketzern und Häretikern gemacht und oft sogar blutig verfolgt hat. Und bis heute macht man es sich manchmal sehr einfach, indem man sagt: „Die Wahrheit ist wichtiger als die Einheit.“ Dann spaltet man sich lieber ab, als in der Gemeinschaft mit Andersglaubenden um die Wahrheit zu ringen.

Im griechischen Urtext fand ich, dass Paulus hier, wo in allen deutschen Bibelübersetzungen das Wort „Meinung“ übersetzt wird, das Wort „gnomä“ verwendet. Ich dachte zuerst, dass dieses Wort im Neuen Testament nur hier vorkommt. Aber dann fand ich es doch an anderen Stellen, zum Beispiel, dort, wo Paulus betont, dass er nicht ein allgemein verbindliches Gebot Jesu, sondern seine eigene Meinung vertritt. Aber das bedeutet doch, dass auch Paulus unterschiedliche Meinungen in der christlichen Gemeinde für möglich hält und diese Meinungen müssen keine trennende Bedeutung für die Gemeinschaft haben. Warum besteht Paulus dann hier so nachdrücklich darauf, nach einer „gnomä“ zu streben?

Im Alten Testament kann das Wort „gnomä“ in den Büchern Esra und Daniel zur Übersetzung des hebräischen Wortes „te‘em“ verwendet werden; das kommt von dem Wort „Schmecken“, kann also „Geschmack“ bedeuten, aber wenn es um einen König oder um Gott geht, wird das, was nach seinem Geschmack zu geschehen hat, zu einem Befehl. Wenn Paulus das Wort „gnomä“ an dieser Stelle so gebraucht (und er kannte definitiv seine griechische Bibel), dann geht es ihm hier wohl nicht um ein und dieselbe Meinung im Blick auf jede beliebige Streitfrage. Es geht ihm um Einigkeit in dem, was ganz zentral dem Willen und Befehl Gottes entspricht. Und was befiehlt Gott als wichtigstes Gebot? „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst!“ Nicht um Rechthaberei, nicht um eine Einheitsmeinung geht es also, sondern darum, der Liebe und dem Frieden nachzujagen, auch im Miteinander der Konfessionen.

EG 268: Strahlen brechen viele aus einem Licht

Weiter lesen wir im Evangelium nach Lukas 22:

24 Es erhob sich auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen als der Größte gelten solle.

25 Er aber sprach zu ihnen: Die Könige herrschen über ihre Völker, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen.

26 Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste und der Vornehmste wie ein Diener.

27 Denn wer ist größer: der zu Tisch sitzt oder der dient? Ist‘s nicht der, der zu Tisch sitzt? Ich aber bin unter euch wie ein Diener.

28 Ihr aber seid‘s, die ihr ausgeharrt habt bei mir in meinen Anfechtungen.

29 Und ich will euch das Reich zueignen, wie mir‘s mein Vater zugeeignet hat,

30 dass ihr essen und trinken sollt an meinem Tisch in meinem Reich und sitzen auf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels.

Jesus ruft uns also ganz bewusst dazu auf, es nicht so zu machen wie die normalen Herrschenden in der Welt. Wer unter uns groß sein will, soll bereit sein zu dienen. Und wer dienen will, soll dieses Dienen nicht missbrauchen, um andere zu manipulieren. Konflikte dürfen durchaus wahrgenommen werden, man kann, wie Paulus es tat, sie offen ansprechen und nach Lösungen suchen.

Heute gibt es Meinungsverschiedenheiten, die manchmal zwischen den Konfessionen als so gewichtig empfunden werden, dass manche neue Spaltungen für notwendig halten. Ich denke an die Haltung gegenüber homosexuell lebenden Christinnen und Christen, die sich in ihrer Partnerschaft als von Gott gesegnet erleben und diesen Segen auch von Repräsentanten ihrer Kirche empfangen möchten; die Zahl dieser Menschen mag nicht hoch sein, dennoch schlägt gerade dieses Thema hohe Wellen. Können wir es in Liebe aushalten, dass wir in solchen Fragen sehr unterschiedliche Haltungen vertreten?

Harte Konflikte gibt es auch um ganz alte Themen wie die Kinder- oder Erwachsenentaufe, um die gemeinsame Feier des Abendmahls oder um die Frage, ob die Bibel in allen Teilen wortwörtlich auszulegen ist oder ob auch eine symbolische Auslegung mit den zentralen Glaubensinhalten vereinbar ist. Oder es brechen Konflikte auf, wenn manche Christen die Frage stellen, ob und wie wir auch gemeinsam mit Menschen anderer Religionen zu Gott beten können.

Ich erwähne heute bewusst solche Punkte, die in den christlichen Konfessionen und manchmal auch in ein und derselben Konfession umstritten sind. Manche Meinung bleibt beim besten Willen trennend zwischen uns stehen. Aber wir sind guter Hoffnung, dass uns Christus selbst in seiner Nachfolge vereint und zusammenschmiedet. Ihm allein ist ja alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben; seinem Befehl allein sind wir unterworfen; und sein Befehl besteht darin, dass wir Gott zu lieben haben und unseren Nächsten wie uns selbst. Amen.

EG 266: Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen

Liebender Gott, angesichts von Konflikten und Spaltungen schenkst du uns den Mut zur Wahrnehmung der Meinungen, die uns trennen, und zugleich den Mut zur lebendigen Wahrheit in Jesus Christus, die uns verbindet. Wenn wir dich suchen, Herr, schenke uns deinen Heiligen Geist, dass er uns zu Bauleuten der Versöhnung macht. Hilf uns, einmütig und eines Sinnes zusammenzustehen und unterschiedliche Meinungen nicht mehr als trennende Mauern zwischen uns aufzubauen. So bitten wir dich durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Vater unser

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen.

EG 483: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden

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