Beten ist das Atmen der Seele

In der Trauerfeier für einen sehr alten Mann mache ich mir Gedanken über Gott, der die Liebe ist, und über das Beten, das man als ein Atmen der Seele verstehen kann, ein Mitschwingen mit der Liebe, in der wir getragen sind und die uns zur Verantwortung herausfordert.

Beten ist das Atmen der Seele: Ein Mann mit dem Kopf im Nacken und geweiteter Brust wendet sein Gesicht der Sonne zu

Gott ist die Liebe – Beten das Atmen der Seele (Bild: makunin – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, weil Herr G. im Alter von [über 90] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns an sein Leben, an dem er bis zuletzt gehangen hat. Wir denken an die Liebe, die sein Leben reich gemacht und ihn wie ein unsichtbares Band mit denen verbunden hat, die ihm am nächsten standen. Wir begleiten einander auf dem Weg der Trauer und besinnen uns auf den Sinn unseres eigenen Lebens.

Und wir denken nach über Gott, der die Quelle der Liebe ist, aus der und von der wir leben. Begrenzt ist unser Leben und doch umschlossen von der Ewigkeit der Liebe.

Wir hören Worte aus dem Buch eines biblischen Philosophen, des sogenannten Predigers; dem weisen König Salomo werden solche Worte zugetraut, ob er selber sie geschrieben hat, ist unwahrscheinlich (Prediger 3, 1-13 – Elberfelder Bibel revidierte Fassung 1993 © 1994 R. Brockhaus Verlag, Wuppertal):

1 Für alles gibt es eine bestimmte Stunde. Und für jedes Vorhaben unter dem Himmel gibt es eine Zeit:

2 Zeit fürs Gebären und Zeit fürs Sterben, Zeit fürs Pflanzen und Zeit fürs Ausreißen des Gepflanzten,

3 Zeit fürs Töten und Zeit fürs Heilen, Zeit fürs Abbrechen und Zeit fürs Bauen,

4 Zeit fürs Weinen und Zeit fürs Lachen, Zeit fürs Klagen und Zeit fürs Tanzen,

5 Zeit fürs Steinewerfen und Zeit fürs Steinesammeln, Zeit fürs Umarmen und Zeit fürs sich Fernhalten vom Umarmen,

6 Zeit fürs Suchen und Zeit fürs Verlieren, Zeit fürs Aufbewahren und Zeit fürs Wegwerfen,

7 Zeit fürs Zerreißen und Zeit fürs Zusammennähen, Zeit fürs Schweigen und Zeit fürs Reden,

8 Zeit fürs Lieben und Zeit fürs Hassen, Zeit für Krieg und Zeit für Frieden.

9 Welchen Gewinn hat also der Schaffende bei dem, womit er sich abmüht ?

10 Ich habe das Geschäft gesehen, das Gott den Menschenkindern gegeben hat, sich darin abzumühen.

11 Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk nicht ergründet, das Gott getan hat, vom Anfang bis zum Ende.

12 Ich erkannte, dass es nichts Besseres bei ihnen gibt, als sich zu freuen und sich in seinem Leben gütlich zu tun.

13 Aber auch, dass jeder Mensch isst und trinkt und Gutes sieht bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

Liebe Trauergemeinde, liebe Frau G.,

wir haben uns in unseren Gespräch Gedanken gemacht, was wir eigentlich meinen, wenn wir von Gott reden. Einig waren wir uns darin, dass wir gut daran tun, an die Liebe zu glauben. Und wenn die Bibel sagt: „Gott ist Liebe“, dann stellen wir uns Gott jedenfalls nicht vor wie einen Mann mit allzu menschlichen Eigenschaften, der die Welt mehr schlecht als recht zu regieren versucht, sondern wir ahnen vielleicht, was die Bibel meint, dass wir Menschen nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind: als Abbilder eben der Liebe, die er selber ist. Als Menschen, die lieben können, auf Liebe antworten können, sind wir geschaffen, zur Liebe sind wir berufen. Und dankbar sein für die Gaben Gottes, das würde dann bedeuten, dass wir vor allem die Gabe der Liebe in unserem Leben dankbar annehmen, indem sie in uns Wurzeln schlägt und uns verwandelt und wir sie weitergeben.

Nun ist die Welt, in der wir leben, nicht überall von Liebe durchdrungen. Darum erzählt die Bibel sehr realistisch auch eine ganze Menge von Sünde, womit sie schlicht die Haltung des Menschen meint, die sich gegen Liebe und Vertrauen immun macht und nur die eigene Selbstbehauptung sucht. Und Gott wird in der Bibel als diejenige Macht geschildert, die nicht müde wird, um die Menschen zu werben und zu ringen und sie auf den Weg der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens zurück zu führen.

Das ist der wahre Grund, aus dem wir Weihnachten feiern – in Jesus erscheint Gottes Liebe leibhaftig in der Welt, er liefert sich den Menschen aus, er hört nicht auf, sie zu lieben, nicht einmal dann, als sie seine Liebe nicht aushalten, ihn mit dem Tod bedrohen, ja, wirklich töten. Seine Auferstehung ist keine Wiederbelebung eines Toten, sondern der Aufstand der Liebe gegen die Todesmächte dieser Erde. Mit dem Glauben an die Auferstehung bezeugt die Bibel, dass die Liebe doch stärker bleibt als diejenigen, die der Liebe keine Chance lassen wollen.

Im Glauben an die Liebe, die stärker ist als der Tod, zeichnen wir das Leben von Herrn G. nach.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Jedenfalls hat er bis zum Schluss gerne gelebt. Er freute sich, jeden Morgen aufzuwachen und jeden Abend seine Frau vor dem Einschlafen umarmen zu können. Sie haben als Ehepaar viel Spaß miteinander gehabt, viel gelacht, viel geweint.

Er war nie eine Belastung für seine Ehefrau, konnte sich ihr bedingungslos anvertrauen. Geduld mit sich selber aufzubringen, das war für ihn allerdings schwerer als für alle, die ihn pflegerisch betreuten. Sie haben viel miteinander gelacht und menschliche Schwächen mit Humor getragen, zum Beispiel seine Schwerhörigkeit.

Übers Sterben hat er nie geredet, auch nicht über die Religion. Hat er an Gott geglaubt? Das können wir gar nicht sagen.

Lebt er nun weiter, so wie es Ihre Mutter von sich selber glaubte? Sie lebt weiter in Ihnen, in Ihrer Erinnerung, so wird auch Ihr Mann in Ihnen weiterleben. Aber wenn Gott die Liebe ist, an der unsere Liebe Anteil hat, ist auch die Vorstellung möglich, dass wir alle in Gottes Liebe aufgehoben, aufbewahrt bleiben.

In einem Brief der Bibel stehen zwei Verse über die Liebe, die ich sehr liebe (1. Johannes 4):

12 Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

16 Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm.

Aber muss man im Zusammenhang mit der Liebe von Gott reden? Vielleicht muss man es nicht, wenn wir einfach Liebe erfahren, empfangen, weitergeben, leben. Für mich ist es eine Hilfe, mir vorzustellen, dass alle menschliche Liebe von einer Liebe getragen ist, die größer ist als unsere unvollkommene Liebe. Ich vertraue darauf, dass Gott uns schon längst geliebt hat, bevor wir zu lieben fähig sind – insofern ist jede Liebe ein Geschenk, für die wir dankbar sein können.

Umgekehrt denke ich, dass man unbedingt von der Liebe reden muss, wenn wir von Gott reden wollen. Ein Gott, der nicht die Liebe ist, wäre kein Gott. Jedenfalls keiner, auf den man sein Vertrauen setzen könnte. Es wäre auch nicht der Gott der Bibel, obwohl dort auch viele Dinge stehen, die mit der Liebe nicht so viel zu tun zu haben scheinen – darüber könnten wir lange diskutieren und werden das vielleicht auch noch tun, wie gesagt, in unseren Bibelkreis ist noch viel Platz gerade auch für kritische Geister.

Ein Gedanke von Ihnen hat mich sehr angesprochen. Sie haben gesagt, dass Beten für Sie das „Atmen der Seele“ ist. Ich finde, das ist ein wunderbares Bild; man muss sich das Beten also nicht unbedingt wie ein Zwiegespräch zwischen zwei Personen vorstellen, sondern es kann sich um ein Mitschwingen mit der Liebe handeln, in der wir sowohl geborgen als auch zum selber Lieben herausgefordert sind.

In diesem Sinne möchte ich Sie zum Gebet für Herrn G. einladen.

Du, Gott, bist die Liebe, und dir vertrauen wir Herrn G. in seinem Tode an. In dir bleibt er aufgehoben, geht er nicht verloren, bleibt er bewahrt in Ewigkeit. Wer ihn geliebt hat, wer ihm nahestand, ist traurig und wird ihn vermissen. Zugleich ist da auch die Dankbarkeit für alles, was ihm in diesem Leben geschenkt war und was andere durch ihn an Gutem erfahren konnten. Lass uns die Liebe bewahren, die wir füreinander empfunden und einander geschenkt haben.

Du, Gott, bist die Liebe, die uns trägt. Von dir kommt unser Leben und unsere Fähigkeit zu lieben. Unsere Wünsche, unser Gefühlschaos, unsere innere Leere breiten wir aus mit der Bitte, dass uns die Liebe nicht verlässt, dass wir Halt und Orientierung finden, auch wenn wir nicht wissen, woran wir glauben und worauf wir uns verlassen sollen. Wir möchten aushalten, was wir fühlen und brauchen Kraft, um unser Leben auch in der Zukunft zu meistern.

Du, Gott, bist die Liebe: wir bitten dich: Lass niemanden allein, der Hilfe braucht, hilf uns, für die Menschen da zu sein, die uns anvertraut sind, und lass uns niemals vergessen, wie kostbar unser Leben ist. Amen.

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