Auf eigenen Füßen stehen

Der Gelähmte erinnert mich an einen Mann, der mich oft auf dem Wochenmarkt fragt: „Ham Sie ein bisschen Kleingeld für mich?“ Und jedes Mal denke ich: Er bekommt Unterstützung vom Staat. Er bettelt sich was dazu. Sollte ich ihn einmal ansprechen, ähnlich wie Petrus? „Sie wissen doch, dass ich Ihnen kein Geld gebe. Wo drückt Sie denn wirklich der Schuh?“

Petrus und Johannes heilen einen Gelähmten am Tor des Tempels

Petrus und Johannes heilen einen Gelähmten am Tor des Tempels (Foto: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 12. Sonntag nach Trinitatis, den 3. September 2006, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße Sie und euch herzlich mit dem Wort zur Woche aus dem Buch Jesaja 42, 3:

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

So spricht Gott durch den Mund des Propheten Jesaja vom Messias, der kommen sollte und in Jesus Christus gekommen ist.

Wir feiern Gottesdienst, weil Gott Wunder tut. Vielleicht werden wir uns wundern, welche Wunder auch an uns und durch uns geschehen können.

Lied 303, 1+5+6+8:

1. Lobe den Herren, o meine Seele! Ich will ihn loben bis in‘ Tod; weil ich noch Stunden auf Erden zähle, will ich lobsingen meinem Gott. Der Leib und Seel gegeben hat, werde gepriesen früh und spat. Halleluja, Halleluja.

5. Zeigen sich welche, die Unrecht leiden, er ist’s, der ihnen Recht verschafft; Hungrigen will er zur Speis bereiten, was ihnen dient zur Lebenskraft; die hart Gebundnen macht er frei, und seine Gnad ist mancherlei. Halleluja, Halleluja.

6. Sehende Augen gibt er den Blinden, erhebt, die tief gebeuget gehn; wo er kann einige Fromme finden, die lässt er seine Liebe sehn. Sein Aufsicht ist des Fremden Trutz, Witwen und Waisen hält er Schutz. Halleluja, Halleluja.

8. Rühmet, ihr Menschen, den hohen Namen des, der so große Wunder tut. Alles, was Odem hat, rufe Amen und bringe Lob mit frohem Mut. Ihr Kinder Gottes, lobt und preist Vater und Sohn und Heilgen Geist! Halleluja, Halleluja.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 147:

1 Halleluja! Lobet den HERRN! Denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding, ihn loben ist lieblich und schön.

3 Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden.

4 Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen.

5 Unser Herr ist groß und von großer Kraft, und unbegreiflich ist, wie er regiert.

6 Der HERR richtet die Elenden auf und stößt die Gottlosen zu Boden.

11 Der HERR hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, du kommst zu uns durch deinen Sohn Jesus Christus, nicht um Glauben zu fordern, sondern um Vertrauen zu wecken. Du kommst zu uns Sündern, nicht um uns zu bestrafen, sondern um uns Vergebung und einen neuen Anfang zu schenken. Behutsam gehst du mit uns um, wenn wir kaum noch belastbar sind. Du traust uns zu, aufrecht zu gehen und uns für das Gute und gegen das Böse zu entscheiden. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Ja, „das geknickte Rohr wirst du nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wirst du nicht auslöschen.“

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, manchmal muss ein Wunder geschehen, wenn sich noch etwas ändern soll. Wenn Versöhnung zwischen alten Feinden möglich werden soll. Wenn andauernder Druck in Schule und Beruf von uns weichen soll. Wenn wir immer wieder in die gleichen Fehler und Angewohnheiten zurückfallen. Um kleine Wunder in unserem Alltag bitten wir dich, Gott, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Evangelium nach Markus 7, 32-35.37:

32 Sie brachten zu [Jesus] einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege.

33 Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel

34 und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf!

35 Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.

37 Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Lied 552: Einer ist unser Leben
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Wir hören den Text zur Predigt aus der Apostelgeschichte 3, 1-10:

1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.

2 Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen.

3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.

4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!

5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.

6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!

7 Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest,

8 er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.

9 Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.

10 Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

Liebe Gemeinde! Zwei krasse Geschichten haben wir gehört. Jesus macht einen Mann gesund, der gehörlos ist und nicht sprechen kann. Petrus und Johannes heilen einen Gelähmten.

Wer aufmerksam zugehört hat, wie ich den Gottesdienst begonnen habe, der hat vielleicht gemerkt, worauf ich heute hinaus will: Ich will von Wundern erzählen, die mit uns zu tun haben, die an uns, mit uns, durch uns geschehen können. Aber können uns die Geschichten dabei helfen, die wir gehört haben? Den gehörlosen Menschen, die heute Nachmittag hier in der Kirche Gottesdienst feiern, können wir doch nicht sagen: „Tu dich auf!“ und dann hören sie wieder. Und wenn jemand froh ist, dass er nach einer Knie-Operation wieder einigermaßen schmerzfrei laufen kann, würden wir doch nicht sagen: „Das hätten Sie einfacher haben können, als Christen heilen wir jede Lähmung einfach im Namen von Jesus Christus!“

So einfach ist es also nicht. Trotzdem stehen diese Geschichten in der Bibel und haben auch eine Bedeutung. Aber welche?

Es ist immer gut, sich sehr genau anzuschauen, was in der Bibel steht. Da kommt es oft auf jedes einzelne Wort an. Ich möchte das mit der zweiten Erzählung tun, die in der Apostelgeschichte des Lukas steht.

1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.

Schauplatz der Geschichte ist der jüdische Tempel in Jerusalem um drei Uhr am Nachmittag. Petrus und Johannes, gehen dorthin, um zu beten, genauso wie wir heute zur Kirche gehen.

2 Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen.

Eine dritte Person wird eingeführt: ein Mann wird buchstäblich zum Schauplatz hingetragen, weil er nicht laufen kann. Einen Einblick ins alltägliche Elend der Armut vermittelt uns Lukas; weil er nicht arbeiten kann, hat dieser Mann keine andere Chance zum Überleben als das Betteln. Dafür hat er sich einen guten Platz ausgesucht, denn am Eingang zum Tempel gehen viele Menschen aus und ein, die sich verpflichtet fühlen, armen Menschen zu helfen. Das war damals die Art, wie Sozialfürsorge funktionierte. Heute würde der Mann ALG 2 beantragen, damit er leben kann.

Aber nun geschieht in der Geschichte mehr als die Beschreibung der sozialen Situation eines Gelähmten:

3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.

4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!

5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.

Drei Sätze. Drei Mal kommt das Wort „Sehen“ vor.

3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.

Zuerst sieht der Gelähmte die beiden Männer, und er tut, was er immer tut. Ich muss unwillkürlich an einen Mann denken, den ich oft auf dem Wochenmarkt treffe und der fast immer fragt: „Ham Sie ein bisschen Kleingeld für mich?“ Und jedes Mal denke ich: Er bekommt Unterstützung vom Staat. Er bettelt sich was dazu. Es gibt andere, die meine Unterstützung notwendiger brauchen. Ich gebe ihm nichts.

Manchmal frage ich mich, was passieren würde, wenn ich mir etwas Zeit nehmen würde und sagen würde: „Mann, Sie wissen doch, dass ich Ihnen kein Geld gebe. Aber ich würde mich gern einmal mit Ihnen unterhalten. Wo drückt Sie denn wirklich der Schuh?“ Bisher habe ich es noch nicht getan. Allerdings weiß ich auch nicht, ob er sich darauf einlassen würde.

Petrus tut so etwas Ähnliches. Er fällt aus der Rolle.

4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!

Petrus tut das Unerwartete. Er lässt nicht einfach ein paar Münzen fallen, sondern blickt dem Bettler in die Augen und sagt ihm: „Sieh uns an!“ Es muss sich um ein besonderes Sehen handeln, denn der Bettler hatte die beiden ja schon gesehen. Aber eben nur als Almosengeber, als Geldkühe, die man melken kann, um es krass zu sagen. Jetzt sieht Petrus den Bettler als Person an und will von ihm als Person, als Gegenüber, als Mensch wahrgenommen werden.

Auffällig dabei ist, wie Petrus hier allein die Initiative ergreift und dabei doch seinen Begleiter mit in die Verantwortung nimmt. Er blickte ihn an „mit Johannes“. Er versteckt sich nicht hinter Johannes, handelt aber auch nicht einfach auf eigene Faust, sondern bezieht ihn in das mit ein, was er vorhat.

5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.

Der Bettler kann aus seiner Haut aber nicht einfach heraus. Wie soll er überleben, wenn er aufhört zu betteln? Damals war das anders als heute im Seltersweg: Es gab noch keine Unterstützung vom Staat. Er kann von Petrus und Johannes nichts anderes erwarten als Geld.

Dennoch: Petrus fällt noch einmal aus der Rolle.

6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!

Was soll man davon halten? Ist das normal, dass Petrus übernatürliche Kräfte hat, genau wie Jesus? Wenn ja, dann scheint die Geschichte mit uns genauso wenig zu tun zu haben wie vorhin die Heilung, die Jesus selber vollbracht hat. Petrus ist halt ein Wunderheiler, wir können es ihm aber leider nicht nachmachen.

Dann fällt mir etwas ein, was ich einmal selbst auf der Suchtstation einer psychiatrischen Klinik erlebt habe. Ich setzte mich gelegentlich zu den Patienten dazu, wenn sie ihre regelmäßige Gruppensitzung hatten und stellte mich ihnen als Seelsorger vor. Einmal fragte mich einer: „Sind Sie nur fürs Reden da oder auch fürs Helfen?“ Dabei machte er die typische Fingerbewegung, die deutlich machte, dass er unter Hilfe ein paar Mark für Tabak meinte. Ich habe ihm dann bewusst gesagt: „Ja, ich bin hier nur fürs Reden da. Aber vielleicht ist das für einige von Ihnen mehr, als wenn ich Ihnen ein paar Mark geben würde.“

Gott weiß, es kamen nicht viele, aber doch einige auf mich zu und wollten tatsächlich reden. Ich hatte nur Worte, konnte hoffen, dass sie auf fruchtbaren Boden fallen. „Hören Sie auf mit dem Saufen, ich weiß, dass Sie sich wie der letzte Dreck fühlen, aber das sind Sie nicht, Sie haben die Chance, da rauszukommen, aber nur Sie können entscheiden, ob Sie das wollen.“ Wie viele es tatsächlich geschafft haben, abstinent zu leben, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass diejenigen, die es geschafft haben, darin ein großes Wunder sahen. Sie dankten Gott jeden Morgen für den neuen Tag, den sie mit klarem Kopf beginnen konnten.

Ob Petrus sich mächtiger gefühlt hat als ich damals auf der Suchtstation? Auch er hat nur Worte anzubieten. Worte, im Namen Jesu ausgesprochen. „Steh auf und geh umher“, sagt er zu dem Gelähmten.

Und nun gibt es zwei Möglichkeiten, das, was da geschieht, weiterzudenken. Entweder wir stellen uns vor, dass Petrus im Namen Jesu, des Sohnes Gottes, handelt und sozusagen Gottes Allmacht anzapft. Er kann tun, was medizinisch unmöglich ist. Er beweist dadurch, dass Jesus wirklich Gottes Sohn war, und weckt in allen, die dafür offen sind, den Glauben an Jesus Christus. Wenn im Namen Jesu sogar Lahme gehen können, dann muss Jesus wirklich der Sohn Gottes sein, der uns vor der Sünde und vor dem ewigen Tod retten kann. Das ist die eine Möglichkeit.

Die andere Möglichkeit ist bescheidener und, wie ich finde, noch wunderbarer. Ich denke daran, dass die Bibel, wenn sie von Behinderungen, von Lähmungen, von Blindheit und Taubheit spricht, mehr meint als rein körperliche Begrenzungen. Es gibt Menschen, die sind blind oder gehörlos oder querschnittsgelähmt und sind trotzdem zufrieden mit ihrem Leben. Und es gibt Menschen, denen fehlt organisch nichts, sie sind aber dennoch unfähig, ihre Augen, Ohren, Arme oder Beine zu gebrauchen. Ein Grund dafür, wie ich in Seelsorgegesprächen immer wieder erfahre, ist die Zerstörung von Vertrauen im Leben dieser Menschen. Wenn ich einem Menschen oft genug sage, dass er nichts kann, zu nichts nütze ist, im Grunde kein Recht zu leben hat, dann kann er im Extremfall gar nichts mehr tun. Wie gelähmt wird er dasitzen und sich nichts zutrauen. Wenn ein Mensch immer mit doppelten Botschaften konfrontiert wird, so dass er denken muss: „Egal wie ich‘s mache, es ist immer verkehrt“, der wird sich in sich zurückziehen und in eine Lähmung verfallen, aus der er allein nicht mehr herauskommt. So ungefähr stelle ich mir die Behinderung des Mannes vor, dem Petrus und Johannes begegnen. Petrus sagt ihm: „Steh auf! Ich trau dir das zu! Im Namen Jesu rede ich zu dir. Im Namen Jesu, der dein Vertrauen verdient, weil er von Gott gekommen ist, von dem Gott, der barmherzig ist. Dieser Gott korrigiert nicht jeden deiner Schritte, kritisiert nicht alles, was du tust, straft dich nicht wegen jeder kleinen Sünde. Dieser Gott ist die Liebe und ist barmherzig mit dir und nimmt dich an, so wie du bist. Steh auf und geh umher, Jesus traut es dir zu, und ich glaube, davon hast du mehr, als wenn ich dir Gold oder Silber geben würde.“ Und die Worte des Petrus sind keine leeren Worte; er wartet nicht ab, ob der Mann Mut fasst, um aufzustehen, sondern er reicht ihm die Hand, wie Jesus es getan hatte, als Petrus im Meer seiner Angst zu versinken drohte:

7 Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest,

8 er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.

Petrus stößt den Mann nicht herum, sondern stützt ihn. Und das Wunder geschieht: der Mann traut sich, auf eigenen Füßen zu stehen. Er spürt, wie seine Füße und Knöchel ihn tragen. Sie werden nicht mehr weich, so bald er versucht, aufzutreten, er springt auf und läuft in aller Öffentlichkeit herum, geht sofort in den Tempel, springt sogar dort umher und lobt Gott.

Ich kenne selber Zeiten, in denen ich mich wie gelähmt fühle. Egal wo wir hinschauen, Menschen geraten unter Druck, brauchen immer mehr Hilfe, müssen mit immer weniger Zeit und Geld immer mehr leisten. Wo soll das hinführen? Wie sollen wir da noch fröhlich unsere Arbeit tun? Und dann so ein Satz von Petrus: „Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ Unsere eigene Kraft reicht vielleicht nicht aus. Jesus hilft uns mit seiner Kraft aus. Oder er zeigt uns, wie es der Paulus einmal erfuhr, dass unsere kleine Kraft für das ausreicht, was unsere Aufgabe ist. Mag sein, dass wir manchmal einfach zu viel wollen und dass wir unsere Ansprüche, was wir alles noch tun sollten und müssten, zurückschrauben dürfen und müssen.

Was damals mit dem Gelähmten geschieht, das geschieht in aller Öffentlichkeit. Und wie reagieren die Leute, die das mitbekommen?

9 Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.

10 Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

Die Menschen wundern sich und sie entsetzen sich. Noch bleiben sie in der Beobachterrolle, in der Distanz zu dem, was da geschieht. Wunder Gottes laden aber dazu ein, dass wir aus der Beobachterrolle heraustreten. Sich wundern und erschrecken, das sind erste Schritte, um Gott auch an uns selbst arbeiten zu lassen. Gott führt auch uns aus Lähmungen und Überforderungen heraus, traut uns zu, dass wir Aufgaben erfüllen, vielleicht nicht perfekt, aber so, dass durch uns Segen geschieht.

Ich möchte die Predigt schließen mit einem Morgengebet:

Gib mir Kraft für diesen Tag. Herr, ich bitte nur für diesen, dass mir werde zugewiesen, was ich heute brauchen mag.

Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 236: Ohren gabst du mir, hören kann ich nicht

Im Abendmahl sind wir eingeladen, zu spüren, dass Gott uns Kraft gibt für jeden Tag, im Brot schenkt er uns den Leib seiner Liebe. Im Kelch schenkt er uns eine Treue, die den Tod überdauert.

Gott, nimm von uns, was uns von dir trennt: Unglauben, Lieblosigkeit, Verzagtheit. Hochmut, Trägheit, Lebenslügen. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernst zu nehmen als den der groß ist in seiner Güte und Freundlichkeit zu uns Menschen. Würdig und recht ist es, uns selber anzunehmen als Menschen mit aufrechtem Gang, von Gott geliebt und verantwortlich für unser Leben. Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

Lasst uns beten!

Schenke uns die Einsicht, Gott, dass wir von dir Trost und Kraft bekommen.

Und manchmal nimmst du uns die Kraft, damit wir spüren: Es ist nicht selbstverständlich, stark zu sein.

Schenke uns deine Liebe, damit wir wissen: Wir sind nicht allein auf der Welt.

Unser Leben hat seinen Sinn in dir. In dir finden wir Ruhe und die Erfüllung, nach der wir uns sehnen. Und wenn wir sterben müssen, dann lass uns selig sterben und getrost Abschied nehmen von dieser Welt.

Zeige uns die Aufgabe, die du für uns vorgesehen hast. Und lass uns nicht unzufrieden sein, wenn es nur eine bescheidene Rolle ist, die wir spielen sollen.

Du ersparst uns nicht Leid und Tränen – aber lass uns in allen Sorgen und Nöten nicht allein! Amen.

Lied 394:

1. Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt! Wir gehn an unsers Meisters Hand, und unser Herr geht mit.

2. Vergesset, was dahinten liegt und euern Weg beschwert; was ewig euer Herz vergnügt, ist wohl des Opfers wert.

3. Und was euch noch gefangen hält, o werft es von euch ab! Begraben sei die ganze Welt für euch in Christi Grab.

4. So steigt ihr frei mit ihm hinan zu lichten Himmelshöhn. Er uns vorauf, er bricht uns Bahn – wer will ihm widerstehn?

5. Drum aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt! Wir gehn an unsers Meisters Hand, und unser Herr geht mit.

Abkündigungen

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag gehen – wer möchte, ist im Anschluss noch herzlich zum Beisammensein mit Kaffee oder Tee im Gemeindesaal eingeladen.

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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