„Sie breiteten das Wort aus“

Es reicht nicht, dass die Weihnachtsgeschichte passiert ist. Es muss auch gesehen und gehört werden, was geschehen ist, das Kind muss gefunden und erkannt werden. Nach dem für alle Menschen bedeutenden Ereignis geht es jetzt um die Öffentlichkeitsarbeit. Ein wenig erinnert mich das, was die Hirten jetzt tun, an die Arbeit von rasenden Reportern, von Berichterstattern für die Zeitung.

Die Hirten von Bethlehem strömen von allen Seiten zur Geburtsgrotte unterhalb der Häuser der Stadt

Die Hirten von Bethlehem (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst am 2. Weihnachtsfeiertag, 26. Dezember 2014, 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich im Weihnachtsgottesdienst in der Pauluskirche mit dem Bibelwort aus dem Evangelium nach Johannes 1, 14:

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.

Die Hirten von Bethlehem stehen heute im Mittelpunkt der Predigt. Was tun sie, nachdem sie die Botschaft der Engel gehört haben? Sie breiten das Wort aus. Sie sind die ersten Verkündiger des Evangeliums von Jesus Christus.

Auch in den Liedern, die wir heute singen, geht es immer wieder um die Hirten, denen zuerst bekanntgemacht wurde, welches Kind im Stall von Bethlehem geboren wurde.

Zu Beginn singen wir das Lied 48:

1. Kommet, ihr Hirten, ihr Männer und Fraun, kommet, das liebliche Kindlein zu schaun, Christus, der Herr, ist heute geboren, den Gott zum Heiland euch hat erkoren. Fürchtet euch nicht!

2. Lasset uns sehen in Bethlehems Stall, was uns verheißen der himmlische Schall; was wir dort finden, lasset uns künden, lasset uns preisen in frommen Weisen. Halleluja!

3. Wahrlich, die Engel verkündigen heut Bethlehems Hirtenvolk gar große Freud: Nun soll es werden Friede auf Erden, den Menschen allen ein Wohlgefallen. Ehre sei Gott!

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

„Kommet, ihr Hirten, ihr Männer und Fraun!“ Ein altvertrautes Lied, das merkwürdig politisch korrekt bereits vor langer Zeit davon ausgeht, dass das Hirtenvolk von Bethlehem nicht nur aus Männern, sondern auch aus Frauen und dann wohl auch Kindern bestanden hat.

Aber wieso eigentlich haben die Hirten einen solch wichtigen Platz in der Weihnachtsgeschichte? Warum sind sie die ersten menschlichen Zeugen, Verkündiger, Missionare der Frohen Botschaft von der Geburt Jesu?

Ich fand des Rätsels Lösung im Buch des Propheten Jeremia 33. Dort redet der Prophet Jeremia zunächst von der Hoffnung für das nach Babylon deportierte Volk Israel, für die zerstörte Stadt Jerusalem und vom Frieden, den er seinem Volk schenken will:

1 Und des HERRN Wort geschah zu Jeremia…:

2 So spricht der HERR, der alles macht, schafft und ausrichtet [sein Name bedeutet: „Ich bin für euch da“]:

3 Rufe mich an, so will ich dir antworten und will dir kundtun große und unfassbare Dinge, von denen du nichts weißt.

4 Denn so spricht der HERR, der Gott Israels, von den Häusern dieser Stadt…, die [zerstört] wurden…,

5 als ich mein Angesicht vor dieser Stadt verbarg um all ihrer Bosheit willen:

6 Siehe, ich will sie heilen und gesund machen und will ihnen dauernden Frieden gewähren.

9 Und das soll mein Ruhm und meine Wonne, mein Preis und meine Ehre sein unter allen Völkern auf Erden, wenn sie all das Gute hören, das ich Jerusalem tue. Und sie werden sich verwundern und entsetzen über all das Gute und über all das Heil, das ich der Stadt geben will.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Bis jetzt war in dem, was wir vom Propheten Jeremia gehört haben, noch keine Rede von irgendwelchen Hirten. Aber zur Verwüstung des Landes Israels gehörte auch, dass es dort gar kein Vieh und keine Hirten mehr gab. Jeremia verspricht den Menschen aber im Auftrag Gottes, dass es anders wird:

10 So spricht der HERR: An diesem Ort, von dem ihr sagt: »Er ist wüst, ohne Menschen und Vieh«, in den Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems, die so verwüstet sind, dass niemand mehr darin ist, weder Menschen noch Vieh,

11 wird man dennoch wieder hören den Jubel der Freude und Wonne, die Stimme des Bräutigams und der Braut und die Stimme derer, die da sagen: „Danket dem HERRN der Himmelsheere; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich“… Denn ich will das Geschick des Landes wenden, dass es werde, wie es im Anfang war, spricht der HERR.

12 So spricht der HERR…: An diesem Ort, der so wüst ist, dass weder Menschen noch Vieh darin sind, und in allen ihren Städten werden dennoch wieder Auen sein für die Hirten, die da Herden weiden.

Wir hören diesen letzten Satz mit Hoffnung für Menschen auch in unserer Zeit. Menschen, denen ihr Land geraubt wird, in Afrika, in Südamerika, Menschen, die sich sehnen nach einem Stück Land, das sie bewirtschaften können, nach Weide für ihr Vieh. „Es werden wieder Auen sein für die Hirten, die da Herden weiden.“ Wir rufen zu Gott, dass er sich der Armen erbarmt und uns dabei hilft, barmherzig zu sein:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Aber was hat das Kapitel 33 im Jeremiabuch mit der Weihnachtsbotschaft zu tun? Jeremia kündigt ja eine Zeit an, in der es wieder Auen für die Hirten geben wird, die da Herden weiden, Auen, also satte Weidegründe für Schafe und Ziegen. Und genau für diese Zeit kündigt er noch mehr an, nämlich einen gerechten Herrscher in Israel, einen Nachkommen des Königs David, den man auch den Gesalbten Gottes, den Messias oder auf Griechisch den Christus nennen kann:

14 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich das gnädige Wort erfüllen will, das ich zum Hause Israel und zum Hause Juda geredet habe.

15 In jenen Tagen und zu jener Zeit will ich dem David einen gerechten Spross aufgehen lassen; der soll Recht und Gerechtigkeit schaffen im Lande.

16 Zu derselben Zeit soll Juda geholfen werden und Jerusalem sicher wohnen, und man wird es nennen »Der HERR unsere Gerechtigkeit«.

So hängen die Hirten mit der Botschaft vom Davidssohn schon im Prophetenbuch Jeremia zusammen. In einer Zeit, in der wieder Hirten ihre Herden in Israel weiden, wird der von Gott versprochene Davidssohn, der König der Gerechtigkeit und des Friedens geboren werden.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, Vater Jesu Christi, du schenkst uns deinen Sohn als Friedenskönig und Heiland, als einen, der uns frei und heil macht. Zuerst hast du ihn als Messias deinem Volk Israel geschenkt, und wir danken dir, dass auch wir an ihn glauben und ihm nachfolgen dürfen. Hilf unsnun, weiter auf deine Weihnachtsbotschaft zu hören und sie in unser Herz aufzunehmen. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Lukasevangelium, Kapitel 2, Verse 1 bis 14:

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.

3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.

4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,

5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

12 Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:

14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 29 die Strophen 1, 3 und 4:

1. Den die Hirten lobeten sehre und die Engel noch viel mehre, fürchtet euch nun nimmermehre, euch ist geborn ein König der Ehrn. Heut sein die lieben Engelein in hellem Schein erschienen bei der Nachte den Hirten, die ihr‘ Schäfelein bei Mondenschein im weiten Feld bewachten: »Große Freud und gute Mär wolln wir euch offenbaren, die euch und aller Welt soll widerfahren.« Gottes Sohn ist Mensch geborn, ist Mensch geborn, hat versöhnt des Vaters Zorn, des Vaters Zorn.

3. Freut euch heute mit Maria in der himmlischen Hierarchia, da die Engel singen alle in dem Himmel hoch mit Schall. Danach sangen die Engelein: »Gebt Gott allein im Himmel Preis und Ehre. Groß Friede wird auf Erden sein, des solln sich freun die Menschen alle sehre und ein Wohlgefallen han: Der Heiland ist gekommen, hat euch zugut das Fleisch an sich genommen.« Gottes Sohn ist Mensch geborn, ist Mensch geborn, hat versöhnt des Vaters Zorn, des Vaters Zorn.

4. Lobt, ihr Menschen alle gleiche, Gottes Sohn vom Himmelreiche; dem gebt jetzt und immermehre Lob und Preis und Dank und Ehr. Die Hirten sprachen: »Nun wohlan, so lasst uns gahn und diese Ding erfahren, die uns der Herr hat kundgetan; das Vieh lasst stahn, er wird’s indes bewahren.« Da fanden sie das Kindelein in Tüchelein gehüllet, das alle Welt mit seiner Gnad erfüllet.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde!

Jedes Jahr hören wir die Weihnachtsgeschichte nach Lukas. Wenn wir mehrere Gottesdienste besuchen, an Heiligabend und an den Feiertagen, können wir sie sogar mehrmals hören. Ich denke, den meisten unter uns wird vertraut sein, was da von der Volkszählung durch Augustus, von Maria und Josef, von den Hirten auf dem Felde und von der Botschaft der Engel erzählt wird. Aber wenn ich Sie jetzt fragen würde, wie geht es danach weiter? Könnten Sie genau erzählen, wie die Weihnachtsgeschichte zu Ende geht? Ich gebe zu, ich könnte es, glaube ich, aus dem Kopf nicht in allen Einzelheiten wiedergeben. OK, die Hirten kommen und bestaunen das Kind. Aber was passiert dann? Warum erzählt der Evangelist einfach noch weiter, obwohl doch mit dem Gesang der Engelchöre der Höhepunkt des Weihnachtsgeschehens erreicht ist?

Wir werden sehen: Es reicht nicht, dass die Weihnachtsgeschichte passiert ist. Es muss auch gesehen und gehört werden, was geschehen ist, das Kind muss gefunden und erkannt werden. Nach dem für alle Menschen bedeutenden Ereignis geht es jetzt um die Öffentlichkeitsarbeit. Ein wenig erinnert mich das, was die Hirten jetzt tun, an die Arbeit von rasenden Reportern, von Berichterstattern für die Zeitung oder andere Medien.

Schauen wir einmal genauer nach, was uns Lukas davon zu erzählen weiß, in den Versen 15 bis 20 seines zweiten Kapitels.

15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

Die Engel sind wieder weg. Auf der Viehweide der Hirten von Bethlehem ist es wieder dunkel. Aber die Hirten machen nicht einfach so weiter wie vorher. Ihnen genügt es nicht, die Botschaft der Engel einfach nur gehört zu haben. Immerhin hat der Engel des Herrn ihnen gesagt: „Ihr werdet finden!“ Dazu müssen sie sich tatsächlich auf den Weg machen. Und das tun sie auch. Sie besprechen sich ausdrücklich über das, was sie vorhaben, und dabei benutzen sie eine eigenartige Formulierung: „Lasst uns die Geschichte sehen, die da geschehen ist.“ Für uns sind Geschichten erst einmal etwas, was man hören kann, nicht sehen. Für die Hirten ist das, wovon die Engel erzählt hatten, mehr als bloße Worte, es ist ein Geschehen, das mit ihnen selber zu tun hat, eine Geschichte, die gerade mit ihnen passiert. Geschichte kommt ja von dem Wort „geschehen“, und in den besten Geschichten kommen wir selber vor.

Kommen auch wir vor in der Geschichte, die da in Bethlehem geschehen ist? Können wir heute noch mit den Hirten nach Bethlehem gehen, mit ihnen gemeinsam sehen, was der Herr auch uns kund tut, mitteilt, bekannt macht?

16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Sie beeilen sich, die Hirten. Sie wollen ein spannendes Geschehen nicht verpassen. Und dann sind sie da, und was finden sie? Sie finden zwei erwachsene Menschen, ein Pärchen, Maria und Josef. Und dazu das Kind, wörtlich den Säugling, der ihnen vom Engel des Herrn angekündigt war, der im Futterplatz der Tiere liegt. Ist diese Formulierung von Lukas absichtlich so gewählt? Fällt der Blick der Hirten erst auf die Großen, die Erwachsenen, die Eltern des Kindes? Bleibt ihr Blick aber dann um so mehr an einem Kind hängen, das nicht in einem Bett, nicht in sauberer Bettwäsche liegt, nicht im Gastzimmer einer Herberge, sondern dort, wo die Tiere untergebracht sind, in einem Futtertrog, in einer Krippe. Es ist ein Flüchtlingskind. Eine Familie auf der Flucht, wie die vielen Asylbewerber in heutiger Zeit, bringt unter erbärmlichen Umständen ein Kind zur Welt; was die Hirten sehen, ist vordergründig ein Elend, das noch größer ist als ihr eigenes, denn sie gehören eigentlich zur untersten gesellschaftlichen Schicht, aber wer so entwurzelt ist, dass er sein Kind in einem Viehstall zur Welt bringen muss, der verdient noch mehr Mitleid.

Aber sie blicken diese kleine Familie gar nicht mit mitleidigen Augen an. Sie finden bestätigt, was ihnen der Engel des Herrn gesagt hat. Der hat ja gesagt, dass sie genau so ein Kind finden würden. Und nun glauben sie dem Engel auch die Freude, die er ihnen und allem Volk verkündet hat, dass dieses neugeborene Kind in einem Stall des Ortes Bethlehem der Heiland ist, der Christus, der Herr.

Alle drei Ehrentitel meinen ungefähr dasselbe: Heiland: Jesus ist ein Befreier und Retter. Christus oder Messias: er ist der Gesalbte Gottes, ein König, der für sein Volk und die ganze Welt Frieden und Gerechtigkeit bringt. Herr, griechisch Kyrios: Er macht dem Kaiser in Rom Konkurrenz, denn eigentlich ließ der sich Kyrios nennen. Jesus ist eine andere Art Herr, aber auf lange Sicht mächtiger durch die Macht seiner Liebe, als es ein Kaiser von Rom durch seine militärische Macht jemals sein könnte. Wenn den Hirten das klar wird, dann haben sie hier eine Nachricht vor Augen, die alle anderen Nachrichten in den Schatten stellt, eine frohe Botschaft, ein Evangelium, das möglichst rasch allen Menschen bekannt gemacht werden sollte.

17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

Was tun die Hirten, als sie das Kind sehen? Sie scheinen gar nicht lange an der Krippe zu verweilen, sie fangen sofort an, das Wort „auszubreiten“, das ihnen der Engel des Herrn von diesem Kind gesagt hatte. „Ausbreiten“, was ist damit gemeint? Im Originaltext steht eigentlich einfach „bekannt machen“. Ich denke mir, dass die Hirten zunächst einmal Maria und Josef selbst erzählen, was sie vom Engel gehört haben. Aber dann rennen sie wohl auch schnell in die nächsten Dörfer und überall in die Umgebung, um die sensationelle Nachricht loszuwerden: Der Heiland ist geboren, der Messias ist endlich da!

18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

Das Wort „wundern“ ist für unsere modernen Ohren vielleicht missverständlich. Es geht um ein „Staunen“, wie später die Menschen darüber staunen, dass Jesus einen stummen Menschen heilen oder Wind und Wellen auf stürmischer See zur Ruhe bringen kann. Wer etwas mit einem solchen Staunen hört, der wundert sich zwar einerseits, ob eine solche Geschichte wahr sein kann, zugleich aber ist ihm bewusst, dass hier wirklich etwas Großes, Bedeutendes geschieht, ein Ereignis, durch das die eigene Sicht der Dinge vielleicht vollständig durcheinander gerät. Besonders staunen viele damals vielleicht auch deswegen, weil es ausgerechnet das armselige Volk des Landes, die unterste Unterschicht der Gesellschaft, ist, die diese unglaubliche Geschichte von einer Befreiung erzählen, die endlich kommen soll.

Können wir noch staunen über die Weihnachtsgeschichte? Kann die Geburt Jesu, die Tatsache, dass Gott in dieser Welt als ein Menschenkind Fleisch und Blut angenommen hat, unser Leben entscheidend beeinflussen, bringt diese Geschichte unser Weltbild, unseren gesunden Menschenverstand irgendwie durcheinander? Wird unsere Welt anders, wenn in ihr ein Heiland auftaucht, einer, der die wunden Punkte sieht und aufspürt, was weh tun kann, aber nicht, um alles noch schlimmer zu machen, sondern um Wege zur Heilung zu zeigen? Wird unsere Welt anders, wenn Jesus wirklich der Messias Israels und wirklich der Herr der ganzen Welt ist, wenn er uns mehr zu sagen hat als jeder andere Mensch auf der Welt?

19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

Der Evangelist Lukas (oder war es vielleicht eine Evangelistin, die Luka hieß?), hat ein erstaunliches Interesse an der Mutter Jesu. Bereits aus der Zeit ihrer Schwangerschaft hatte Lukas erzählt, dass Maria ein Loblied sang, in dem sie ausführlich auf die großen Taten Gottes eingeht, die er für sie getan hat, aber auch für viele andere Menschen tun wird. Und jetzt schildert Lukas sie wieder als eine sehr nachdenkliche Frau, die alle Worte, die sie von den Hirten gehört hat, in ihrem Herz wie in einer Schatzkiste aufbewahrt und bewegt. Ich stelle mir vor, dass sie regelrechte Diskussionen in ihrem Innern veranstaltet und sich fragt, wie das wohl zugehen wird, wenn ihr Sohn erwachsen ist, auf welche Weise all das wahr werden wird, was ihr damals der Engel Gabriel und jetzt die Hirten angekündigt haben. Hier spüren wir: Es geht bei dem, was die Hirten ausbreiten, nicht um eine Eilmeldung nur für den heutigen Tag, die morgen schon vergessen sein wird. Diese frohe Botschaft wirkt nachhaltig, sie bleibt wichtig für alle Tage, bis in unsere Zeit.

20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Dieses Umkehren hatte ich bisher immer missverstanden. Ich hatte gedacht, dass die Hirten erst jetzt vom Stall weggehen. Aber sie waren doch schon vorher weggegangen und hatten das Wort des Engels ausgebreitet. Wieso gehen die Hirten zwei Mal weg? Als ich jetzt die Predigt vorbereitete, ist mir klar geworden: Tun sie gar nicht! Sie gehen nicht zwei Mal weg. Sie kehren, nachdem sie die Botschaft von der Geburt des Messias ausgebreitet haben, zu ihren Herden zurück. Öffentlichkeitsarbeit ist nicht alles. Selber im Alltag die neue Botschaft in die Tat umsetzen, das eigene Leben ändern, das ist mindestens ebenso wichtig. Übrigens leuchtet in dem, was die Hirten tun, schon ein wenig von dem auf, was die Bewegung um Jesus später tun wird: Als Wanderprediger in Israel wird er mit seinen Jüngern unterwegs sein, und noch später, nach Jesu Tod und Auferstehung, werden die Apostel das ganze Evangelium von Jesus Christus noch weiter ausbreiten in die Welt hinein, durch die Zeiten hindurch, bis in unsere Zeit.

Und immer wieder gehört nicht nur das Ausbreiten des Evangeliums, nicht nur Mission und Öffentlichkeitsarbeit zur Aufgabe der Kirche, sondern auch das Zurückkehren in die eigene, normale Lebenswelt. Sie soll im Licht des Evangeliums neu gestaltet werden. Was damals geschieht, als die Hirten umkehren in ihr armes Hirtenleben, das wird uns schon morgen oder in den nächsten Tagen ebenfalls passieren, wenn wir nämlich nach Weihnachten wieder in unseren normalen Alltag zurückkehren. Wie wir diesen Alltag nach Weihnachten gestalten können, dafür geben uns die Hirten ein schönes Beispiel: Wir können Gott loben und verherrlichen. Wir können uns und anderen jeden Tag neu etwas davon klarmachen, wer in unserer Welt wirklich der Herr ist, wer das Sagen hat. Die Hirten haben etwas gehört, sie haben etwas gesehen, aber wichtig an dem, was sie gesehen haben, ist, was ihnen darüber vom Engel des Herrn gesagt worden ist. Worte, die uns gesagt sind, auch an diesem Weihnachtsfest, können wir hören, können wir sehen, können wir mitnehmen in unseren Alltag nach Weihnachten. Werden wir bei dem, was wir tun, was wir lassen, es mit Dankbarkeit tun? Werden wir uns hin und wieder fragen: Was würde Jesus dazu sagen?“

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 33:

1. Brich an, du schönes Morgenlicht, und lass den Himmel tagen! Du Hirtenvolk, erschrecke nicht, weil dir die Engel sagen, dass dieses schwache Knäbelein soll unser Trost und Freude sein, dazu den Satan zwingen und letztlich Frieden bringen.

2. Willkommen, süßer Bräutigam, du König aller Ehren! Willkommen, Jesu, Gottes Lamm, ich will dein Lob vermehren; ich will dir all mein Leben lang von Herzen sagen Preis und Dank, dass du, da wir verloren, für uns bist Mensch geboren.

3. Lob, Preis und Dank, Herr Jesu Christ, sei dir von mir gesungen, dass du mein Bruder worden bist und hast die Welt bezwungen; hilf, dass ich deine Gütigkeit stets preis in dieser Gnadenzeit und mög hernach dort oben in Ewigkeit dich loben.

Nun feiern wir an Weihnachten das heilige Abendmahl.

Großer Gott, der du deine Weihnachtsbotschaft zuerst den Hirten auf ihrer Schafweide bekannt gemacht und sie als die ersten Verkündigern des Evangeliums berufen hast: Lass uns auch hören und sehen und weiterverbreiten, was mit Jesus in unser Leben und unsere Welt kommt. Hilf uns Frieden schaffen, gib uns Halt und Rat, Trost und Mut. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Liebe und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, dich, Gott Vater im Himmel, in deinem Sohn Jesus Christus zu erkennen als Heiland der Welt, als Befreier und Retter, als den, der Zerrissenheit heilt in unseren Seelen und in der Gesellschaft der Menschen. Dich preisen wir, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

Gottes Engel erscheint vor armen Hirten, verspricht ihnen Frieden und einen gerechten Herrscher; es wird wahr, was der Prophet Jeremia geschaut hatte, eine Zeit, in der Hirten ihr Vieh auf ihren Weiden hüten und in der sie wunderbare Dinge hören von dem Jesuskind, das ganz in ihrer Nähe geboren wird. Auch uns will Jesus regieren, unsere Herzen und Sinne beeinflussen. Auch uns will er zusammenschließen zu einer Gemeinschaft, die auf ihn hört und ihm nachfolgt. Mit seinem Brot will er uns stärken, nehmt es und gebt es weiter, den Leib seiner Liebe.

Herumreichen des Korbs

Ein guter Hirte setzt sein Leben für seine Schafe ein. Jesus ist der Gute Hirte, der sein Leben für uns gab. Empfangt den Kelch des Lebens, der Versöhnung, des Friedens!

Austeilen der Kelche

Gott schließt uns in Jesus zusammen zum Leib seiner Gemeinde – Menschen aus allen Nationen, Menschen jeder Herkunft, alt und jung, krank oder gesund. Geht hin im Frieden! Amen.

Fürbitten

Wir singen das Lied 53:

Als die Welt verloren, Christus ward geboren
Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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