Der Mensch – mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt

Trauerfeier für einen Mann, der religiös ein suchender Mensch war, mit Worten aus Psalm 8 zum Staunen über den kleinen Menschen, dem Gott die Krone einer unzerstörbaren Menschenwürde schenkt.

Ehre und Herrlichkeit: Eine Frau vor einer Blumenwiese bei Sonnenuntergang mit einer Krone aus Blumen

Der Mensch – gekrönt mit unzerstörbarer Menschenwürde (Bild: pixabay.com)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um gemeinsam einen schweren Weg zu gehen. Wir müssen Herrn T. zu Grabe tragen, der im Alter von [über 70] Jahren nach schwerer Krankheit gestorben ist.

Gott, du bist barmherzig und gnädig. Wir nehmen Abschied von einem Menschen und kommen zu dir mit unserer Trauer, mit unseren Erinnerungen, mit allem, was wir empfinden. Du kennst uns besser als wir selbst uns kennen, du bist uns näher als unsere eigene Haut. Wir Menschen machen uns Mühe, einander gerecht zu werden, wir lieben und werden geliebt, und manchmal machen wir es uns auch schwer. Du, Gott, wirst uns gerecht, weil du das Leben selbst bist, weil du die Liebe selbst verkörperst, weil du der bist, von dem alle Wege herkommen und zu dem alle Wege am Ende wieder hinführen. In deinem Namen, barmherziger Gott, gehen wir heute auch den Weg des Abschieds von Herrn T. Amen.

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 139:

1 HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,

10 so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -,

12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

13 Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß!

18 Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir.

23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.

24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

EG 365, 1-3+6:

1. Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir, führt mich durch alle Straßen, da ich sonst irrte sehr. Er reicht mir seine Hand, den Abend und den Morgen tut er mich wohl versorgen, wo ich auch sei im Land.

2. Wenn sich der Menschen Hulde und Wohltat all verkehrt, so find‘t sich Gott gar balde, sein Macht und Gnad bewährt. Er hilft aus aller Not, errett‘ von Sünd und Schanden, von Ketten und von Banden, und wenn‘s auch wär der Tod.

3. Auf ihn will ich vertrauen in meiner schweren Zeit; es kann mich nicht gereuen, er wendet alles Leid. Ihm sei es heimgestellt; mein Leib, mein Seel, mein Leben sei Gott dem Herrn ergeben; er schaff’s, wie’s ihm gefällt!

6. Auch wenn die Welt vergehet mit ihrem Stolz und Pracht, nicht Ehr noch Gut bestehet, die wir so groß geacht‘: wir werden nach dem Tod tief in die Erd begraben; wenn wir geschlafen haben, will uns erwecken Gott.

Liebe Frau T., liebe Trauernde, wir wollen uns in Ruhe erinnern an das Leben des Verstorbenen und sammeln um Gottes Wort. Denn zum Abschiednehmen gehört beides: die Erinnerung an das, was gewesen ist, und die Suche nach Trost in dem, was heute weh tut.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Nun ist Herr T. an seiner schweren Krankheit verstorben. Sie denken heute daran, was er Ihnen bedeutet hat, was Sie ihm verdanken. Ereignisse tauchen aus der Erinnerung auf, vieles, was vorbei ist, einiges, was nachwirkt, manches, was erst noch bewältigt werden muss. Ein wenig Zeit dürfen wir uns nun nehmen, um Gedanken und Gefühle schweifen zu lassen, um den Erinnerungen in uns Raum zu geben. Leise Musik von der Orgel begleitet uns dabei.

Orgelmeditation

Liebe Gemeinde, wenn wir von einem Menschen Abschied nehmen, dann spielen neben den Erinnerungen auch andere Überlegungen eine Rolle. Wir fragen uns nach dem Sinn dieses Lebens, war es erfüllt, ist es an einem Ziel angelangt? Wir fragen uns nach der Bedeutung unseres Lebens, was sind wir wert, was spielen wir für eine Rolle in der Welt, wenn wir doch sterben müssen? In der Regel stellen wir uns solche Fragen eher selten, zumindest reden wir nicht so oft darüber. Von Herrn T. haben Sie mir erzählt, dass er zuweilen über religiöse Fragen diskutiert hat, dass er ein suchender Mensch war, dass er seinen eigenen Glauben gehabt hat, auch wenn er mit der Kirche nicht so viel anfangen konnte.

Aber wie könnte man auf die eben gestellten Fragen nach dem Sinn und Wert eines Menschenlebens antworten? Als ich nach dem Gespräch mit Ihnen nach Hause fuhr, da fiel mir eine ähnliche Frage aus einem Psalm der Bibel ein: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ Es ist eine Frage, die im Psalm 8 steht, in einem Gebet, das sich an Gott richtet. Ich lese aus diesem Psalm einige Sätze:

4 Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitest hast:

5 was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

6 Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

Da ist einer, der schaut den Himmel an, bestaunt die Natur, die Gott geschaffen hat, und schaut gleichzeitig auf den kleinen Menschen, der in dieser großen Welt lebt. Was ist der Mensch, was ist er wert, wie kommt es eigentlich, dass sich Gott um Lebewesen kümmert, die so winzig sind angesichts des großen Weltalls? „Was ist des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“

Ich höre förmlich, wie dieser Mensch stammelnd die richtige Worte sucht, ich sehe plastisch vor mir, wie er den Kopf schüttelt, weil er es einfach nicht fassen kann, dass wir Menschen einem All-umfassenden göttlichen Wesen in irgendeiner Form wichtig sein könnten. Er zweifelt nicht an Gott, aber er zweifelt am Menschen. Wenn wir heutzutage außerdem auch noch an Gott zweifeln, wird alles noch schlimmer: denn in einer Welt ohne Gott sind wir unpersönlichen Schicksalsmächten ziemlich hilflos ausgeliefert, und dem großen Universum um uns herum sind wir gleichgültig.

Das Schöne am 8. Psalm ist nun, dass dort der Zweifel am Menschen überwunden wird. Es fängt mit dem Staunen darüber an, dass das offenbar wahr ist: Gott denkt an den Menschen, er kümmert sich um die Kinder der Menschen. Und dieses Staunen führt zu einer noch erstaunlicheren Antwort auf die Frage „Was ist der Mensch?“: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ Überhaupt nicht klein und unbedeutend soll sich der Mensch in der Welt fühlen, sondern nur wenig niedriger als Gott – er ist schließlich als Ebenbild seiner Liebe geschaffen, als Mann und Frau, wie es in der Schöpfungsgeschichte heißt.

Die Worte „Ehre und Herrlichkeit“ wirken für uns moderne Menschen vielleicht nicht ganz zeitgemäß; gemeint ist in unseren Worten: wir haben von Gott unsere unverlierbare Menschenwürde bekommen, wir alle, jeder Mensch, jede Frau, jeder Mann, auch der Verstorbene, dessen Leben nun abgeschlossen ist. Wie die Krone eines Königs ist unsere Menschenwürde etwas, was uns niemand nehmen kann, selbst wenn andere Menschen uns ablehnen oder demütigen und selbst wenn wir selber uns für den letzten Dreck halten.

Nein, in Gottes Augen gibt es keine wertlosen Menschen, vor Gott ist jeder einzelne von uns kostbar und liebenswert. Spätestens am Ende eines Lebens, wenn nichts mehr geändert werden kann an der Vergangenheit, dürfen wir uns klarmachen: Da hat einer gelebt, der von Gott geliebt war. Da ist einer gestorben, der jetzt aufgehoben und bewahrt ist in Gottes Liebe. Was ganz konkret der Sinn und die Erfüllung dieses besonderen Lebens war, das kann jeder von Ihnen nur ein Stück weit beschreiben und andeuten; ich könnte es nicht annähernd erfassen, auch wenn ich alles zusammentragen würde, was Sie mir erzählen würden. Aber ich bin überzeugt, dass Gott genau weiß, welchen Sinn dieses Leben hatte und dass das innere Wesen dieses Mannes, seine Seele, wie wir sagen, in den Gedanken und Gefühlen Gottes ewig aufbewahrt bleiben. Ich kann mir ein Leben nach dem Tode zwar nicht „vorstellen“, weil es so etwas in unserer Welt, so wie wir sie kennen, nicht gibt. Aber ich bin gewiss: Dem ewigen Gott ist es nicht unmöglich, uns neu zu schaffen in einer anderen Welt, „im Himmel“, wie wir bildlich sagen, auf eine für uns völlig unvorstellbare Weise.

Diese Gedanken sind nicht dazu da, um über das Jenseits große Spekulationen anzustellen, nein, sie können uns Mut machen, den Verstorbenen im Laufe der Zeit immer mehr loszulassen, traurig zu sein und doch getröstet, allein zu sein und doch wieder offen für andere Menschen, mit gemischten Gefühlen kämpfen zu müssen und sich auch einmal darüber aussprechen zu können.

„Was ist der Mensch?“ Ein unendlich wertvolles Wesen, mit einer Würde, die ihm niemand nehmen kann, weil Gott niemals aufhören wird, ihn zu lieben! So dürfen wir auch Herrn T. in Erinnerung behalten und getrost den Weg der Trauer gehen. Amen.

EG 533: Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

Lieber Vater im Himmel. Du lässt die Betrübten nicht ungetröstet. Darum bitten wir dich: Gib uns getrostes Vertrauen auf dich, stärke uns in der Hoffnung auf deine Ewigkeit und für uns auch auf neues Leben vor dem Tod. Herrn T. vertrauen wir deiner Liebe an. Hab Dank für alle Treue, die du ihm erwiesen, und für allen Segen, den du uns durch ihn gegeben hast. Öffne unsere Augen für das, was den Sinn unseres Lebens ausmacht: nämlich all das, was uns durch dich geschenkt ist, guter Gott – deine Liebe zu uns, deine Begabungen an uns, dein Zuspruch und manchmal deine Zumutungen an uns, und all das, was uns durch deine Güte füreinander Gutes zu tun möglich ist. Und wenn wir in der Trauer manchmal ratlos sind und nicht wissen, was zu tun ist, dann dürfen wir auch einfach da sein und schweigen. Amen.

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