Orientierung beim Gott des Friedens

Ruine des World Trade Centers

Ruine des World Trade Centers (Foto: pixabay.com)

Aufgewühlt wie Millionen andere bin ich durch die Terroranschläge in den USA. „Gott, wie kannst du das zulassen?“ ist mein erstes Gebet.

Machtlos dem Terror ausgeliefert zu sein, gewaltsamem Tod durch fanatischem Hass – wie damit umgehen?

Ich höre von Frauen, die sich besorgt fragen, ob Nostradamus doch recht hatte mit seiner Prophezeiung, der Dritte Weltkrieg würde vom Nahen Osten ausgehen. Aber der Versuch, mit dieser Art von Weissagungen die Zukunft in den Griff zu bekommen, muss scheitern, ja schlägt in sein Gegenteil um: Die Beschwörung okkulter Mächte erzeugt in den unbewussten Tiefen unserer Seele so starke Ängste, dass wir ihnen mit unserem bewussten Denken nicht gewachsen sind. Saul, dem ersten König Israels, ging es nicht anders, als er in höchster Kriegsgefahr keinen anderen Ausweg mehr wusste, als durch ein Medium den toten Propheten Samuel aus dem Totenreich heraufzubeschwören (1. Samuel, Kapitel 28). Er besiegelte dadurch nur sein Schicksal, im Krieg zu sterben, konnte es auf diese Weise nicht aufhalten.

Kontrolle und Sicherheit wünschen wir, sind in einer von Gewalt erfüllten Welt unumgänglich, aber beides hat Grenzen. Vertrauen ist besser. Wir sind nirgendwo absolut sicher vor Anschlägen böser Menschen, aber wir sind getragen in der Liebe des Gottes, der in Jesus selbst den Terror-Tod am Kreuz erlitten und auf diese Weise ein für allemal den Hass der Welt überwunden hat. „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“, ruft uns der auferstandene Jesus zu (Johannes 16, 33).

So bete ich zu Gott mit einem Wort des Evangeliums nach Lukas 1, 79): „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“. Nur der Aufbau von Vertrauen zwischen Völkern und Religionen kann helfen, Fanatismus und Hass abzubauen. Die spontan veranstalteten Gottesdienste und das Glockenläuten in unseren Kirchen in diesen Tagen haben diesen Sinn: in Ratlosigkeit und Ängsten zusammenzustehen und beim Gott des Friedens Halt und Orientierung zu suchen.

Im Fernsehen sehe ich die Bilder von palästinensischen Kindern, die den Tod ihrer Feinde bejubeln. Ich bete mit einem Wort Jesu: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23, 34)

In der Zeitung lese ich heute morgen, wie in Gießen stationierte US-Soldaten von Vergeltung reden. Verständlich, ja. Aber kann Vergeltung das Leid der verletzten, getöteten, trauernden Menschen in Amerika ungeschehen machen? Soll Vergeltung das Gefühl der Machtlosigkeit bekämpfen, das der stärksten Weltmacht unwürdig ist? Aber ungezielte Vergeltung würde wieder unschuldige Menschenleben vernichten und neuen Hass schüren. Besonnenheit tut not.

Heute, am 12. September 2001, keine 24 Stunden nach den Anschlägen, treffe ich an der Bushaltestelle eine arabische Frau mit Kopftuch. Ihre schwarzhaarige Tochter spielt mit einem blonden deutschen Mädchen – beide kenne ich aus unserem evangelischen Kindergarten. Die Irakerin bejubelt nicht den Tod der Amerikaner. Doch sie erinnert mich an den Tod der irakischen Kinder, die gestorben sind, als amerikanische Flieger Hochhäuser in Bagdad getroffen haben. Noch eine Frau steht dabei, eine ältere, deutsche, sie hofft, dass die Menschen endlich lernen, in Frieden miteinander zu leben. Die beiden Kinder spielen unbefangen miteinander – hoffentlich werden sie nie angesteckt von fanatischem Hass.

Pfarrer Helmut Schütz

Diese Betrachtung erschien am 12. September 2001 zuerst auf der Bibelwelt-Homepage und außerdem in einer Reihe von Gemeindebriefen – „Ruf der Kirche“, „Heimatglocken“- in Oberhessen im Oktober 2001

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