Die Abhängigkeit vom Alkohol zerstörte sein Leben

Trauerfeier für einen Mann, dessen Ehe und Familienleben und letzten Endes auch Arbeitsfähigkeit und Gesundheit durch die Alkoholsucht zerstört wurde, mit Worten aus dem Psalm vom Guten Hirten.

Alkoholabhängigkeit zerstört Ehe und Familie: Im Wein, der aus einem umgefallenen Weinglas auf einen Tisch läuft, steht das Wort "Love" = "Liebe"

Eine Sucht stellt die Liebe in einer Familie auf eine harte Probe (Bild: JOERG-DESIGN – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind auf dem Neuen Friedhof zu Gießen versammelt, um von Herrn N. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 50] Jahren gestorben ist.

Worte aus dem Psalm 23, einem alten Lied der Bibel, helfen uns auszudrücken, was wir empfinden, woran wir glauben, worauf wir hoffen:

1 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Liebe Gemeinde!

Ist das wirklich wahr: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“? Ist das wahr: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang“?

Es ist eins der beliebtesten Stücke aus der Bibel, dieser 23. Psalm, den wir gebetet haben – vielleicht weil wir alle die Sehnsucht nach einem Leben ohne Mangel und voller Liebe und Barmherzigkeit in uns tragen.

Ob in einem Leben diese Sehnsucht erfüllt wurde, lässt sich schwer einschätzen, ein letztes Urteil über einen Menschen steht sowieso nur Gott zu, der in die Herzen der Menschen blicken kann. Auf jeden Fall aber darf ein Mensch darauf vertrauen, dass er in den finsteren Tälern dieses Lebens von Gott nicht allein gelassen wird.

Finstere Täler, schwer zu ertragende Erfahrungen, gab es im Leben des Verstorbenen allem Anschein nach genug. In eine Familie mit vielen Kindern hineingeboren, musste er schon im Kleinkindalter operiert werden. Als er seine Handwerkerlehre absolvierte, starben beide Eltern kurz nacheinander. Vielleicht hätte er mehr mütterliche oder väterliche Unterstützung gebraucht auf seinem Weg zum Erwachsenwerden.

Der Ernst des Lebens, der für ihn ja bereits in der Kindheit und Jugend begonnen hatte, ging weiter im Berufs- und Familienleben. Ihm war kein dauerhaftes Familienglück beschieden. Sie kannten ihn zwar als einen von Haus aus höflichen und zuvorkommenden Menschen, immer lustig und zahm wie ein Lämmchen. Allerdings galt dies nur, wenn er nicht zu viel getrunken hatte; es war wohl die Abhängigkeit vom Alkohol, die seine Ehe und sein Familienleben zerstörte. Seine Erfüllung im Beruf war immer wieder beeinträchtigt durch eine lange Reihe von Erkrankungen. Zum Schluss war er gar nicht mehr arbeitsfähig; er musste mit seinen Krankheiten leben.

All diese Dinge klingen nicht danach, als sei Herr N. vom Schicksal verwöhnt worden. Und doch geht sein Leben nicht auf in ein paar Fakten und Daten, die doch nicht erfassen können, was für ein Mensch er wirklich war.

Jeder hat große oder kleine Chancen im Leben, jedem Menschen werden große oder kleine Steine in den Weg gelegt, jeder ist herausgefordert, sein Leben zu meistern, jeder kann Erfolg haben oder scheitern. Aber was ist letzten Endes entscheidend im Leben?

Das steht, wenn wir Gott fragen, auf einem ganz anderen Blatt. Gott blickt uns nämlich wirklich ins Herz. Er nimmt wahr, wonach wir uns wirklich sehnen, und er nimmt uns an mit unseren Schwachheiten. Er spricht uns an auf unsere Verantwortung, und er ist bereit zu vergeben, wenn wir scheitern.

„Der Herr ist mein Hirte“, dieser Glaubenssatz sieht uns nämlich nicht als unmündige Schafe, sondern als Menschen, die sich vor einem Gott verantworten müssen, der kein ausbeuterischer Herrscher, sondern ein barmherziger Vater ist. Er begleitet uns durch alle finsteren Täler, und von ihm können wir auch all den Mut, all die Kraft und all die Lebensweisheit erwarten, die wir im Leben und im Sterben brauchen.

„Mir wird nichts mangeln“ – damit sind in der Bibel keine äußeren Reichtümer gemeint, wohl aber das, was uns innen reich macht: ein heiteres Gemüt, die Liebe, die wir einander schenken, das Vertrauen zum Leben, der Mut, wenn man zu Boden gestürzt ist, wieder aufzustehen, die Kraft, ein schweres Schicksal zu ertragen.

Als David den Psalm 23 betete, war er überzeugt, dass ihm Gutes und Barmherzigkeit bis ans Lebensende immer folgen würden – ja sogar darüber hinaus: „Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Was Herr N. an Liebe, an Gutem, an Barmherzigkeit in diesem irdischen Leben erfahren und geben durfte – auf genau diese Dinge kommt es an, ganz gleich, wie zerbrechlich und bruchstückhaft sie sind, sie sind wertvoll und bleiben bei Gott unvergessen in Ewigkeit.

Und was hier unvollkommen war, was hier unerfüllte Sehnsucht bleiben musste, das verspricht Gott uns zu erfüllen in der Ewigkeit, wenn wir uns unsere leeren Hände füllen lassen mit seiner vollkommenen Liebe und seinem ewigen Glück. Den liebevollen Händen dieses guten Hirten im Himmel vertrauen wir auch Herrn N. in seinem Tode an. Er ist erlöst von seinen Schmerzen und er darf Ruhe finden für seine Seele im ewigen Frieden. Amen.

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