Wie behütet Gott?

Trauerfeier für einen Mann, der am Beginn seines Ruhestandsalters sehr plötzlich gestorben ist. Welchen Trost kann die Witwe ihrem gemeinsamen Trauspruch entnehmen, in dem es heißt, dass Gott unsere Seele vor allem Übel behütet?

Wie behütet Gott? Die aufgeschlagene Bibel liegt in einer mystischen Landschaft mit einer Burg und einem Drachen, unter einem Himmel, von dem Sonne und Mond herabscheinen.

„Dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts…“ (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir sind hier zusammengekommen, um von Herrn D. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist. Wir versammeln uns in der Stunde der Trauer vor Gott und können nach den Worten des Propheten Micha handeln, die Herrn D. als Konfirmationsspruch auf den Lebensweg mitgegeben wurden (Micha 7, 7):

Ich aber will auf den HERRN schauen und harren auf den Gott meines Heils; mein Gott wird mich erhören.

Eingangsgebet

Liebe Frau D., liebe Trauergemeinde!

Herr D. ist sehr plötzlich gestorben, und man konnte trotz aller Bemühungen um sein Leben nichts mehr für ihn tun – nichts mehr, was sein irdisches Lebeh verlängert hätte. Alles ist zunächst noch so unwirklich gewesen, es ist noch nicht zu fassen, was geschehen ist. Was der Verlust dieses geliebten Menschen für Sie bedeutet, werden Sie erst in der Zeit der Trauer, die vor Ihnen liegt, mehr und mehr wahrnehmen und spüren. Heute gehen wir den schweren Weg zum Grab, wir müssen einen Schlusspunkt setzen hinter das Leben eines Mannes, dessen Arbeitsleben zwar abgeschlossen hinter ihm lag, aber der seinen Lebensabend noch hätte vor sich haben können. Auf diesem schweren Weg lassen wir einander nicht allein und denken insbesondere daran, dass Gott, der Herr über Leben und Tod, uns auf allen Wegen begleitet, auch wenn unser Weg durch finstere Täler und schmerzliche Erfahrungen führt.

Wenn wir Abschied nehmen, dann blicken wir zuerst einmal zurück. Erinnerungen werden wach an das Leben des Verstorbenen, an Begegnungen mit ihm, an Prägungen durch ihn, an lange Jahre des gemeinsamen Lebens mit ihm.

Erinnerungen an seinen Lebenslauf

So sind es viele Menschen, die sich Herrn D. verbunden fühlen, alte Kameraden aus der Schule und aus den Kriegsjahren, Vereinskameraden, Nachbarn und andere Freunde und Bekannte. Aber in erster Linie ist natürlich die Familie betroffen, gerade wenn, wie in Ihrem Fall, die Verwandtschaft so gut zusammenhält, wie ich es immer anlässlich von Geburtstagsbesuchen gespürt habe. Überall war Herr D. als ein lebensfroher Mann bekannt, der seine Späße mit jedem machte und einen etwas derben Humor besaß. Allerdings konnte man auch gelegentlich von ihm hören, dass er nicht glaube, er werde älter als sein Vater; und der Vater war damals nicht älter als 65 geworden. In den letzten Monaten machte Herrn D. seine Gesundheit zu schaffen, und er büßte auch etwas von seiner frohgemuten Natur ein; aber niemand hätte gedacht, dass er so schnell würde sterben müssen.

Mehr als drei Jahrzehnte gemeinsamen Ehelebens, „bis der Tod Sie scheidet“, sind nun zu Ende gegangen, und das tut besonders weh. Bei Ihrer Trauung, liebe Frau D., hat Ihnen damals Herr Pfarrer C. als Trautext den Psalm 121 mit auf den Weg gegeben, den wir nun auch im Blick auf den Abschied von Ihrem Mann gemeinsam hören und bedenken (Psalm 121, 1-8):

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht. Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts. Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. Der HERR behüte deinen Ausgang und deinen Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

Dieser Psalm steht in der Lutherbibel unter der Überschrift „Der treue Menschenhüter“. Er beschreibt das kindlich anmutende Vertrauen eines betenden Menschen zu seinem Gott, den ein anderer Psalmdichter den „Guten Hirten“ und den Jesus seinen „Vater im Himmel“ genannt hat. Wenn wir den Psalm hören, dann widerstreiten vielleicht die Empfindungen in uns: Ach, wäre das schön, so eine Zuversicht auf Gott setzen zu können! Aber kann man denn überhaupt von Gott so viel erwarten?

Ich glaube, wir dürfen es uns nicht zu einfach machen, indem wir sagen: Das steht halt in der Bibel, das verträgt keinen Zweifel, dazu darf man keine kritischen Fragen stellen. Im Gegenteil: Die Bibel hält es aus, wenn wir sie mit wachem Verstand und ohne Scheu vor schwierigen Fragen lesen. Und erst recht ist Gott selber kein engstirniger Gott, dem man leicht zu nahe treten kann, sondern einer, dem unser ehrlicher Zweifel lieber ist als ein geheuchelter Glaube.

Und so drängt sich einfach die Frage auf, ob denn das allgemeingültig so stimmen kann, dass Gott unseren Fuß nicht gleiten lassen wird, uns jeden Sonnenbrand erspart und uns vor allem Übel behütet. Schließlich haben Sie gerade die Erfahrung gemacht, dass Sie nicht bewahrt worden sind vor der Erfahrung dieses Leides, dass Ihr Ehemann und Angehöriger, Ihr Kamerad und Freund verhältnismäßig früh sterben musste. Wenn wir die Frage ernsthaft zu beantworten suchen; ist es wichtig, dass wir uns erstens die bildhafte Sprache der Bibel vor Augen halten und zweitens den Zusammenhang beachten, in dem diese Glaubensaussagen stehen.

Immer wieder benutzt die Bibel starke Vorstellungsbilder, die sich unserer Seele tief einprägen, um Glaubenserfahrungen wiederzugeben. Hier spricht der Psalmbeter alltägliche Situationen an, in denen damals häufig Unfälle passieren konnten; wie leicht konnte auf den steinigen Wegen Israels der Fuß ausgleiten oder unter der heißen Sonne des Mittelmeerraumes ein Sonnenstich den Verstand verwirren. Kennen wir nicht ganz ähnliche Dinge? Wie oft sind wir schon knapp einem Unglück entronnen, haben dafür Dankbarkeit empfunden und vielleicht in Gedanken ein kurzes „Gott-sei-Dank“ gebetet. Der Psalmbeter macht einfach darauf aufmerksam: Es ist nicht selbstverständlich, dass unser Fuß nicht ausgleitet, dass auf der Straße nicht noch mehr Autounfälle geschehen, dass wir jeden Morgen gesund erwachen. Wenn Gott uns nicht das Leben geschenkt hätte und es nicht Tag für Tag bewahrte, könnten wir keine Sekunde am Leben bleiben.

Allerdings gibt es eben darum auch die unausweichliche Erfahrung, dass uns dieses Geschenk nur auf Zeit gegeben ist. Das Leben kann uns genommen werden, und zwar durch vielfältige Ursachen, die wir nicht alle unmittelbar auf ein Eingreifen Gottes zurückführen sollten, die Gott aber in dem Plan, den er mit seiner Welt hat, offenbar wenigstens zulässt. Darauf geht dieser besondere Psalm, den wir gehört haben, nicht ein. Höchstens indirekt, indem es dort heißt:

Der HERR behüte deine Seele. Er behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.

Da klingt etwas von einer Hoffnung an, die über diese Welt hinausgeht, über unsere unmittelbare Erfahrung, die von der Ewigkeit nur etwas ahnen kann. Unser irdisches Leben kann zerstört werden; aber das, was den Kern unserer Person eigentlich ausmacht, was wir die „Seele“ nennen, das lässt Gott nicht verloren gehen, das behütet und bewahrt er für die Ewigkeit.

Andere biblische Gebete, wie zum Beispiel der Psalm 23, sprechen ausdrücklich von finsteren Tälern, die wir Menschen, auch wenn wir an Gott glauben, durchwandern müssen. Aber wir müssen es nicht allein tun, denn – so lautet die uns wohl allen vertraute Formulierung (Psalm 23, 4):

Du bist bei mir; dein Stecken und Stab trösten mich.

Das ist das Entscheidende: Gott lässt uns nicht allein, Gott greift auf diese sehr menschliche Art in die Welt- und Menschengeschichte ein, indem er uns begleitet, mit uns und unter uns leidet, unser Schicksal mitträgt und zum Besten wendet. Und dieses „zum-Besten-Wenden“ geschieht einfach dadurch, dass Gottes Stimme unter uns laut wird, in Propheten und überzeugten Christen und Psalmbetern, die einfach davon ausgehen, dass nur ein Leben mit Gott ein wirklich erfülltes Leben ist. In Jesus ist die Stimme Gottes am deutlichsten unter uns spürbar geworden, in seiner Person hat Gott am klarsten herausgestellt, dass er unser Begleiter, unser Freund und auch unser kritisches Gegenüber sein will. Er will nicht mit äußerer Macht und Zauberkraft die Welt verändern, sondern allein mit der sanften Kraft seiner Liebe.

Schauen wir an, wie die Person Jesu in der Bibel beschrieben ist: Er ist nicht ein leidenschaftsloser, schmerz-unempfindlicher Supermann, der über allem Leid der Welt oben drüber schwebt. Nein, es jammert ihn des Volkes, das keinen Hirten hat, er ruft die Mühseligen und Beladenen zu sich, er vergießt Tränen über die Menschen, die Gottes Willen mit Füßen treten – genau so, wie er es auch versteht, Essen und Trinken dankbar zu genießen, Freundschaftsdienste nicht zu verachten, Kinder zu sich zu rufen und sie zu herzen und zu küssen. Auch seinen Leidensweg und seinen Tod erlebt Jesus ganz bewusst, und das bedeutet: sehr sohmerzhaft und mit den größten Anfechtungen für seinen Glauben. Seine Angst, seine Tränen und sein Todesschweiß werden in der Bibel ebenso wenig verschwiegen wie die Tatsache, dass er trotz allem seinem Auftrag, seinem Glauben und vor allem der Liebe nicht untreu wurde, nicht einmal der Liebe zu seinen Feinden.

Anscheinend behütet uns Gott nicht so, dass er alles Übel von uns fernhält. Vielmehr so, dass er selbst in unsere üble Menschengeschichte hereingekommen ist und das Böse miterduldet, mitgetragen hat. Seitdem ist niemand mehr allein mit seinem Schmerz und seiner Trauer. Seitdem können wir uns gegenseitig beistehen in unseren schwachen und verzweifelten Stunden, auch wenn wir manchmal nichts zu sagen wissen, sondern nur schweigend da sind.

Dietrich Bonhoeffer, der im Hitlerdeutschland getötete Zeuge für Jesus Christus, hat einmal gesagt, dass den Menschen, die glauben, auch das Böseste zum Guten dienen kann. Diese Erfahrung zu machen, ist jedoch eine ganz andere Sache, als nur davon zu reden. Der Sinn unseres Lebens entscheidet sich jedenfalls daran, ob wir unsere Welt grundsätzlich für eine gottverlassene, dem Tode preisgegebene Welt halten – oder ob wir uns das Vertrauen schenken lassen, dass wir mit unserer Welt letztlich in den Händen Gottes geborgen sind.

In die starken Hände dieses Gottes befehlen wir Herrn D., der aus unserer Mitte gerissen wurde, und zugleich sind wir aufgerufen, uns ebenfalls der Fürsorge und Leitung dieses liebenden Gottes anzuvertrauen.

Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. Der HERR behüte deinen Ausgang und deinen Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

Amen.

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