„Das ist der Wille Gottes: eure Heiligung“

In Thessalonich soll es wie zur Zeit der Propheten gerecht zugehen im Geschäfts- und Arbeitsleben. Heiligung steht nicht zufällig mit dem Wort Wertschätzung zusammen. Wir gehören zum heiligen Gott, indem wir den Menschen neben uns und uns selber so wertschätzen, wie Gott es tut: Wir sind kostbare Geschöpfe Gottes und mitverantwortlich dafür, dass kein Geschöpf Gottes unter die Räder kommt.

Graffiti in der heutigen Stadt Thessaloniki in Griechenland

Graffiti in der heutigen Stadt Thessaloniki in Griechenland (Foto: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 20. Sonntag nach Trinitatis, den 17. Oktober 2010, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Die Grundgedanken der Predigt zum Brief 1. Thessalonicher 4, 1-8, verdanke ich einem Aufsatz von Gerhard Jankowski und Ton Veerkamp in der exegetischen Zeitschrift „Texte & Kontexte“ Nr. 56, S. 3-24, aus dem Jahr 1992.

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Zum Gottesdienst in der Pauluskirche begrüße ich alle herzlich mit dem Wort zur Woche aus dem Buch des Propheten Micha 6, 8:

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Die Predigt behandelt heute einen schwierigen Text aus dem 1. Thessalonicherbrief des Paulus. Auch da geht es um die Frage, was Gott von uns fordert: „Das ist der Wille Gottes: eure Heiligung.“ Was heißt das, „heilig“ werden, „heilig“ leben? Ist das etwas für ganz normale Christen? In der Predigt bekommen wir Antworten auf diese Frage.

Lied 389, 1-4:

1. Ein reines Herz, Herr, schaff in mir, schließ zu der Sünde Tor und Tür; vertreibe sie und lass nicht zu, dass sie in meinem Herzen ruh.

2. Dir öffn ich, Jesu, meine Tür, ach komm und wohne du bei mir; treib all Unreinigkeit hinaus aus deinem Tempel, deinem Haus.

3. Lass deines guten Geistes Licht und dein hell glänzend Angesicht erleuchten mein Herz und Gemüt, o Brunnen unerschöpfter Güt,

4. und mache dann mein Herz zugleich an Himmelsgut und Segen reich; gib Weisheit, Stärke, Rat, Verstand aus deiner milden Gnadenhand.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Im Buch der Leviten, im 3. Buch Mose – Levitikus 19, lesen wir:

1 Und der HERR redete mit Mose und sprach:

2 Rede mit der ganzen Gemeinde der Israeliten und sprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR, euer Gott.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

„Ihr sollt heilig sein“, sagt Gott zu den Israeliten und durch Jesus Christus auch zu uns, zu seiner Gemeinde aus den Völkern der Welt. Wir scheuen zurück vor dem Wort „heilig“. Heilige sind für uns so besondere Menschen, dass wir oft sagen: „Ich bin schließlich kein Heiliger.“ Aber Gott spricht uns alle als Heilige an. Heilig sein – ist das vielleicht etwas ganz Normales und zugleich Wunderbares? Wir bitten dich, Gott, uns zu zeigen, was es bedeutet, heilig zu sein, und wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

„Ich bin heilig“, sagt der Gott Israels, den wir durch Jesus Christus auch als unseren Gott kennengelernt haben. Heilig ist der Herr, der anders ist als die Herren, die wir kennen. Er ist ein Befreier, seine Herrschaft macht uns frei. Frei wovon? Frei von Entwürdigung, frei von Angst, frei von Sünde! Und frei wozu? Frei zur Verantwortung, frei zum Vertrauen, frei zur Liebe!

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott der Wahrheit und des Lichts, nicht immer ist dein Wort einfach zu verstehen. Lass uns erkennen, was du mit uns vorhast, was es bedeutet, heilig zu sein. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören zur Predigt 1. Thessalonicher 4, 1-8:

1 Weiter, liebe Brüder, bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesus, da ihr von uns empfangen habt, wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut -, dass ihr darin immer vollkommener werdet.

2 Denn ihr wisst, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus.

3 Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht

4 und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung,

5 nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen.

6 Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel; denn der Herr ist ein Richter über das alles, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben.

7 Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung.

8 Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen heiligen Geist in euch gibt.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Liedblatt: Mensch, es ist dir gesagt, was gut ist, was gut ist
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

„Mensch, es ist dir gesagt, was gut ist.“ So einfach, liebe Gemeinde, sieht der Prophet Micha die Sache mit dem Heilig-Sein. Gottes Wort halten, Liebe üben, demütig sein vor Gott, das ist gut. Wer sich an die guten Gebote Gottes hält, wer Liebe übt, wer es nicht nötig hat, sich aufzuspielen, als sei er Gott selber, der gehört zu den Heiligen.

Aber was heißt das konkret? Zur Zeit des Propheten Micha war das klar: er hatte die Reichen und den König im Volk Israel zu seiner Zeit im Visier und prangerte sie an, weil sie den Armen ihr Recht verweigerten. Zur Zeit des Paulus gibt es kein eigenständiges Israel mehr; das Weltreich Rom beherrscht alle Länder rund um das Mittelmeer und zwingt ihnen eine fremde Kultur auf; und mitten in diesem Römischen Reich entstehen nun überall Gemeinschaften, die an Jesus Christus glauben. Diese Gemeinden sind zusammengewürfelt aus Juden, die in Jesus ihren von Gott gesandten Messias sehen, und aus Menschen anderer Völker, die durch Jesus nun auch an den Gott Israels glauben. Eine solche Gemeinde ist in Thessalonich entstanden, einer bedeutenden Stadt in Griechenland, die an einer wichtigen Handels- und Militärstraße zwischen Europa und dem Osten des Römischen Reiches liegt; hier wohnen vorwiegend Griechen, aber auch viele Handwerker und Händler aus dem östlichen Mittelmeerraum und viele Juden, denn es führt eine Pilgerstraße nach Jerusalem durch die Stadt. Man kann also von einer Multikultistadt reden, in der Menschen ganz verschiedener Herkunft sich entscheiden müssen, wie sie miteinander, gegeneinander oder nebeneinander her leben wollen. Als Paulus und Silas in dieser Stadt eine christliche Gemeinde gründen, gehören zu ihr nur wenige Juden, hauptsächlich Griechen, die dem Judentum nahestehen und sogar eine Reihe von Frauen aus den höheren Gesellschaftsschichten. Sie geraten gleich in Konflikt mit anderen Juden, die in der Predigt des Paulus von Jesus Christus eine Gefahr für den Frieden in der Stadt sehen; sie werfen den Christen vor, dass sie den Erdkreis in Aufruhr versetzen (Apostelgeschichte 17, 6).

Aber wie sieht es mit dem Frieden innerhalb der Gemeinde der Christen aus? Die Juden in der Gemeinde waren es gewohnt, streng getrennt von Nichtjuden zu leben; es gab viele Bestimmungen für ihren Lebenswandel, die sogenannte Halacha, die ihnen vor allem geboten, Abstand von den Sitten und Essgewohnheiten der anderen Völker zu halten. Den Nichtjuden in der Gemeinde wiederum war die Bibel mit ihren Geboten ganz fremd. An diese Gemeinde in Thessalonich schreiben Paulus, Silas und Timotheus gemeinsam einen Brief. Sie entwickeln für diese zusammengewürfelte Gemeinde eine neue christliche Halacha; sie zeigen ihnen einen Weg, auf dem sie miteinander gehen können, obwohl sie verschieden sind. Dabei berufen sie sich zuerst auf Jesus; in seinem Namen haben sie schon zuvor die Gemeinde ermutigt und ihr Gebote von Jesus gegeben.

Und dann greifen Paulus, Silas und Timotheus auf einen Satz aus dem 3. Buch Mose zurück, das auch Levitikus genannt wird (Levitikus 19, 2). Sie lesen sozusagen den Thessalonichern die Leviten (1. Thessalonicher 4, 3):

Das ist der Wille Gottes: eure Heiligung.

Sowohl die jüdischen als auch die nichtjüdischen Mitglieder der Gemeinde werden bei diesem Satz gestutzt haben. Wie? Sollen nun alle in der Gemeinde das jüdische Heiligkeitsgesetz einhalten, auch die Nichtjuden? Alle Reinheitsgebote, alle Speisevorschriften? Das passt doch gar nicht zu Paulus. Und schon Jesus hatte doch gesagt (Matthäus 15, 11):

Was zum Mund hineingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein.

Aber dem Paulus geht es gar nicht um alle Einzelvorschriften der jüdischen Tora. Es geht ihm um den Sinn, der in und hinter der Wegweisung des Gottes Israels steckt. Heilig ist das Volk Israel, indem es von Gott auf einen Weg der Freiheit geführt worden ist. Dieser Weg unterscheidet dieses Volk Gottes von allen anderen Völkern, die einen Weg des Eigennutzes, der Unterdrückung und der Unfreiheit gehen. Wenn das Volk Israel diesem Gott der Freiheit die Treue brach, warfen ihm die Propheten Hurerei und Unzucht vor, auf Griechisch „porneia“. Das meint Paulus, wenn er umschreibt, worin die Heiligung besteht, nämlich (1. Thessalonicher 4, 3)

dass ihr meidet die Unzucht.

Was Martin Luther hier mit Unzucht übersetzt, meint also nicht in einem engen Sinn sexuelle Verfehlungen, sondern es bedeutet eigentlich: Treuebruch gegenüber dem Gott, der uns in die Freiheit führt. Auch das deutsche Wort „Un-Zucht“ erinnert an das allgemeinere Wort „Zuchtlosigkeit“, das heute ungebräuchlich geworden ist; wir sollten lieber von Disziplinlosigkeit sprechen oder von einem Mangel an Verantwortung. Gott will unsere Heiligung, das heißt also: Verantwortung vor Gott übernehmen!

In der Übersetzung von Martin Luther scheint der Text aber doch im Sinne der landläufigen Bedeutung von Unzucht weiterzugehen, denn im Vers 4 heißt es:

4 dass ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung,

5 nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen.

Wird hier nun doch das Thema der Sexualität in den Mittelpunkt gestellt, um zu sagen: „Die Kirche ist dagegen!“? Merkwürdig ist auch, dass in dieser Übersetzung nur Männer angesprochen werden, obwohl gerade zur Gemeinde in Thessalonich doch auch angesehene Frauen gehören.

Hier ist es einmal besonders interessant, in andere Bibelübersetzungen hineinzuschauen. In der Zürcher Bibel, so heißt die Übersetzung der Schweizer Reformierten Kirche, wird dieser Vers so übersetzt (Zürcher Bibel, 2. Auflage © 2007, 2008 Verlag der Zürcher Bibel beim Theologischer Verlag Zürich AG):

4 dass jeder von euch in Heiligung und Würde mit seinem Gefäß, dem Leib, umzugehen wisse.

Und in der Elberfelder Übersetzung, die sehr nahe am Urtext bleibt, steht (Elberfelder Bibel revidierte Fassung 1993 © 1994 R. Brockhaus Verlag, Wuppertal):

4 dass jeder von euch sich sein eigenes Gefäß in Heiligkeit und Ehrbarkeit zu gewinnen wisse.

Diese beiden Übersetzungen nehmen ernst, dass das Wort „Frau“ im Urtext gar nicht vorkommt, sondern ein Wort, das eigentlich sehr allgemein „Gefäß“ oder „Gerät“ bedeutet.

Die Frage ist nun: Waren Paulus und seine Gefährten wirklich so frauenfeindlich, dass sie das Wort „Gefäß“ oder „Gerät“ an dieser Stelle gleichbedeutend mit „Frau“ verwendet haben? Die Theologin Luise Schottroff hat dem Paulus das so unterstellt und hat im Jahr 1992 in der Zeitschrift „Junge Kirche“ geschrieben:

Das Gefäß ist Bezeichnung der Ehefrau unter dem Gesichtspunkt der Verfügbarkeit ihrer Sexualität und Gebärfähigkeit.

Andere haben ihr widersprochen. Ich habe von den beiden Theologen Ton Veerkamp und Gerhard Jankowski gelernt, dass in der Bibel das Wort „Gefäß“ niemals im Sinne von Frau gebraucht wird. Es kann schon einmal im Sinn von „Körper“ gebraucht werden, dann aber bezogen auf den eigenen Leib.

Das würde bedeuten: die Zürcher Bibelübersetzung ist an dieser Stelle richtiger als die von Martin Luther:

4 dass jeder von euch in Heiligung und Würde mit seinem Gefäß, dem Leib, umzugehen wisse.

So gesehen spricht der Text nun auch nicht nur Männer in ihrem Umgang mit Frauen an, sondern er spricht Männer und Frauen in ihrem Umgang mit dem eigenen Körper an.

Vielleicht können wir den Vers aber auch mit den Theologen Veerkamp und Jankowski so übersetzen:

4 damit ihr erkennt, wie ihr eure Sachen erwerbt, in Heiligung und Wertschätzung.

Warum soll man das allgemeine Wort „Gefäß“, „Gerät“ nicht einfach allgemein mit „Sachen“ übersetzen? So bezieht sich dieser Satz nicht in irgendeiner abfälligen Weise auf das Thema „Frau“, „Ehe“ oder „Sexualität“, sondern auf das gesamte Arbeits- und Geschäftsleben aller Christinnen und Christen. Der Vers passt dann auch nahtlos zusammen mit den folgenden Versen (so übersetzt von Veerkamp und Jankowski):

4 damit ihr erkennt, wie ihr eure Sachen erwerbt, in Heiligung und Wertschätzung,

5 nicht in der Leidenschaft der Begierde, wie ja die Völker, die Gott nicht erkennen;

6 nicht zu zertreten und räuberisch zu pressen im Geschäft seinen Bruder, weil der Herr dies alles ahndet, wie wir es vorhergesagt und bezeugt haben.

Auch in der Gemeinde, die Paulus in Thessalonich gegründet hat, soll also nichts anderes gelten als zur Zeit der Propheten: Gerecht soll es zugehen im Geschäfts- und Arbeitsleben; wenn aber jemand einen andern mit unmenschlichen Anforderungen regelrecht kaputtmacht, dann bekommt er es mit der Rache Gottes zu tun.

Heiligung steht nicht zufällig mit dem Wort Wertschätzung zusammen. Wir gehören zum heiligen Gott, indem wir den Menschen neben uns und uns selber so wertschätzen, wie Gott es tut: Wir sind kostbare Geschöpfe Gottes und mitverantwortlich dafür, dass kein Geschöpf Gottes unter die Räder kommt.

Und das gilt nun sicher nicht nur im Geschäftsleben, sondern auch beim Umgang mit Sexualität, Ehe und Partnerschaft. Die Bibel ist nicht gegen das Ausleben von Spaß, Freude und Lust im Liebesleben. Aber wenn die Leidenschaft der Begierde dazu führt, dass Menschen nur noch wie ein Gegenstand behandelt werden, dann hat auch das nichts mehr mit einem Leben in Heiligung und Wertschätzung zu tun. Seitensprünge, beliebiger Partnertausch, ja auch das Unter-Druck-Setzen des Partners in der Ehe widersprechen dem, was Paulus fordert (übersetzt nach Luther):

7 Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung.

Unreinheit ist in der Bibel alles, was dem Vertrauen zu Gott widerspricht, jede Lieblosigkeit, jedes Unrecht, jede Herabwürdigung eines anderen Menschen. Wir selber sind kostbar in Gottes Augen, darum sind wir von Gott dazu berufen, auch den Wert anderer Menschen nicht herabzusetzen, weder bei der Arbeit, noch im persönlichen Leben, weder in der politischen Auseinandersetzung noch im Gespräch mit Menschen anderer Kultur oder Religion.

Sozusagen in Klammern möchte ich noch etwas zu Martin Luthers Übersetzung von Vers 4 in unserem Text sagen. Vorhin meinte ich, dass Luther ihn nicht korrekt übersetzt hat:

4 Ein jeder von euch suche seine eigene Frau zu gewinnen in Heiligkeit und Ehrerbietung.

Trotzdem gefällt mir die Übersetzung in gewisser Weise auch. Wenn Luther „sein Gefäß erwerben“ mit „seine Frau gewinnen“ übersetzt“, dann hat er sich vielleicht von einer anderen Bibelstelle im Buch Sirach 36 inspirieren lassen:

26 Wer eine Frau erwirbt, erwirbt damit noch mehr: eine Gehilfin, die zu ihm passt, und eine Säule, an die er sich lehnt.

Das heißt: zwar war zur Zeit der Bibel die Eheschließung durchaus auch ein Geschäft. Aber trotzdem konnte man eine Frau nicht einfach kaufen wie einen Gebrauchsgegenstand. Sie ist wie in der Schöpfungsgeschichte dem Mann ein ebenbürtiges Gegenüber, denn das meint der Urtext mit dem Wort „Gehilfin“ (1. Buch Mose – Genesis 2).

18 Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.

Diesen Sinn hat auch Luthers Übersetzung unserer Stelle in 1. Thessalonicher 4:

4 Ein jeder von euch suche seine eigene Frau zu gewinnen in Heiligkeit und Ehrerbietung.

Wenn wir den Satz zugleich umdrehen und sagen: „Eine jede unter euch suche ihren eigenen Mann zu gewinnen in Heiligkeit und Wertschätzung“, dann vermittelt uns diese Aufforderung eine kluge Einsicht, nämlich dass die Liebe in der Ehe nicht ein flüchtiges Gefühl ist, das von selber kommt und geht, sondern dass man am Gottesgeschenk der Liebe auch arbeiten muss, es pflegen muss, damit die Treue in der Partnerschaft ein Leben lang erhalten bleibt. So kann eine wörtlich falsche Übersetzung doch auch einen richtigen und guten Sinn haben.

Noch einmal zurück zum Thessalonicherbrieftext. Er endet mit einer deutlichen Ermahnung:

8 Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen heiligen Geist in euch gibt.

Damit sagen uns Paulus, Silas und Timotheus: Wer nicht heilig lebt, verachtet Gott. In modernen Worten: Wer einem Mitmenschen den Respekt verweigert, der hat auch keinen Respekt vor Gott. Wer die Würde eines Kindes mit Füßen tritt, der tritt Gottes Ehre mit Füßen. Wer darauf beharrt: Ich kann mich nicht ändern, ich bin sowieso kein Heiliger, der traut dem Heiligen Geist Gottes zu wenig zu. Denn Gott selber will uns erfüllen mit seiner Liebe, mit Gottvertrauen, mit Einsatzfreude und Tatkraft, um zu tun, was gut ist. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 587, 1-3+6-8: Gott ruft dich, priesterliche Schar
Fürbitten

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir noch auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Lied 295, 1-3:

1. Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit, nach seinem Worte handeln und leben allezeit; die recht von Herzen suchen Gott und seine Zeugniss‘ halten, sind stets bei ihm in Gnad.

2. Von Herzensgrund ich spreche: dir sei Dank allezeit, weil du mich lehrst die Rechte deiner Gerechtigkeit. Die Gnad auch ferner mir gewähr; ich will dein Rechte halten, verlass mich nimmermehr.

3. Mein Herz hängt treu und feste an dem, was dein Wort lehrt. Herr, tu bei mir das Beste, sonst ich zuschanden werd. Wenn du mich leitest, treuer Gott, so kann ich richtig laufen den Weg deiner Gebot.

Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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