Christlicher Dialog mit der jüdischen Messiashoffnung

Eigentlich müsste eine Predigt über diesen Text eine Dialogpredigt sein. Eine Predigt, gehalten von zwei Predigern. In diesem Fall von einem Juden und einem Christen. Denn der Text handelt von jüdischen Messiashoffnungen, die wir in Jesus längst erfüllt glauben – aber glauben wir wirklich daran? Sind wir weiter als die Juden? Oder können wir von ihnen lernen.

Ein Jude, der aus einem hebräischen Gebetbuch betet

Ein Jude, der aus einem hebräischen Gebetbuch betet (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst am 3. Sonntag im Advent, den 17. Dezember 1995, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey mit dem Text zum 1. Sonntag im Advent

Herzlich willkommen im Adventsgottesdienst in unserer Kirche! Advent heißt „Ankunft“, Warten darauf, dass Gott zu uns kommt. Er kommt als ein Kind und wartet darauf, dass unsere Türen und Tore für ihn geöffnet sind – die Türen unseres Herzens, die Tore unserer Kirchen und unserer Gemeinschaften. So singen wir das bekannte Adventslied 6, 1-3:

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Es kommt der Herr der Herrlichkeit, ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich, der Heil und Leben mit sich bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat.

Er ist gerecht, ein Helfer wert, Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit; all unsre Not zum End er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat.

O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat. Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein. Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn. Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, Die Kirchentür ist groß genug, Gott, warum sollen wir sie größer machen, weiter und höher? Passt du nicht durch? – Die Kirchentür in Bethlehem, da wo Jesus geboren wurde, ist sogar kleiner gemacht worden – damit nicht mehr Ritter hoch zu Pferde in die Kirche reiten konnten. Macht die Tore weit und die Türen in der Welt hoch – was soll das bedeuten? Bist du nicht anders uns nah, unsichtbar und überall und ohne durch Türen gehen zu müssen? Richtig! Und doch klopfst du bei uns an. Du stößt die Tür unseres Herzens nicht einfach auf. Du tust uns keine Gewalt an. Wir können Nein sagen zu dir, aber wir können dir auch öffnen – dir vertrauen. Hilf uns nun, dass wir aufmachen und nicht zumachen. Dass wir uns nicht verkriechen vor dir. Lass nicht locker! Klopf weiter bei uns an, bis wir dir unsere Tore und Türen weit aufmachen! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören eine kleine Geschichte aus dem Evangelium nach Matthäus 21, 28-32 – eigentlich gar keine Adventsgeschichte. Jesus hat sie erzählt, um zu zeigen, wer für Gott offen ist und wer nicht:

28 Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg.

29 Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es ihn, und er ging hin.

30 Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr! und ging nicht hin.

31 Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Sie antworteten: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr.

32 Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr’s saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, so dass ihr ihm dann auch geglaubt hättet.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja,Halleluja,Halleluja.“

Wir singen das Adventslied 536:
Singet fröhlich im Advent, lasst nun alles Trauern
Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Wir hören den Predigttext aus dem Buch des Propheten Jeremia 23:

5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.

6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«.

7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«

8 sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Liebe Gemeinde!

Eigentlich müsste eine Predigt über diesen Text eine Dialogpredigt sein. Eine Predigt, gehalten von zwei Predigern. In diesem Fall von einem Juden und einem Christen. Denn der Text, den wir gehört haben, steht in der jüdischen, der hebräisch verfassten Bibel, und zugleich ist diese Bibel auch unser Altes Testament. Schwierig ist es manchmal, sich als Christ so ganz allein klar zu werden über solch einen Text. Er handelt von jüdischen Messiashoffnungen, die wir in Jesus längst erfüllt glauben – aber glauben wir wirklich daran? Sind wir weiter als die Juden? Oder können wir von ihnen lernen? Müssten wir nicht miteinander die Bibel lesen?

Ich stelle mir vor, ein Jude käme zur Kirchentür herein. Ob er sich gleich unter uns wohl fühlen würde? Vielleicht würde er sich umschauen und fragen: „Störe ich wirklich nicht? Ich weiß doch, dass ihr Christen in der Adventszeit besonders empfindlich gegen Störungen seid. Gemütlich soll es da sein bei euch und besinnlich, schon ein bisschen nach Kerzenlicht und nach Plätzchen duften. Und eure schönen, stimmungsvollen Adventslieder wollt ihr ungestört singen…“

Aber zur Besinnlichkeit mag doch auch ein wenig Nachdenken über ungewohnte Gedanken gehören. Und so lasst uns hören, was uns ein jüdischer Gast in unserer Kirche weiter sagen könnte:

„Was uns Juden in euren Gottesdiensten stört, ist vor allem, dass ihr oft so laut von der Erlösung singt, die schon geschehen sei, von der Erfüllung all der Hoffnungen, die in unserer hebräischen Bibel stehen. »All unsre Not zum End er bringt«, singt ihr, und ihr meint Jesus, den ihr sogar als Gott anbetet: »Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat.«“

„Ja, richtig“, könnte ich antworten, „wir Christen glauben, dass der Retter der Welt, der Heiland, bereits gekommen ist, und ihr Juden wartet noch auf den Messias.“

„Wundert euch das?“ fragt er dagegen. „Wundert euch das, dass wir noch warten? Nach allem, was geschah, seit der gekommen ist, den ihr Christen den Heiland nennt? Wenn ihr euch umseht und umhört in der Welt, wenn ihr merkt, wie unerlöst sie ist, dann müsstet ihr doch verstehen, dass wir Juden es einfach nicht glauben können, der Heiland, der Messias sei gekommen und mit ihm die Erlösung der Welt. Bitte, nehmt Euren Predigttext, ihr Christen, und lest noch einmal, was Jeremia sagt von dem zukünftigen König und von seinem Reich. Lest es vor, und dann sagt mir Eure christliche Meinung: ob das, was der Prophet ankündigt, in Erfüllung ging: in eurer Kirche, im christlichen Abendland oder in der von einer christlichen Partei regierten Bundesrepublik!“

Und wir schauen, was in dem Buch steht, im alten Buch der Bibel, und wir lesen noch einmal von der Zeit, die kommen wird, da Gott durch seinen Gesalbten, seinen Messias, seinen Heiland, seinen Christus regiert, da Recht und Gerechtigkeit sich durchsetzen im Land:

5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.

6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«.

Wir lesen das – und dann schaue ich Sie und Euch an, meine christlichen Schwestern und Brüder; und ich sehe mich, dessen Schwächen ich noch besser kenne. Ich bedenke, was unser unsichtbarer jüdischer Gesprächspartner sagt. Und ich komme in arge Verlegenheit. Ich kann die Antwort nicht geben, die lange Jahrhunderte hindurch von Christen gegeben worden ist: dass das von Gott verheißene Heil seit Christus endgültig von den Juden auf uns Christen übergegangen sei. Ich kann nicht, der Christ kann nicht zum Juden sagen: „Ja, schau nur her, bei mir, bei uns ist alles erfüllt, worauf ihr noch wartet. Was im Alten Testament Zukunft war, ist im Neuen Testament Gegenwart geworden. In unserer Gemeinde wird Christus als der Gegenwärtige erfahren“. Ich kann auch nicht sagen: „In unserem von einer christlichen Partei regierten Land haben sich Recht und Gerechtigkeit durchgesetzt. Wir erleben es Tag für Tag, dass Gott seine Verheißungen erfüllt“. Und ich kann auch nicht sagen, dass die Juden endlich vollkommen sicher in ihrem Land wohnen – nach wie vor sind sie bedroht in der Nachbarschaft von Menschen, die alle Juden hassen – wie es zum Beispiel vor vier Jahren der irakische Staatspräsident Saddam Hussein zum Ausdruck gebracht hat.

Wir singen zwischendurch das Lied 12, 1-4:

Gott sei Dank durch alle Welt, der sein Wort beständig hält und der Sünder Trost und Rat zu uns hergesendet hat.

Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Wille war und was sie geprophezeit, ist erfüllt in Herrlichkeit.

Zions Hilf und Abrams Lohn, Jakobs Heil, der Jungfrau Sohn, der wohl zweigestammte Held hat sich treulich eingestellt.

Sei willkommen, o mein Heil! Dir Hosianna, o mein Teil! Richte du auch eine Bahn dir in meinem Herzen an.

„Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war, und was sie einst prophezeit“, ist es wirklich – wie dieses alte Adventslied sagt – „erfüllt in Herrlichkeit“? Wirklich? – Das macht mich ratlos, weil die Verheißungen des Alten Testaments so viel größer sind als unser bisschen Christentum. Ich weiß nicht, sollen wir traurig sein, weil man bei uns, in unserer Kirche, in unserem Christenleben so wenig Erfüllung bemerkt? Oder sollen wir uns freuen, weil uns, Gott sei Dank, so viel mehr, so viel Größeres versprochen wird, als man bis jetzt bei uns entdecken konnte?

Darum wende ich mich an ihn, unseren jüdischen Gast. Ich sage es ihm, wie ratlos ich bin. Und er meint, das fände er gut und hilfreich. Denn darauf warteten die Juden nun schon seit fast 2000 Jahren, dass die Christen anfangen, zuzugeben, dass sie nicht so sicher sind, wie sie oft tun, und dass sie den Mund manchmal doch zu voll genommen haben. „Wenn wir das lernten“, sagt er nachdenklich, „wenn wir es gemeinsam lernten, der Christ und der Jude, unsere Armut, unsere Bedürftigkeit zuzugeben, zu warten und zu hoffen auf das Größere, was Gott verheißen hat – das wäre ein Schritt in die richtige Richtung!“

„Meinen Sie wirklich?“ frage ich. „Ich glaube fast, dass ist meinen christlichen Gemeindegliedern zu wenig. Und mir wäre es auch zu wenig, immer nur zu warten auf Gott. Wir möchten doch von ihm etwas spüren und erleben! Und Advent heißt doch nicht nur Erwartung, sondern Ankunft.“

Da lächelt unser jüdischer Freund. Es ist kein überhebliches, eher ein schmerzliches Lächeln. „Ja“, sagt er, „das ist nicht leicht, wenn man jahrhundertelang gemeint hat, Gott sei auf unserer Seite, Gott sei immer bei uns, Gott unterstütze uns bei allem, was wir tun. Und auf einmal muss man sich sagen lassen, dass Gott viel größer und reicher ist als das bisschen, was wir von ihm zu verstehen meinen. Darin, im Warten, haben wir Juden eine große Erfahrung. Hören Sie noch einmal die Worte des Propheten Jeremia, die Sie vorhin gelesen haben, sie wenden sich an Juden, die Gott zu besitzen meinten. Aber sie besaßen ihn nicht. Sie mussten lernen, auf ihn zu warten“:

7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«

8 sondern: » So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Und unser jüdischer Freund sagt dazu weiter: „Heute gibt es ja den neuen Staat Israel. Und viele Juden, die die grauenvolle Verfolgung in Deutschland vor fünfzig Jahren überlebten, hegten die Hoffnung, im neuen Israel breche die Zeit des Messias an – die Zeit des ewigen Friedens. Doch auch sie müssen noch einmal lernen, zu hoffen und zu warten. Den Frieden in Israel zwischen arabischen und israelischen Menschen gibt es immer noch nicht. Zwar hat ein Friede zu wachsen begonnen zwischen Juden und Palästinensern. Doch immer noch gibt es Menschen, die den Frieden mit Terror und Gewalt zerstören wollen. Gerade erst ist ja der israelische Staatspräsident Rabin von einem radikalen Juden ermordet worden. Auch dieser Mörder berief sich auf Gott – er meinte, niemand dürfe auch nur einen Zentimeter des Heiligen Landes aufgeben, selbst dann nicht, wenn man dadurch Frieden mit seinen Nachbarn schaffen kann. Aber ich glaube“, so spricht unser jüdischer Freund: „Nur wer den langen Atem hat, von Gott etwas zu erhoffen, hält am mühseligen Prozess des Friedens fest. Der König der Herrlichkeit zieht nur dort ein, wo wir auf ihn warten. Gibt es etwas Herrlicheres und Tröstlicheres, als zu warten auf IHN? Auf IHN, den wir kleinen Menschen nie haben könnten, IHN, der alles trägt und hält, der aber doch zu uns kommen will?“

Das könnte ein Jude uns Christen sagen. Wo auf Gott gewartet wird, da zieht ER ein, der König der Ehren. Aber nicht so, dass Menschen IHN haben, IHN festhalten könnten. Es geht darum, dass wir ständig neu nach ihm fragen, was er mit uns vorhat, was er von uns will, wie er uns tröstet und leitet, wie er uns beunruhigt und wozu er uns Mut macht.

Noch einmal unterbrechen wir die Predigt und singen das Lied 10,1-4:

Mit Ernst, o Menschenkinder, das Herz in euch bestellt, bald wird das Heil der Sünder, der wunderstarke Held, den Gott aus Gnad allein der Welt zum Licht und Leben versprochen hat zu geben, bei allen kehren ein.

Bereitet doch fein tüchtig den Weg dem großen Gast; macht seine Steige richtig, lasst alles, was er hasst; macht alle Bahnen recht, die Tal lasst sein erhöhet, macht niedrig, was hoch stehet, was krumm ist, gleich und schlicht.

Ein Herz, das Demut liebet, bei Gott am höchsten steht; ein Herz, das Hochmut übet, mit Angst zugrunde geht; ein Herz, das richtig ist und folget Gottes Leiten, das kann sich recht bereiten, zu dem kommt Jesus Christ.

Ach, mache du mich Armen zu dieser heilgen Zeit aus Güte und Erbarmen, Herr Jesu, selbst bereit. Zieh in mein Herz hinein vom Stall und von der Krippen, so werden Herz und Lippen dir allzeit dankbar sein.

Und dann, liebe Gemeinde, höre ich den Juden noch etwas sagen, ihn, den Juden, der nicht an Jesus, den Christus, glaubt. Er schaut uns alle an, Sie und Euch und mich, und er sagt: „Nehmt euren Jesus ernst, ihr Christen! Auch wenn er nach unserer Meinung den vollen Frieden und die ganze Gerechtigkeit nicht gebracht hat. Auch wenn Christen den Juden manches Leid angetan haben. Jesus ist das größte und wertvollste jüdische Geschenk an die Welt. Er mag euer Messias sein. Auf den unseren warten wir. Wenn ihr nur nicht denkt, ihr hättet mit ihm etwas, was wir nicht haben. Uns gehörte er, bevor er euch erlaubte, einzutreten in das Volk der Wartenden und Hoffenden. Damals, als Jeremia jene Worte sagte und schrieb über den Spross Davids, der kommen wird, um Gerechtigkeit und Frieden zu bringen, damals standen die Juden vor dem Bankrott ihrer Frömmigkeit. Ihnen wurde gesagt: Wo ihr am Ende seid, kann Gott ein Neues schaffen. Damals, als Jesus zur Welt kam, sah es wieder so aus, als seien die Juden erstarrt in einer Tempel- und Gesetzesreligion, die versuchte, Gott in genauen Regelungen von Opfern und Vorschriften einzusperren und zu kontrollieren. Jesus kam und sagte: »Siehe, ich mache alles neu!« Heute sieht es so aus, als stünde die Christenheit vor dem Bankrott. Sie hat mehr versprochen, als sie einlösen kann. Was Gerechtigkeit und Frieden angeht, ist die Christenheit nicht weiter als wir Juden in unserem Land – schaut nur nach Irland oder nach Bosnien, schaut nur die Gewalt gegen Ausländer in eurem Land an und den Hunger in christlichen Ländern, den ihr nicht wegschafft, weil ihr Waffen für notwendiger haltet als eine wirksame Entwicklungshilfe. Habt ihr es nicht nötiger denn je, zu hoffen, zu beten, zu warten auf euren Messias, darauf, dass euer König der Gerechtigkeit und des Friedens bei euch einziehe?“ So könnte ein uns wohlgesonnener Jude zu uns sprechen; und er könnte schließen mit den Worten: „Wo wir einsehen, Juden und Christen, dass wir vor Gott nichts in der Hand haben, da fängt Hoffnung an zu wachsen. Wo wir aufhören, uns groß und stark zu fühlen in unserer Religion, in unserer Konfession, wo wir anfangen, voneinander zu lernen, da kann Gottes Kraft in uns mächtig werden. Gemeinsam können wir dann Tor und Tür weit aufmachen für Gott, Juden und Christen, Katholische und Evangelische, Gläubige und Zweifler, und wir können mit der Bitte zu Gott kommen: »Kehre bei uns ein! Schenke uns ein demütiges, ein zum Dienen bereites Herz! Nimm von uns unseren Hochmut!«“

So, liebe Gemeinde, mag die Predigt zu Ende gehen, die ich als Dialogpredigt mit einem Juden verfasst habe. Es ist für uns Christen gut, zu lernen vom wartenden Gottesvolk des Alten Bundes. Auch wenn wir Christen den Messias schon kennen, sein Gesicht, seine Art: er hat nie gesagt, dass für Christen die Zeit des Wartens schon vorüber sei. Vielmehr gibt gerade Jesus, der Lebendige, der Auferstandene, uns Zeit: er wartet auf uns, dass wir Ja sagen zu ihm, dass wir unser Vertrauen setzen auf ihn – so dass unser Leben einen Sinn findet und unser Einsatz für diese Welt ein Ziel. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen das Lied 47:

Freu dich, Erd und Sternenzelt, Halleluja! Gottes Sohn kam in die Welt

Gott, du kommst vielen Menschen vor wie ein unbeweglicher Herrscher, der im Himmel thront, unberührt von allem, was sich auf unserer Erde abspielt. Aber du bist wie ein Vater zu uns, der uns liebhat, und du wartest darauf, dass auch wir einander liebhaben und uns füreinander einsetzen in unserer Welt.

In deinem Sohn Jesus bist du zur Welt gekommen. Vergib uns, dass wir ihn oft nicht ernst nehmen. Dass wir oft so tun, als ob es Jesus gar nicht gäbe.

Manchmal bedauern wir, dass es so wenig weihnachtlich bei uns zugeht. Tannenzweige, Kerzenschimmer und Plätzchenduft – das allein macht noch nicht Weihnachten aus. Schenke uns offene Augen und Ohren füreinander, wenn jemand unter uns krank ist, seelisch belastet oder einfach überarbeitet. Lass uns auch ein paar Gedanken und Gebete übrig haben für die fernen Nächsten, deren Alltag Hunger, Krieg oder Flüchtlingselend heißt. Und wo wir selber schwach und elend sind, wo wir selbst am Ende sind und nicht mehr weiter wissen, da schenke uns den Mut, dass wir uns ein offenes Ohr suchen für unsere eigenen Probleme.

Fülle uns mit der echten Weihnachtsfreude, mit der Freude darüber, dass du kommst, dass du unser Leben erfüllst. „Bist auch uns zur Seite, still und unerkannt, dass du treu uns leitest an der lieben Hand.„ Amen.

Wir beten gemeinsam mit den Worten Jesu:

Vater unser

Zum Schluss singen wir das Lied 17 – alle vier Strophen, auch wenn die vierte Kerze erst am nächsten Sonntag, am Heiligabend selbst, brennen wird:

Wir sagen euch an den lieben Advent
Abkündigungen

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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