„Damit die Schrift erfüllt würde“

Was kann das Kreuz Jesu Christi uns sagen?

Johannes beschönigt nichts, aber er malt auch nicht die Schmerzen Jesu aus. Er will weder, dass wir empört andere als die Schuldigen erkennen, noch dass wir der Faszination des Grauens erliegen wie Mel Gibson. Er will, dass wir uns wiedererkennen in den handelnden Personen. Und an jedem Kreuz dieser Welt ist Gott.

Oberer Kreis des Paulusfensters mit dem auferstandenen Christus

Kreuz, Hammer und Nägel, Dornenkrone und Wasserkrug des Pilatus, Lanze, Essigschwamm, Würfel und Gewand – die Werkzeuge des Karfreitag im Hintergrund des auferstandenen Christus auf dem Altarfenster der Pauluskirche

direkt-predigtGottesdienst am Karfreitag, den 10. April 2009, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen (einzelne Gedanken und Formulierungen verdanke ich einer Predigt von Sebastian Feydt, „Dem Kreuz und seiner Botschaft auf die Spur kommen“, in: Zeitschrift für Gottesdienst & Predigt, Heft 1/2009, S. 47-49; wichtige Anregungen zur Auslegung und zum Zusammenhang des Bibeltextes verdanke ich der Auslegung des Johannesevangeliums von Ton Veerkamp, in: Texte & Kontexte Nr. 113-115, S. 98-108)

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich im Gottesdienst am Karfreitag in der Pauluskirche mit dem Wort zur Woche aus dem Evangelium nach Johannes 3, 16:

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Wir singen das Lied 77:

1. Christus, der uns selig macht, kein Bös‘ hat begangen, ward für uns zur Mitternacht wie ein Dieb gefangen, eilend zum Verhör gebracht und fälschlich verklaget, verhöhnt, verspeit und verlacht, wie denn die Schrift saget.

2. In der ersten Stund am Tag, da er sollte leiden, bracht man ihn mit harter Klag Pilatus dem Heiden, der ihn unschuldig befand, ohn Ursach des Todes, ihn derhalben von sich sandt zum König Herodes.

3. Um Drei hat der Gottessohn Geißeln fühlen müssen; sein Haupt ward mit einer Kron von Dornen zerrissen; gekleidet zu Hohn und Spott ward er sehr geschlagen, und das Kreuz zu seinem Tod musst er selber tragen.

4. Um Sechs ward er nackt und bloß an das Kreuz geschlagen, an dem er sein Blut vergoss, betet mit Wehklagen; die Zuschauer spott’ten sein, auch die bei ihm hingen, bis die Sonne ihren Schein entzog solchen Dingen.

5. Jesus schrie zur neunten Stund, großer Qual verfallen, ihm ward dargereicht zum Mund Essigtrank mit Gallen; da gab er auf seinen Geist, und die Erd erzittert, des Tempels Vorhang zerreißt, und manch Fels zersplittert.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

In der Predigt werde ich heute das Karfreitagsevangelium nach Johannes auslegen. Johannes greift auf Worte aus den Psalmen zurück, um den Tod Jesu zu deuten. Diese Psalmgebete mag Jesus selbst am Kreuz gebetet haben. In der Liturgie des heutigen Gottesdienstes beten wir mit Worten aus drei dieser Psalmen.

Wir beten mit Psalm 22:

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

4 Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.

5 Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

6 Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.

7 Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke.

8 Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:

9 „Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.“

12 Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.

16 Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.

17 Denn Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben.

19 Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.

20 Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen!

21 Errette meine Seele vom Schwert, mein Leben von den Hunden!

22 Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern wilder Stiere – du hast mich erhört!

23 Ich will deinen Namen kundtun meinen Geschwistern, ich will dich in der Gemeinde rühmen.

25 Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er’s.

26 Dich will ich preisen in der großen Gemeinde…

28 Es werden gedenken und sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Heiden.

30 Ihn allein werden anbeten alle, die in der Erde schlafen; vor ihm werden die Knie beugen alle, die zum Staube hinabfuhren und ihr Leben nicht konnten erhalten.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wir beten mit Psalm 69:

2 Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.

4 Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.

5 Die mich ohne Grund hassen, sind mehr, als ich Haare auf dem Haupte habe. Die mir zu Unrecht feind sind und mich verderben wollen, sind mächtig.

15 Errette mich aus dem Schlamm, dass ich nicht versinke, dass ich errettet werde vor denen, die mich hassen, und aus den tiefen Wassern;

16 dass mich die Flut nicht ersäufe und die Tiefe nicht verschlinge…

17 Erhöre mich, HERR, denn deine Güte ist tröstlich; wende dich zu mir nach deiner großen Barmherzigkeit

18 und verbirg dein Angesicht nicht vor deinem Knechte, denn mir ist angst; erhöre mich eilends.

21 … Ich warte, ob jemand Mitleid habe, aber da ist niemand, und auf Tröster, aber ich finde keine.

22 Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst.

27 Sie verfolgen, den du geschlagen hast, und reden gern von dem Schmerz dessen, den du hart getroffen hast.

30 Ich aber bin elend und voller Schmerzen. Gott, deine Hilfe schütze mich!

31 Ich will den Namen Gottes loben mit einem Lied und will ihn hoch ehren mit Dank.

33 Die Elenden sehen es und freuen sich, und die Gott suchen, denen wird das Herz aufleben.

34 Denn der HERR hört die Armen und verachtet seine Gefangenen nicht.

36 Denn Gott wird Zion helfen und die Städte Judas bauen, dass man dort wohne und sie besitze.

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wir beten mit Psalm 42:

2 Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.

3 Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?

9 Am Tage sendet der HERR seine Güte, und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens.

10 Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget?

11 Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, wenn mich meine Feinde schmähen und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?

12 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

„Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, lass uns das Geheimnis des Karfreitags begreifen, dass dein Sohn stirbt durch die Hand der Menschen, aber du lässt es zu, dass dein Sohn einen sinnlosen Tod stirbt, aber du lässt aus diesem Bösesten für uns Heil entstehen. Gott, lass uns begreifen, dass dein Sohn für uns gestorben ist, damit wir aus Übeltätern zu Wohltätern werden. Gott, lass uns die Zuversicht gewinnen, dass dein Sohn da, wo wir Qualen erleiden, dieses Leid mit uns trägt. Darum bitten wir dich durch deinen Sohn Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören den Predigttext zum Karfreitag aus dem Evangelium nach Johannes 19, 14-30:

14 Es war aber am Rüsttag für das Passafest um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Juden: Seht, das ist euer König!

15 Sie schrien aber: Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser.

16 Da überantwortete Pilatus ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde.

17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf hebräisch Golgatha.

18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden.

20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.

21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, daß er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.

22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück.

24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.

26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!

27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

28 Danach, als Jesus wußte, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.

29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund.

30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Amen. „Amen.“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 85 die Strophen 1 bis 4:

1. O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron, o Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier, jetzt aber hoch schimpfieret: gegrüßet seist du mir!

2. Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut das große Weltgewichte: wie bist du so bespeit, wie bist du so erbleichet! Wer hat dein Augenlicht, dem sonst kein Licht nicht gleichet, so schändlich zugericht‘?

3. Die Farbe deiner Wangen, der roten Lippen Pracht ist hin und ganz vergangen; des blassen Todes Macht hat alles hingenommen, hat alles hingerafft, und daher bist du kommen von deines Leibes Kraft.

4. Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last; ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast. Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat. Gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde!

Was kann das Kreuz Jesu Christi uns sagen? Kreuze stehen auf Friedhöfen, sind Symbol für den Tod. Kreuze werden aber auch als Schmuckstücke getragen. In und an Gotteshäusern macht das Zeichen des Kreuzes deutlich: dies ist eine christliche Kirche. Im Zusammenhang der Kreuzzüge hat das Kreuz bis heute vor allem für Muslime und Juden einen bedrohlichen Klang behalten.

Aber der Karfreitag ist kein Tag, um Rachegedanken für Jesu Tod zu hegen, kein Tag, um mit Fingern auf andere Schuldige am Tod Jesu zu zeigen. Johannes beschreibt den Weg Jesu ans Kreuz klar und nüchtern. Er beschönigt nichts, aber er malt auch nicht die Schmerzen Jesu aus. Er will weder, dass wir empört andere als die Schuldigen erkennen, noch dass wir der Faszination des Grauens erliegen wie in einem Horrorfilm à la Mel Gibson. Er will, dass wir uns wiedererkennen in den handelnden Personen. Wer spielt eine Rolle in dem Drama, das Johannes vor unseren Augen nachzeichnet?

Beginnen wir mit einem Realpolitiker aus der Zeit Jesu, mit Pontius Pilatus (Johannes 19, 14):

14 Es war aber am Rüsttag für das Passafest um die sechste Stunde. Und Pilatus spricht zu den Juden: Seht, das ist euer König!

Rüsttag für das Passafest heißt: Der höchste Festtag der Juden steht unmittelbar bevor. Das Befreiungsfest, das an den Auszug Israels aus der Sklaverei in Ägypten erinnert. Pilatus verhöhnt das jüdische Volk: „Seht, da habt ihr euren König. Er hat es zugegeben. Er will König sein. Ein König der Wahrheit, der Treue. Als ob es so etwas in dieser wirklichen Welt gäbe. Ich glaube, er ist nichts als ein Spinner. Aber vielleicht ein gefährlicher Spinner. Aber wenn ihr euch selber ernst nehmt, eure eigene Religion, dann müsst ihr akzeptieren: So einer ist euer König. Er wird sich nie durchsetzen können. Ihr Hohenpriester wollt das ja auch gar nicht. Von Wahrheit und Treue haltet ihr schon lange nichts mehr. Aber habe ich nicht Recht? Wenn einer König der Juden sein sollte, dann doch wohl er!“

15 Sie schrien aber: Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser.

Pilatus ist ein geschickter Politiker. Auf Jesus kommt es ihn nicht an. Ob er hingerichtet wird oder nicht, ist ihm egal. Er benutzt Jesus, um seine Ziele zu erreichen. Und hier erreicht er, dass die führenden Kräfte des jüdischen Volkes einen Verrat begehen. Von den Pharisäern ist hier nicht die Rede, nur von den Hohepriestern, die damals schon lange mit der römischen Besatzungsmacht zusammenarbeiteten. Pilatus erreicht, dass diese Hohenpriester ein klares Bekenntnis ablegen: „Wir haben keinen König als den Kaiser.“ Johannes verurteilt, indem er das erzählt, nicht die Juden als das Volk Gottes. Er erzählt, was geschieht, wenn Menschen die Machtverhältnisse dieser Welt als so unumstößlich hinnehmen, dass sie ihnen alles opfern. Dem Kaiser in Rom kann niemand widerstehen, wer sich ihm in den Weg stellt, kann Leib und Leben verlieren. Und je besser einer in einer solchen Welt gestellt ist, desto mehr hätte er zu verlieren, wenn er versuchen würde, einen wie Jesus zu schützen. Ist es nicht vernünftig zu sagen: „Dann lieber weg mit Jesus“? Wenn er wirklich Aufstände anzettelt, kommt der Kaiser mit seinen Soldaten und bringt das ganze Volk um. Wenn man an das Jahr 70 denkt, als ein Aufstand der Juden gegen Rom blutig niedergeschlagen und Jerusalem mitsamt dem Tempel zerstört wurde, war diese Befürchtung nicht einmal unberechtigt.

16 Da überantwortete Pilatus ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde.

17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf hebräisch Golgatha.

Hier beginnt Jesu Weg zum Kreuz. „Ihnen“ wird Jesus überantwortet, Pilatus selbst macht sich die Hände nicht schmutzig. Es bleibt offen, wer die konkreten Befehle zur Kreuzigung gibt. Anonyme Befehlsempfänger führen aus, was der Machthaber anordnet.

Was tut Jesus? Er trägt sein Kreuz. Johannes erwähnt nicht, dass ihm einer hilft. Er hat die Kraft, das Kreuz auf sich zu nehmen. Das gibt es, auf schwersten Wegen des Lebens, ohne Hoffnungsschimmer, dass Menschen auf einmal stark genug sind, die Last ihres Kreuzes zu tragen. Manchmal sind in Zeiten der Krise oder Katastrophe die am schlimmsten Betroffenen gerade die Stärksten. Kinder wischen den Eltern die Tränen ab. Der Kranke tröstet die Gesunden. Sterbende sprechen ihrer Familie Hoffnung zu. Im Leiden sind die Betroffenen stark.

18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

Jesus ist nicht der einzige Leidende in dieser Welt. Er leidet nicht mehr und größere Schmerzen als andere, die gefoltert und hingerichtet werden, die an einer Krankheit zugrundegehen oder in Krieg und Katastrophen umkommen. Nicht als einer, der den Rekord im Aushalten von Schmerzen anstrebt, wird Jesus gekreuzigt, sondern in der Mitte anderer Leidender findet Jesus seinen Platz. Das Besondere an diesem Leiden ist, dass er es auf sich nimmt als der König der Juden, dem alle Macht auf Erden gegeben ist. Wir fragen ja manchmal bei schrecklichen Ereignissen: „Wo war Gott?“ Hier bekommen wir die Antwort: Gott ist bei den Leidenden, in ihrer Mitte, er leidet ihr Leiden hautnah mit.

19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden.

20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.

21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden

22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

Pilatus lässt sozusagen amtlich beglaubigen, in allen Amtssprachen: „Dieser Jesus ist der König der Juden.“ Und wenn der nun gekreuzigt wird, gibt es in Israel keine andere Autorität mehr als nur den Kaiser in Rom. Die Welt hat gewonnen gegen den Gott eines unbedeutenden Volkes. Davon ist Pilatus überzeugt.

Aber der Evangelist Johannes legt uns nahe, das als Spott gemeinte Bekenntnis des Pilatus ernstzunehmen. Jesus ist wirklich der von Gott gesandte König. Auf dem Weg Jesu gibt Gott die Richtung vor. Und Gott geht den Weg Jesu mit. Vom Anfang bis zum Ende. Bis zum Ende am Kreuz. Dort, wo Kummer und Leid so unbegreiflich sind, wo Schmerzen und Qualen nicht auszuhalten sind, dort, wo der Tod ins Leben tritt, dort ist Gott. Gerade dort ist Gott. Am Kreuz ist Gott. An jedem Kreuz dieser Welt ist Gott.

23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück.

24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

Eine andere Gruppe von Menschen tritt ins Blickfeld. Die Befehlsempfänger, die den schmutzigen Job der Kreuzigung erledigen müssen. Römische Söldner werden nicht üppig entlohnt, darum halten sie sich schadlos an der Nachlassenschaft eines Verurteilten. Jesus hat nicht mehr als die Kleider an seinem Leib. Die vier Wachmänner würfeln um das Gewand Jesu und wissen gar nicht, dass sie damit ein Wort der Bibel wahr machen, aus dem Psalm 22, den wir vorhin gebetet haben: „sie teilen sich meine Kleider, über mein Gewand werfen sie das Los“. Sie wissen buchstäblich nicht, was sie tun, aber für Johannes ist wichtig: Was sie tun, kann die Pläne Gottes letzten Endes doch nicht vereiteln. Was sie tun, vernichtet ein Menschenleben. Aber es vernichtet nicht die Liebe dieses Gottes und nicht die Kraft des Lebens selbst, die von Gott ausgeht.

25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.

26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!

27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Johannes erzählt von insgesamt acht Personen unter dem Kreuz, zwei Gruppen von vier Personen. Die vier Soldaten sind mit ihrem Würfelspiel beschäftigt, das Elend dessen, der da am Kreuz unerträgliche Qualen leidet, lassen sie nicht nah an sich heran. Aber die anderen vier, drei Frauen und ein Mann, stehen bei dem Kreuz, leisten Beistand für Jesus. Ganz allein ist Jesus doch nicht in seinem Leid. Was unerträglich ist, lässt sich vielleicht doch noch etwas besser ertragen, wenn man Menschen hat, die einfach da sind. Zwei dieser Menschen werden mit Namen genannt, Maria, die Frau des Klopas, von der wir sonst nichts wissen, und Maria Magdalena. Sie wird später als erste die Auferstehung Jesu bezeugen. Die beiden anderen werden nicht mit Namen genannt, aber doch genau bezeichnet. Es ist die Mutter Jesu, von der Johannes in seinem Evangelium nie den Namen nennt, und es ist der Jünger, den Jesus lieb hatte, dessen Name im Johannesevangelium ebenfalls ungenannt bleibt.

Jesus macht genau diese beiden füreinander verantwortlich, als Mutter und Sohn. Es ist, als ob er sagen wollte: Das Schreckliche, das mir geschieht, darf nicht dazu führen, dass ihr auseinanderlauft, dass ihr alles hinwerft, dass ihr euer Leben nun ebenfalls wegwerft. Der Tod eines Menschen wirft uns um, kann uns in ein tiefes Loch fallen lassen. Aber das Leben gewinnt doch wieder die Oberhand, und zwar genau dadurch, dass die Zurückbleibenden füreinander da sind. Die da beim Kreuz stehen, wollen ihn nicht verlieren, wissen noch nicht, wie sie ohne ihn weiterleben sollen. Es kommt ihnen vor, als ob ihr eigenes Leben ebenso zerstört wird wie das Leben dieses geliebten Menschen. Aber Jesus zeigt ihnen den Weg: Das Leben wird weitergehen, indem eure Liebe neue Wege gehen wird. Ich werde nicht mehr körperlich da sein, aber in eurer Liebe zueinander bleibe ich bei euch.

Ich denke, hier ist mehr gemeint als eine Versorgungsgemeinschaft zwischen der Mutter, die einen Sohn verliert, und einem jungen Mann, dem Jesus einen mütterlichen Beistand zur Seite stellen will. Wenn es darum ginge, könnte man fragen, warum nicht Jakobus, der Bruder Jesu, Maria versorgen kann. Vielleicht steht die Mutter Jesu hier als Symbol für die ganze Gemeinde derer, die auf Jesus vertrauen, und der Jünger, den Jesus lieb hatte, steht für diejenigen, die Jesu Worte am treuesten bewahren.

Das wird bestätigt durch ein kleines Wort am Ende dieses Abschnitts: „Von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich“, heißt es in der Lutherübersetzung. Wörtlich steht da aber: „er nahm sie in das Eigene“. Genau das gleiche Wort hatte am Anfang des Johannesevangeliums gestanden (Johannes 1, 11): „In das Eigene kam er, und die Eigenen nahmen ihn nicht an.“ Da war von Jesus die Rede, und davon, dass er in seinem eigenen Volk auf Ablehnung stößt. Das Eigene ist ein Raum, eine Gemeinschaft von Menschen, in der das Wort Jesu gehört und beherzigt wird. In der Stunde, in der Jesus am Kreuz stirbt, beginnen einige, ihn anzunehmen, auf sein Wort zu hören, einander in das Eigene mitzunehmen.

28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.

29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund.

30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.

Unmittelbar, nachdem der Jünger die Mutter Jesu mitnimmt in das Eigene, sagt der Evangelist Johannes: „Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war.“ Meint er damit eben das, was gerade geschehen ist: Dass Menschen auf Jesus hören, sein Wort in die Tat umsetzen, als Gemeinschaft Christi füreinander da sind? So gesehen wirkt nicht der Tod Jesu selbst als eine Art magisches Mittel, um die Menschen zu retten, sondern es ist die Liebe Jesu, die vom Kreuz her nun auch die Gemeinschaft derer erfüllt, die auf ihn vertrauen.

Was bedeutet hier der knappe Satz Jesu: „Mich dürstet“? Er betet einen Vers aus Psalm 42: „Meine Seele dürstet nach Gott“. Der Durst nach Gott, nach dem Gott Israels, erfüllt Jesus ganz. Und dieser Durst ist gleichbedeutend mit dem Hunger und dem Durst nach Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen.

„Er wird sein Volk befreien“, heißt es in einem anderen Gebet Israels, Psalm 69. Und hier stehen auch die Worte: „Meinen Durst löschen sie mit Essig.“ Die Soldaten löschen nicht den Durst des qualvoll Sterbenden, sondern erhöhen noch zusätzlich seine Qual. Aber im Psalm 69 gehört beides zusammen: Der Gequälte ist zugleich der, der das Ziel der Befreiung erreicht. Ausgerechnet dieser Jesus, der machtlos den Spielchen der Soldaten ausgeliefert ist, erreicht am Kreuz das Ziel Gottes. „Es ist vollbracht!“ darf er mit Recht sagen. Wo Menschen angesichts des Kreuzes, des Todes, angesichts unerträglichen Leids füreinander da sind, wo Gott sie in solchem Tod nicht verlässt, da ist das Ziel erreicht: Leben wird möglich, Befreiung von dem, was Menschen einander antun, Befreiung von Zwängen, von Schuld, von Sinnlosigkeit.

Am Ende übersetzt Luther: „Er neigte das Haupt und verschied.“ Wörtlich steht da: „er übergab seinen Geist, er lieferte seinen Geist aus“. Das gleiche Wort wurde benutzt, als Jesus von Judas an seine Feinde ausgeliefert und verraten wurde. Hier ist nicht von einem Verrat die Rede, sondern von einer Übergabe aus freiem Willen. Indem Jesus stirbt, übergibt er seinen Geist – ja wem eigentlich? Er legt ihn in die Hände Gottes zurück, so formuliert es der Evangelist Lukas: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.“ Johannes betont etwas anderes. Jesus übergibt seinen Geist den Menschen, die auf ihn vertrauen, seiner Gemeinde. „Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater“, so hatte Jesus ihnen zum Abschied gesagt (Johannes 14, 12). „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“, wird der Auferstandene den Jüngern später sagen (Johannes 20, 21). Was Jesus am Kreuz vollbringt, ist kein Ende, sondern ein Anfang: Indem er stirbt, übergibt er uns seinen Geist, damit wir nicht die Macht den Pilatussen und Kaisern dieser Welt überlassen, sondern dem Willen Gottes folgen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 94:

Das Kreuz ist aufgerichtet, der große Streit geschlichtet

Lasst uns beten!

Du bist ganz anders, Gott, als wir dich denken. Du zeigst dich fremder, Herr, als wir uns träumen lassen. Du hast dein wahres Bild vor uns enthüllt in Jesus, deinem und des Menschen Sohn. So rufen wir dich an: „Herr, erbarme dich!“

Großer Gott, du hast deine Ruhe hier dem Leiden unterworfen. Du hast deine Allmacht in die Hand von Menschen ausgeliefert. Du hast deine Ehre nackt zum Spotten drangesetzt und deinen Glanz von Schmerzen umhüllt. So rufen wir dich an: „Herr, erbarme dich!“

Barmherziger Gott, du hast deine Herrlichkeit ans Kreuz erhoben. Und deine Ewigkeit ins Sterben eingebracht. Und deinen Tod, ja, deinen Tod für uns zum Leben aufgerichtet. So rufen wir dich an: „Herr, erbarme dich!“

Gott, öffne uns die Augen für dich und für die Niedrigkeit der Welt und lass uns bitten um Erbarmen für all die Leidenden und die in Schuld verstrickt sind und für die Opfer unsrer Erde und auch für jene, die das Böse tun, und für uns Sünder miteinander. So rufen wir dich an: „Herr, erbarme dich!“

Erschließ uns dir und deiner Liebe, und der Versöhnung mach uns immer neu gewiss um deines Sohnes willen, dem wir zum Leben folgen möchten. So rufen wir dich an: „Herr, erbarme dich!“

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen das Lied 79:

1. Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du für uns gestorben bist und hast uns durch dein teures Blut gemacht vor Gott gerecht und gut,

2. und bitten dich, wahr‘ Mensch und Gott, durch dein heilig fünf Wunden rot: erlös uns von dem ewgen Tod und tröst uns in der letzten Not.

3. Behüt uns auch vor Sünd und Schand und reich uns dein allmächtig Hand, dass wir im Kreuz geduldig sein, uns trösten deiner schweren Pein

4. und schöpfen draus die Zuversicht, dass du uns wirst verlassen nicht, sondern ganz treulich bei uns stehn, dass wir durchs Kreuz ins Leben gehn.

Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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