Gottes Windmühle

Eine Windmühle braucht Flügel, um den Wind einzufangen und zu nutzen. Die Gemeinde Jesu braucht Gottesdienst, um offen zu sein für Gott, für seine Nähe, für seine Kraft. Gottesdienst feiern heißt also, frischen Wind durch die Gemeinde wehen und Gott an sich arbeiten zu lassen.

Eine Windmühle von Greetsiel hinter einer Wiese mit Löwenzahn

Eine der Zwillingsmühlen von Greetsiel als Gleichnis für die Gemeinde Gottes

#gedankeTurmgebet am Donnerstag, 11. August 2005, 18.00 Uhr im Stadtkirchenturm Gießen

Herzlich willkommen beim Turmgebet im Stadtkirchenturm Gießen!

Wir sind versammelt im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir hören zu Beginn die biblische Tageslese für den heutigen 11. August 2005 aus 2. Könige 17, 1-23:

1 Im zwölften Jahr des Ahas, des Königs von Juda, wurde Hoschea, der Sohn Elas, König über Israel und regierte zu Samaria neun Jahre.

2 Und er tat, was dem HERRN missfiel, doch nicht wie die Könige von Israel, die vor ihm waren.

3 Gegen ihn zog herauf Salmanassar, der König von Assyrien. Und Hoschea wurde ihm untertan und brachte ihm Abgaben.

4 Als aber der König von Assyrien innewurde, dass Hoschea eine Verschwörung gemacht und Boten gesandt hatte zu So, dem König von Ägypten, und keine Abgaben dem König von Assyrien brachte wie alle Jahre, nahm er ihn fest und legte ihn ins Gefängnis.

5 Und der König von Assyrien zog durch das ganze Land und gegen Samaria und belagerte es drei Jahre lang.

6 Und im neunten Jahr Hoscheas eroberte der König von Assyrien Samaria und führte Israel weg nach Assyrien und ließ sie wohnen in Halach und am Habor, dem Fluss von Gosan, und in den Städten der Meder.

7 Denn die Israeliten hatten gegen den HERRN, ihren Gott, gesündigt, der sie aus Ägyptenland geführt hatte, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten, und fürchteten andere Götter

8 und wandelten nach den Satzungen der Heiden, die der HERR vor Israel vertrieben hatte, und taten wie die Könige von Israel.

9 Und die Israeliten ersannen, was nicht recht war gegen den HERRN, ihren Gott, sodass sie sich Höhen bauten in allen Orten, von den Wachttürmen bis zu den festen Städten,

10 und richteten Steinmale auf und Ascherabilder auf allen hohen Hügeln und unter allen grünen Bäumen

11 und opferten auf allen Höhen wie die Heiden, die der HERR vor ihnen weggetrieben hatte, und trieben böse Dinge, womit sie den HERRN erzürnten,

12 und dienten den Götzen, von denen der HERR zu ihnen gesagt hatte: Das sollt ihr nicht tun!

13 Und doch hatte der HERR Israel und Juda gewarnt durch alle Propheten und alle Seher und ihnen sagen lassen: Kehrt um von euren bösen Wegen und haltet meine Gebote und Rechte nach dem ganzen Gesetz, das ich euren Vätern geboten habe und das ich zu euch gesandt habe durch meine Knechte, die Propheten.

14 Aber sie gehorchten nicht, sondern versteiften ihren Nacken wie ihre Väter, die nicht an den HERRN, ihren Gott, glaubten.

15 Dazu verachteten sie seine Gebote und seinen Bund, den er mit ihren Vätern geschlossen hatte, und seine Warnungen, die er ihnen gab, und wandelten ihren nichtigen Götzen nach und trieben Nichtiges. Sie taten wie die Heiden um sie her, von denen der HERR ihnen geboten hatte, sie sollten nicht wie diese tun.

16 Aber sie verließen alle Gebote des HERRN, ihres Gottes, und machten sich zwei gegossene Kälber und ein Bild der Aschera und beteten alles Heer des Himmels an und dienten Baal

17 und ließen ihre Söhne und Töchter durchs Feuer gehen und gingen mit Wahrsagen und Zauberei um und verkauften sich, zu tun, was dem HERRN missfiel, um ihn zu erzürnen.

18 Da wurde der HERR sehr zornig über Israel und tat es von seinem Angesicht weg, sodass nichts übrig blieb als der Stamm Juda allein. –

19 Auch Juda hielt nicht die Gebote des HERRN, seines Gottes, sondern wandelte nach den Satzungen, nach denen Israel gelebt hatte. –

20 Darum verwarf der HERR das ganze Geschlecht Israel und bedrängte sie und gab sie in die Hände der Räuber, bis er sie von seinem Angesicht wegstieß.

21 Denn der Herr riss Israel vom Hause David los, und sie machten zum König Jerobeam, den Sohn Nebats. Der wandte Israel ab vom HERRN und machte, dass sie schwer sündigten.

22 So wandelte Israel in allen Sünden Jerobeams, die er getan hatte, und sie ließen nicht davon ab,

23 bis der HERR Israel von seinem Angesicht wegtat, wie er geredet hatte durch alle seine Knechte, die Propheten. So wurde Israel aus seinem Lande weggeführt nach Assyrien bis auf diesen Tag.

Gott, am Ende dieses Tages kommen wir zu Dir. Wir beklagen, was wir in der heutigen Bibellese gehört haben, die bittere Erfahrung der zehn Stämme des Nordreiches Israel, die einfach von der Landkarte der Welt ausgelöscht wurden. Wir rufen zu dir (178.11):

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Gott, wir begreifen nicht, wie das ist mit Schuld und Schicksal in der Geschichte der Völkerwelt. Israel als dein erwähltes Volk empfand es als Strafe von dir, erobert zu werden, verbannt zu sein, in alle Welt zerstreut zu werden. Wie ist das mit uns – wie sind wir verstrickt in die heutige Geschichte von Unterdrückung und Armut, von Unrecht und Terror, von Unterentwicklung und Krieg? Müssen auch wir Folgen tragen, die wir nicht allein verursachen, denen wir aber auch nicht genug widerstehen? Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Wir klagen dir unser persönliches Leid, unsere alltäglichen Sorgen, die Gewohnheiten, die wir nicht ablegen können, obwohl wir es wollen, die Vorsätze, die wir nicht in die Tat umsetzen. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Doch wir erinnern uns in der Stille auch an Gutes, das uns begegnet:

Stille

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! (Psalm 103, 2)

Liebe Turmgemeinde!

Als guten Gedanken habe ich Ihnen heute eine Windmühle mitgebracht. Ja, von einer Windmühle möchte ich erzählen, die ich im Urlaub besichtigt habe. Der kleine Ort Greetsiel in Ostfriesland ist berühmt für seine Zwillingsmühlen, und eine davon ist noch heute in Betrieb.

Zeichnung der fünf Stockwerke einer Windmühle in Greetsiel, die noch in Betrieb ist

Zeichnung der fünf Stockwerke einer Windmühle in Greetsiel, die noch in Betrieb ist

Die Mühle ist ein Gebäude mit 5 Stockwerken, 21 m hoch, und ihre Flügel von 22 m Spannweite ragen noch höher in den Himmel. Ich möchte diese Mühle als ein Bild für die christliche Gemeinde verwenden. Sie besteht nämlich aus vielen Teilen, die alle auf ihre Art zusammenwirken müssen, damit die Mühle funktioniert. Wie in der Mühle, so soll es auch in der Gemeinde Jesu zugehen.

Diese Mühlsteine liegen vor der Mühle, da sie ausrangiert wurden

Diese Mühlsteine liegen vor der Mühle, da sie ausrangiert wurden

Sehen wir uns die Mahlsteine an, die im 2. Stockwerk der Mühle liegen: je 2000 kg schwer. Zwischen dem oberen und dem unteren Stein werden die kleinen Getreidekörner gemahlen, geschrotet oder geschält, so dass Graupen daraus werden. Der untere Stein ist in Ruhe, bewegt sich nicht, und gerade auf diese Weise tut er seine wichtige Arbeit. Der obere dreht sich auf ihm im Kreis, immer ringsherum, er darf sich nicht müde drehen, wie es im Volkslied heißt. So ähnlich ist es in der Gemeinde Jesu: Jeder hat seine Aufgabe, der eine erfüllt sie, indem er sich flink bewegt und aktiv ist, ein anderer, dem das Schicksal schwer zusetzt, hat genug daran zu tun, in Ruhe seine Last zu tragen. Aber was treibt die oberen Steine an und gibt ihnen die Kraft zu mahlen und zu schälen?

Eine erste Antwort finden wir im 3. Stockwerk der Mühle, auf dem Königssöller.

Das Königsrad der Windmühle, das alles andere antreibt

Das Königsrad der Windmühle, das alles andere antreibt

Hier sitzt nämlich ein riesiges Zahnrad, das Königsrad heißt, auf einer gewaltigen vierkantigen Achse, die von hier aus bis unter das Dach der Mühle reicht. Diese Achse ist aus einem einzigen Baum gefertigt, sie heißt Königswelle. Das Königsrad setzt mit seinen starken Zähnen die sogenannten Korbräder in Bewegung, und die wiederum sind durch schwere Holzwellen mit den oberen Mahlsteinen verbunden und halten sie am Laufen. Ohne Königswelle läuft in der Mühle nichts, ohne Königsrad kann die Mühle nicht mahlen – und ich denke: das ist ein schöner Name, der zum Vergleich einlädt.

Wir nennen Jesus unseren König; ohne Jesus wäre in der Kirche alles tot. Jesus überträgt die Kraft, die er von Gott gewinnt, auf alle Menschen; Jesus hält die Menschen in der Gemeinde zusammen, macht uns stark zu Taten der Liebe und zum Ertragen unserer Lasten.

Die Mühlenflügel müssen den Wind einfangen, um Kraft zu übertragen

Die Mühlenflügel müssen den Wind einfangen, um Kraft zu übertragen

Aber wer treibt die Königswelle mit dem Königsrad an? Oben unter dem Dach der Mühle steckt ein zweites Zahnrad, der Bunkler, auf der Achse, und der wiederum ist mit den Windmühlenflügeln verbunden. Sie sind es natürlich, die die Königswelle in Bewegung setzen. Natürlich nur, wenn genug Wind weht. Was der Wind für die Mühle ist, das ist der Geist Gottes für die christliche Gemeinde. Jesus ist Gottes Sohn, weil er sich bewegen und erfüllen ließ vom Heiligen Geist. Und die Kirche lebt nur als Gemeinde Jesu Christi, wenn sie sich in Bewegung setzen lässt vom gleichen Geist.

Eine Windmühle braucht Flügel, um den Wind einzufangen und zu nutzen. Die Gemeinde Jesu braucht Gottesdienst, um offen zu sein für Gott, für seine Nähe, für seine Kraft. Gottesdienst feiern heißt also, frischen Wind durch die Gemeinde wehen und Gott an sich arbeiten zu lassen.

Wenn die Mühlenflügel stillstehen, weil kein Wind weht, dann muss man Geduld haben und auf Wind warten. Wie der Müller den Wind nicht in der Hand hat, so haben wir auch Gottes Geist nicht in der Hand: Gott ist stark, Gott ist allmächtig in seiner Liebe, Gott hilft, aber er tut es zu seiner Zeit und auf seine Weise.

Es kommt bei der Mühle aber auch darauf an, aus welcher Richtung der Wind weht. Die Mühlenflügel können sich nur richtig drehen, wenn der Wind von vorne kommt. Bei Mühlen älterer Bauart musste der Müller mit einer langen Stange die Mühle mit der Hand in den Wind drehen. Wie ist das in einer Kirchengemeinde? Wer ist dafür zuständig, dass die Gemeinde sich in der richtigen Richtung ausrichtet, so dass Gott zur Gemeinde reden und sie bewegen kann? Ein einzelner kann diese Aufgabe nicht wirklich bewältigen – auch der Pfarrer nicht.

Die Windrose sitzt den großen Mühlenflügeln rechtwinklig genau gegenüber

Die Windrose sitzt den großen Mühlenflügeln rechtwinklig genau gegenüber

Die neueren ostfriesischen Windmühlen muss der Müller nicht mehr mit der Hand drehen. Vor 250 Jahren wurde die Windrose erfunden; sie sitzt senkrecht zur Ebene der Windmühlenflügel hinten auf der Mühlenkappe und dreht sich nur, wenn der Wind von der Seite kommt. Dann bewegt sie über ein kleines Zahnrad, das in einem Riesenzahnkranz läuft, die ganze bewegliche Mühlenkappe mitsamt den tonnenschweren Mühlenflügeln immer in die richtige Richtung, und zwar so lange, bis der Wind die Flügel wieder von vorn trifft.

Die Windrose vergleiche ich in einer christlichen Gemeinde mit den Menschen und Gruppen, die sich bewusst mit der Bibel und mit Gott beschäftigen, im Bibelkreis, im Unterricht und anderswo. Es ist wichtig, dass die Gemeinde nicht aus den Augen verliert, woher der Wind weht – woher die Gemeinde ihre Kraft bekommt. Dann ist unser Gottesdienst – wie die Flügel einer Mühle – darauf eingestellt, dass Gott uns anrührt und unsere Herzen in Bewegung setzt. Ohne Gottes Kraft sind wir machtlos, so wie eine Mühle nicht mahlen kann, wenn sie den Wind nicht richtig einfängt. Mag sein, dass Gottes Mühlen langsam mahlen, wie ein Sprichwort sagt. Aber „die Schwachheit Gottes ist stärker, als wir Menschen sind.“ Amen.

EG 269: Christus ist König, jubelt laut!

Schenke uns die Einsicht, Gott, dass wir von dir unsere Kraft bekommen.

Und manchmal nimmst du uns die Kraft, damit wir spüren: Es ist nicht selbstverständlich, stark zu sein.

Schenke uns deine Liebe, damit wir wissen: Wir sind nicht allein auf der Welt.

Unser Leben hat seinen Sinn in dir. In dir finden wir Ruhe und die Erfüllung, nach der wir uns sehnen.

Zeige uns die Aufgabe, die du für uns vorgesehen hast. Und lass uns nicht unzufrieden sein, wenn es nur eine bescheidene Rolle ist, die wir spielen sollen.

Du ersparst uns nicht Leid und Tränen – aber lass uns in allen Sorgen und Nöten nicht allein! Amen.

Vater unser

Es segne dich Gott, der Vater. Er sei der Raum, in dem du lebst. Es segne dich Jesus Christus. Er sei der Weg, auf dem du gehst. Es segne dich der Heilige Geist. Er sei das Licht, das dich zur Wahrheit führt. Amen.

EG 483: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden

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