Vergebung – fruchtbarer Boden für Neuanfänge

Gemeindeglieder stellen sich zur Wahl des neuen Kirchenvorstands. Ich selbst fange gerade als neuer Seelsorger und Verkündiger in Ihrer Gemeinde zu arbeiten an. Ich bin dankbar, dass wir trotz unserer Mängel, unserer Mutlosigkeit und Trägheit von Gott ernstgenommen werden, dass er uns zutraut, mit unseren Ideen und Fähigkeiten in der Gemeinde und über die Gemeinde hinaus einen Dienst zu tun.

Fruchtbarer Ackerboden

Vergebung kann ein fruchtbarer Boden sein für Neuanfänge (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Palmsonntag, 8. April 1979, um 10.30 Uhr für Reichelsheim und Dorn Assenheim in der Reichelsheimer Kirche
Musikverein Reichelsheim: Das ist der Tag des Herrn (Schäfers Sonntagslied)
Gesangverein Reichelsheim: Das Morgenrot
Begrüßung
Eingangslied EKG 127, 1-3 (EG 161):

1. Liebster Jesu, wir sind hier, dich und dein Wort anzuhören; lenke Sinnen und Begier auf die süßen Himmelslehren, dass die Herzen von der Erden ganz zu dir gezogen werden.

2. Unser Wissen und Verstand ist mit Finsternis verhüllet, wo nicht deines Geistes Hand uns mit hellem Licht erfüllet; Gutes denken, tun und dichten musst du selbst in uns verrichten.

3. O du Glanz der Herrlichkeit, Licht vom Licht, aus Gott geboren: mach uns allesamt bereit, öffne Herzen, Mund und Ohren; unser Bitten, Flehn und Singen lass, Herr Jesu, wohl gelingen.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Der Herr ist König. Er herrscht über alle Völker. Vor ihm müssen die Mächtigen sich beugen, alle Sterblichen sollen ihn ehren, alle, die hinunter müssen ins Grab. Auf dich verließen sich unsere Väter, sie vertrauten dir, und du hast sie gerettet. Sie schrien zu dir und wurden befreit, sie hofften auf dich und wurden nicht enttäuscht!

Wir beten. Herr, du enttäuschst auch unsere Hoffnung nicht. Trage uns mit unseren Zweifeln, wo wir nicht mehr zu hoffen wagen. Überführe uns unserer Schuld, wo wir gleichgültig sind gegenüber der Trostlosigkeit fremder Schicksale. Herr Jesus Christus, schenke uns Hoffnung, die uns in Unruhe versetzt, so dass wir in unserer Umgebung etwas in Bewegung bringen: Zeichen der Liebe, Zeichen der Hoffnung, Zeichen deiner Herrschaft, die die Einflussreichen entmachtet und die Schwachen stärkt. Amen.

Gesangverein Reichelsheim: Motette (H. G. Nägeli)

Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit, und alle Welt vergehet mit ihrer Herrlichkeit. Nur einer, der ist ewig und an allen Enden und wir in seinen Händen. Und der ist allwissend, und der ist heilig, und der ist allmächtig, ist barmherzig. Halleluja! Amen, Amen! Ehre seinem großen Namen!

Wir hören einen Abschnitt aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Philippi, den ich nachher der Predigt zugrundelege:

Philipperbrief 2, 5-11

5 Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:

6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,

7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.

8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.

9 Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,

10 dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,

11 und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Lied EKG 58, 1-3 (EG 78):

1. Jesu Kreuz, Leiden und Pein, deins Heilands und Herren, betracht, christliche Gemein, ihm zu Lob und Ehren. Merk, was er gelitten hat, bis er ist gestorben, dich von deiner Missetat erlöst, Gnad erworben.

2. Jesus, wahrer Gottessohn auf Erden erschienen, fing bald in der Jugend an, als ein Knecht zu dienen; äußert sich der göttlich G’walt und verbarg ihr Wesen, lebt in menschlicher Gestalt; daher wir genesen.

3. Jesus richtet aus sein Amt an den Menschenkindern, eh er ward zum Tod verdammt für uns arme Sünder, lehrt und rüst’ die Jünger sein, wusch ihn’ ihre Füße, setzt das heilig Nachtmahl ein, macht ihn’ das Kreuz süße.

Der Friede Jesu Christi sei mit uns allen. Amen.

Als Predigttext hören wir einen Vers aus der eben verlesenen Schriftstelle, Philipperbrief 2, 5 (GNB):

Habt im Umgang miteinander stets vor Augen, was Jesus Christus für einen Maßstab gesetzt hat.

Liebe Gemeinde!

Jesus Christus setzt einen neuen Maßstab. Zunächst einen neuen Maßstab dafür, was wir unter Gott verstehen. In der Motette des Gesangvereins haben wir gehört: Gott ist ewig, allwissend, heilig, allmächtig, barmherzig. Wie ist das zu verstehen? Ist Gott vergleichbar einem menschlichen Machthaber, nur viel viel mächtiger?

Nein. Er hat eben nicht in die Welt, die ihm gehört, einen Mann entsandt, der sie nach Art der Eroberer oder der multinationalen Unternehmen, der Feldherren oder der Atomsupermächte, für Gott zurückgewinnt. Und der dann mit eisernem Besen kehrt und seine Gerechtigkeit durchsetzt. Er wollte auch nicht, dass sein Sohn vom Kreuz herabsteigt und durch ein Wunder sich selbst und die Menschen von allen Leiden auf übernatürliche Weise befreit. Gott ist auf eine sehr befremdende Weise allmächtig. Gott selbst leidet in unserer Welt. Seine Allmacht zeigt sich da, wo Jesus am hilflosesten ist, machtlos dem Spott und den Quälereien der Folterknechte ausgesetzt. Wer Gott nahe sein will, wird sich in der Nähe der Leidenden wiederfinden.

Damit setzt Jesus auch einen neuen Maßstab für unser Menschsein. In Liedern zur Leidenszeit Jesu stolpern wir oft über das Wort „Sünde“. „Jesus ward zum Tod verdammt für uns arme Sünder“. Er hat uns von unserer „Missetat erlöst“, hieß es in dem Lied, das wir eben gesungen haben. Sind wir denn so schlechte Menschen?

Wir sind in der Regel darauf angewiesen, gut von uns zu denken. Wir sollen nicht unbescheiden sein, aber ohne Anerkennung können wir nicht leben. Da wir uns nicht selbst loben dürfen, sind wir um so glücklicher, wenn andere uns Ehre erweisen. Die Zeitungen sind voll von überschwenglichen Worten bei der Verabschiedung von verdienten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens oder in Nachrufen für Verstorbene. So geehrt zu werden, tut wohl – vorausgesetzt allerdings, das Lob sei ehrlich gemeint.

Verlangt nun Jesus von uns, wir sollen schlecht von uns denken? Sollen wir uns ein schlechtes Gewissen zulegen und immer auf der Suche nach verborgenen Sünden sein? Das nicht. Wir sollen wahrnehmen, wie wir in Wahrheit sind. D. h. wie wir sind, wenn wir uns an dem neuen Maßstab messen, den Jesus Christus gesetzt hat. An diesem Maßstab gemessen sind wir schlechte Menschen, „böse Knecht“, wie es in einem Kirchenlied heißt. Wir reichen nicht an den Menschen Jesus heran. Keiner von uns gab alles auf, was er besaß. Keiner von uns ging den Weg der Erniedrigung bis zum Tod. Keiner von uns schafft es, konsequent auch den unbequemen Nächsten zu lieben und den, der unsere Nerven aufreibt, den, der uns zu schaden versucht, und den, der uns keinen Respekt entgegenbringt. Und wenn wir etwas davon verwirklichen, sind wir dann nicht stolz auf uns, wenn wir auch bescheiden alles Lob abwehren? Jesus, der konsequent auch den Feind liebte, auch den, der ihm die Nägel durch Hände und Füße schlug, selbst er wehrte ab: was nennst du mich gut. Gut ist nur Gott allein.

Wir sind darauf angewiesen, gut von uns zu denken. Daher nehmen wir nicht gern ernst, wie schlimm Sünde ist, wie verheerend sich Lieblosigkeit und Gedankenlosigkeit, Trägheit und Resignation auswirken. So lange sich uns kein Weg zeigt, Sünde zu überwinden, können wir nicht anders, als sie zu verharmlosen oder zu leugnen. „Wir sind alle kleine Sünderlein“, singen wir dann verniedlichend. Das ist mit gutem Recht kein Kirchenlied.

Jesus Christus hat die Sünde überwunden. Stellvertretend für uns lebte er als Mensch für andere unter Menschen, die in erster Linie für sich lebten. Stellvertretend für uns opferte er sich auf. Er liebte die, die ihn bei seinem Einzug in Jerusalem erst umjubeln und ein paar Tage später ans Kreuz bringen wollen. Er verzeiht denen, die ihn verurteilen, denen, die ihn auf Befehl von oben ans Kreuz nageln, und denen, die meinen, das Leiden eines Fremden innerhalb der Gemeinschaft der Menschen gehe sie nichts an. „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Wenn ich Vergebung bewusst erfahre, weiß ich dann etwas von der Sünde, in der ich gesteckt habe und noch stecke. Ich weiß, dass ich im Kampf gegen das eigensüchtige Leben stehe, das immer noch in mir und in den Verhältnissen, in denen ich lebe, Einfluss hat. Aber ich kämpfe nicht allein, nicht aussichtslos. Schritte des neuen Lebens in der Nachfolge Jesu werden mir möglich: ein wahres Wort zu sagen, für einen anderen einzustehen, die Augen zu öffnen für Unrechtssysteme in unserer sozialen Welt, die Hoffnung auf die Erneuerung der Erde nicht aufzugeben.

Vergebung ist ein fruchtbarer Boden für Neuanfänge, auch für Neuanfänge wie die, an die wir heute besonders denken: Eine Gruppe von Gemeindegliedern stellt sich zur Wahl des neuen Kirchenvorstands. Ich selbst fange gerade als neuer Seelsorger und Verkündiger in Ihrer Gemeinde zu arbeiten an und freue mich über die Bereitschaft von vielen unter Ihnen, ebenfalls Mitverantwortung für die Gemeinde zu übernehmen. Ich bin dankbar dafür, dass wir trotz unserer Mängel, unserer Mutlosigkeit und Trägheit von Gott ernstgenommen werden, dass er uns zutraut, mit unseren Ideen und Fähigkeiten in der Gemeinde und über die Gemeinde hinaus einen Dienst zu tun. Einen Dienst, in dem deutlich wird, dass Jesus Christus und niemand und nichts sonst unser Herr ist. Dass unser Hören und Sehen, unser Miteinanderleben und unser Aktivwerden aus diesem Geist heraus geschieht, darum bitten wir Gott. Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, Amen.
Lied EKG 70,1 (EG 90):

1. Ich grüße dich am Kreuzesstamm, du hochgelobtes Gotteslamm, mit andachtsvollem Herzen. Hier hängst du zwar in lauter Not und bist gehorsam bis zum Tod, vergehst in tausend Schmerzen; doch sieht mein Glaube wohl an dir, dass Gottes Majestät und Zier in diesem Leibe wohne und dass du hier so würdig seist, dass man dich Herr und König heißt, als auf dem Ehrenthrone.

Abkündigungen:
Einladung zur anschließenden Gemeindeversammlung, die der Vorsitzende des Wahlausschusses, Gerd Wagner, leiten wird.

Herr Jesus Christus! Wir bitten dich für unsere Gemeinde, dass wir erkennen, was notwendig getan werden muss und wer uns braucht. Wir bitten um Mut und Ausdauer für die Aufgaben, die wir übernehmen. Schaffe zwischen uns Vertrauen. Lass uns auch Gegensätze in unseren Anschauungen ertragen oder austragen, so dass wir zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen, deren Grund nicht irgendeine Illusion, sondern du selber, der Versöhner der Welt, bist. Herr, mache uns bereit, umzudenken in wichtigen Fragen, die die Zukunft des Lebens auf der Erde betreffen. In diesen Wochen wächst die Angst vor den Auswirkungen einer technischen Errungenschaft, der Kernenergie, die in Harrisburg den Verantwortlichen über den Kopf zu wachsen begonnen hat. Stärke in uns angesichts solcher und anderer Ängste die Hoffnung, die nicht die Hände in den Schoß legt, sondern neue Wege zu gehen wagt. Amen.

Vaterunser

Der Herr segne uns und behüte uns. Er lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf uns und gebe-uns Frieden. Amen.

Musikverein

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