„Ein rechtes Freudenspiel“

Gott schreibt ein Drama um.

Für den Verstand ist Jesus im Grab geblieben. Doch unser Herz kann Erfahrungen mit Christus machen. Der schwingt hier und da sein „Siegesfähnlein“: Wo Jesus Frauen wegschickt vom Grab zu den Überlebenden. Wo Petrus, der Verleugner, den Auferstandenen erlebt als den vergebend Fragenden: „Hast du mich lieb?“ Wo Thomas zweifeln darf und zu glauben lernt.

Friedhofskapelle mit grünen Zweigen im Vordergrund

Türmchen der Friedhofskapelle Gießen mit grünen Zweigen im Vordergrund

Osterfrühandacht am Ostersonntag, den 23. April 2000, um 8.00 Uhr am Steinkreuz auf dem Friedhof Gießen
Vorspiel des Bläserkreises

Ich möchte Sie am Ostermorgen mit dem Ostergruß begrüßen: „Christus ist auferstanden!“ und wenn Sie möchten, können Sie mir antworten mit den Worten: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Ja, Christus ist auferstanden! – „… … … …!“

Dramatisch ist es, was sich damals zugetragen hat in der Woche nach dem Sonntag der Palmzweige. Ein Drama war es, aber welcher Art? Für die einen war es eine Tragödie und endete mit dem Karfreitag – Kreuz – Tod – Grab. Scheitern – Ende – Aus. Ein guter Mensch mit den besten Absichten endet tragisch.

Doch Gott schreibt das Drama um. Zwar fällt der Vorhang nach dem letzten Akt des von Menschen geplanten und in Szene gesetzten Trauerspiels. Doch ohne menschliches Zutun hebt sich am Ostermorgen noch einmal der Vorhang – und das Drama geht weiter: Als Freudenspiel – als Neubeginn – als Auftakt zur Musik des Lebens.

Wir singen aus dem Lied 111 die Verse 1, 3 und 6:

1) Frühmorgens, da die Sonn aufgeht, mein Heiland Christus aufersteht. Vertrieben ist der Sünden Nacht, Licht, Heil und Leben wiederbracht. Halleluja, Halleluja.

3) Nicht mehr als nur drei Tage lang mein Heiland bleibt ins Todes Zwang; am dritten Tag durchs Grab er dringt, mit Ehr sein Siegesfähnlein schwingt. Halleluja.

6) Am Kreuz lässt Christus öffentlich vor allem Volke töten sich; da er durchs Todes Kerker bricht, lässt er’s die Menschen sehen nicht. Halleluja.

Eigenartig – das, worum es eigentlich an Ostern geht, das eigentliche Freudenspiel am Ostermorgen, ist eine Aufführung ohne Publikum. Jesus wird vor aller Augen gekreuzigt, aber seine Auferweckung ist zunächst eine Sache ganz zwischen ihm und seinem himmlischen Vater. Das muss so sein, dieses Geschehen können menschliche Sinne beim besten Willen nicht begreifen.

Aber wir Menschen sind nicht ausgeschlossen vom österlichen Freudenspiel. Was zwischen Gott und Jesus passiert, hat Folgen für uns. Das ist unser Freudendrama, davon erzählen die Ostergeschichten der Bibel, zum Beispiel der Evangelist Matthäus 28:

1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.

2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.

3 Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.

5 Und der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.

6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat;

7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten.

8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.

Matthäus spart nicht mit dramatischen Einzelheiten: ein Erdbeben spielt eine Rolle, und ein Engel, mächtig wie Blitz und Donner, gewaltig wie eine Schneelawine, rollt den Stein weg. Trotzdem – kein Wort darüber, wie Jesus eigentlich auferstanden ist. Das zu fassen, zu begreifen, dafür reichen selbst die gewaltigsten Bilder unserer Sprache nicht aus. Diese starken Bilder reichen nur aus, um wiederzugeben, was an diesem Morgen mit den Frauen passiert.

Mit Furcht und großer Freude erleben die Frauen den ersten Ostermorgen. In Angst, Trauer und Verzweiflung sind sie hergekommen, haben ihre Salben mitgebracht zur Grabhöhle, so wie wir unsere Blumen und Gießkannen und Kerzen auf den Friedhof nehmen, um die Gräber lieber Menschen herzurichten. Sie fürchten sich vor diesem Engel, der ihre Welt durcheinanderbringt. Und trotzdem ist da auch Freude – Freude über ein Wunder, Freude über das Unglaubliche, Freude über den Tod des Todes.

Wir singen die Strophen 1 und 2 aus dem Lied 112:

1) Auf, auf, mein Herz, mit Freuden nimm wahr, was heut geschicht; wie kommt nach großem Leiden nun ein so großes Licht! Mein Heiland war gelegt da, wo man uns hinträgt, wenn von uns unser Geist gen Himmel ist gereist.

2) Er war ins Grab gesenket, der Feind trieb groß Geschrei; eh er’s vermeint und denket, ist Christus wieder frei und ruft Viktoria, schwingt fröhlich hier und da sein Fähnlein als ein Held, der Feld und Mut behält.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ – sagt der „Kleine Prinz“ von Antoine St. Exupéry. So nehmen wir auch das Freudenspiel, das Gott für uns aufführt am Ostermorgen, nur mit dem Herzen wahr: „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden nimm wahr, was heut geschicht!“

Mit dem Verstand kann‘s nicht begriffen werden, nur das Herz kann ergreifen, was hier geschieht – wenn unser Herz sich ergreifen lässt. Für den Verstand ist Jesus im Grab geblieben – dazu nachher mehr in der Osterpredigt in der Pauluskirche. Doch unser Herz wird weggeführt vom Grab, indem es Erfahrungen mit dem lebendigen Christus macht. Der schwingt nämlich sein „Siegesfähnlein“, und zwar „hier und da“. Da sind die Frauen, für die es eine Erfahrung wie Blitz und Erdbeben ist, dass Jesus für sich keinen Totenkult wünscht, sondern dass er sie wegschickt vom Grab zu den Überlebenden. Da ist Petrus, der Verleugner, der den Auferstandenen erlebt als den vergebend Fragenden: „Hast du mich lieb?“ Da ist Thomas, der zweifeln darf und so zum Glauben kommt.

Wir singen die Strophen 3 bis 5 aus dem Lied 112:

3) Das ist mir anzuschauen ein rechtes Freudenspiel; nun soll mir nicht mehr grauen vor allem, was mir will entnehmen meinen Mut zusamt dem edlen Gut, so mir durch Jesus Christ aus Lieb erworben ist.

4) Die Höll und ihre Rotten die krümmen mir kein Haar; der Sünden kann ich spotten, bleib allzeit ohn Gefahr. Der Tod mit seiner Macht wird nichts bei mir geacht‘: er bleibt ein totes Bild, und wär er noch so wild.

5) Die Welt ist mir ein Lachen mit ihrem großen Zorn, sie zürnt und kann nichts machen, all Arbeit ist verlorn. Die Trübsal trübt mir nicht mein Herz und Angesicht, das Unglück ist mein Glück, die Nacht mein Sonnenblick.

Ein Freudenspiel beginnt am Ostermorgen – in gewisser Hinsicht sogar eine Komödie. Hölle und Sünde, Tod und Welt werden lächerlich gemacht.

Eben hat der Tod noch – bildlich gesprochen – sein Siegesgeheul angestimmt, da ist Christus dem Tod schon entkommen. Denn in Jesus war Gott lebendig, seine ewige Liebe, und gerade indem er sich töten ließ, besiegte diese Liebe den Tod für immer. So ist der Tod selber nur noch ein „totes Bild“ ohne Saft und Kraft und kann der lebendigen Liebe nichts anhaben.

Auch die Hölle und die Sünden kann ich verspotten – sie haben nur Macht, so lange ich nicht auf Gott vertrauen kann.

Aber dass die Welt nur zum Lachen sein soll mit allem, was uns Kummer macht, mit Not und Unglück – ist das nicht allzu dick aufgetragen?

Hier zeigt sich, das Freudenspiel vom Ostermorgen ist nicht nur eine Komödie, die Spaß macht. Trauer und Unglück werden nicht wegerklärt, sie bleiben schmerzhafte Realität. Aber wer Schicksalsschläge zum Anlass nimmt, um uns den Glauben auszureden oder die Sinnlosigkeit des Daseins einzureden oder um uns hinzustellen, als seien wir von Gott gestraft – den dürfen wir getrost auslachen. Krankheit, Unglück, Enttäuschungen und Trauer um geliebte Menschen sind hart genug, da braucht uns nicht noch jemand Angst zu machen vor der Hölle oder vor der Sinnlosigkeit des Lebens. Nein – die Welt ist gut geschaffen. Das hat Gott am Ostermorgen bestätigt – trotz des Versuchs der Menschen, Gottes Liebe umzubringen.

Ostern ist ein Freudenspiel, ein dramatisches Schauspiel mit einem guten Ausgang. Ostern ist ein Freudenspiel, bei dem wir nicht Zuschauer bleiben, sondern mitspielen dürfen. Im Vertrauen auf Jesus wird Ostern zum Freudenspiel unseres eigenen Lebens.

Von diesem fröhlichen Drama unseres Lebens singen wir auch noch die letzten drei Strophen aus dem Lied 112, 6 bis 8:

6) Ich hang und bleib auch hangen an Christus als ein Glied; wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit. Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not, er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell.

7) Er dringt zum Saal der Ehren, ich folg ihm immer nach und darf mich gar nicht kehren an einzig Ungemach. Es tobe, was da kann, mein Haupt nimmt sich mein an, mein Heiland ist mein Schild, der alles Toben stillt.

8) Er bringt mich an die Pforten, die in den Himmel führt, daran mit güldnen Worten der Reim gelesen wird: „Wer dort wird mit verhöhnt, wird hier auch mit gekrönt; wer dort mit sterben geht, wird hier auch mit erhöht.“

Lasst uns beten, im Angesicht des Kreuzes Jesu, in der Nachbarschaft der Gräber geliebter Menschen: Jesus Christus, hilf uns begreifen, dass Ostern unsere Wirklichkeit nicht leugnet, sondern verwandelt, dass wir mit dir nicht der Welt entfliehen, sondern gemeinsam mit dir durch dick und dünn gehen. Was uns tötet, hast du getötet, frei gemacht hast du den Weg für das, was uns leben lässt.

Gott, Vater Jesu Christi – schenk uns Trost mitten in Tränen, schenk uns Liebe mitten im Hass, schenk uns Vertrauen mitten in der Angst, schenk uns Freude mitten im Leid. Amen.

Gemeinsam beten wir auf diesem Friedhof am Ostermorgen mit den Worten, die uns unser Herr Jesus Christus selbst gelehrt hat:

Vater unser

Zum Schluss singen wir das Lied 99:

1) Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

2) Wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen; seit dass er erstanden ist, so lobn wir den Vater Jesu Christ‘. Kyrieleis.

3) Halleluja, Halleluja, Halleluja! Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Nun geht mit Gottes Segen in diesen Ostertag:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen.

Nachspiel des Bläserkreises

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