Opfer?

Zur Opferhand mit dem Victory-Zeichen meinte ein Pfarrer-Kollege: Viele Jugendliche würden das Wort „Opfer“ nur noch als Schimpfwort kennen. Dass das Bild etwas mit dem Tod Jesu am Kreuz zu tun haben soll, könne man nur begreifen, wenn man zehn Semester Theologie studiert hätte. Aber unsere Konfis haben bewiesen, dass man auch ohne Theologiestudium etwas mit diesem Bild anfangen kann.

#predigtKonfi-Gottesdienst am Sonntag, 25. März 2012, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Klaviervorspiel

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Am 5. Sonntag in der Passionszeit, zwei Wochen vor dem Osterfest, begrüße ich alle herzlich in der Pauluskirche mit dem Wort zur Woche aus dem Evangelium nach Matthäus 20, 28:

Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.

In vier Wochen findet die Konfirmation statt; einen besonderen Vorstellungsgottesdienst vor der Konfirmation gibt es in der Paulusgemeinde seit vielen Jahren nicht; aber der Gottesdienst heute wurde von den Konfirmandinnen und Konfirmanden gemeinsam mit Pfarrer Schütz vorbereitet.

Eine durchbohrte Hand macht das Siegeszeichen vor einem bewölkten Himmel - darüber ist das Wort "opfer?" zu sehen

Ich danke dem Künstler Ralf Kopp für die Erlaubnis, seine Grafik zu veröffentlichen

Als Ausgangspunkt für die Gedanken der Jugendlichen diente das Bild, das auf der Rückseite des Gemeindebriefs steht. In jeder Bankreihe liegen zwei Exemplare, so kann uns das Bild durch den Gottesdienst begleiten.

Bevor wir das erste Lied singen, wollen wir hören, was unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden zu diesem Bild gesagt haben:

Es könnte eine Auseinandersetzung stattgefunden haben. Diese Person will wieder Frieden.

Dem Jungen wurde durch die Hand geschossen, weil er Frieden wollte, doch den perfekten Frieden gibt es nicht!

Auf dem Bild sieht man eine zum Peace-Zeichen geformte Hand, die sich vom angedeuteten bewölkten Himmel abhebt. Doch die Handfläche ist durchschossen. Blut rinnt aus der Wunde und verschwindet im Halbschatten des Unterarms. Das Bild macht einen seltsamen Eindruck auf mich, die freudige Geste verbunden mit dem Blut. Ist der Handheber im Sieg getroffen worden? Wurde er im Bitten um Frieden erschossen? Es bleibt offen.

Peace soll Frieden symbolisieren, und das wird in dem Bild grad nicht gezeigt, sondern Gewalt, und unter Gewalt verstehe ich keinen Frieden.

Das Bild soll Frieden symbolisieren. Auch wenn man Schmerz oder Hass erleidet, soll man immer freundlich bleiben.

Ich finde dieses Bild sehr gelungen. Ich denke, dass dieses Bild Frieden symbolisieren soll… vielleicht dass man für Frieden sterben würde. Derjenige, dem die Hand gehört, tut mir sehr leid.

Opfer… Ich denke, dass es die Hand von Jesus ist, die vom Kreuznagel durchlöchert ist und ein Peace-Zeichen macht. Ich denke, Opfer meint, dass Jesus auch ein Opfer von denen war, die ihn für seinen Glauben ans Kreuz genagelt haben. Ich finde, dass das Bild gut auf einen Gemeindebrief passt, da es mit Kirche zusammenhängt und ein paar Leute zum Nachdenken anregen könnte.

Vielen Dank, liebe Konfis! Man könnte noch viel mehr über dieses Bild sagen. Für euch ist es eine Erinnerung an den Frieden – und dass der Friede unter den Menschen oft durch Gewalt bedroht ist. Darum singen wir das Lied „Unfriede herrscht auf der Erde“ (EG Niedersachsen-Bremen 617):

Unfriede herrscht auf der Erde
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Jesus hat zum Frieden Sachen gesagt, die nicht leicht zu befolgen sind. Hören wir Sätze aus seiner berühmten Bergpredigt. Sie stehen im Evangelium nach Matthäus 5:

38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.«

39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.

43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen.

44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,

45 damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Manche denken, dass Jesus die Feindesliebe erfunden hat. Aber mit seinen Sätzen über den Frieden beruft er sich auf Sätze, die schon im Alten Testament stehen. Neu ist, dass er sie als Aufforderung an alle Menschen in den Mittelpunkt seiner Predigt stellt.

Hören wir Verse aus den Klageliedern des Jeremia, in denen jemand aus dem Volk Israel Gott anklagt, weil er scheinbar nicht hilft. Aber trotzdem hält er fest am Glauben zu Gott (Klagelieder 3):

2 Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht.

8 Und wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem Gebet.

17 Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich habe das Gute vergessen.

20 Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir’s.

27 Es ist ein köstlich Ding für einen Mann, dass er das Joch in seiner Jugend trage.

30 Er biete die Backe dar dem, der ihn schlägt, und lasse sich viel Schmach antun.

31 Denn der HERR verstößt nicht ewig;

32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

37 Wer darf denn sagen, dass solches geschieht ohne des Herrn Befehl

38 und dass nicht Böses und Gutes kommt aus dem Munde des Allerhöchsten?

Wir rufen zu Gott: Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Die Klage des Jeremia verwandelt sich im Lauf seines Gebetes, und er findet am Ende neue Hoffnung:

21 Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch:

22 Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,

23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.

24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.

25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.

26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Guter Gott, Vater von Jesus Christus! Wir wünschen uns Frieden, aber es ist schwer, Feindschaft zu überwinden. Wir beklagen, dass Menschen Gewalt erleiden und zu Opfern werden, aber es ist schwer, aus dem Teufelskreis herauszukommen, in dem wir manchmal zu Opfern werden und manchmal andere zu Opfern machen. Lass uns verstehen, was für einen Frieden du willst und was wir tun können, damit bei uns der Friede wächst. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Noch ein zweites Mal hören wir die Worte, die Jesus bereits aus den Klageliedern des Jeremia kannte. Er hat sie in der Bergpredigt auf seine Weise umgeformt und hat nach ihnen gelebt, bis zum seinem Tod am Kreuz. Ich lese aus dem Evangelium nach Matthäus 5, 38-39 und 43-45:

38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.«

39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.

43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen.

44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,

45 damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Amen. „Amen.“

Heute sprechen wir ein anderes Glaubensbekenntnis. Es steht auf der Rückseite des ersten Liedes:

Wir glauben an Jesus Christus. Er war, was auch wir sein sollten: Diener aller Menschen. Weil er liebte, musste er leiden und sterben. Doch seine Liebe ist stärker als der Tod. Nicht dem Tode, sondern Jesus Christus gehört das letzte Wort. Alle, die Toten, die Lebenden und die Kommenden müssen sich messen lassen an ihm.

Wir glauben an den neuen Geist, der mit Jesus Christus in die Weit gekommen ist, der die Menschen aller Rassen, Kulturen und Klassen zusammenführt, der sie eine gemeinsame Sprache lehrt, der niemanden an seiner Schuld zerbrechen lässt, der Zweifel und Angst überwindet, zur Hoffnung befreit und uns ermutigt, der Feindschaft die Liebe entgegenzusetzen.

Wir glauben an den Schöpfer, der durch Jesus Christus zu uns spricht. Unsere Welt ist sein Eigentum. In ihr sollen die Liebe, die Gerechtigkeit und die Freiheit unzerstörbare Wirklichkeit werden. Darauf hoffen wir. Und darum sind wir bereit, uns für die Menschlichkeit aller Ordnungen und für jeden Menschen einzusetzen. Amen.

Jetzt singen wir ein Lied über Jesus, das die Konfirmanden letzten Donnerstag mit Begeisterung sogar zwei Mal gesungen haben – 552 im Gesangbuch:

Einer ist unser Leben
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, und als Teil der Gemeinde spreche ich heute sehr bewusst euch Konfis an!

Noch einmal dassselbe Bild wie oben von Ralf KoppAls wir unter den evangelischen Pfarrern im Dekanat Gießen über das Bild mit der durchbohrten Hand sprachen, waren einige mit dieser Darstellung nicht einverstanden. Das Bild soll in der Karwoche an öffentlichen Plakatwänden zu sehen sein, und es wurde befürchtet, dass die Leute gar nicht verstehen würden, was damit gemeint ist. Einer meinte: Das Victory-Zeichen der Amerikaner passt für ihn nicht zum Glauben an Jesus. Viele Jugendliche würden das Wort „Opfer“ nur noch als Schimpfwort kennen und benutzen. Und dass das Bild etwas mit dem Tod Jesu am Kreuz zu tun haben soll, könne man nur begreifen, wenn man zehn Semester Theologie studiert hätte.

Unsere Konfis haben bewiesen, dass man durchaus auch ohne Theologiestudium etwas mit diesem Bild anfangen kann. Eine Konfirmandin schreibt:

„Ich finde, dass das Bild gut auf einen Gemeindebrief passt, da es mit Kirche zusammenhängt und ein paar Leute zum Nachdenken anregen könnte.“

Und ein Konfirmand macht deutlich, dass intensives Nachdenken gerade durch die Seltsamkeit des Bildes hervorgerufen werden kann:

„Das Bild macht einen seltsamen Eindruck auf mich, die freudige Geste verbunden mit dem Blut. Ist der Handheber im Sieg getroffen worden? Wurde er im Bitten um Frieden erschossen? Es bleibt offen.“

Alle Konfis bringen die Hand mit dem Zeige- und Mittelfinger nicht mit einem Sieg im Krieg in Verbindung, sondern mit dem Peace-Zeichen, einer Geste des Friedens. Nicht ganz einig sind sie darüber, ob das Bild wirklich Frieden darstellt oder Gewalt. Zwei Konfis schreiben:

„Peace soll Frieden symbolisieren, und das wird in dem Bild grad nicht gezeigt, sondern Gewalt, und unter Gewalt verstehe ich keinen Frieden.“

„Dem Jungen wurde durch die Hand geschossen, weil er Frieden wollte, doch den perfekten Frieden gibt es nicht!“

Aber drei andere sehen die Sache so:

„Da gab es eine Auseinandersetzung, und nun will diese Person wieder Frieden.“

„Das Bild soll Frieden symbolisieren. Auch wenn man Schmerz oder Hass erleidet, soll man immer freundlich bleiben.“

„Ich finde dieses Bild sehr gelungen. Ich denke, dass dieses Bild Frieden symbolisieren soll… vielleicht dass man für Frieden sterben würde. Derjenige, dem die Hand gehört, tut mir sehr leid.“

Und genau an dieser Stelle wird es interessant. Offenbar geht es um einen Frieden, der dort entsteht, wo Gewalt überwunden wird. Nützt es denn etwas, wenn jemand für den Frieden stirbt? Muss man sich nicht wehren, wenn man beleidigt oder angegriffen, wenn man zum Opfer gemacht wird?

Nur eine Konfirmandin ist auf das Stichwort „Opfer“ auf dem Bild eingegangen.

„Ich denke, dass es die Hand von Jesus ist, die vom Kreuznagel durchlöchert ist und ein Peace-Zeichen macht. Ich denke, Opfer meint, dass Jesus auch ein Opfer von denen war, die ihn für seinen Glauben ans Kreuz genagelt haben.“

Jesus ließ sich also als Opfer behandeln, so diese Konfirmandin, weil er an seinem Glauben festhielt. Wie sollen wir das verstehen? Vielleicht so: Jesus vertraute auf Gott, der alle Menschen liebt, der seine Sonne scheinen lässt über Böse und Gute, und darum wehrte er sich nicht mit Gewalt, als man ihn gefangennahm, quälte und tötete.

Nun könnte jemand einwenden: Wie konnte Gott seinen Sohn so leiden lassen? Ich sage: Weil Jesus in dieser Frage mit seinem Vater im Himmel einig ist – er will der Gewalt nicht mit Gewalt widerstehen, und wenn es sein Leben kostet. Er will der Liebe zu den Menschen treu bleiben, selbst zu denen, die ihn ans Kreuz nageln. Er zeigt auf diese Weise, dass die Liebe stärker ist als Tod und Teufel, Hass und Gewalt. Aber leicht ist das auch für ihn nicht. Er leidet unerträgliche Qualen. Eine von euch hat geschrieben:

„Er tut mir leid.“

Und er selber hat zeitweise seinen Vater im Himmel auch nicht verstanden. Als er am Kreuz hing, schrie er zu Gott (Matthäus 27, 46 – nach Psalm 22, 2):

Warum hast du mich verlassen?

Das ist übrigens auch ein Satz aus dem Alten Testament, ein Vers aus dem Psalm 22. Jesus klagt zu Gott, weil er unschuldig leiden muss, er schreit „warum?“ und klagt Gott an, der doch eigentlich gut und gerecht ist. Oder?

Jesus ist im Volk Israel nicht der erste, der so lautstark Gott vorwirft, dass er ihn ungerecht behandelt. Vorhin haben wir Jeremias Klagen gehört (Klagelieder 3, 2.8.17):

2 Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht.

8 Und wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem Gebet.

17 Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben.

Außerdem gibt es noch das Buch Hiob, ein ganzes Buch voller Anklagen gegen Gott. Hiob hat alle seine Kinder sterben sehen, sein Vermögen verloren, er ist leprakrank, sein Fleisch fault ab, er ekelt sich vor sich selbst. Und seine Freunde sagen ihm: „Daran wirst du irgendwie schon selber schuld sein. Wahrscheinlich straft dich Gott für verborgene Sünden in deinem Leben.“ Hiob ist aber überzeugt: Ich habe nichts Böses getan! Jedenfalls nichts, was eine derart grausame Strafe rechtfertigen würde. Außerdem – ist Gott nicht gnädig und barmherzig, ist er nicht ein guter Gott, der Gott der Liebe?

Wir hören Verse aus dem Buch Hiob 19, wo sich Hiob gegen Gott und seine Freunde wehrt:

2 Wie lange plagt ihr doch meine Seele und peinigt mich mit Worten!

4 Habe ich wirklich geirrt, so trage ich meinen Irrtum selbst.

6 So merkt doch endlich, dass Gott mir unrecht getan hat.

19 Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt.

21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen!

22 Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?

Das sind schon krasse Worte eines frommen Menschen gegen Gott! Es ist gut, sich das zu merken für Zeiten, in denen wir selber Leid erleben. Mit dem Gott der Bibel muss man nicht vorsichtig reden; wir können ihm sagen, was uns auf der Seele liegt. Er allerdings macht es auch uns nicht immer einfach – obwohl oder gerade weil er uns Menschen liebt. Und eben das ist oft so schwer zu verstehen.

Genau wie Jeremia und Jesus hält Hiob am Glauben zu Gott fest. Er klagt zwar Gott an, nennt ihn aber zugleich seinen Erlöser, seinen Befreier, der ihm am Ende doch helfen wird:

25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben.

26 Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen.

27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Hiob tritt Gott selbstbewusst gegenüber. Zugleich lässt er Gott nicht los, er kämpft mit ihm um Erlösung. Er sieht Gott gleichzeitig als seinen Quäler und seinen Erlöser. Gott ist da, und wenn Gott da ist, dann ist er der einzige, an den Hiob sich wenden kann. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“ Und das ist der gleiche, der mich schlägt, der mich unschuldig leiden lässt. So darf man zu Gott reden. Am Ende bestätigt das im Buch Hiob Gott selber. Hiob bekommt Recht gegen seine scheinbar frommen Freunde, die keine Anklagen gegen Gott zulassen wollen. Heute zweifeln viele Menschen an der Existenz Gottes und sagen: Den gibt es nicht! Hiob hält die Spannung aus. Du bist da, und ich will wissen, warum du mich so leiden lässt. Mit meinen eigenen Augen werde ich dich sehen!

„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“, so schaut Hiob prophetisch in die Zukunft, er sieht den Erlöser, wie er sich als letzter aus dem Staub erhebt. Sieht er Jesus, der unschuldig stirbt und nach drei Tagen aus dem Tod aufersteht?

Von Hiob und Jesus singen wir das Lied auf dem anderen Liedblatt:

1) „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt! Auf ihn will ich vertrauen. Wenn aus dem Staub er sich erhebt, dann werde ich Gott schauen.“ So kann der Hiob in die Zukunft sehn, als er sein Schicksal kann kaum tragen. Er wagt es, Gott zu widerstehn, ihn voller Zorn zu fragen: „Warum hast du mich so geschlagen?“

2) „Warum“, so fragt auch Jesus Christ, „warum, Gott, hast du mich verlassen?“ Wenn Gott am Kreuz den Sohn vergisst, muss Jesus ihn nicht hassen? Doch Jesus bleibt der Liebe treu zu Gott und Menschen, die ihn schlagen. So zeigt sich Gottes Liebe in ihm neu, die aufersteht nach nur drei Tagen. Wir sind von Gott getragen!

Liebe Gemeinde, letzten Endes bleiben Jeremia, Hiob und Jesus davon überzeugt: Gott befreit und demütigt nicht. Auf Gott kann man sich trotz allem verlassen. Wenn, wie Jeremia weiß, „aus dem Mund Gottes das Schlimme und das Gute“ kommt, weil Gott allmächtig ist, dann ist Gott doch zugleich „gut und richtet uns wieder auf.“ Darum führt die Empfehlung des Jeremia: „Wenn dich einer schlägt, halte ihm die Wange hin!“ nicht dazu, dass am Ende der Gewalttätige den Sieg davonträgt. Wirklich stark ist einer, der selbstbewusst genug ist, um nicht gleich draufschlagen zu müssen, wenn einer ihm etwas komisch kommt. Das greift Jesus auf und verstärkt diesen Gedanken noch: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, dann seid ihr Kinder eures Vaters im Himmel. Denn der schenkt ja auch Sonne und Regen nicht nur den Guten, sondern auch den Bösen“.

Wer sind eigentlich unsere Feinde? Einige Konfis haben dazu die Namen von Lehrern aufgeschrieben, nur von ganz bestimmten. Die nenne ich jetzt nicht. Aber ich verstehe gut, dass einem mancher Lehrer wie ein Feind vorkommt. Es ist zwar schon lange her, aber auch ich hatte in meiner Jugend Lehrer, die mit ihrer Ungerechtigkeit oder ihrem Zynismus Schülern das Leben schwer machten. Umgekehrt habe ich inzwischen auch erlebt, wie sehr manche Schüler ihre Lehrer tyrannisieren, manchmal sogar Konfirmanden ihren Pfarrer; aber das tut ihr nicht – ihr seid definitiv nicht meine Feinde!

Mal abgesehen von Lehrern habt ihr geschrieben: Meine Feinde sind:

Leute, die mir schaden wollen. Leute, die Lügen über mich erzählen.

Leute, die einen nicht kennen und wegen Vorurteilen blöd anmachen, schlagen usw.

Auf die Frage, was ihr am liebsten mit solchen Feinden machen würdet, habt ihr geantwortet:

Ihnen aus dem Weg gehen, sie nicht mehr sehen.

Am liebsten ihnen die Meinung sagen.

Sie demütigen und quälen.

Es heißt doch „Wie du mir, so ich dir“, also würde ich das mit meinem Feind machen, was mein Feind mit mir macht.

Was man sich in der Phantasie vorstellt, muss aber nicht immer in die Tat umgesetzt werden. Was habt ihr denn schon einmal mit einem gemacht, den ihr als Feind erlebt habt?

Ich bin einfach weggegangen.

Einen Mann, der mir zu nahe kam, habe ich gesagt, dass er das nicht machen soll. Und ich habe ihn als Frauenfeind bezeichnet.

Wenn Jesus sagt: Liebt eure Feinde, dann meint er damit nicht, dass wir sie unbedingt mögen sollen. Wir sollen ihnen nichts Böses tun, nichts Böses wünschen, stattdessen für sie beten. Aber die Meinung sagen können wir ihnen auch. Und erwarten, dass sie ihr Verhalten ändern.

Aber wenn Jesus aufgreift, was Jeremia sagt: „Halte dem, der dich schlägt, die Wange hin!“, ist das nicht doch übertrieben? Ist die Regel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, also das Bemühen um einen gerechten Ausgleich, um eine Vergeltung, die sich im Rahmen hält, nicht realistischer?

Diese Regel war ja ein Fortschritt gewesen in einer Zeit, als es noch keine staatlichen Gerichte gab, sondern nur die Blutrache, die oft ausuferte. „Auge um Auge“, das hieß: Es sollte nur Gleiches mit Gleichem vergolten werden, nicht ein böses Wort mit zehn Beleidigungen, nicht eine Beleidigung mit einem Faustschlag ins Gesicht, nicht ein Mord mit sieben Morden. Jesus weiß aber, dass damit die Gewalt immer noch nicht gestoppt und der Friede immer noch nicht hergestellt werden kann. Darum sagt er: „Hört sogar auf, Gleiches mit Gleichem zu vergelten! Stoppt die Gewalt in euch selbst!“

Das klingt so krass, dass ein Konfirmand – nicht aus eurem Jahrgang – mich einmal fragte: „Macht das dem Jesus denn Spaß, dass er sich noch eine reinschlagen lässt?“ Nein, Spaß hat es ihm nicht gemacht. Aber er hat einen Ausweg aus der Gewalt gesucht. Er sieht ein von Hass verzerrtes Gesicht – und blickt dahinter – denn es ist nur eine Maske. „Zeig mir dein wahres Gesicht!“, sagt Jesus. „Kein Mensch ist durch und durch ein Teufel. Zeig mir hinter deinen bösen Taten dein liebenswertes Gesicht.“ Eigentlich sind wir alle Gott ähnlich, Gott hat uns als sein Ebenbild geschaffen. Das sagt die Bibel im allerersten Kapitel. Wir sind bist von Gott geliebt und zur Liebe fähig. „Willst du wirklich nochmal zuschlagen?“, fragt Jesus, indem er die andere Wange hinhält. „Ich gebe dir keinen Grund, mich zu hassen. Willst du trotzdem damit weitermachen?“

Einfach ist der Weg Jesu nicht. Es ist ein gutes Ziel, den Feind zum Freund zu machen. Erzwingen kann man das nicht. Das erfuhr Jesus am eigenen Leibe. Und da Gott in Jesus war, spürte Gott selbst, wie Menschenfeinde Menschen zu Opfern machen. Sie schlugen Jesus ins Gesicht und schlugen ihm Nägel durch Hände und Füße. So lässt sich Gott selber zum Opfer machen, damit wir endlich aufhören, andere Menschen als Opfer zu behandeln.

Als ich die Konfis fragte: „Habt ihr euch schon mal als Opfer gefühlt?“, da war ich überrascht. So richtig hat das keiner von euch erlebt; einige wurden mal in der Grundschule von Mitschülern geärgert oder zu Unrecht von einem Lehrer angemeckert, aber das klingt nicht so schlimm. Auch andere behandelt ihr nicht als Opfer, außer mal bei Mitschülern, die das durch ihr Verhalten provozieren. Ich hoffe, ihr macht weiter so; dann gehört ihr auch in Zukunft zu denen, die sich für Frieden einsetzen, statt auf Menschen, die seltsam sind, herumzuhacken. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 638:

Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe

Großer Gott, dein Sohn ist als Opfer am Kreuz gestorben. Oft werden Menschen als Opfer behandelt und vielleicht zusätzlich noch beschimpft. Schenke uns Einsicht, wie wir verhindern können, dass Menschen zu Opfern werden, und wie wir Opfern helfen können. Lass uns einsehen, warum Jesus sich zu einem Opfer für uns gemacht hat.

Wir beten für die Menschen in Frankreich, die durch die Hand eines Terroristen getötet oder verletzt wurden, und für alle Menschen, die Zielscheibe von Gewalt und Mord werden.

Wir beten für den neuen Bundespräsidenten und alle Frauen und Männer, die in der Gesellschaft verantwortungsvolle Ämter bekleiden.

Wir beten für die Opfer des Busunglücks, die in Belgien beigesetzt wurden, für ihre Angehörigen, die jetzt den Weg in einen schwer belasteten Alltag gehen, und für alle Menschen, deren Leben von Trauer erfüllt ist.

Wir beten für alle, die in diesen Tagen die ersten Sonnenstrahlen genießen, für alle, die sich nach Wärme und Licht sehnen, und für die, denen die Zeitumstellung zu schaffen macht.

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen das Lied 627:

Schalom, Schalom! Wo die Liebe wohnt, da wohnt auch Gott
Abkündigungen
Segen
Klaviernachspiel

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