Symbole der Hoffnung

Beim zweiten Gottesdienst unterwegs auf dem Neuen Friedhof Gießen ging es um „Symbole der Hoffnung“: Blume und Baum, Davidsstern und Kreuz. Die von der Künstlerin Heide Birgitt Theiss gestaltete Skulptur „Geborgen“ lenkte am Schluss des Stationenweges die Aufmerksamkeit auf den Trost für Eltern totgeborener Kinder.

Die Skulptur „Geborgen“ der Künstlerin Heide Birgitt Theiss

Die Skulptur „Geborgen“ der Künstlerin Heide Birgitt Theiss

Gottesdienst unterwegs am Sonntag, 11. Juni 2006, um 17.30 Uhr auf dem Friedhof am Rodtberg Gießen, gestaltet vom „Team halb 6“ der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen und der Evangelischen Stadtkirchenarbeit Gießen – beginnend auf dem Platz vor dem Haupteingang des Neuen Friedhofs. Die Texte wurden von Pfarrer Klaus Weißgerber (blau) und Pfarrer Helmut Schütz (schwarz) gelesen.

Herzlich willkommen zum „Gottesdienst unterwegs“ an einem eher ungewöhnlichen Ort! Vor drei Jahren, als dieser Friedhof 100 Jahre alt wurde, haben wir zum ersten Mal hier einen solchen Gottesdienst gefeiert. Da das für alle sehr eindrücklich war, wollen wir diese Form gerne wiederholen.

Das Thema ist „Symbole der Hoffnung“. Sie sind in großer Zahl auf dem Friedhof zu finden, man muss nur hinschauen. Wir werden über den Friedhof gehen und an verschiedenen Stationen Halt machen – zum Hören, zum Singen und zum Beten.

Vorbereitet haben diesen Gottesdienst Pfarrer Helmut Schütz und Frau Burk aus dem „Team halb 6“ der Paulusgemeinde und ich, Klaus Weißgerber, Pfarrer für Evangelische Stadtkirchenarbeit.

Herzlich danke ich jetzt schon den Mitgliedern des Gießener Bläserkreises unter der Leitung von Alfred Joswig, die uns musikalisch begleiten werden.

Nun beginnen wir den Gottesdienst, indem wir uns gemeinsam zur 1. Station aufmachen.

Lasst uns gehen im Namen Gottes, der das Leben und die Welt gemacht hat. Amen.

Gang zur Station 1: „Die blühende Blume“
EG 637, 1-5: Alle Knospen springen auf, fangen an zu blühen

Eine Blüte und einige Blätter treiben aus einem Baumstamm herausEs ist für uns guter Brauch und kaum wegzudenken, dass wir auf die Gräber unserer Angehörigen frische Blumen stellen.

Im Frühling und im Sommer werden die Gräber sogar bunte, blühende Gärten. Der Friedhof hat überhaupt nichts trist-trauriges mehr an sich, er zeigt sich als „Garten des Lebens“.

Die Blume ist schnelllebig und vergänglich, so wird sie in der Bibel bildhaft beschrieben.

Ich lese Psalm 103, 11-17:

11 So hoch der Himmel über der Erde ist, lässt Gott seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.

12 So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein.

13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten.

Die Blume ist aber ebenso ein Symbol für das Leben in Fülle, das vor Schönheit strotzt, und an dem Gott nichts gespart hat. Ich lese aus Matthäus 6, 28-30:

28 Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.

29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.

30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

Die Blume verkörpert wie keine andere Pflanze den Kreislauf der Natur: Das Sterben im Herbst, den Tod im Winter und das Wiedererwachen des Lebens im Frühling. So ist sie auch zum Sinnbild unseres Glaubens an die Auferstehung geworden: Die Menschen, die uns im Tod verlassen, sind nicht für immer und ewig verschwunden und verloren. Das ewige Leben – wie es die Bibel nennt, das Jesus uns zusagt, das wir im Glauben an ihn gewinnen können – dieses ewige Leben hält dem Tode stand. Wir wissen unsere Verstorbenen in Gottes guter Hand.

Gang zur Station 2: „Der Davidsstern“

Nach dem Symbol der Blume wenden wir uns dem Davidsstern zu, der uns Christen nicht so vertraut ist. Er besteht mit seinen sechs Zacken aus zwei übereinanderliegenden Dreiecken. Manche deuten das nach unten weisende Dreieck so: Der Mensch hat sein Leben von Gott erhalten. Und das nach oben weisende Dreieck erinnert daran: Der Mensch wird zu Gott zurückkehren.

Aber nun ist ja der Davidsstern oder „Schild Davids“ seit einigen Jahrhunderten speziell als Symbol für das Judentum gebräuchlich. Er verkörpert mit seinem Rückbezug auf das Reich des Königs David die politisch-religiöse Hoffnung auf die Wiedererrichtung des Staates Israel, die inzwischen erfüllt ist. Warum beziehen wir ihn als Symbol der Hoffnung in unseren christlichen Gottesdienst ein?

Vergessen wir nicht, dass das Wort Christus wörtlich übersetzt „der Gesalbte“, auf hebräisch „der Messias“ heißt. Der Davidsstern hält die Hoffnung auf den Messias wach, der Frieden bringt, auf den Juden und Christen warten. Für uns Christen ist der Messias der wiederkommende Herr Jesus Christus, in den Augen der Juden muss er überhaupt erst noch kommen.

Der Davidsstern über einem jüdischen Grabmal mit dem Gedenken an in Theresienstadt umgekommenen MannMit gemischten Gefühlen betrachten wir den Davidsstern, wenn er wie hier auf einem Grabstein zu sehen ist, der auch an ein Todesopfer erinnert, das 1942 im Ghetto Theresienstadt umgekommen ist. Der Davidsstern war im Dritten Reich ja auch missbraucht worden, um Juden als minderwertige Menschen zu kennzeichnen, die man einfach ausrotten könne. Wie kann ein solches Symbol nun doch ein Symbol der Hoffnung sein?

Die Familie, die den Grabstein errichtete, hat unter den Davidsstern in hebräischer und deutscher Sprache zwei Sätze aus dem Buch des Propheten Jeremia 31 eingravieren lassen, die ausdrücklich von Hoffnung sprechen: „Es gibt einen Lohn für dein Tun. Es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft.“ Gesagt hat diese Worte der Prophet Jeremia im Auftrag Gottes. Er lebte sechshundert Jahre vor Christus und musste dem Königreich Juda die Zerstörung Jerusalems und die Deportation nach Babylon ankündigen. Doch er war es auch, der in der Zeit des Unheils seinem Volk neue Hoffnung machen durfte. Zu diesen Hoffnungsworten gehören die beiden obersten Sätze auf dem Grabstein:

jesch sakar lip’ullatek = es gibt einen Lohn für deine Mühe

jesch sakar lip’ullatek = es gibt einen Lohn für deine Mühe

jesch tiqwa le’acharitek = es gibt eine Hoffnung für deine Nachkommen

jesch tiqwa le’acharitek = es gibt eine Hoffnung für deine Nachkommen

 

 

Lesen wir sie im Zusammenhang:

3 Der HERR ist mir erschienen von ferne: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.

8 Siehe, ich will sie aus dem Lande des Nordens bringen und will sie sammeln von den Enden der Erde, auch Blinde und Lahme, Schwangere und junge Mütter, dass sie als große Gemeinde wieder hierher kommen sollen.

9 Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten. Ich will sie zu Wasserbächen führen auf ebenem Wege, dass sie nicht zu Fall kommen; denn ich bin Israels Vater, und Ephraim ist mein erstgeborener Sohn.

15 So spricht der HERR: Man hört Klagegeschrei und bittres Weinen in Rama: Rahel weint über ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder; denn es ist aus mit ihnen.

16 Aber so spricht der HERR: Lass dein Schreien und Weinen und die Tränen deiner Augen; denn  deine Mühe wird noch belohnt werden, spricht der HERR. Sie sollen wiederkommen aus dem Lande des Feindes,

17 und deine Nachkommen haben viel Gutes zu erwarten, spricht der HERR, denn deine Söhne sollen wieder in ihre Heimat kommen.

Wie weit diese Hoffnung trägt, hat der Jude Schalom ben Chorin, der 1913 als Fritz Rosenthal in München geboren wurde, noch im Jahr 1942 in Jerusalem bewiesen. In diesem Jahr dichtete er mitten im Krieg das Lied 613 vom Mandelzweig. Auch dieses Symbol stammt aus dem eben erwähnten biblischen Buch, Jeremia 1:

11 Und es geschah des HERRN Wort zu mir: Jeremia, was siehst du? Ich sprach: Ich sehe einen erwachenden Zweig [- einen Mandelzweig].

12 Und der HERR sprach zu mir: Du hast recht gesehen; denn ich will wachen über meinem Wort, dass ich’s tue.

Dass in der Lutherbibel an dieser Stelle gar kein Mandelzweig, sondern stattdessen ein erwachender Zweig vorkommt, liegt am Doppelsinn des hebräischen Wortes schaqad / schaqed, das als Tätigkeitswort „wachen“ bedeutet und als als Hauptwort „Mandelbaum“.

Den Mandelzweig besingen wir nun mit dem Lied von Schalom ben Chorin. Wo gewaltsam vergossenes Blut zum Himmel schreit, erinnert der Mandelzweig daran, dass die Liebe Gottes zu seinem Volk niemals aufhört, nicht einmal im Völkermord der Nationalsozialisten an den Juden:

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt
Gang zur Station 3: „Der Lebensbaum“
Eine Allee auf dem Gelände des Neuen Friedhofs, die auf die jüdische Kapelle zuführt

Eine Allee auf dem Gelände des Neuen Friedhofs, die auf die jüdische Kapelle zuführt

Der Lebensbaum, der Stammbaum, der Baum, der aus Anlass eines besonderen Ereignisses zur Erinnerung gepflanzt wird – der Baum ist ein Lebewesen, der uns Staunen lässt und uns Ehrfurcht abverlangt. Er lebt durchaus länger als wir Menschen, wir wissen von Bäumen, die Jahrhunderte überdauert haben und von ganzen Generationenfolgen erzählen könnten.

Ich lese aus Psalm 1, 1-3:

1 Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen,

2 sondern hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!

3 Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.

Der Baum ist auch in der Bibel Symbol für Leben und Beständigkeit, in ihm ist Gott ein Stück weit verkörpert. Dieses Denken ist aber schon viel älter als die Bibel, schon in den vorchristlichen Religionen wurden Bäume zu religiösen Mahnmalen und Heiligtümern. Denken sie nur an die uralte Eiche, die Bonifatius gefällt hat, um dem Keltenglauben an die Muttergöttin Dona seinen Ort zu entziehen.

Der Baum weckt in uns die Sehnsucht, auch so sein zu können: Dauerhaft im Wachsen, beständig in den Stürmen des Lebens, verlässlich als Schutz für Schwächere, Frucht bringend für nachfolgende Generationen, und schließlich die Zeiten überdauernd – als Mahnung und Erinnerung, wie wertvoll und großartig das Leben ist, das Gott uns schenkt.

Wir singen aus dem Lied 503 die Strophen 1 bis 2 und 14 bis 15:

1. Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben; schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben, sich ausgeschmücket haben.

2. Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide; Narzissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide, als Salomonis Seide.

14. Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben, und Pflanze möge bleiben.

15. Erwähle mich zum Paradeis und lass mich bis zur letzten Reis an Leib und Seele grünen, so will ich dir und deiner Ehr allein und sonsten keinem mehr hier und dort ewig dienen, hier und dort ewig dienen.

Gang zur Station 4: „Das Kreuz“

Vorhin haben wir verweilt bei einem der Haupt-Symbole des Judentums, jetzt halten wir inne beim Haupt-Symbol unseres eigenen Glaubens, dem Kreuz. Auf dem Friedhof fragen wir uns erneut: Ist das Kreuz denn wirklich ein Symbol der Hoffnung? Ein Kreuz kommt hinter den Namen eines Verstorbenen, bezeichnet das Lebensende. Steht es auch für das Ende aller Hoffnung?

Grabkreuz mit Inschrift: "Christus in euch - Grund eurer Hoffnung auf die Herrlichkeit"Auf dem Grabkreuz, vor dem wir stehen, macht eine Inschrift deutlich, dass das Kreuz nicht das Ende, sondern der Grund einer großartigen Hoffnung ist: „Christus in euch – Grund eurer Hoffnung auf die Herrlichkeit.“

Das ist ein Zitat aus dem Brief an die Kolosser 1. Im Zusammenhang steht da:

18 [Christus] ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit er in allem der Erste sei.

19 Denn es hat Gott wohlgefallen, dass …

20… er durch ihn alles mit sich versöhnte, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.

26 Das Geheimnis [war] seit ewigen Zeiten … [verborgen], nun aber ist es offenbart seinen Heiligen,

27 …was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.

Diese Worte aus dem Kolosserbrief reden nicht nur von einem Geheimnis, sie sind auch in ihrem vollen Gehalt an Tiefe und Wahrheit kaum auszuloten. Das Kreuz ist Symbol der Hoffnung, indem es den bezeugt, der am Kreuz gestorben ist, aber jetzt nicht mehr da hängt und auch nicht in seinem Grab geblieben ist. Am Kreuz sollte der beseitigt werden, der in der Welt als Gottes Sohn den Frieden verkörperte. Stattdessen beseitigt Gott in Jesus am Kreuz die Sünde, die uns von Gott trennt. So wird das Kreuz zum Symbol der Versöhnung. Nicht wir müssen sterben wegen unserer Sünden, sondern der Sündlose nimmt unsere Sünden mit sich ans Kreuz. Und auch er bleibt nicht im Grab und gibt uns mit seiner Auferstehung die Hoffnung, dass auch wir, versöhnt mit Gott, auferstehen werden.

Aber was soll das heißen: „Christus in euch“?

Letzte Woche sagte ein afrikanisches Mädchen in unserem Kindergarten: „Jesus ist wie Pusten“, und dabei hat sie über ihre Hand gepustet – man sieht ihn nicht, und doch ist er da, er verlässt uns nicht.

Unsichtbar ist Jesus in uns mit seiner Liebe, mit seiner Hoffnung, mit seinem Heiligen Geist. Und so verwandelt er uns in Menschen, die mit Gott versöhnt sind und auch dementsprechend leben. Versöhnte Menschen müssen nicht perfekt, nicht superfromm sein. Sie gehen barmherzig mit sich und andern um. Sie respektieren den, der anders denkt und glaubt, und bezeugen ihm den eigenen Glauben, ohne ihn in seiner Würde herabzusetzen oder zu nötigen.

Hoffnung der Herrlichkeit – Paulus hoffte vor allem auf zwei herrliche Aussichten: Erstens auf die Auferstehung von den Toten. Dann aber vor allem darauf, dass alle Menschen gerettet werden, nicht nur Juden, sondern auch Heiden, nicht nur Heiden, sondern auch Juden, alle Menschen als versöhnte Gemeinschaft.

Lied 552: Einer ist unser Leben

Im Angesicht des Kreuzes beten wir für Menschen, die keine Hoffnung haben, dass ihnen ein in Christus versöhnter Mensch begegnet, wie ein Licht in der Nacht.

Im Angesicht des Kreuzes beten wir für die Menschen aus aller Welt, die während der Weltmeisterschaft bei uns in Deutschland sind: dass sie uns als ein gastfreundliches Volk erleben.

Im Angesicht des Kreuzes beten wir für Menschen, die immer mehr an den Rand der Gesellschaft und unter die Armutsgrenze gedrängt werden, dass ihnen nicht die Solidarität aufgekündigt wird, sondern wir den Mut haben, für ihre Rechte einzutreten und ihnen beizustehen.

Im Angesicht des Kreuzes beten wir mit den Worten Jesu um das Kommen seines Reiches:

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Gang zur Station 5: „Geborgenheit“

Die Skulptur Geborgen von Heide Birgitt Theiss: eine Mutter, in deren Brust ungeborene Kinder liegen, die sie mit ihren Armen liebevoll umfängtBeschwerlich war der letzte Weg hier hinunter, nachdem wir das Vaterunser schon gebetet, aber den Segen noch nicht empfangen haben.

War schon der Davidsstern ein Symbol, das uns mit gemischten Gefühlen erfüllt, ist schon das Kreuz nur dann ein Symbol der Hoffnung, wenn wir es im Glauben an Jesus Christus betrachten können, wie sollen wir dann hier unten, auf dem Grabfeld der totgeborenen Kinder, ein Symbol erwarten können, das uns Hoffnung gibt?

Wenn ein Kind tot ist schon im Mutterleib oder, kaum geboren, schon stirbt, dann sterben auch die Hoffnungen der Mutter, der Eltern mit, die sich auf das Kind gefreut hatten.

Ich will das nicht ausmalen, ich kann es nicht, weil sich niemand in solches Leid hineinversetzen kann, der es sich selber erlebt hat.

Heide Birgitt Theiß hat hier eine mütterliche Figur gestaltet, in deren Brust die Kleinen, die das Licht der Welt nicht erblicken durften, geborgen liegen.

„Geborgen“ ist auch der Name dieser Skulptur.

Die Signaturplatte der Skulptur "Geborgen - 2000 - Bronce von Heide Birgitt Theiss"Der Prophet Jesaja 66, 9 hört einmal dieses Wort von Gott:

9 Sollte ich das Kind den Mutterschoß durchbrechen und nicht auch geboren werden lassen? spricht der HERR.

Und die Frage bleibt unbeantwortet, warum er genau das immer wieder auch zulässt.

Als Trost bleibt ein Wort, das ebenfalls Jesaja hört:

13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Gottesdienstteilnehmer an der letzten StationAn dieses Wort denke ich, wenn ich die Skulptur „Geborgen“ betrachte.

Wo eine Frau ihr Kind verliert und für dieses Kind nicht als Mutter sorgen darf, da ist Gott für sie wie eine gute Mutter, die ihr Kind in den Arm nimmt. Davon wird das Unglück nicht erklärt, und es geht auch nicht weg. Trost ist Aushalten. Weinen. Schweigen. Getragensein.

Maria, die Mutter Jesu, trug ähnliches Leid um ihren erwachsenen Sohn. Und er – er nimmt in seiner Auferstehung auch diese Kleinen mit in den Himmel.

Wo ein Kind das Licht des Lebens nicht oder nur kurz erblickt, da geht es trotzdem nicht verloren. In der mütterlichen Liebe Gottes bleiben auch diese Kleinen aufbewahrt, kommen zu ihrer Entfaltung, kleine Engel in Gottes Himmel geborgen.

Lied 631: In Gottes Namen wolln wir finden, was verloren ist
Sendung

Wir sind hier an der letzten Station unseres heutigen Gottesdienstes. Vertrauend auf die Kraft des Lebens, getröstet und voller Hoffnung gehen wir den Weg zurück in unseren Alltag.

Die Symbole der Hoffnung tragen wir in unseren Herzen.

Der Ort am unteren Ende des Friedhofs ist bewusst gewählt. Denn so kann jeder und jede seinen/ihren eigenen Weg zurückgehen durch diesen Garten des Lebens.

So können auch alle, die das wollen, die Gräber ihrer Angehörigen, Freundinnen und Freunde, die hier bestattet sind, besuchen.

Abkündigungen

Die heutige Kollekte hat der Kirchenvorstand für den Hospizverein Gießen bestimmt, dessen Mitglieder Menschen auf den letzten Wegen ihres Lebens begleiten, um ihnen ein würdevolles Leben bis zuletzt zu ermöglichen.

Segen

Jetzt erklingen heute noch ein letztes Mal die Posaunen – herzlichen Dank an die Bläser – und zwar zu dem Lied 171:

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns auf unsern Wegen
Nachspiel des Bläserchores
Die Künstlerin Heide Birgitt Theiss, die im Gottesdienst anwesend war, mit den Pfarrern Weißgerber und Schütz

Heide Birgitt Theiss, die im Gottesdienst anwesend war, mit Pfarrer Weißgerber und Schütz

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