Auf das Ende sehen…

Im Weinberglied besingt der Prophet Jesaja das furchtbare Ende des von Gott geliebten Volkes. Die nachfolgenden 7 Wehe-Rufe klingen so aktuell, dass sie auch auf heutigen Rechtsbruch bezogen sein könnten. Welches Ende hat Gott mit uns letzten Endes im Sinn?

Wehe ruft Jesaja denen entgegen, die in seinem Volk Unrecht tun: Das Bild zeigt einen Weinberg, den Jesaja als Metapher für das Unrecht im Land gebraucht.

Von einem Weinberg mit Turm in guter Hanglage singt der Prophet Jesaja (Bild: Didgeman – pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag Reminiscere, den 25. Februar 2018, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Orgelvorspiel

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Im Namen des Kirchenvorstandes begrüße ich alle herzlich in der Pauluskirche mit dem Wort zur Woche aus dem Brief des Paulus an die Römer 5, 8:

Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.

Herzlich willkommen heiße ich besonders Herrn Pfarrer Helmut Schütz, der diesen Gottesdienst mit uns feiert.

Der heutige 2. Sonntag in der Passionszeit trägt auch den Namen „Reminiscere“, das heißt: „Gedenket!“, „Erinnert euch!“ Obwohl dieser Name unsere Gedanken in die Richtung nach rückwärts lenkt, stellt Herr Pfarrer Schütz den Gottesdienst trotzdem unter den Leitgedanken: „Auf das Ende sehen…“, also nach vorne, in die Zukunft blicken. Wie beides zusammenhängt, wird er in der Predigt erklären.

Wir singen das Lied 415:

1. Liebe, du ans Kreuz für uns erhöhte, Liebe, die für ihre Mörder flehte, durch deine Flammen schmelz in Liebe Herz und Herz zusammen.

2. Du Versöhner, mach auch uns versöhnlich. Dulder, mach uns dir im Dulden ähnlich, dass Wort und Taten wahren Dank für deine Huld verraten.

3. Du Erbarmer, lehr auch uns Erbarmen. Lehr uns milde sein, du Freund der Armen. O lehr uns eilen, liebevoll der Nächsten Not zu teilen.

4. Lehr uns auch der Feinde Bestes suchen; lehr uns segnen, die uns schmähn und fluchen, mit deiner Milde. O gestalt uns dir zum Ebenbilde.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Am Anfang der Passionszeit, in der wir an das Leiden und Sterben Jesu Christi denken, werden wir uns heute in Schriftlesung und Predigt an ein Kapitel aus dem Prophetenbuch Jesaja erinnern. Schon darin ging es um Leiden und Sterben. Aber Jesus litt und starb unschuldig für alle Menschen. Der Prophet Jesaja dagegen beschrieb die bösen Folgen von dem Unrecht und der menschlichen Schuld, die letzten Endes verantwortlich dafür war, dass Jesus sterben musste. Wir besinnen uns also heute darauf, was so schrecklich war und ist, dass Jesus am Ende für uns den Tod am Kreuz auf sich nahm.

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gemeinsam bekennen wir unsere Schuld mit Psalm 25 (im Gesangbuch 713):

1 Nach dir, HERR, verlangt mich.

2 Mein Gott, ich hoffe auf dich; lass mich nicht zuschanden werden.

3 Denn keiner wird zuschanden, der auf dich harret.

4 HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige!

5 Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich.

6 Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.

8 Der HERR ist gut und gerecht, darum weist er Sündern den Weg.

10 Die Wege des HERRN sind lauter Güte und Treue für alle, die seinen Bund und seine Zeugnisse halten.

11 Um deines Namens willen, HERR, vergib mir meine Schuld, die da groß ist!

14 Am Rat des HERRN haben teil, die ihn fürchten; und seinen Bund lässt er sie wissen.

15 Meine Augen sehen stets auf den HERRN; denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.

16 Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend.

17 Die Angst meines Herzens ist groß; führe mich aus meinen Nöten!

18 Sieh an meinen Jammer und mein Elend und vergib mir alle meine Sünden!

20 Bewahre meine Seele und errette mich; lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich!

Gott, wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Mit Psalm 130 beten wir:

1 Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir.

2 Herr, höre meine Stimme!

4 Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.

6 Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen; mehr als die Wächter auf den Morgen

7 hoffe Israel auf den HERRN! Denn bei dem HERRN ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.

8 Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Du Gott Israels, der du dich in Jesus Christus auch als unser Gott offenbart hast, wir wollen auf dein Wort hören, das eine Frohe Botschaft ist – nicht nur dort, wo du Gnade vor Recht ergehen lässt, sondern gerade auch dort, wo du uns auf den Weg des Rechts und der Gerechtigkeit führst. Mach unsere Ohren und Herzen offen für das, was du uns sagen willst! Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören den Predigttext zum heutigen 2. Sonntag der Passionszeit aus dem Buch des Propheten Jesaja 5, 1-7:

1 Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.

2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, daß er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.

3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!

4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, daß er gute brächte?

5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, daß er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, daß er zertreten werde.

6 Ich will ihn wüst liegen lassen, daß er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, daß sie nicht darauf regnen.

7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Amen. „Amen.“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 144 die Strophen 1 bis 3:

1. Aus tiefer Not lasst uns zu Gott von ganzem Herzen schreien, bitten, dass er aus seiner Gnad uns woll vom Übel befreien und alle Sünd und Missetat, die unser Fleisch begangen hat, als Vater uns verzeihen.

2. O Gott und Vater, sieh doch an uns Armen und Elenden, die wir sehr übel han getan mit Herzen, Mund und Händen; verleih uns, dass wir Buße tun und sie in Christus, deinem Sohn, zur Seligkeit vollenden.

3. Zwar unsre Schuld ist groß und schwer, von uns nicht auszurechnen; doch dein Barmherzigkeit ist mehr, die kein Mensch kann aussprechen: die suchen und begehren wir und hoffen, du lässt es an dir uns nimmermehr gebrechen.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, wer von Ihnen, von euch, noch die Geschichte von Max und Moritz kennt. Das war vor 150 Jahren einer der ersten Comics. In Bildern wurde von den bösen Streichen zweier Lausbuben erzählt, die sehr hart bestraft wurden. Und der Dichter Wilhelm Busch fasste seine Moral in den Versen zusammen: „Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!“ Der erhobene Zeigefinger ist in diesen Worten unüberhörbar.

Auf das Ende sehen, darum geht es auch in unserem heutigen Predigttext. Wir haben ihn schon gehört, das sogenannte Weinbergslied des Propheten Jesaja.

Am Anfang hört sich dieses Lied an wie ein Liebeslied. Der liebe Freund des Sängers ist verliebt in seinen Weinberg. Wie viel Liebesmühe wendet er für dieses geliebte Fleckchen Erde auf! Sein fruchtbarer Boden in bester Hanglage müsste daher eigentlich einen super Ertrag bringen. Aber der Freund wird bitter enttäuscht: Er erntet nur schlechte Trauben!

Da ändert sich der Ton des Liedes. Der Freund geht vor Gericht und erhebt Anklage gegen seinen Weinberg. Die Zuhörer des Sängers, Bürger aus Jerusalem und Juda sollen ein Urteil sprechen. Er legt dar, was er alles für den Weinberg getan hat. Das Versagen des Angeklagten ist ihm unerklärlich.

Und noch einmal verschärft sich der Ton des Liedes. Auf einmal spricht der Freund selbst das Urteil: Der Weinberg soll seinen Schutz verlieren, Zaun und Mauer werden weggerissen, jeder soll den Weinberg verwüsten und zertreten können. Wüst und ohne Pflege und ohne Regen soll er liegen bleiben, damit Disteln und Dornen darauf wachsen.

Wenn die Bürger von Juda und Jerusalem dieses Lied nicht schon bis dahin für unverschämt gehalten haben, dann mit Sicherheit, wenn sie die letzte Strophe gehört haben. Das Ende vom Lied bringt nämlich die Auflösung des Rätsels, wer wohl dieser Freund und wer der Weinberg ist, von dem der Prophet Jesaja singt. Die Bürger, zu denen Jesaja singt, sind es nämlich selbst, die er anklagt. Sie sind Gottes geliebter Weinberg, um sie hat sich Gott gekümmert wie ein lieber Freund, an ihnen hängt sein Herz, und von ihnen ist er abgrundtief enttäuscht (Jesaja 5, 7):

Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Aber was soll nun uns dieses Lied sagen? Es ist ja an Juda und Jerusalem gerichtet. Und wenn wir Christen das hören, könnten wir dann nicht denken: Das gilt nur für die Juden – die haben Gottes Gesetz und vor allem seine Gnade immer wieder mit Füßen getreten und die sind darum von Gott immer wieder gestraft worden?

So haben Christen wirklich viele Jahrhunderte lang über die Juden gedacht und gepredigt. Aber wenn wir die Bibel wirklich ernst nehmen, fordert sie uns dazu auf, nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen, sondern den Text auf uns zu beziehen. Durch Jesus Christus ist der Gott Israels und Judas ja auch unser lieber Freund geworden und so sind auch wir sein Weinberg, mit dem Gott sich so viel Mühe gibt. Auch uns schenkt Gott seine ganze Aufmerksamkeit, seine Schöpferkraft, seine Liebe, seine Gebote, seine Vergebung, seine Ermutigung. Und was machen wir daraus? Würde sich auch bei uns das Ende vom Lied so anhören:

Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Ich halte inne. Ich merke: Ganz das Ende vom Lied ist das ja nicht. Zwar hat böses Verhalten immer wieder böse Folgen. Aber dann taucht am Horizont doch wieder Hoffnung auf; Neuanfänge werden möglich. Juda wird nach Babylon verbannt. Doch später dürfen die Juden zurück, bauen ein Gemeinwesen auf, das sich an Gottes Willen ausrichten will. Nie gibt Gott sein Volk auf. Schließlich, in Jesus Christus, nimmt Gott uns, Menschen der Völkerwelt, mit in diese Geschichte hinein. Jetzt in der Passionszeit denken wir darüber nach, wie Menschen durch Rechtsbruch und Schlechtigkeit sogar Gott selber ausschalten wollen aus der Welt; am Kreuz, in Jesus, meinen sie ihn, Gott, am Ende sogar tödlich zu treffen. Und selbst das ist nicht das letzte Ende. Auf unbegreifliche, wunderbare Weise siegt Gott über diesen Tod. Seine Liebe behält den Sieg auch über diesen Rechtsbruch und diese abgrundtiefe Schlechtigkeit.

Aber so weit sind wir heute noch nicht. Es ist ja noch nicht Ostern und noch nicht einmal Karfreitag. Es tut gut, sich in den Wochen davor auch einmal gründlich darauf zu besinnen, aus welchen Gründen es eigentlich dazu kam, dass Jesus für die Schuld der Menschen sterben musste. Bleiben wir also heute ganz nahe beim Lied vom Weinberg und schauen wir einmal, wie das Kapitel 5 im Buch Jesaja unmittelbar danach weitergeht. Da wird nämlich in sieben Weherufen näher erläutert, was mit dem Urteil konkret gemeint ist:

Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

„Wehe, wehe, wehe!“ Sieben Mal ruft Jesaja im Auftrag von Gott ein großes „Wehe!“ über Menschen aus, deren Verhalten böse enden wird, zuerst über Immobilienräuber (Jesaja 5):

8 Weh denen, die ein Haus zum andern bringen und einen Acker an den andern rücken, bis kein Raum mehr da ist und ihr allein das Land besitzt!

Wenn Jesaja so redet, dann legt er sich in der damaligen Öffentlichkeit mutig mit Einflussreichen und Mächtigen an. In der Zeit um die 730er Jahre vor Christus wird der Staat Juda unter König Ahas als Vasall der assyrischen Weltmacht gerade relativ wohlhabend und erlebt einen gewaltigen Aufschwung. Aber von diesem Wohlstand profitieren nur wenige, sagt Jesaja. Kann es gut gehen, wenn einzelne immer mehr Immobilien und Grundbesitz anhäufen, so dass die große Mehrheit der Bevölkerung ihren angestammten Besitz verliert, immer ärmer wird und sogar in Schuldknechtschaft gerät?

Ein zweiter Weheruf gilt den Vergnügungssüchtigen:

11 Weh denen, die des Morgens früh auf sind, dem Saufen nachzugehen, und sitzen bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzt.

12 Und sie haben Harfen, Zithern, Pauken, Pfeifen und Wein bei ihren Gelagen, aber sehen nicht auf das Werk des HERRN und schauen nicht auf das Tun seiner Hände!

Wenn wir das so hören, dann denken wir vielleicht zuerst an Alkoholiker, wie wir sie in Gießen am Marktplatz oder an anderen Treffpunkten der Stadt in der Öffentlichkeit sehen. Der Prophet damals dachte aber vor allem an das Luxusleben hinter verschlossenen Türen mit Wein, Weib und Gesang.

Noch heute gibt es eine Lebenshaltung, egal in welcher gesellschaftlichen Schicht, die nur um persönliches oberflächliches Vergnügen kreist. Was wäre die Alternative? Jesaja sagt: Auf das Werk des HERRN sollten sie schauen, auf das, was der Gott Israels mit seinen Händen tut. Was tut der denn? Er ist ein Herr, der frei macht, frei von Unrecht, frei zur Verantwortung für den Mitmenschen.

Drittens setzt sich Jesaja mit besonders gewissenlosen Menschen auseinander:

18 Weh denen, die das Unrecht herbeiziehen mit Stricken der Lüge und die Sünde mit Wagenseilen

19 und sprechen: Er lasse eilends und bald kommen sein Werk, dass wir‘s sehen; es nahe und treffe ein der Ratschluss des Heiligen Israels, dass wir ihn kennenlernen!

Ein eindrucksvolles Bild! Lüge und Sünde sind wie die Last auf einem schwer beladenen Wagen, die von Menschen mit extremer krimineller Energie mit dicken Stricken und Seilen herbeigezogen werden. Von Menschen ist die Rede, die ihr Leben bewusst auf Unrecht, Lüge und Sünde aufbauen. Auch wir wissen von solchen skrupellosen Menschen, etwa Enkeltrickbetrügern, denen nichts heilig ist und die meinen, dass sie keine Strafe zu befürchten haben, wenn sie sich nicht erwischen lassen. Zumal das Internet scheint heute voll von Stricken der Lüge zu sein, so dass man sich kaum schützen kann vor Kriminellen und Verbreitern von Hass und Fanatismus. Jesaja kennt sogar Leute, die bewusst Gott herausfordern: „Wenn es Gott gäbe, dann soll er uns doch strafen!“

Was er mit den Stricken der Lüge meint, führt Jesaja im vierten Weheruf näher aus:

20 Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen!

Das wirkt sehr aktuell und erinnert an die Auseinandersetzung um Fake News, um ausgedachte Tatsachen, die in Wirklichkeit Lügen sind, und um die pauschale Diffamierung von Zeitungen und Rundfunk und Fernsehen als „Lügenpresse“. Es ist wichtig zu unterscheiden zwischen wahr und falsch, zwischen gut und böse. Obwohl das nicht einfach ist: Denn die Wahrheit ist oft kompliziert. Vieles kann man von mehreren Seiten sehen, und oft wird die Sicht der Dinge sehr stark von eigenen Interessen geprägt. Politisch korrekt sein zu wollen, darf nicht dazu führen, sich die Fakten so zurechtzumachen, dass sie zur eigenen Meinung passen. Aber wer umgekehrt um jeden Preis politisch inkorrekt sein will, handelt oft erst recht aus Vorurteilen heraus. Die gefährlichsten Lügen entstehen aus Verallgemeinerungen – und wenn man einem Menschen jede Würde abspricht, weil sein Verhalten nicht in Ordnung ist. Das wird in der Bibel ganz anders gesehen – Gott hasst zwar die Sünde, aber er liebt den Sünder; es geht also bei aller Kritik immer darum, den Menschen zur Änderung, zum Guten, zu bewegen. Dazu passt der fünfte Weheruf:

21 Weh denen, die weise sind in ihren eigenen Augen und halten sich selbst für klug!

Dieser Ruf mahnt zur Vorsicht, wenn man allzu sicher ist in seinen Urteilen. Und er macht Mut, seine Meinung auch dann zu vertreten, wenn man noch am Suchen ist, wenn man die Dinge hin und her wendet, wenn man differenziert und zu verstehen versucht, statt alles immer gleich ganz genau wissen zu müssen.

Beim sechsten Weheruf scheint der Prophet sich zu wiederholen; es geht um die Abhängigkeit vom Alkohol – und um Dealer, die davon profitieren:

22 Weh denen, die Helden sind, Wein zu saufen, und wackere Männer, starkes Getränk zu mischen.

Warum dem Jesaja die Sache mit dem Saufen so wichtig ist, weiß ich nicht; vielleicht war ja schon damals die Sucht und Abhängigkeit vieler Menschen ein großes Problem. Allerdings wählt er hier einen ironischen Tonfall, als wolle er diejenigen besonders ansprechen, die mit ihrer Trinkfestigkeit auch noch angeben. Und er spricht zusätzlich kritisch über diejenigen, die andere zum Suchtmittelgebrauch verführen, indem sie einen Beruf daraus machen, verführerische Drogen herzustellen.

Am Ende der sieben Weherufe wendet sich Jesaja gegen korrupte Richter:

23 [Weh denen,] die den Schuldigen gerecht sprechen für Geschenke und das Recht nehmen denen, die im Recht sind!

Korruption scheint damals in Juda gang und gäbe gewesen zu sein; bestechliche Richter sprachen Unrecht statt Recht. So weit ist es heute in unserem Land nicht, aber weltweit gibt es das in vielen Ländern. Aufpassen müssen wir aber auch bei uns, dass die Justiz unabhängig bleibt von der Politik und von den Geschäften großer Konzerne, die ihre Interessen gerade in internationalen Handelsabkommen gerne mit besonderen Gerichtsverfahren absichern wollen.

All das, was Jesaja in seinen Weherufen beschreibt, wird böse Folgen haben. „Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!“ Jesaja macht das auch ganz konkret, er malt aus, wohin zum Beispiel die Anhäufung des Eigentums an Grund und Boden in nur wenigen Händen am Ende führen wird:

9 Es ist in meinen Ohren das Wort des HERRN Zebaoth: Fürwahr, die vielen Häuser sollen veröden und die großen und feinen unbewohnt sein,

10 denn zehn Morgen Weinberg sollen nur einen Eimer geben und ein Sack Saat nur einen Scheffel.

Der HERR Zebaoth, also der von Engelmächten umscharte Gott der Freiheit und Gerechtigkeit, er lenkt nach Jesaja die Weltgeschichte so, dass es wenige Jahrzehnte später damals wirklich so kommt. Die Weltmacht Babylon macht nicht nur der Herrschaft der Assyrer ein Ende, sondern zerstört auch Jerusalem und deportiert die Oberschicht des Landes Juda. Die feinen Villen der Mächtigen stehen leer, und ihre verwüsteten Weinberge können kaum noch die im Land verbliebene Unterschicht ernähren.

Diese Mahnung Jesajas ist bis heute aktuell geblieben. Nichts ist politisch wichtiger als die Gerechtigkeit. Wie man sie herstellen kann, ist im einzelnen sehr umstritten, aber die Bibel gibt den Hinweis: Gewalt und Krieg drohen immer, wenn die Schere zwischen Arm und Reich zu sehr auseinanderklafft, wenn Menschen, egal wo auf dieser Welt, völlig an den Rand oder sogar aus einer funktionierenden Gesellschaft heraus gedrängt werden.

Dann malt Jesaja die Folgen eines rein egoistischen Lebens aus – in drei Anläufen:

13 Darum [wird] mein Volk weggeführt [werden], weil es keine Erkenntnis hatte, und seine Vornehmen [müssen] Hunger leiden und die lärmende Menge Durst.

Also erstens weist Jesaja wieder auf die bevorstehende Verbannung nach Babylon hin, unter der die Vornehmen genau wie der von ihnen verachtete Pöbel leiden werden, ganz konkret, an Hunger und Durst.

14 Daher hat das Totenreich den Schlund weit aufgesperrt und den Rachen aufgetan ohne Maß, dass hinunterfährt, was da prangt und lärmt, alle Übermütigen und Fröhlichen.

Zweitens beschreibt Jesaja den Tod als das Schrecken erregende Nichts, das alle verschlingt, die ohne Sinn und Verstand, ohne Verantwortung vor Gott leben. Wer stirbt, ohne Gottvertrauen, ohne einen Halt an Gott, für den mag im Tod tatsächlich alles aus sein, für den mag der Tod wie das Meer sein, in dem er untergeht oder wie der Rachen eines Drachen, der ihn für immer verschlingt.

15 So [wird] gebeugt der Mensch und gedemütigt der Mann, und die Augen der Hoffärtigen [werden] erniedrigt,

16 aber der HERR Zebaoth [wird] hoch [sein] im Gericht und Gott, der Heilige, … sich heilig [erweisen] in Gerechtigkeit.

Schließlich spricht Jesaja drittens davon, dass Menschen, die ohne Gott leben oder größer sein wollen als Gott, von eben diesem Gott auf ihre reale Größe oder Kleinheit zurechtgestutzt werden. Er beugt sie, er demütigt sie, er erniedrigt ihre Augen. Er tut ihnen damit aber nichts Böses, denn er ist heilig in seiner Gerechtigkeit. Gott ist kein Tyrann; hoch über uns Menschen steht er gerade, indem er über das Unrecht der Tyrannen auf Erden sein Urteil spricht.

17 Da werden dann Lämmer weiden wie auf ihrer Trift und Ziegen sich nähren in den Trümmerstätten der Wohlgenährten.

Als Gegenbild zur Demütigung der Hochmütigen erzählt Jesaja, wie zwischen den Trümmern ihrer zerstörten Häuser Lämmer und Ziegen ihre Nahrung finden. Das Leben geht weiter, aber oft anders, als Menschen in ihrem Hochmut denken. Manchmal ist es schon viel, wenn man sich klar macht, dass Gott seine Gnade sogar darin zeigt, dass er ein kleines Glück im großen Unglück der Welt gewährt.

An Karfreitag und Ostern, werden wir sehen, wie Gott durch seine abgrundtiefe Liebe und Vergebungsbereitschaft sogar aus dem Allerbösesten Gutes entstehen lassen kann und will.

Im Kapitel 5 des Buches Jesaja hat der Prophet ein solches Ende noch nicht im Blick. Aber indem er das Weinbergslied singt und sieben Mal Wehe ruft, wünscht sich auch er ein anderes Ende, als nur die bösen Folgen vom bösem Verhalten zu erleben. Wie froh wäre er, wenn seine Mitbürger umkehren würden von ihren bösen Wegen. Wie schön ist es, wenn auch wir uns von seinen Worten dazu einladen lassen, auf Gottes guten Wegen zu gehen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 231 die Strophen 1 bis 2 und 8 bis 11. In der 10. Strophe dürfen die Frauen statt „Weib und Haus“ gerne „Kerl und Haus“ singen:

1. Dies sind die heilgen Zehn Gebot, die uns gab unser Herre Gott durch Mose, seinen Diener treu, hoch auf dem Berg Sinai. Kyrieleis.

2. Ich bin allein dein Gott, der Herr, kein Götter sollst du haben mehr; du sollst mir ganz vertrauen dich, von Herzensgrund lieben mich. Kyrieleis.

8. Du sollst nicht stehlen Geld noch Gut, nicht wuchern jemands Schweiß und Blut; du sollst auftun dein milde Hand den Armen in deinem Land. Kyrieleis.

9. Du sollst kein falscher Zeuge sei, nicht lügen auf den Nächsten dein; sein Unschuld sollst auch retten du und seine Schand decken zu. Kyrieleis.

10. Du sollst deins Nächsten Weib und Haus begehren nicht, noch etwas draus; du sollst ihm wünschen alles Gut, wie dir dein Herz selber tut. Kyrieleis.

11. All die Gebot uns geben sind, dass du dein Sünd, o Menschenkind, erkennen sollst und lernen wohl, wie man vor Gott leben soll. Kyrieleis.

Unser Kirchenpräsident Volker Jung hat vorgeschlagen, an diesem Sonntag Reminiscere, „Gedenket“, in besonderer Weise Fürbitte zu halten für die Menschen, die als Christen im Nahen Osten unter Verfolgung leiden. Ich greife diese Vorschlag gerne auf und konzentriere mich im Fürbittengebet auf dieses Anliegen. Lasst uns zum Abschluss jeder Fürbitte zu Gott mit den Worten rufen: „Herr, erbarme dich!“

Fürbitten
Gebetsstille
Vater unser

 

Wir singen aus dem Lied 497 die Strophen 1, 6, 9 und 12:

1. Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun und Werk in deinem Willen ruhn, von dir kommt Glück und Segen; was du regierst, das geht und steht auf rechten, guten Wegen.

6. Prüf alles wohl, und was mir gut, das gib mir ein; was Fleisch und Blut erwählet, das verwehre. Der höchste Zweck, das beste Teil sei deine Lieb und Ehre.

9. Tritt du zu mir und mache leicht, was mir sonst fast unmöglich deucht, und bring zum guten Ende, was du selbst angefangen hast durch Weisheit deiner Hände.

12. Der Weg zum Guten ist gar wild, mit Dorn und Hecken ausgefüllt; doch wer ihn freudig gehet, kommt endlich, Herr, durch deinen Geist, wo Freud und Wonne stehet.

Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Orgelnachspiel

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