Zwischen Hass und Gottvertrauen

Wie oft höre ich in der Klinik von Menschen, deren Seele krank geworden ist, weil ihre Eltern sie ihrem Wohlstand oder eigensüchtigem Luststreben geopfert haben. Sie dürfen den hassen, der sie erniedrigt, ausnutzt und missbraucht. Nicht um selber gewalttätig zu werden. Aber gefühlt werden darf auch ein Hass. Dann können auch andere Gefühle in ihnen wieder Raum gewinnen.

Gesicht einer Frau mit rauchartig hervorgehobenen Zügen auf schwarzem Hintergrund

Wir dürfen unsere Gefühlswelt vor Gott ausbreiten (Grafik: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag Invokavit, den 20. Februar 1994, um 9.00 Uhr in Dintesheim, um 10.00 Uhr in Eppelsheim und am Sonntag Okuli, den 6. März 1994, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Ich begrüße Sie herzlich im Gottesdienst in Eppelsheim! Wir stehen heute am Anfang der Passionszeit – wir besinnen uns wieder darauf, mit welcher leidenschaftlichen Liebe sich Gott für uns Menschen einsetzt: so sehr, dass Gott in Jesus auch unser menschliches Leiden teilte. Auch die Psalmen der Bibel waren bereits Zeugnisse dafür gewesen, dass Gott sich hautnah anrühren und bewegen lässt von dem, was uns Menschen bewegt und belastet. Darum soll heute einmal ein Psalm im Mittelpunkt des Gottesdienstes stehen, und zwar der Psalm 31.

Lied 250, 1+2+6:

1) Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich; sooft ich ruf und bete, weicht alles hinter sich. Hab ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?

2) Nun weiß und glaub ich feste, ich rühms auch ohne Scheu, dass Gott, der Höchst und Beste, mein Freund und Vater sei und dass in allen Fällen er mir zur Rechten steh und dämpfe Sturm und Wellen und was mir bringet Weh.

6) Nichts, nichts kann mich verdammen, nichts nimmt mir meinen Mut; die Höll und ihre Flammen löscht meines Heilands Blut. Kein Urteil mich erschrecket, kein Unheil mich betrübt, weil mich mit Flügels decket mein Heiland, der mich liebt.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir beten mit den Eingangsworten aus dem Psalm 31:

2 HERR, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, / errette mich durch deine Gerechtigkeit!

3 Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! / Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Was ist, Gott, wenn wir den Boden unter den Füßen verlieren, wenn wir anfangen zu zweifeln, wenn wir dir nicht mehr trauen, wenn wir uns in unseren Schmollwinkel zurückziehen? Auch dann dürfen wir zu dir rufen und schreien: „Herr, erbarme dich!“

Gott, du bist unser Fels und unsere Burg, nur du gibst uns festen Halt! Lobsingt dem Herrn, erhebt seinen Namen!

Barmherziger Gott, neige deine Ohren zu uns, hör genau hin, was wir auf dem Herzen haben. Hör hin und spüre heraus, worum es uns geht, wenn wir seufzen, wenn wir stöhnen, wenn wir belastet sind. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Paulus-Brief 2. Korinther 1, 3-5:

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes,

4 der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.

5 Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Liedblatt: In Ängsten die einen, und die andern leben
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde, wie gesagt, es geht heute um einen Psalm. Einen herrlichen Psalm, wie wir vor kurzem in einem Bibelgespräch in der Nervenklinik feststellten, einen Psalm mit einer Fülle von bildhaften Worten und verdichteten Erfahrungen aus der Zeit vor dreitausend Jahren, in denen sich dennoch auch unsere moderne Seele wiederfinden kann.

Folgen wir nun einfach dem Gang des Psalm 31 und hören wir versweise, was er uns sagen will:

1 Ein Psalm Davids, vorzusingen.

Ein Davidspsalm ist es, was wir hören werden. Das heißt nicht unbedingt, dass er von David gedichtet sein muss. Aber man hat sich vorstellen können, dass schon David ihn gebetet hat, dass er ein Gebet ist für einen Menschen wie David mit seinem sehr bewegten Leben zwischen Höhen und Tiefen, zwischen Gehorsam und Schuld, zwischen Liebe und Hass, zwischen Glück und Unglück.

Vorzusingen ist dieser Psalm – er kann also nicht einfach nur mit dem Verstand begriffen werden, wir müssen schon mitgehen mit unserem Gefühl, um aufzunehmen und auch weiterzusagen, weiterzusingen, was in diesem Psalm über uns selbst drinsteht.

2 HERR, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, / errette mich durch deine Gerechtigkeit!

In der Ich-Form beginnt ein Gebet zu Gott. Jeder einzelne von uns kann sich hier wiederfinden, wenn er sich hineinversetzt in dieses Ich. „Auf dich traue ich!“ Vertrauen, das kann nur ich selber, das kann mir niemand aufnötigen, das kann niemand von mir verlangen, wenn es nicht in mir selber wächst.

Zugleich ist dieses Vertrauen so lebensnotwendig, dass es sozusagen über Leben und Tod entscheidet: Ohne dieses Zutrauen zu Gott werde ich „zuschanden“, gehe ich kaputt. Mit diesem Vertrauen dagegen wird mein Leben gerettet. Gerettet wodurch? „Durch deine Gerechtigkeit“, dadurch, dass Gott mir gerecht werden will mit dem, was mir guttut, mit dem, was ich wirklich brauche.

3 Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends!

Da ist schon eines der großartigen Bilder unseres Psalms: Gott ist der Gott mit den hinhörenden Ohren, ich kann mir so richtig vorstellen, wie er die Hände hinter die Ohren legt und den Kopf zu mir herneigt, um auch genau hinzuhorchen und festzustellen: Was bedrückt dich? Ich denke an Eltern, die sich Zeit nehmen, um genau herauszufinden, was dem schreienden Baby wirklich fehlt, oder was hinter dem nervigen Gemotze der heranwachsenden Kinder steht. Offenbar ist der Psalmdichter der Auffassung: ich darf Gott gerade so nervig in den Ohren liegen – es ist ja Not da, deshalb darf ich auch um schnelle Hilfe bitten: „Hilf mir eilends!“

Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

Fels und Burg soll Gott uns sein. Anlehnen kann ich mich an einen Gott, der wie ein Felsen ist. Schutz finde ich bei ihm, der wie eine Burg ist. Selber brauche ich nicht immer stark zu sein, wenn ich einen finden, der stark genug ist, um mir Halt zu geben, auch wenn ich schwach bin.

4 Denn du bist mein Fels und meine Burg, / und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.

Was wichtig ist, lohnt sich manchmal auch zu wiederholen: Noch einmal stelle ich als unumstößlich Tatsache fest: „Du bist mein Fels und meine Burg!“ Es ist einfach so, auch wenn ich häufig ins Zweifeln gerate und mir vorkomme, als hätte ich keinen Boden unter den Füßen. Nach Orientierung sehne ich mich: Anleitung und Führung brauche ich durch einen, der Ahnung hat, der zuverlässig ist, damit mein Leben ein Ziel hat und ich nicht zeitlebens sinnlos umherirre.

Und an wen sollte ich mich da wenden, wenn nicht an einen, der einen „Namen“ hat – den Namen, der bedeutender ist als alle menschlichen Namen, und seien sie noch so berühmt? Ich darf Gott an seinen Namen erinnern, und der Gottesname Jahwe oder Jehova, wie es manche aussprechen, den das Volk des Alten Testamentes durch Mose erfahren hatte, bedeutet nichts Geringeres als: „Ich bin da, ich bin immer für euch da!“ Genau so, wie der Name Jesus gleichbedeutend ist mit dem deutschen Namen „Gotthilf“ – Gott ist unser Helfer, sein Name bedeutet, er ist ein „Gott-für-uns“!

5 Du wollest mich aus dem Netze ziehen, das sie mir heimlich stellten; / denn du bist meine Stärke.

Zum erstenmal taucht nun eine konkrete Bitte auf in unserem Psalm: „Zieh mich heraus aus einem Netz!“ Es ist ein Netz, in das ich geraten bin durch fremde Schuld: „Sie haben es mir heimlich gestellt!“ – und ich komme nicht ohne fremde Hilfe da heraus. Ich denke an Verstrickungen, in die jeder von uns geraten kann, an Enttäuschungen, die jemand zum Beispiel von seinen Eltern oder von einem Lebenspartner erfährt. Wenn solche Erfahrungen unbewusst verarbeitet werden, kann es sein, dass ich mich in einer ausweglosen Lage wiederfinde. Ich blicke einfach nicht mehr durch, ich fühle mich schuldig und möchte zugleich die ganze Welt anklagen. Ich möchte neue Schritte gehen, aber ich weiß nicht, wie ich über meinen Schatten springen und mich vor neuen Verletzungen schützen kann. Ich brauche einfach jemanden, der mir die Hand reicht und mir heraushilft aus dem seelischen Gefängnis, aus diesem Netz, in das ich durch fremde Schuld hineingeraten bin und in dem ich mich auch durch eigenes unbewusstes Mitverschulden immer mehr verfange.

6 In deine Hände befehle ich meinen Geist; / du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.

Kennen Sie diesen Vers? Wer ihn kennt, denkt sicher an das Sterbewort von Jesus, das er am Kreuz gesprochen hat. Aber offenbar geht es in diesem Vers nicht nur darum, sich am Ende seines Lebens Gott anzuvertrauen. Schon mitten im Leben kann ich Gott meinen Geist, mein tiefstes Inneres in seine Hände legen.

Wenn ich mich in die Hände eines anderen begebe, dann liefere ich mich ihm aus. Er könnte mich zerstören, wenn er es wollte. Aber ich weiß von Gott: er macht mich nicht kaputt, er steht zu mir wie ein treuer Partner, wie ein treuer Freund, er nimmt meinen unruhigen, geängstigten Geist in seine Hände wie ein zartes Pflänzchen und erlöst mich von dem, was mich gefangen und in Ängsten hält.

An dieser Stelle unterbrechen wir die Predigt, damit Sie einmal verschnaufen können, und wir singen aus dem Lied 306 die Strophen 1, 2 und 5:

1) Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben; nicht Erdennot, nicht Erdentand soll mich daraus vertreiben. Und wenn zerfällt die ganze Welt, wer sich an ihm und wen er hält, wird wohlbehalten bleiben.

2) Er ist ein Fels, ein sichrer Hort, und Wunder sollen schauen, die sich auf sein wahrhaftig Wort verlassen und ihm trauen. Er hats gesagt, und darauf wagt mein Herz es froh und unverzagt und lässt sich gar nicht grauen.

5) Und meines Glaubens Unterpfand ist, was er selbst verheißen, dass nichts mich seiner starken Hand soll je und je entreißen. Was er verspricht, das bricht er nicht, er bleibt meine Zuversicht; ich will ihn ewig preisen.

Und wie geht nun unser Psalm weiter, liebe Gemeinde?

7 Ich hasse, die sich halten an nichtige Götzen; / ich aber hoffe auf den HERRN.

Vielleicht sind Sie überrascht über diese plötzliche Äußerung des Hasses, die so unvermittelt auf das Gebet zu dem treuen Gott folgt. Der Psalmbeter hat offenbar nicht so viele Probleme mit Gefühlen wie wir. Denn die Erlösung, die er durch Gott erfährt, macht ihn auch dazu frei, seine außerordentlich starken Gefühle zu spüren – und was er ganz stark empfindet und auch fühlen darf, ist ein großer Hass auf Menschen, die sich „an nichtige Götzen halten“. Ich vermute, dass er gerade die Menschen meint, die ihn so schwer enttäuscht und verletzt haben. Sie folgen nur ihrem eigenen Machtstreben, nur ihrer Vergnügungssucht, sie räumen den beiseite, der im Wege steht, sie nutzen den aus, der sich nicht wehren kann. Ich denke auch an Menschen, die Kinder in die Welt gesetzt haben, die aber ihre sogenannte Selbstverwirklichung viel höher achten als das, was ihre Kinder brauchen. Wie oft höre ich in der Klinik von Menschen, deren Seele krank geworden ist, weil ihre Eltern sie auf dem Altar „nichtiger Götzen“ geopfert haben, solcher Götzen wie: materieller Wohlstand oder eigensüchtiges sexuelles Luststreben. Allen diesen Menschen macht unser Psalm Mut dazu, zu fühlen, was sie fühlen: Ich darf den hassen, der mich erniedrigt, der mir Gewalt antut, der mich ausnutzt und missbraucht. Das bedeutet ja nicht, dass ich nun meinerseits gewalttätig werden muss, nein, das hilft ja gar nicht, das soll nicht sein. Aber gefühlt werden darf auch ein Hass. Nur wenn das erlaubt ist, kann auch die Hoffnung auf Gott wirklich ehrlich empfunden werden, und auch ganz andere Gefühle können in mir wieder Raum gewinnen:

8 Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, / dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner an in Not

9 und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; / du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Hier spiegelt sich die Erfahrung eines Menschen wider, der ein neues Leben begonnen hat. Jemand, der bisher nur gewusst hat: Alle wollen mich ausnutzen! – der spürt nun: Da sieht einer mein Elend an! Da meint es einer wirklich gut mir mir! Da kümmert sich einer um mich! Und wenn ich mich immer wieder so verhalten möchte, als ob kein Mensch und kein Gott für mich da wäre, dann will Gott es doch nicht zulassen, dass ich wieder in die Hände der Leute gerate, die mich kaputtmachen. Auch die inneren bösen Stimmen, die ich mit mir herumschleppe und mit denen ich mich immer wieder selbst fertigmache — ich muss nicht auf sie hören, sie haben nicht recht. Ich darf stattdessen der Stimme meines Gottes vertrauen, der zu mir steht.

Denn ich darf wissen: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. Gott schenkt mir Freiheit, aber lässt mich mit ihr nicht allein. Er schenkt mir einen Raum der Geborgenheit, aber ohne mich einzuengen. Auf weiten Raum werden meine Füße gestellt, das ist wieder eins dieser wunderbaren Bilder in unserem Psalm. Die ganze Erde schenkt uns Gott als Lebensraum, und innerhalb dieses großen weiten Lebensraumes Erde finden wir wiederum unseren ganz besonderen Platz, an den Gott uns stellt. So schön kann Glaube sein, so befreiend ist das Vertrauen zu Gott, trotz der Zweifel, die uns bedrängen.

Und wie groß kann die Not sein, in der doch unsere Füße von Gott immer wieder auf weiten Raum gestellt werden? Hören wir hin:

10 HERR, sei mir gnädig, denn mir ist angst! / Mein Auge ist trübe geworden vor Gram, matt meine Seele und mein Leib.

11 Denn mein Leben ist hingeschwunden in Kummer / und meine Jahre in Seufzen. Meine Kraft ist verfallen durch meine Missetat, / und meine Gebeine sind verschmachtet.

12 Vor all meinen Bedrängern bin ich ein Spott geworden, / eine Last meinen Nachbarn und ein Schrecken meinen Bekannten. Die mich sehen auf der Gasse, /fliehen vor mir.

13 Ich bin vergessen in ihrem Herzen wie ein Toter; / ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß.

14 Denn ich höre, wie viele über mich lästern: / Schrecken ist um und um! Sie halten Rat miteinander über mich / und trachten danach, mir das Leben zu nehmen.

Ja, so kann es Menschen ergehen, vielleicht finden Sie sich in dem einen oder anderen Vers wieder. Vielerlei Not gibt es unter uns Menschen, alltäglichen Streit unter Nachbarn, Krankheiten, die uns Angst machen, Alleingelassensein und Schlecht-übereinander-Reden und vieles mehr bis hin zu Todesängsten: Darf ich überhaupt auf der Welt sein, habe ich ein Recht zu leben und glücklich zu sein?

Und noch einmal betont unser Psalmgebet: Ja, es gibt Hoffnung für mich, denn Gott ist da:

15 Ich aber, HERR, hoffe auf dich / und spreche: Du bist mein Gott!

16 Meine Zeit steht in deinen Händen.

Noch einmal werden wir erinnert an die Hände Gottes, denen ich mich anvertrauen kann: „Meine Zeit“, die mir geschenkt ist, sie „steht in deinen Händen.“ Ich kann nichts mit Gewalt hinzufügen zu meiner Lebenszeit, und ich muss sie nicht gewaltsam verkürzen. Die ganze Welt hält Gott in seiner Hand, und auch wir sind in seinen Händen geborgen.

Lasst uns an dieser Stelle noch einmal die Predigt unterbrechen und das Lied vom Liedblatt (aus dem Liederheft Nr. 214) singen:

Er hält die ganze Welt in der Hand, er hält die ganze Welt in der Hand, er hält die ganze Welt in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die Sonne und den Mond in der Hand, er hält den Wind und den Regen in der Hand, er hält die Erde und das Meer in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die Blumen und die Bäume in der Hand, er hält die Vögel und die Fische in der Hand, er hält die Hasen und die Hunde in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die vielen, vielen Menschen in der Hand, er hält die Schwarzen und die Weißen in der Hand, er hält die Kranken und Gesunden in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die Armen und die Reichen in der Hand, er hält die Bösen und die Guten in der Hand, er hält die Kleinen und die Großen in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält das winzigkleine Baby in der Hand, er hält auch mich und dich in der Hand, er hält uns alle miteinander in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Letzter Anlauf in einer langen Predigt über einen langen Psalm, liebe Gemeinde! Haben Sie noch Geduld, mir zu folgen?

Noch einmal geht es in unserem Psalmgebet um Menschen, die mir Böses wollen – und zugleich immer wieder um das Vertrauen auf den Gott, der mir weiterhilft:

Errette mich von der Hand meiner Feinde und von denen, die mich verfolgen.

17 Lass leuchten dein Antlitz über deinen Knecht; / hilf mir durch deine Güte!

Mitten in Angst und Bedrohung taucht da wieder so ein schönes Bild auf – ein strahlendes Gesicht, das über mir leuchtet, ein Mensch, der gut zu mir ist, dessen Güte ich an seinen Augen ablesen kann. Ich bin nur der Knecht dieses Herrn, dieses Gottes, ich brauche nicht mehr zu sein, und ich fühle mich nicht abgewertet, denn Gott selber in Jesus wollte auch nicht mehr sein als einer, der anderen dient. Indem ich mich Gott unterstelle, ihn als Herrn anerkenne, erfahre ich zugleich, dass er mir dient und hilft. Und ich fahre fort zu bitten:

18 HERR, lass mich nicht zuschanden werden; / denn ich rufe dich an. Die Gottlosen sollen zuschanden werden / und hinabfahren zu den Toten und schweigen.

19 Verstummen sollen die Lügenmäuler, / die da reden wider den Gerechten frech, stolz und höhnisch.

Ausdrücklich darf hier in einem Gebet ein Wunsch erscheinen, der so verständlich ist und doch eigentlich unaussprechlich: Damit ich Ruhe finde vor bösen Menschen, lass es ihnen schlecht ergehen! So ehrlich ist die Bibel, sie weiß, es gibt Situationen, in denen wir einem Menschen den Tod wünschen. Ich kenne Menschen, die sich seelisch befreien wollten vom Einfluss eines nahen Angehörigen, der ihnen Gewalt angetan hatte. Sie konnten es erst, als dieser Mensch gestorben war. Um mich klar auszudrücken: Natürlich geht es nicht darum, jemanden zu töten, um ein Problem zu lösen. Damit würde man alles nur schlimmer machen; jedes Töten geht gegen Gottes Gebot. Aber wenn böse Menschen uns auch innerlich mit ihren bedrängenden Forderungen und Vorwürfen immer wieder kaputtmachen, dann dürfen wir uns von ihnen lösen, diese Stimmen in uns zum Schweigen bringen – manchmal geht das nur, wenn wir dem Zorn und dem Hass in uns Raum geben, um uns abzugrenzen. Erst dann sind auch Versöhnung und Feindesliebe, wie Jesus sie gemeint hat, schließlich wieder möglich.

Wie dem auch sei, der Psalmdichter kann ohne Übergang ein neues Lob Gottes anstimmen:

20 Wie groß ist deine Güte, HERR, / die du bewahrt hast denen, die dich fürchten, und erweisest vor den Leuten / denen, die auf dich trauen!

21 Du birgst sie in deinem Schutz vor den Rotten der Leute, / du deckst sie in der Hütte vor den zänkischen Zungen.

Ja, um solche alltäglichen Dinge kümmert sich unser Gott – selbst um den üblen Tratsch, unter dem viele Menschen leiden müssen! Wie schön wäre es, wenn wir ihm nacheiferten, wenn es in jeder christlichen Gemeinde geschützte Orte gäbe, wo man für jeden ein offenes Ohr hätte und er Schutz fände vor „zänkischen Zungen“!

22 Gelobt sei der HERR; denn er hat seine wunderbare Güte / mir erwiesen in einer festen Stadt.

Immer wieder spricht der Psalmbeter von der Güte Gottes, die für ihn ein Wunder ist, die er erlebt hat „in einer festen Stadt“. Er hat im Vertrauen zu Gott festen Boden unter den Füßen bekommen, er hat einen Ort, wo er die Tür hinter sich zumachen kann und niemand ihn mehr bedrängt mit Verleumdungen und seelischer Verletzung.

Und was ist, wenn ich manchmal trotz allem fast verzweifle und mein Vertrauen zu Gott verliere?

23 Ich sprach wohl in meinem Zagen; / Ich bin von deinen Augen verstoßen. Doch du hörtest die Stimme meines Flehens, / als ich zu dir schrie.

Nicht nur unserem Hass und unsere Klagen nimmt der Psalmdichter ernst, auch unsere Verzagtheit und Mutlosigkeit, unsere Depression und Verzweiflung darf buchstäblich laut werden. Wir dürfen zu Gott schreien, er wird uns hören.

Am Schluss seines Gebetes ruft der Psalmdichter zur Liebe auf:

24 Liebet den HERRN, alle seine Heiligen! / Die Gläubigen behütet der HERR und vergilt reichlich dem, der Hochmut übt.

25 Seid getrost und unverzagt / alle, die ihr des HERRN harret!

Gott ist einer, dem man nicht unbeteiligt gegenüberstehen kann. Entweder man spürt irgendwie: Gott ist da, und ich bin auf Gott angewiesen. Oder man denkt: Es gibt keinen Gott, ich bin auf mich allein gestellt. Wer ohne Gott lebt, muss automatisch in Hochmut verfallen, sagt die Bibel, denn er erhebt sich selbst zu seinem eigenen Gott oder betet irgendwelche falschen Götter an. Und daran muss er verzweifeln. Wenn ich aber mit Gott leben möchte, dann darf ich ihn liebgewinnen, diesen gütigen Gott. Ich darf mich in seinen Händen behütet fühlen. Ich darf getrost und unverzagt sein. Ich darf auf Gott hoffen und mitten in Sorgen und Nöten immer weiter ausharren, weil Gott mir seine Hilfe zugesagt hat. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Wir singen aus dem blauweißen Liederheft das Lied 707 (aus dem Liederheft das Lied Nr. 3):

Harre, meine Seele, harre des Herrn! Alles ihm befehle, hilft er doch so gern. Sei unverzagt! Bald der Morgen tagt, und ein neuer Frühling folgt dem Winter nach. In allen Stürmen, in aller Not wird er dich beschirmen, der treue Gott.

Harre, meine Seele, harre des Herrn! Alles ihm befehle, hilft er doch so gern. Wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht; größer als der Helfer ist die Not ja nicht. Ewige Treue, Retter in Not, rett auch unsre Seele, du treuer Gott!

Gott, unser barmherziger Vater, wir nehmen dich beim Wort, schütten unser Herz vor dir aus. Wir sind erschüttert und oft ratlos, wenn wir die Kriegsnachrichten aus Bosnien hören, wenn wir von Kindern in England hören, denen durch Umwelteinflüsse bei der Geburt eine Hand fehlt, wenn wir von Eltern hören, die ihr neugeborenes Kind einfach in die Mülltonne stecken. Dir vertrauen wir alles an, was wir nicht ändern können. Und wir bitten dich: Zeige uns auch die Dinge, für die wir verantwortlich sind, mach uns immer wieder Mut, kleine Schritte zu gehen, kleine gute Taten zu tun, freundlich zu sein und Gedankenlosigkeit zu widerstehen. Schenke uns den Mut, unsere eigenen Gedanken zu denken, und auch zu den Gefühlen zu stehen, die in uns sind. Lass uns in all dem niemals verzweiflen. Amen.

Wir beten mit den Worten Jesu:

Vater unser
Lied 228:

1) Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden, der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an unzählig viel zugut und noch jetztund getan.

2) Der ewigreiche Gott woll uns bei unserm Leben ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben und uns in seiner Gnad erhalten fort und fort und uns aus aller Not erlösen hier und dort.

3) Lob, Ehr und Preis sei Gott, dem Vater und Sohne und dem, der beiden gleich im höchsten Himmelsthrone, dem dreimal einen Gott, wie es ursprünglich war und ist und bleiben wird jetztund und immerdar.

Abkündigungen

Und nun geht hin mit Gottes Segen:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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