Nur die Liebe zählt

Das große Liebeslied des Paulus.

Vielleicht besteht das Jüngste Gericht darin, dass von uns nach unserem Tod nur das übrig bleibt, was wir an Glauben, Hoffnung, Liebe gelebt haben. Kein Unrecht besteht, kein missgünstiger Gedanke, nichts, was wir durch Eigensucht erreicht haben. Menschen ohne Liebe müssen ihren Stolz aufgeben und Demut lernen: Vor Gott zählt außer der Liebe nichts.

Ein von zwei Händen gehaltenes und getragenes Herz

Durch Jesus hat Paulus Liebe und Halt erfahren, wie er sie in 1. Korinther 13 beschreibt (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag Sexagesimae, den 15. Februar 1998, um 9.00 Uhr in der Kapelle der Rheinhessen-Fachklinik Alzey und am Sonntag Estomihi, den 22. Februar 1998, um 9.00 Uhr in Ensheim und um 10.00 in Spiesheim

Herzlich willkommen in diesem Gottesdienst! Insbesondere begrüße ich den Evangelischen Kirchenchor aus Weinheim, der uns heute mit einigen Liedern erfreuen wird. Unser Thema ist heute die Liebe, mit der uns Gott geliebt hat, die Liebe, wie sie Paulus im 1. Korintherbrief preist, die Liebe, zu der wir Christen berufen sind.

Kirchenchor: „Herr, Gott, dich loben alle wir“
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir loben Gott mit Worten aus 1. Johannes 4:

9 Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.

10 Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.

11 Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, du bist Liebe, nichts Grausames, nichts Tyrannisches ist in dir. So wie Jesus war in seiner Liebe zu den Menschen, so bist und bleibst du in Ewigkeit. Rühre uns an mit deiner Liebe, stecke uns mit deiner Liebe an, so dass unser Leben verwandelt wird: dass wir uns nicht selber hassen müssen, dass wir nicht gefangen bleiben in Misstrauen und Furcht vor den anderen Menschen. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus 1. Korinther 13; es ist das Hohelied der Liebe, zugleich der Predigttext für diesen Sonntag. Paulus besingt dort die Liebe, die er von Gott erfahren hat und die allem, was es auf der Welt gibt, erst seinen Wert gibt:

1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.

2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.

4 Die Liebe ist langmütig und freundlich,

die Liebe eifert nicht,

die Liebe treibt nicht Mutwillen,

sie bläht sich nicht auf,

5 sie verhält sich nicht ungehörig,

sie sucht nicht das Ihre,

sie lässt sich nicht erbittern,

sie rechnet das Böse nicht zu,

6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit,

sie freut sich aber an der Wahrheit,

7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.

9 Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.

10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.

11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab; was kindlich war.

12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Lied 414, 1-2:

Lass mich, o Herr, in allen Dingen auf deinen Willen sehn und dir mich weihn; gib selbst das Wollen und Vollbringen und lass mein Herz dir ganz geheiligt sein. Nimm meinen Leib und Geist zum Opfer hin; dein, Herr, ist alles, was ich hab und bin.

Gib meinem Glauben Mut und Stärke und lass ihn in der Liebe tätig sein, dass man an seinen Früchten merke, er sei kein eitler Traum und falscher Schein. Er stärke mich in meiner Pilgerschaft und gebe mir zum Kampf und Siege Kraft.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, als Paulus einmal in einem Brief an die Gemeinde in Korinth sagen will, was eigentlich das Wichtigste im Leben eines Christen ist, da fängt er an, von der Liebe zu erzählen. Ein ganzes Kapitel schreibt er über die Liebe, das ganze 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes, wir haben es gehört. Vers für Vers will ich nun noch einmal in dieses Kapitel hineinhören, so dass wir die Einzelheiten besser mitbekommen und verstehen. So fängt Paulus an (1. Korinther 13):

1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.

Über alles stellt Paulus die Liebe. Ohne Liebe könnte der beste Redner nicht die Herzen der Menschen erreichen. Er könnte sogar so schön reden, wie die Engel im Himmel singen, trotzdem wäre dieser Redner ohne Liebe wie „ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle“. Ein „tönendes Erz“ ist eine scheppernde Glocke, eine Glocke, die den Ohren nicht wohltut, sondern die nur Lärm macht und die Menschen ärgert. Und eine „klingende Schelle“, die erinnert mich an eine schrille Haustürklingel, die uns manchmal auf die Nerven geht, oder an diese durchdringenden Schellen, mit denen früher die Lumpensammler durch die Straßen gingen und riefen: „Alteisen – Lumpen – Papier!“ Offenbar will Paulus sagen: Wenn ein Prediger nicht mit Liebe predigt, dann geht er den Leuten nur auf die Nerven, dann ist er nur ein Marktschreier, der nicht einmal etwas Wertvolles zu verkaufen hat.

Aber wie kann das ein Prediger schaffen, z. B. ich, hier und heute, kann man denn Liebe einfach so „haben“, kann man Liebe einfach so in eine Predigt einbauen? „Machen“ kann ich das nicht; Liebe ist in einem Menschen, wenn man sie erlebt und an sich heranlässt; Liebe kann auch ich mir nur schenken lassen. Paulus fährt fort:

2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

Hier warnt Paulus davor, sich etwas einzubilden auf etwas, was man kann oder weiß. Klugheit, Wissen, all das ist nichts wert ohne Liebe. Selbst ein starker Glaube oder ein großes Gottvertrauen ist nur Heuchelei ohne die Liebe. Aber von was für einer Liebe redet Paulus eigentlich? Viele meinen ja: Liebe, Nächstenliebe, den eigenen Egoismus überwinden, das ist die höchste Pflicht, die höchste Anforderung an einen Menschen, zumindest an einen Christen. Aber wer von sich behauptet, dass er immer nur an die anderen denkt und niemals an sich selber denkt, der ist wohl auch ein Heuchler. Ich bezweifle, dass man andere lieben kann, wenn man selber keine Liebe erfahren hat und sich selbst nicht liebhat. Ganz in diesem Sinne sagt Paulus: ein Mensch mag Dinge tun, die sehen äußerlich wie Liebe aus, aber sie nützen nichts, wenn ihm innerlich keine Liebe geschenkt ist:

3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.

Also selbst wenn man alles opfern würde, sogar sein eigenes Leben, das ist für Paulus nicht automatisch Liebe. Wenn man an die Menschen denkt, die sich damals in der früheren CSSR oder DDR mit Benzin übergossen und verbrannt haben, um auf die schlimmen Zustände aufmerksam zu machen – das waren sicher Taten aus Verzweiflung, aber es müssen nicht unbedingt Taten der Liebe gewesen sein. Oder die Selbstmordattentäter im Nahen Osten, sie opfern sich selbst im Namen des Hasses, nicht der Liebe, oder jedenfalls nur der Liebe zum eigenen Volk, reißen aber andere mit in den Tod.

Bei diesen Worten des Paulus denke ich auch an die vielen Menschen, die einfach in ihrem ganz normalen Alltag in Familie oder Beruf das eigene Leben einsetzen und aufopfern und verzehren lassen wie in einem Feuer – tun es wirklich alle aus einer Liebe heraus, die einfach in ihnen ist wie eine Flamme, die man nicht auslöschen kann? Oder steckt nicht manchmal eine verzweifelte Sehnsucht dahinter, dass man irgendwann einmal als Anerkennung doch auch einmal auf ein wenig Liebe Anspruch hat? Wenn ein Kind von den Eltern nicht genug Liebe bekommt, kann es vielleicht auf einem Umweg doch noch etwas Liebe erhaschen – es nimmt Rücksicht auf die Eltern, schreit nicht so viel, zeigt nicht, wenn es traurig oder wütend ist. Es wird pflegeleicht und brav – nicht weil es zufrieden ist und genug Liebe hat, sondern weil es anders nicht überleben kann. Im Stillen sehnt sich das Kind nach Liebe, es bekommt fürs Bravsein manchmal auch ein bisschen davon, doch immer zu wenig. Wenn dieses Kind erwachsen wird, wird es in der Regel ein angenehmer Mensch bleiben, immer einsatzfreudig, immer für die anderen da, alles andere als egoistisch. Doch wie lange kann das gut gehen? Ein solcher Mensch wird leicht ausgenutzt, allzuoft muss er als bittere Wahrheit erfahren: Undank ist der Welt Lohn, und irgendwann ist er am Ende, ausgebrannt, innerlich leer. Wer sich scheinbar in Nächstenliebe verzehrt, schreit also vielleicht in Wirklichkeit leise und versteckt danach, doch endlich einmal selbst geliebt zu werden!

Kirchenchor: „Ein reines Herz, Herr, schaff in mir“

Hören wir nun, wie Paulus die wahre Liebe beschreibt – nicht als eine Pflicht, die man sich abzwingt, sondern als die Liebe, die er selbst erfahren hat. Wie war das damals gewesen? Paulus war ein wütender Verfolger der Christen gewesen, hatte Jesus Christus gehasst wie einen Teufel. Aber plötzlich, eines Tages vor der Stadt Damaskus, da fiel er vom Pferd wie in einem Anfall, und vor seinem inneren Auge sah er Jesus; er wurde wie ein Blitz getroffen von der Liebe Jesu. Er spürte: Ausgerechnet Jesus, den er voller Hass verfolgte, der hatte ihn, den Paulus, unendlich lieb. Und ausgerechnet die Christengemeinde in Damaskus, gegen die Paulus eigentlich hart hatte vorgehen wollen – sie nahm ihn freundlich und liebevoll auf. Und hier im Korintherbrief will Paulus beschreiben, wie er das selbst erfahren hat – Liebe von Gott, Liebe von Jesus, Liebe von anderen Christen, die selber von Gottes Liebe erfüllt waren. Ist das nicht herrlich, will Paulus sagen, wenn jemand liebevoll mit uns umgeht? Wenn unsere Sehnsucht nach Geborgenheit gestillt wird? Wenn wir uns an jemandem festhalten und aufrichten können, so dass wir auch innerlich einen Halt aufbauen und bewahren? Wenn wir so ernst und wichtig genommen werden, dass wir uns auch selber lieb haben können, auch mit unseren schwachen Seiten und sogar mit unseren Fehlern? Wenn uns vergeben wird, so dass wir uns nicht ein Leben lang mit Schuldgefühlen quälen müssen, und wenn wir immer wieder die Chance, den Mut und die Kraft bekommen zu einem neuen Anfang?

Paulus weiß: Gott ist die Liebe. Von ihm kommt alle Geborgenheit, jeder Halt und wirkliche Vergebung. Nur von ihm kann man in vollem Sinn all die Sätze über die Liebe sagen, die nun folgen. Und dass Gott die Liebe ist, wissen wir durch Jesus, der ganz und gar von Gottes Geist durchdrungen war.

Was sagt nun Paulus im einzelnen von dieser Liebe?

4 Die Liebe ist langmütig und freundlich.

Genau so ist Jesus mit den Menschen umgegangen. Er hat keinen Sünder weggeschickt, hat niemandem die Vergebung verweigert, der sich schuldig fühlte.

Die Liebe eifert nicht.

Nein, Jesus kannte keinen fanatischen Kampf für Gott oder den Glauben.

Die Liebe treibt nicht Mutwillen.

Nein, Jesus benutzte die Menschen nicht als Spielbälle für eigene Interessen. Jesus hat auch immer die Vorstellung von einem Gott bekämpft, der sein grausames Spiel mit den Menschen treibt. Er hat keinen Gott gepredigt, der den Menschen Leiden auferlegt, hat vielmehr betont, dass Gott niemanden im Leiden allein lässt.

Die Liebe bläht sich nicht auf.

Nein, Jesus hatte es nicht nötig, großzutun. Gerade indem er auch zu seiner Schwäche, seiner Angst, seinen Tränen stehen konnte, war er wahrhaft stark.

5 Die Liebe verhält sich nicht ungehörig.

Nun ja, das haben manche Leute damals anders empfunden. Sie dachten, Jesus verhalte sich ungehörig, als er zusammen mit Zöllnern und Sünder zu Tisch saß und als er sich von einer Dirne die Füße waschen ließ. Aber wer voller Liebe ist, der weiß von innen heraus, was sich für ihn gehört und was nicht; der muss nicht immer danach fragen: Was werden bloß die Leute sagen? Was würden meine Eltern dazu meinen?

Die Liebe sucht nicht das Ihre.

Jesus hatte das nicht nötig, auf eigenen Vorteil aus zu sein; er wusste sich geborgen und getragen in der Liebe Gottes, seines Vaters, er war voll Vertrauen darauf, dass er alles bekommen würde, was er zum Leben brauchte.

Die Liebe lässt sich nicht erbittern.

Nein, bitter ist Jesus nie geworden, wohl wurde er zornig auf unbarmherzige Menschen, auf die Geschäftemacher im Tempel, auf alle die, die sich vor Gott etwas auf sich selber einbilden. Aber erbittert hat Jesus nicht gegen sie gekämpft, er hat dennoch auch ihnen vergeben, und auch verbittert wurde Jesus nicht, trotz seines bitteren Todes; trotz allem konnte er sterben im Frieden mit seinem Vater im Himmel.

Die Liebe rechnet das Böse nicht zu.

Ja, das war die Liebe Jesu, der selbst über seine Feinde sagen konnte: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Und so geht Jesus mit allen Menschen um. Auch mit uns! Er will uns mit seiner Liebe anstecken, aber wir sind manchmal für seine Liebe gar nicht offen. Wir sind voller Fehler, sind unvollkommen in der Liebe. Trotzdem zeigt Jesus nicht mit Fingern auf uns und sagt: Ich hab’s ja gleich gesagt. Nein:

6 Die Liebe freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit.

Immer noch, jeden Tag neu, traut Jesus uns Gutes zu. Er sucht nicht uns nachzuweisen, wie böse wir sind, er wird nicht müde, uns Mut zu machen, mit unseren kleinen Kräften Gutes zu bewirken.

Lied 413, 4-8:

Ein Christ seim Nächsten hilft aus Not, tut solchs zu Ehren seinem Gott. Was seine rechte Hand reicht dar, des wird die linke nicht gewahr.

Wie Gott lässt scheinen seine Sonn und regnen über Bös und Fromm, so solln wir nicht allein dem Freund dienen, sondern auch unserm Feind.

Die Lieb ist freundlich, langmütig, sie eifert nicht noch bläht sie sich, glaubt, hofft, verträgt alls mit Geduld, verzeiht gutwillig alle Schuld.

Sie wird nicht müd, fährt immer fort, kein‘ sauren Blick, kein bitter Wort gibt sie. Was man sag oder sing, zum Besten deut‘ sie alle Ding.

O Herr Christ, deck zu unsre Sünd und solche Lieb in uns anzünd, dass wir mit Lust dem Nächsten tun, wie du uns tust, o Gottes Sohn.

Liebe Gemeinde, die letzte Konsequenz der Liebe ist, dass man bereit ist, um der geliebten Menschen willen Opfer zu bringen, so wie Jesus es tat, als er seinen Feinden vergab, als er sich nicht gewaltsam gegen das Hinrichtungskommando wehrte, als er den Tod am Kreuz auf sich nahm:

7 Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

Missverstehen könnte man die Formulierung: „sie glaubt alles“ – so als würde gutgläubige Naivität unbedingt zur Liebe dazugehören. Aber ich denke, dass etwas anderes gemeint ist. Paulus meint gewiss ein ganz tiefes Vertrauen in einen anderen Menschen, das ihn nicht aufgeben will, dass ihm immer noch zutraut, sich ändern zu können.

Wenn zum Beispiel zwei Menschen sich lieben, dann können sie mit einer solchen Haltung auch schwere Konflikte miteinander durchstehen. Unsere menschliche Liebe kennt allerdings auch Grenzen – wer immer nur ausgenutzt wird, wer schändlich betrogen wird, wer vom Partner keine Zeichen der Liebe erfährt, dessen Liebe wird wahrscheinlich irgendwann doch am Ende sein. Es mag sogar sein, dass man einem Partner, der die Liebe mit Füßen tritt, eine größere Hilfe ist, wenn man ihn verlässt, als dass man sich zwingt, eine scheinbare Beziehung um jeden Preis aufrechtzuerhalten.

Vollkommen konnte nur Jesus dank des heiligen Geistes Gottes uns eine solche Liebe vorleben, die sogar Feindschaft erträgt, sie uns aushält, selbst wenn wir uns von ihm abwenden, die in uns Vertrauen setzt, auch wenn wir selber uns nichts mehr zutrauen, die niemals die Hoffnung für irgendeines seiner Menschenkinder aufgibt.

Darum noch einmal: Liebe ist keine Pflicht. Liebe ist nicht die erste Christenpflicht, weil man Liebe nicht fordern und machen kann. Aber Liebe kann man erfahren, kann man spüren. Jesus spürte sie immer, wenn er zu seinem Vater im Himmel betete. Nur weil er ganz erfüllt war von dieser himmlischen Liebe, konnte er sie seinen Jüngern weitergeben. Und die wiederum ließen sich davon so berühren und ergreifen, dass sie alles stehen und liegen ließen und ihm nachfolgten.

Und auch zu uns, auch zu Ihnen und zu mir kann diese Liebe gelangen. Auch wir können früher oder später in unserem Leben Menschen begegnen, die uns Liebe spüren lassen. Vielleicht Vater oder Mutter, vielleicht Freunde oder jemand aus der Kirchengemeinde, vielleicht ein Therapeut oder Seelsorger. Jemand nimmt mich an, wie ich bin; ich darf in seiner Gegenwart so fühlen, wie ich fühle; ich darf Kind sein; ich darf erwachsen werden; jemand nimmt mich ernst; mein Vertrauen zu bestimmten Menschen kann wachsen – und auch mein Vertrauen zu Gott.

Ja, letzten Endes kommt alle wahre Liebe von Gott. Letzten Endes ist Liebe immer ein Zeichen dafür, dass wir uns auch dem großen Gott der Liebe selbst anvertrauen können, so wie Jesus es getan hat. Und von dieser Liebe, die von Gott kommt und zu Gott wieder zurückführt, sagt Paulus noch einmal ganz bestimmt:

8 Die Liebe hört niemals auf.

Liebe ist das Vollkommenste, was Paulus sich vorstellen kann, das Vollkommenste, was er von Gott her erfahren hat. Demgegenüber ist alles, was Menschen tun und machen können, fehlerhaft und unvollkommen. Deshalb betont Paulus noch einmal:

8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.

9 Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.

10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.

Paulus hofft also darauf, dass immer mehr Liebe von Gott her in sein Leben kommt. Er vergleicht das mit dem Erwachsenwerden: je mehr Liebe in uns wächst, desto erwachsener werden wir:

11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab; was kindlich war.

Über eines ist sich Paulus aber auch im Klaren: Vollkommene Liebe hier auf unserer Erde gibt es nicht. Viele Menschen sind so verhärtet, dass Liebe einfach nicht an sie geht. Und selbst wenn wir offen sind für Liebe – wir werden immer wieder rückfällig – fallen zurück in alte Lebensängste, statt auf Gott zu vertrauen. Wieder zieht Paulus einen Vergleich heran; er denkt an die schlechten Metallspiegel, die man damals kannte, und er meint, dass wir hier auf der Erde wirklich nur ein winzig kleines Zipfelchen von der großen Liebe Gottes erfassen können. Aber das mag uns schon genügen und kann uns innerlich reich und froh machen:

12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

Hier bestätigt sich, dass Paulus die ganze Zeit von der Liebe spricht, mit der Gott uns zuerst geliebt hat: Im Himmel, bei Gott, dann „werde ich erkennen, wie ich erkannt bin“, dann wird offenbar sein, dass wir seit Ewigkeiten von Gott geliebt sind, dass wir ihm unendlich wichtig sind, jeder einzelne von uns. Angerührt von dieser Liebe kommen wir zum Glauben, beginnt in uns Vertrauen zu wachsen, finden wir immer mehr Zuversicht mitten in unserer Lebensangst. Und die Hoffnung auf Gottes Liebe gibt unserem Leben ein lohnendes Ziel! Paulus weiß, es gibt im Leben nichts Wichtigeres als diese Liebe. Sie gibt unserem Leben Sinn, und sie überdauert sogar den Tod. Sie bleibt, auch wenn alles andere vergeht:

13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Vielleicht besteht sogar das Jüngste Gericht darin, dass von uns Menschen, wenn wir einmal sterben, nur das übrig bleibt, was wir an Glauben, an Hoffnung, an Liebe gelebt haben. Kein Unrecht besteht, kein missgünstiger Gedanke, nichts, was wir durch Eigensucht und verletzende Taten erreicht haben. Menschen ohne Liebe, die groß erscheinen und sich stark fühlen, müssen ihren Stolz aufgeben und Demut lernen: eine Demut, die aber nicht erniedrigt, sondern zu der Einsicht befreit, dass außer der Liebe vor Gott nichts zählt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 329: Hilf, Herr meines Lebens

Ohne Liebe, Herr, unser Gott, wären wir nichts. Ohne Deine Liebe, barmherziger Gott, könnten wir nicht leben. Deiner Liebe befehlen wir die Menschen, die uns nahestehen, wir beten aber auch für die Menschen, die es uns schwer machen, dass wir sie lieben. Hilf uns, deine Liebe in uns aufzunehmen, hilf uns, dass wir uns selber liebhaben können, und hilf uns, denen zu verzeihen, die uns verletzt haben. Schenke uns ein Selbstbewusstsein, das nicht auf Äußerlichkeiten beruht, sondern darauf, dass wir in deinen Augen wichtig sind. Amen.

Wir beten mit Jesu Worten:

Vater unser
Kirchenchor: „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude“

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden.

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