„Prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine!“

Wir urteilen manchmal schnell: über einen Konfirmanden, eine Hausfrau, einen Pfarrer, einen Mitschüler oder Arbeitskollegen. Aber wissen wir, wie der andere wirklich in seinem Innern ist? Offene Kritik ist nicht leicht zu ertragen, aber Kritik nicht zu äußern, kann ein Zeichen dafür sein, dass man jemanden schon aufgegeben hat oder nicht für fähig hält, sich überhaupt zu ändern.

Statue von Dietrich Bonhoeffer in London

Statue von Dietrich Bonhoeffer in London (Foto: pixabay.com)

#predigtGottesdienst an Sexagesimä, 2. Februar 1986, um 9.30 Uhr in Beienheim, 10.30 Uhr in Heuchelheim und 13.00 Uhr in Dorn-Assenheim und an Estomihi, 9. Februar 1986, um 9.30 Uhr in Weckesheim und um 10.30 Uhr in Reichelsheim

Ich begrüße Sie und Euch herzlich im Gottesdienst am 2. Sonntag vor der Passionszeit. Als roten Faden, der sich durch diesen Gottesdienst hindurchziehen soll, habe ich heute die Erinnerung an einen Mann ausgewählt, der übermorgen, am 4. Februar 1986, das 80. Lebensjahr erreicht hätte, wenn er nicht schon im April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg zusammen mit anderen Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus hingerichtet worden wäre. Die Gebete dieses Gottesdienstes habe ich zum Teil aus den Schriften Bonhoeffers entnommen; und durch eins seiner Gedichte lasse ich mich in der Predigt leiten. Im Kirchenblättchen, das in der kommenden Woche erscheint, finden Sie einige weitere Texte über und von Dietrich Bonhoeffer. Warum ich ihn so ausführlich zu Wort kommen lassen möchte, das mag sich aus dem selber ergeben, was Bonhoeffer auch uns Heutigen noch sagen kann.

Zu Beginn singen wir ein Lied von Jochen Klepper, EKG 435, 1-3 (EG 379). Dieser Dichter teilte mit Bonhoeffer das Schicksal, das Dritte Reich nicht zu überleben; er ging schon 1942 mit seiner jüdischen Ehefrau in den Tod. Über dem Lied steht „Geburtstagslied“, es singt davon, wie nahe jedem einzelnen Menschen der große Gott sein will.

EKG 435, 1-3 (EG 379): Gott wohnt in einem Lichte
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Auf dich, HERR, sehen meine Augen; ich traue auf dich, gib mich nicht in den Tod dahin. (Psalm 141, 8)

Jesus spricht:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. (Johannes 6, 47)

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Geiste, wie es war von Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wir beten mit einem Gebet von Dietrich Bonhoeffer:

„Gott, zu dir rufe ich in der Frühe des Tages. Hilf mir beten und meine Gedanken sammeln zu Dir; ich kann es nicht allein. In mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht; ich bin einsam, aber Du verlässt mich nicht; ich bin kleinmütig, aber bei Dir ist die Hilfe; ich bin unruhig, aber bei Dir ist der Friede; in mir ist Bitterkeit, aber bei Dir ist die Geduld; ich verstehe Deine Wege nicht, aber Du weißt den Weg für mich.“

So beten wir zu Dir,Gott, unser Vater im Himmel, durch Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören als Schriftlesung den Psalm 139, 1-12.23-24, der nachher auch der Predigt zugrundeliegt:

Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht schon wüsstest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht… Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

EKG 276, 5-7 (im EG 632, aber nur im Anhang der Pfalz und von Baden/Elsaß/Lothringen):

5. Wie wohl ist mir, wenn mein Gemüte hinauf zu dieser Quelle steigt, von welcher sich ein Strom der Güte zu mir durch alle Zeiten neigt, dass jeder Tag sein Zeugnis gibt: Gott hat mich je und je geliebt!

6. Wer bin ich unter Millionen der Kreaturen seiner Macht, die in der Höh und Tiefe wohnen, dass er mich bis hierher gebracht? Ich bin ja nur ein dürres Blatt, ein Staub, der keine Stätte hat.

7. Ja, freilich bin ich zu geringe der herzlichen Barmherzigkeit, womit, o Schöpfer aller Dinge, mich deine Liebe stets erfreut; ich bin, o Vater, selbst nicht mein, dein bin ich, Herr, und bleibe dein.

Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Zur Predigt wiederhole ich einige Verse aus der Schriftlesung, aus dem 139. Psalm (1-4.23-24):

Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht schon wüsstest. … Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;prüfe mich und erkenne, wie ich‛s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Amen.

Liebe Gemeinde!

Ein Gott, der alles weiß und alles sieht, ist vielen Menschen unvorstellbar. Vor allem, wenn sie sich Gott irgendwie doch wie einen Menschen vorstellen. Und ein Mensch kann nun mal seine Augen und Ohren nicht überall haben, kann auch nicht alles Wissen der Welt speichern und schon gar nicht gleichzeitig alles, was er weiß, aus seinem Gedächtnis abrufen. Aber wenn wir wissen, dass Gott, der einzige lebendige wahre Gott, alle unsere Vorstellungen weit übersteigt, dann erscheint es auch nicht mehr als unmöglich, dass Gott bei jedem einzelnen sozusagen in die Seele schauen kann. Wer das ganze riesengroße Weltall ins Dasein rufen konnte und wer als ewiger Gott die ganze Zeit der Welt sozusagen im Ganzen überschauen kann, dem muss auch nicht ein einziges seiner Geschöpfe fremd sein.

Erstaunlich ist dieser Psalm, dieses vertrauensvolle Gebet trotzdem. Denn nicht wenige Menschen haben zwar die Vorstellung, dass Gott alles sieht, aber sie haben Angst davor. Sie sehen Gott als übermenschlichen Weltpolizisten, der nur darauf achtet, was die Menschen alles falsch machen. Der Psalm sieht es anders. Das Wort „Vater“ kommt hier zwar nicht vor, aber vom Inhalt her wird Gott hier doch mehr wie ein Vater oder eine Mutter erlebt, bei denen man sich geborgen und gut aufgehoben fühlen kann. Das Wort „prüfen“ kommt zwar auch vor, ebenso wie das Thema „gute oder böse Wege“, aber es ist eingebettet in eine starke, vertrauensvolle Beziehung zu Gott. Gott ist nicht der, der straft und Angst macht, sondern der, der schützt und leitet.

Aber auch wenn Gott nicht droht und straft und vernichtet – allein schon die Tatsache, dass einer mich durch und durch kennt und durchschaut, mag uns auch schmerzhaft berühren. Was wir niemand sonst sagen würden, was wir vielleicht nicht einmal uns selbst eingestehen, weiß Gott. Wir können uns vor Gott nicht verstellen. Gut, dass Gott ein gnädiger, ein liebender Gott ist. Denn dann haben wir es auch nicht nötig, uns eine Maske aufzusetzen, um anders zu erscheinen als wir sind. Ich meine jetzt nicht die Faschingsmasken. Die sind ja manchmal gerade umgekehrt ein Weg, um mal sich so zu zeigen, wie man auch sein kann, was man sich aber im Alltag nicht traut. Ich meine, dass wir vor Gott keine der Alltagsmasken nötig haben, die wir benutzen, um unser Inneres vor anderen zu verbergen. Wenn Gott uns also erforscht und kennt und prüft, dann kann das eine große Chance sein, die Chance nämlich, dass wir uns auch selbst erkennen.

Das ist nicht immer leicht, sich selbst zu erkennen. Wer bin ich eigentlich? diese Frage drängt sich uns manchmal auf, wenn uns andere Leute anders sehen als wir selbst, oder wenn in unserem Leben eine Änderung eingetreten ist. Neue Aufgaben (z. B. in der Kirchengemeinde) und Begegnungen mit anderen Menschen (die zum Teil ganz anders denken und glauben) können uns auch zu dieser Frage bringen: Wer bin ich selber? Wie tief werde ich durch veränderte Umstände, durch neue Begegnungen in Frage gestellt? Wie kann ich ich selber bleiben und mich doch auf Neues einlassen? Und wie weit kann und will ich mich selbst verändern?

Von Dietrich Bonhoeffer gibt es ein Gedicht, das er im Gefängnis geschrieben hat und das den Titel trägt: „Wer bin ich?“ Ich möchte es jetzt vorlesen.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Bonhoeffer spricht eine Erfahrung aus, die vielleicht vielen vertraut ist, auch wenn sie nicht so ähnliche Dinge erlebt haben wie er. Anderen erscheint er stark und ausgeglichen, innerlich fühlt er sich gar nicht so. Aber er bleibt nicht in der Zerrissenheit stecken, er muss auch nicht endlos grübeln über seine Selbstfindung. Er kann Widersprüchliches und Ungelöstes einfach so stehen lassen, indem er sich Gott anvertraut: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Dieses Vertrauen ist mir eine große Hilfe, um nicht vorschnelle Entscheidungen zu fällen, um Übergangssituationen auszuhalten. Wenn Gott mich kennt, wenn das, was ich bin, in ihm aufgehoben ist, dann muß ich scheinbar Widersprüchliches in mir nicht allzu schnell aufzulösen versuchen. Angenommen, ich tue etwas Ungewohntes, ernte dafür Unverständnis oder dass man mich auslacht – wer sagt, dass es darum schon schlecht sein muss? Oder ich habe eine neue Beziehung angeknüpft, bin froh darüber, aber ich merke, dass sich ein Konflikt anbahnt. Soll ich mich verleugnen, mich lieber anpassen, eine Auseinandersetzung umgehen, aus Angst, dass die Beziehung sofort wieder zerbrechen könnte?

Wo wir mit dem Psalmbeter sprechen: „Prüfe mich, Gott, und erkenne, wie ich‛s meine!“, da brauchen wir nicht mehr so viel Angst davor zu haben, uns zu geben, wie wir wirklich sind. Natürlich muss man nicht jede kleine Meinungsverschiedenheit zu einem Riesenkrach aufbauschen; aber man kann ja auch mit Takt und Herz jemanden darauf aufmerksam machen, dass man hier und da etwas anders denkt und dass man nicht alles mitmachen möchte.

Als mir mal jemand sagte: „Ich gehe nicht gern in Ihre Gottesdienste, weil Sie immer so politisch predigen!“, da war ich in einer schwierigen Situation. Zunächst einmal wusste ich nicht so genau, was er mit „politisch“ predigen meinte. Wollte er damit andeuten, dass ich von der Kanzel aus für eine bestimmte Partei geworben hätte? Oder dass ich eine bestimmte politische Richtung für christlich, und andere für unchristlich eingestuft hätte? Wenn dieser Eindruck entstanden sein sollte, würde ich gern das Missverständnis aus der Welt schaffen. Ich bin hier kein Parteiredner, und ich will auch niemandem eine Meinung aufdrängen, zumal Sie sich ja gar nicht wehren können, wir haben ja hier keine Möglichkeit des Gesprächs.

Aber wenn er damit sagen wollte, dass ich ihm mit meiner Art zu denken, Fragen zu stellen und zu glauben, nicht passe, was sollte ich dann tun? Auch als Prediger des Wortes Gottes, auch als Seelsorger und Pfarrer, bin ich ja ein ganz bestimmter Mensch mit bestimmten Erfahrungen und gewachsenen Überzeugungen. Und nur indem ich, so wie ich denke und fühle, mich mit den biblischen Texten auseinandersetze und dann meine Auslegung weitergebe, kann das Wort Gottes durch mich vielleicht bei Ihnen ankommen. Ich kann Sie nicht zum Glauben bringen, das kann allein der Heilige Geist, aber was ich sage, kann der Heilige Geist für Sie zum Anlass werden lassen, dass Sie anfangen zu glauben oder bestärkt werden im Glauben. Umgekehrt kann Sie das ärgern, was ich sage, und trotzdem kann der Heilige Geist aus diesem Gottesdienst etwas Gutes für Sie entstehen lassen. Wichtig ist, dass ich mich selber frage im Hören auf Gottes Wort: was glaube ich? was ist meine Aufgabe? was muss ich weitersagen? wo würde ich meiner Verantwortung nicht gerecht, wenn ich schweigen würde? oder wo sage ich zuviel? Wichtig ist auch, dass wir über solche Fragen bei anderer Gelegenheit auch ins Gespräch kommen, z. B. im Bibelkreis. Ich habe mich sicher in manchem geändert in den letzten sieben Jahren, die ich hier in der Gemeinde bin, aber vielleicht bin ich auch in manchem zu vorsichtig geworden, wo ich eigentlich nicht müde werden dürfte.

Nun, ich möchte noch kurz sagen, was ich demjenigen gesagt habe, der meinte, ich predigte zu politisch. Es stellte sich heraus, dass er schon seit langem nicht mehr in einer Predigt von mir war, und ich lud ihn ein, doch mal wieder zu kommen und zuzuhören. Das tat er auch, und seitdem hat er, wie er mir sagte, auch schon ein paar mal einigen Gewinn daraus gezogen.

Ich habe dieses Beispiel von mir selbst als Prediger deshalb so ausführlich dargestellt, weil ich zeigen wollte, dass wir manchmal das Gespräch miteinander gar nicht erst in Gang kommen lassen, weil wir eine zu feste Meinung voneinander haben. Und wenn ich dann, wie das so häufig vorkommt, noch nicht einmal erfahre, was andere von mir denken, dann habe ich gar keine Möglichkeit, damit umzugehen, und eine Gelegenheit, in der Gemeinde sich näherzukommen, ist vertan.

Noch ein Beispiel, diesmal aus den Konfirmandengruppen. Ich merke, wie in den letzten Wochen in beiden Gruppen etwas in Bewegung kommt. Einige schließen sich der Jugendgruppe an, manche Themen führen zu intensiven Gesprächen, ich spüre, dass doch mehr in einzelnen Konfirmanden vorgeht, als ich lange Zeit dachte. Da muss ich mich also auch fragen: lasse ich mich täuschen von äußerem Verhalten, das mich häufig ärgert, oder behalte ich die Geduld, auf passende Gelegenheiten zu warten, in denen wir zu ehrlichen Gesprächen kommen? Ich freue mich jetzt auf die Konfirmandenfreizeit; vielleicht lernen wir uns noch besser kennen, vielleicht findet ihr eine Hilfe, in euren Fragen voranzukommen.

Wir urteilen manchmal so schnell: über einen Konfirmanden, über eine Hausfrau, über einen Pfarrer, über einen Mitschüler oder Arbeitskollegen. Aber wissen wir denn, wie der andere wirklich in seinem Innern ist? Vielleicht hat er es gar nicht mehr nötig, unausstehlich zu sein, wenn andere anders mit ihm umgehen. Vielleicht bräuchte er jemanden, der ihn erst mal einfach so akzeptiert, und der ihm dann auch mal etwas zumutet und zutraut. Kritik, offene Kritik, ist ja nicht leicht zu ertragen, aber manchmal ist sie besser, als dass man schweigt und sich sein Teil nur denkt. Kritik nicht zu äußern, kann ein Zeichen dafür sein, dass man jemanden schon aufgegeben hat oder dass man jemanden nicht für fähig hält, sich überhaupt zu ändern.

Gut ist es, dass wir selbst nicht das letzte Wort zu haben brauchen, nicht in der Erkenntnis der anderen Leute und auch nicht in der Selbsterkenntnis. Gut ist es, dass wir mit dem Psalmbeter sagen können: „Herr, du erforschest mich und kennest mich… Erforsche du mich und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege!“ Und gut ist es, wenn wir mit Dietrich Bonhoeffer, dem vor 80 Jahren geborenen, vor fast 41 Jahren getöteten christlichen Glaubenszeugen sprechen können: „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
EKG 236, 1-3 (EG 329):

1. Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte, bis hierher hat er Tag und Nacht bewahrt Herz und Gemüte, bis hierher hat er mich geleit’, bis hierher hat er mich erfreut, bis hierher mir geholfen.

2. Hab Lob und Ehr, hab Preis und Dank für die bisher’ge Treue, die du, o Gott, mir lebenslang bewiesen täglich neue. In mein Gedächtnis schreib ich an: Der Herr hat Großes mir getan, bis hierher mir geholfen.

3. Hilf fernerweit, mein treuster Hort, hilf mir zu allen Stunden. Hilf mir an all und jedem Ort, hilf mir durch Jesu Wunden. Damit sag ich bis in den Tod: Durch Christi Blut hilft mir mein Gott; er hilft, wie er geholfen.

Lasst uns beten, noch einmal mit Worten von Dietrich Bonhoeffer:

Vater im Himmel, Lob und Dank sei Dir für die Ruhe [dieses Gottesdienstes],
Lob und Dank sei Dir für [die neue Woche].
Lob und Dank sei Dir für alle Deine Güte und Treue in [unserem] vergangenen Leben.
Du hast [uns] viel Gutes erwiesen, lass [uns] auch das Schwere aus Deiner Hand hinnehmen.
Du wirst [uns] nicht mehr auflegen, als [wir] tragen [können].
Du lässt Deinen Kindern alle Dinge zum besten dienen.

Herr Jesus Christus, Du warst arm und elend, gefangen und verlassen […].
Du kennst alle Not der Menschen,
Du bleibst bei [uns], wenn kein Mensch [uns] beisteht,
Du vergisst [uns] nicht und suchst [uns],
Du willst, dass [wir] Dich erkenne[n] und [uns] zu Dir kehre[n].

Herr, [wenn wir] Deinen Ruf [hören] und folge[n], hilf [uns]!
Heiliger Geist, gib [uns] den Glauben, der [uns] vor Verzweiflung, Süchten und Laster rettet,
gib [uns] die Liebe zu Gott und den Menschen, die allen Hass und alle Bitterkeit vertilgt,
gib [uns] die Hoffnung, die [uns] befreit von Furcht und Verzagtheit.

Heiliger, barmherziger Gott, [unser] Schöpfer und [unser] Heiland, [unser] Richter und [unser] Erretter,
Du kennst [uns] und all [unser] Tun.
Du hasst und strafst das Böse in dieser und jener Welt ohne Ansehen der Person.
Du vergibst Sünden dem, der Dich aufrichtig darum bittet.
Du liebst das Gute
und lohnst es auf dieser Erde mit einem getrosten Gewissen
und in der künftigen Welt mit der Krone der Gerechtigkeit.
Vor Dir denke[n wir in der Stille] an all die [Unseren, an alle Menschen, die uns am Herzen liegen! …]
Herr, erbarme dich!
Schenke [uns Freiheit im Glauben an dich]
und lass [uns] so leben, wie [wir] es vor Dir und vor den Menschen verantworten [können].
Herr, was [diese Woche] auch bringt, – Dein Name sei gelobt!
Amen.

Alles, was uns jetzt bewegt, fassen wir in die Gebetsworte zusammen, die Jesus selbst uns gelehrt hat:

Vater unser
EKG 445, 1-3 (im EG nur in der Ausgabe Nordelbien 601 sowie die Strophen 1 und 2 in Hessen-Nassau und Kurhessen-Waldeck 647):

1. Hilf uns, Herr, in allen Dingen, dass wir unser Amt und Werk wohl anfangen und vollbringen, gib uns Weisheit, Kraft und Stärk. Ohne deine Segenshand ist verloren Stand und Land. Hilf uns, Herr, in allen Dingen und lass alles wohlgelingen.

2. Hilf uns, Herr, an allen Orten, wo wir dein bedürftig sein; brich der Hölle Macht und Pforten und gib deinem Häufelein und der ganzen Christenheit Liebe, Fried und Einigkeit. Hilf uns, Herr, in allen Dingen und lass alles wohlgelingen.

3. Hilf uns, Herr, in allen Nöten, aller Trübsal und Gefahr, allem, was uns könnte töten und verderben ganz und gar, dass Kreuz, Elend und Verdruss uns zum besten dienen muss. Hilf uns, Herr, in allen Dingen und lass alles wohlgelingen.

Abkündigungen und Segen

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